WILHELM 1.
EREIGNISSE
UND
GESTALTEN
1878-1918
BERG Ten
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22
Siosela Co, G M. b. H, Leipzig.
Hofphet. J. 4 Volgt, Bad Homburg v..
—
Kaiſer Wilhelm II.
Ereigniſſe und Geſtalten
aus den Jahren
1878 1918
1922
Verlag von K. F. Koehler in Leipzig und Berlin
Dem
Gedächtnis der Kaiſerin,
deren Anregung dieſe Aufzeichnungen
ihre Entſtehung verdanken
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II.
III.
Inhalts verzeichnis
Bismarck ee
Mein inneres Verhältnis zu Bismarck 35.
Als Prinz Wilhelm im Auswärtigen Amt 6/7 — Bismarcks
Stellung zur Kolonial- und Flottenfrage 7/8 — Seine äußere
Politik, der Berliner Kongreß 8/10 — Meine Miffionen
nach Petersburg und Breſt, Bismarcks Politik gegenüber
Rußland 11/15 — Zar Alexander III. über Bismarck 15/16 —
Während der 99 Tage 17/18.
Regierungsübernahme 19/21 — Erſte Antrittsreiſe nach Peters⸗
burg trotz Einſpruch der Königin von England 21/23 — Meine
Stellung zu den Parteien 23/27.
Meine ſoziale Fürſorge und die Trennung von Bis—
marck. Mein Intereſſe für die wirtſchaftliche Entwicklung 27/8
— Meine Minifter ganz in Bismarcks Hand 28/9 — Der
Bergarbeiterſtreik veranlaßt zur Prüfung der Arbeiter frage 29/30
— Bismarcks Gegenſatz zu meiner Stellung zur fozialen Frage
31/3 — Die Arbeiterſchutz-Geſetzgebung 33/6 — Soziale Ge—
ſichtspunkte auch im Kleinen 36/7 — Mein erfter Lorbeer von den
Arbeitern des Stettiner „Vulkan“ 37/9.
Caprivi h
Caprivi als Chef der Admiralität 4374 — Er Berling als
Reichskanzler 44/5 — Die Fronde 45/6 — Die Erwerbung
Helgolands 46/7.
Hohenlohe 8
Hohenlohes Berufung un Berfönlicheit 1/2 — Die euſſiſch⸗
franzöſiſche Verbrüderung ſchafft eine geſpannte Lage 52/4 —
Die Beſetzung Kiautſchou's unter Rußlands Zuſtimmung 54/8 —
Verhandlungen mit England über Kohlenſtationen 58/60 —
Das Gentleman's agreement 60/3 — Das Auswärtige Amt
63/5 — Die Bedeutung Tſingtau's 65/6 — Die, Gelbe Gefahr“
Sei
—3
41-4
49-7
66/7 — Japan und der Weltkrieg 67/8 — Shimonoſeki 68
— Die Krügerdepefhe 68/71 — Ein ruſſiſch-franzöſiſches
Angebot gegen England 71/2 — Cecil Rhodes 72/4 — Reife
nach England (1899) 74/6 — Ausſöhnung mit Bismarck
76 — Hohenlohes Rücktritt 76/7.
IV. Bülow
V. Bethmann
Meine Beziehungen zu Ba 105% — Die abe
VI.
VII.
Der erſte „junge Kanzler 81½ - — Verhalten gegen Bg
83 - Herr von Holftein 83/6 — Bei dem Tode der Königin
Victoria in London 86/8 — Chamberlain's Bündnis—
angebot gegen Rußland 88/9 — Die Tangerfahrt und
ihre Folgen 90/2 — Verſuch eines Rapprochements mit
Frankreich 92/3 — Bülow bringt den „Block“ zuſtande, mein
Verhältnis zu den Konſervativen 93/5 — Die Unterredung
zwiſchen Eduard VII. und Bülow 96/7 — Mein Beſuch in
England (1907) 97/8 — Das „Interview“ und feine
Folgen 98/ö101.
politiſche Lage bei feiner Berufung 106/7 — Eduards VII.
Beſuch in Berlin 107 — Meine Reife nach London zu
feiner Beiſetzung 108/10 — Charakteriſtik Bethmanns 111/3
— Die Reform des preußtſchen Wahlrechts 113/6 — Das
verfaſſungsmäßige Verhältnis des deutſchen Kaiſers zum
Reichskanzler 116/8 — Beſuch des Zaren 118 — Zur Ent—
hüllung des Standbildes der Königin Victoria in London
119/20 — Die Marokkofrage und Agadir 121/2 — Lord
Haldane's Neutralitätsangebot und die Kämpfe um die
Flottennovelle (1912) 122/33 — Lord Haldane's Berliner
Aufenthalt (1906) 133/4 — Die albaniſche Fürſtenwahl
und Prinz Wied 134/9 — Letzte Zuſammenkunft mit dem
Zaren 139/40.
Meine Mitarbeiter 5 dem Gebiet der Ver—
waltung e
Stephan 143/5 — Miquel 145/6 — Der Ausbau des Eiſenbahn⸗
netzes und die Kanalbauten: Thielen, Budde, Breitenbach
146/51 — Das Kultusminiſterium, Erziehungs und Schul—
reform 151/5 — Die Juſtiz 155/6 — Sinanzminifter Scholz
156 — Land- und Forſtwirtſchaft, Schorlemer und Podbielski
157/60 — Möller 160.
Wiſſenſchaft und Kunſt ...
Die Techniſchen Hochſchulen und Slaby 163/4 — Die Kaser
Seite
79-102
103-140
141-160
161-171
Wilhelm-Geſellſchaft 164/5 — Harnack und Erich Schmidt
165 — Schiemann 165 // — Bauten 167/8 — Die Deutſche
Orientgeſellſchaft, die Aſſyriologie und Prof. Delitzſch 168/9
— Archäologiſche Funde und Studien mit Dörpfeld auf
Korfu 169/71.
VIII. Mein Verhältnis zur Kirche 8
Nach dem Kulturkampfe 175 — Mein Verhältnis zum Neher
Epiſkopat 175/6 — Beſuche bei Papſt Leo XIII. 176 /8 —
Der Zuſammenſchluß der evangeliſchen Kirchen 179 — Gegen
Dogmatismus und Orthodoxie: Dryander und Hinzpeter
179/81 — Die Dormition 181 — Bei den Benediktinern
in Maria Laach und Mte. Caſſino 181/2 — Mein Brief an
Admiral Hollmann 183/86.
ode und Flotte
Meine Armee 189/92 — Admiral Hellmann 193 — Tupig:
der Widerſtand gegen den Ausbau der Flotte wird über—
wunden 193% — Zweck und Weſen des Flottengeſetzes
195/6 — Unbeabſichtigte engliſche Hilfe zu feiner Annahme
1960/8 — Das neue Reglement 199/200 — Ausbau Helgo—
lands und des Kaiſer Wilhelm-Kanals 200 / 1 — Dread—⸗
noughts 202/3 — U⸗-bootbau 203/4 — Tirpitz 204/5.
X. Kriegsausbruch 11%
Rückkehr von der nur gezwungen gert tenen Nordlandreife
209/10 — Keine Kriegs vorbereitungen. Der Kanzler und
Auswärtiges Amt glauben nicht an den Krieg 210/2 —
Zeugniſſe für die Kriegsvorbereitung der Feinde 212/90 —
Die Großorient-Loge als Kriegshetzer 219/20 — Helden=
mut und ⸗kraft im Kriege 220/1 — Deutſcher Schutz der
Kunſtdenkmäler und des Privatbeſitzes in Frankreich 221/2.
XI. Der Papſt und der Frieden. >
Unterredung mit dem Nuntius Pacelli über das "Eintreten
und die Vermittlung des Papſtes für den Frieden.
XII. Kriegsende und Abdankung. 5
Die Lage nach dem 8. Auguſt und Ende S 1918:
233/6 — Meine Rückkehr zur Front 236/8 — Verſuche der
Regierung, mich zur Abdankung zu bewegen 239/40 — Die
Regierung des Prinzen Max läßt ſich der Revolution ent—
gegentreiben 241 — Der 9. November 42/4 — Prinz Max
von Baden 244 — Mein Entſchluß, ins Ausland zu gehen
245/6.
Seite
173-186
187-205
223-230
231-246
Seite
XIII. Der feindliche und der neutrale Gerichtshof 247-258
Warum ih mich einem Gerichtshof nicht ſtellen durfte 249/51
— Nur eine unparteiifche internationale Inſtanz könnte ein
gerechtes Urteil fällen 250/1 — Brief des Feldmarſchalls
v. Hindenburg an mich 252/73 — Meine Antwort an
Hindenburg 254/8.
XIV. Die Schuldfrage . 259-284
Was England, Frankreich und Rußland gegen Deutſchland 9
zuſammenführte 261/4 — Die Ziele Deutſchlands konnten
nur ohne einen Krieg, die Ziele der Entente nur durch einen
Krieg erreicht werden 265 — Wir haben England, Frank—
reich und Rußland gegenüber entſprechend unſerer Friedens—
politik gehandelt 265/70 — Die Haltung Amerikas 270/1
— Wilſons 14 Punkte und feine Forderung meines Rücktritts
27/4 — Deutſchlands offenbarer Friedenswille 274/6 —
Ein franzöſiſches Zeugnis für Frankreichs Kriegswillen
276/8 — Deutſchland hat politiſche Fehler gemacht, aber
Fehler find keine Schuld 278/80 — Meine Friedensliebe 280
— Der Irrglaube an Deutſchlands Schuld durch die engliſche
Propaganda gezüchtet 281/2 — Der auf die Schuld Deutſch—
lands gegründete Verſailler Vertrag ein Fehlſpruch und
undurchführbar 282/4.
XV. Der Umſturz und Deutſchlands Zukunft . 285-290
Mein Schickſal 287/85 — Die Katferin 288 — Die Schuld
am Umſturz 288/ — Mein Glaube an Deutſchlands Zu—
kunft 289/90.
Anmerkungen und Negiſ tte Raean
Bismarck
1 Kaiſer Wilhelm IL,
FIR
ey ſtaatsmänniſche Größe des Fürften Bismarck und feine un-
vergänglichen Verdienſte um Preußen und Deutſchland find
hiſtoriſche Tatſachen von ſo gewaltiger Bedeutung, daß es wohl in
keinem politiſchen Lager einen Menſchen gibt, der es wagen könnte,
ſie anzuzweifeln. Deshalb ſchon iſt es eine törichte Legende, daß ich
die Größe Bismarcks nicht anerkannt hätte. Das Gegenteil iſt richtig.
Ich verehrte und vergötterte ihn. Das konnte nicht anders ſein.
Man bedenke, mit welcher Generation ich groß geworden bin. Es
war die Generation der Bismarckverehrer. Er war der Schöpfer
des deutſchen Reiches, der Paladin meines Großvaters, wir alle
hielten ihn für den größten Staatsmann ſeiner Zeit und waren ſtolz
darauf, daß er ein Deutſcher war. Bismarck war der Götze in
meinem Tempel, den ich anbetete. Aber Monarchen ſind eben auch
Menſchen aus Fleiſch und Blut, deshalb ſind auch ſie den Wirkungen
ausgeſetzt, die ſich aus den Handlungen Anderer ergeben. So wird
man wohl menſchlich verſtehen können, daß Fürſt Bismarck durch
ſeinen Kampf gegen mich mit wuchtigen Schlägen ſelbſt den Götzen
zertrümmert hat, von dem ich vorher ſprach. Meine Verehrung für
den großen Staatsmann Bismarck iſt davon unberührt geblieben.
Als ich noch Prinz von Preußen war, habe ich oft gedacht:
Hoffentlich lebt der große Kanzler noch recht lange, denn ich wäre
geborgen, wenn ich mit ihm zuſammen regieren könnte. Meine Ver⸗
2 3
ehrung für den großen Staatsmann konnte mich indeſſen nicht ver—
anlaſſen, als ich Kaiſer geworden war, politiſche Pläne oder Hand—
lungen des Fürſten, die ich für Fehler hielt, mir zu eigen zu machen.
Schon der Berliner Kongreß 1878 war meines Erachtens ein
Fehler, ebenſo der Kulturkampf. Außerdem war die Reichsver—
faſſung auf Bismarcks ungewöhnliche Maße zugeſchnitten, die großen
Küraſſierſtiefel paßten nicht ſedem andern. Dann kam die Arbeiter—
ſchutzgeſetzgebung. Ich habe den daraus zwiſchen uns entſtandenen
Konflikt aufs tiefſte bedauert, aber ich mußte damals den Weg
des Ausgleichs gehen, der überhaupt in der inneren wie
in der äußeren Politik mein Weg geweſen iſt. Deshalb
konnte ich den offenen Kampf gegen die Sozialdemokratie, den der
Fürſt wollte, nicht führen. Dieſe Differenz über politiſche Maß—
nahmen kann aber meine Bewunderung der ſtaatsmänniſchen Größe
Bismarcks nicht ſchmälern. Er bleibt der Schöpfer des Deutſchen
Reiches, mehr braucht wahrlich ein Mann ſeinem Lande nicht ge—
leiſtet zu haben.
Weil mir die große Tat der Reichseinigung immer vor Augen
ſtand, habe ich mich durch Hetzereien, die damals an der Tages—
ordnung waren, nicht beeinfluſſen laſſen. Auch daß man Bismarck
als den Hausmeier der Hohenzollern bezeichnete, hat mein Vertrauen
zum Fürſten nicht erſchüttern können, obwohl er an eine politiſche
Tradition ſeines Hauſes vielleicht gedacht hat. Er war z. B. un—
glücklich darüber, daß ſein Sohn Bill kein Intereſſe für Politik
hatte, und wollte ſeine Macht auf Herbert überleiten.
Meine Tragik im Falle Bismarck liegt darin, daß ich der Nach—
folger meines Großvaters wurde, alſo gewiſſermaßen eine Generation
überſprang. Das iſt ſchwer. Man hat immer mit alten verdienten
Männern zu tun, die mehr in der Vergangenheit als in der Gegen—
wart leben und in die Zukunft nicht hineinwachſen können. Wenn
der Enkel auf den Großvater folgt und einen von ihm verehrten,
4
aber alten Staatsmann von der Größe Bismarcks vorfindet, fo ift
das nicht ein Glück, wie es ſcheinen könnte und wie ich gedacht
hatte. Bismarck ſelbſt deutet das in ſeinem dritten Bande (S. 40)
an, als er im Kapitel über Bötticher von der greiſenhaften Vorſicht
des Kanzlers und dem jugendlichen Kaiſer ſpricht. Und der Fürſt
hat, als Ballin ihn einen Blick auf den neuen Hamburger Hafen
werfen ließ, ſelbſt empfunden, daß eine neue Zeit herangebrochen
war, die er nicht mehr völlig verſtand, der Fürſt ſagte damals
ſtaunend: „Eine andere Welt, eine neue Welt!“ In ähnlicher Weiſe
zeigte ſich dieſe Erſcheinung bei dem Beſuche des Admirals v. Tirpitz
in Friedrichsruh, als dieſer den Altreichskanzler für die erſte Flotten—
vorlage gewinnen wollte.
Ich perſönlich habe die Genugtuung, daß Bismarck mir 1886
die recht delikate Miſſion nach Breſt anvertraute und von mir ge—
ſagt hat: „Der wird einmal ſein eigener Kanzler ſein.“ Der Fürſt
muß alſo etwas von mir gehalten haben. Ich bin ihm wegen des
dritten Bandes ſeiner Erinnerungen nicht gram, ich habe dieſen frei—
gegeben, nachdem ich mein Recht geſucht und gefunden hatte. Die
weitere Zurückhaltung des Bandes hatte keinen Zweck, weil der
Hauptinhalt durch Indiskretionen ſchon bekannt geworden war. Sonſt
hätte man über die Zweckmäßigkeit der Erſcheinungszeit wohl ver—
ſchiedener Meinung ſein können. Bismarck würde ſich im Grabe
umdrehen, wenn er wiſſen könnte, zu welchem Zeitpunkte der dritte
Band herausgekommen iſt und welche Wirkung er ausgelöſt hat.
Ich würde es aufrichtig bedauern, wenn der dritte Band dem An—
denken des großen Kanzlers geſchadet haben ſollte, denn Bismarck iſt
eine der Heroengeſtalten, die das deutſche Volk zu ſeiner Aufrichtung
braucht. Meine Dankbarkeit und Verehrung für den großen Kanzler
kann weder durch den dritten Band noch durch irgendetwas anderes
angefochten oder ausgelöſcht werden.
* er **
In der erften Hälfte der 8Oer Jahre war ich auf Antrag des
Fürſten Bismarck in das Auswärtige Amt kommandiert worden, das
vom Grafen Herbert Bismarck geleitet wurde. Der Fürſt gab mir
bei meiner Meldung bei ihm eine kurze Skizze der Perſönlichkeiten
im Amt. Als er dabei Herrn v. Holſtein nannte, der damals einer
der hervorragendſten Mitarbeiter des Fürſten war, klang es mir
durch die Worte des Fürſten wie eine Warnung vor dieſem Manne.
Ich erhielt ein eigenes Zimmer und zum Studium die ganzen
Akten über die Vorgeſchichte, die Entſtehung und den Abſchluß des
Bündniſſes mit Oſterreich (Andraſſy). Ich verkehrte viel im Hauſe
des Fürſten und bei dem Grafen Herbert. Als ich in dem Bismarck—
ſchen Kreiſe vertrauter geworden war, wurde über Herrn v. Holſtein
offener geſprochen. Er ſei ſehr geſcheut, eine gute Arbeitskraft, maßlos
eitel, ein Sonderling, der ſich niemals irgendwo zeige und keinerlei
geſellſchaftlichen Verkehr habe, voller Mißtrauen und ſehr von Schrullen
beherrſcht, dabei ein guter Haſſer, alſo gefährlich. Der Fürſt nannte
ihn den „Mann mit den Hyänenaugen“, von dem mich fern zu halten
ich gut tun würde. Offenbar reifte ſchon damals die herbe Kritik,
mit der der Fürſt fpäter feinen früheren Mitarbeiter bedacht hat.
Das Auswärtige Amt war äußerlich diſziplinariſch durch Graf
Herbert, deſſen Grobheit gegen ſeine Beamten mir auffiel, ſehr ſcharf
aufgezogen. Die Herren flogen, wenn ſie gerufen oder entlaſſen
wurden, vor dem Grafen fo, daß, wie man damals ſcherzhaͤft ſagte,
„ihnen die Rockſchöße wagerecht vom Körper ſtanden“. Die aus—
wärtige Politik wurde ganz allein vom Fürſten geleitet und diktiert,
nach Rückſprache mit dem Grafen Herbert, der die Befehle des
Kanzlers weitergab und in Inſtruktionen umredigieren ließ. So war
das Auswärtige Amt nur ein Büro des großen Kanzlers,
in dem auf deſſen Weiſung gearbeitet wurde. Hervorragende Männer
mit ſelbſtändigen Ideen wurden in ihm nicht geſchult und ausgebildet.
Im Gegenſatz zum Generalſtab unter Moltke. Hier wurde nach Grund—
6
—
ſätzen, die ſich bewährt hatten, unter Wahrung alter Traditionen und
unter Berückſichtigung aller Erfahrungen der Neuzeit der Nachwuchs
ſorgfältig ausgebildet und zu ſelbſtändigem Denken und Handeln
erzogen. Im Auswärtigen Amt hingegen befanden ſich nur aus⸗
führende Organe eines Willens, die, über die großen Zuſammen⸗
hänge der ihnen zur Bearbeitung überwieſenen Fragen nicht orientiert,
keine ſelbſttätige Mitarbeit leiſten konnten. Der Fürſt lagerte wie ein
mächtiger Granitfindling auf der Wieſe: wälzt man ihn fort, ſo findet
man hauptſächlich Gewürm und abgeſtorbene Wurzeln darunter.
Ich gewann mir das Vertrauen des Fürſten, der vieles mit mir
beſprach. Als z. B. der Fürſt die erſten Kolonialerwerbungen
(Groß- und Klein⸗Popo, Togo uſw.) veranlaßte, orientierte ich ihn
auf ſeinen Wunſch über die Stimmung, die im Publikum und in
der Marine dadurch ausgelöſt wurde, und ſchilderte die Begeiſterung,
mit der das deutſche Volk die neue Bahn begrüßte. Der Fürſt
meinte, das ſei die Sache wohl nicht wert.
Späterhin habe ich noch öfters über die Kolonialfrage mit dem
Fürſten geſprochen und ſtets mehr die Abſicht vorgefunden, die Kolo⸗
nien als Handels- oder Zaufchobjefte zu benutzen, als fie für das
Vaterland nutzbringend zu verwerten oder zur Rohſtofflieferung zu
gebrauchen. Ich machte pflichtgemäß den Fürſten darauf aufmerkſam,
daß der Kaufmann und der Rapitalift energiſch anfingen, die Kolonien
zu entwickeln, und demgemäß — wie ich aus Hanſakreiſen wußte —
auf Schutz durch eine Flotte rechneten. Daher müſſe man für den
rechtzeitigen Ausbau einer Flotte ſorgen, damit deutſche Werte
im Auslande nicht ſchutzlos blieben. Die deutſche Flagge habe der
Fürſt nun mal in der Fremde entfaltet, hinter ihr ſtehe das Volk,
es müſſe aber auch eine Flotte dahinter ſtehen. Allein der Fürſt
machte taube Ohren und gebrauchte ſein beliebtes Motto: „Wenn die
Engländer bei uns landen ſollten, würde ich ſie arretieren laſſen“,
die Kolonien würden zu Haus verteidigt. Der Fürſt legte keinen
7
Wert darauf, daß ſchon die bloße Annahme, die Engländer könnten
in Deutſchland ungehindert landen — Helgoland war engliſch —,
für Deutſchland unerträglich war, und daß wir, um eine Landung
von vornherein auszuſchließen, eine genügend ſtarke Flotte und Helgo—
land brauchten.
Das politiſche Intereſſe des Fürſten konzentrierte ſich eben im
weſentlichen auf den Kontinent Europa. England lag etwas abſeits
ſeiner täglichen Sorgen, um ſo mehr als Salisbury mit dem Fürſten
gut ſtand und namens Englands ſeinerzeit den Zwei- bzw. Drei—
bund bei ſeiner Schöpfung begrüßt hatte. Der Fürſt arbeitete vor—
wiegend mit Rußland, Oſterreich, Italien und Rumänien, deren Be—
ziehungen zu Deutſchland und untereinander er andauernd kontrollierte.
Über die Umſicht und Kunſt, mit der er operierte, machte Kaiſer
Wilhelm der Große einmal ſeinem Kabinettschef v. Albedyll gegen—
über eine treffende Bemerkung. Der General fand Seine Majeftat
nach einem Vortrage Bismarcks ſehr erregt, ſo daß er für die Ge—
ſundheit des alten Kaiſers fürchtete. Er bemerkte daher, der Kaiſer
möge ſich doch den weiteren Ärger erſparen, wenn der Fürft nicht
wie Seine Majeſtät wolle, möge man ihn gehen laſſen. Darauf er—
widerte der Kaiſer: Trotz ſeiner Bewunderung und Dankbarkeit für
den großen Staatsmann habe auch er ſchon daran gedacht, da das
ſelbſtbewußte Weſen des Fürſten manchmal allzu drückend werde.
Aber er und das Vaterland brauchten ihn zu nötig, da der Fürſt
der einzige Mann ſei, der mit fünf Kugeln jonglieren könne, von
denen mindeſtens zwei immer in der Luft ſeien, das könne er, der
Kaiſer, nicht.
Daß der Fürſt durch den Erwerb von Kolonien ſeinen Blick
über Europa hinaus zu richten hatte und mit England in beſonderem
Maße große Politik zu führen automatiſch gezwungen war, das ſah
er nicht. England war wohl eine der fünf Kugeln in ſeinem
diplomatiſch-ſtaatsmänniſchen Spiel, aber nur eine unter den fünf,
8
und ihr wurde die beſondere Bedeutung, die ihr zukam, nicht zu—
gebilligt.
Deshalb war auch das Auswärtige Amt ganz auf die Kon—
tinentalkonſtellation eingeſpielt und hatte für Kolonien, Flotte oder
England nicht das erforderliche Intereſſe und keine Erfahrung in
Weltpolitik. Die engliſche Pſyche und Mentalität in der reſtloſen,
wenn auch durch allerhand Mäntelchen verhüllten Verfolgung des
Planes der Welthegemonie war dem Auswärtigen Amt ein Buch
mit ſieben Siegeln. Der Fürſt fagte mir einmal, fein Hauptaugen—
merk ſei, Rußland und England nicht zu einem Einverſtändnis kom—
men zu laſſen. Darauf erlaubte ich mir zu antworten: Der Moment,
dies in weite Ferne zu rücken, wäre ja beinahe gegeben geweſen,
wenn man 1877/78 die Ruſſen nach Stambul gelaſſen hätte, dann
wäre die engliſche Flotte ohne weiteres zur Verteidigung Stambuls
eingefahren und der Konflikt wäre dageweſen. Statt deſſen habe
man den Ruſſen den Vertrag von San Stefano aufgenötigt, fie vor
den Toren der Stadt, die ſie nach furchtbaren Kämpfen und Mühen
erreicht hatten und vor ſich ſahen, zur Umkehr gezwungen. Das
habe in der ruſſiſchen Armee einen unauslöſchlichen Haß gegen uns
entfeſſelt (Mitteilung preußiſcher Offiziere im ruſſiſchen Heer, welche
den Feldzug mitgemacht hatten, insbeſondere des Grafen Pfeil).
Obendrein habe man dann den Vertrag umgeſtoßen und durch den
Berliner Kongreß erſetzt, der uns in den Augen der Ruſſen noch
mehr als Feinde ihrer „berechtigten Intereſſen im Orient“ belaſtet
habe. Auf dieſe Weiſe ſei der vom Fürſten erhoffte Konflikt zwiſchen
Rußland und England in weite Fernen gerückt.
Der Fürſt teilte dieſe Beurteilung „ſeines“ Kongreſſes, auf deſſen
Ergebnis er als „ehrlicher Makler“ ſo ſtolz war, nicht, und bemerkte
ernſt, er habe einer allgemeinen Konflagration vorbeugen und ſeine
guten Dienſte zur Vermittlung anbieten müſſen. Als ich ſpäter einem
Herrn des Auswärtigen Amts dieſe Unterredung mitteilte, erwiderte
2
diefer, er ſei damals dabeigeweſen, als der Fürſt nach Unterzeichnung
des Berliner Vertrages in das Auswärtige Amt gekommen und von
den dort verſammelten Beamten die Glückwünſche entgegengenommen
habe. Darauf habe der Fürſt ſich emporgereckt und geantwortet:
„Jetzt fahre ich Europa vierelang vom Bock!“ Der Herr bemerkte
dazu: da habe der Fürſt ſich geirrt, denn damals drohte ſchon an
Stelle der ruſſo-preußiſchen Freundſchaft die ruſſo-franzöſiſche zu ent⸗
ſtehen, alſo zwei Pferde waren aus dem Viererzug ſchon heraus.
Disraeli's Staatskunſt hatte aus Bismarcks ehrlichem Maklertum
in den Augen Rußlands die Vermittelung eines anglosöfterreichifchen
Sieges über Rußland gemacht.
Trotz mancher Verſchiedenheit unſerer Auffaſſungen blieb der Fürſt
mir freundlich und gewogen, und trotz dem großen Altersunterſchiede
bildete ſich ein angenehmes Verhältnis zwiſchen uns, da ich, wie die
ganze Generation, ein glühender Bewunderer des Fürſten war und
durch meinen Eifer und meine Offenheit ſein Vertrauen gewonnen
hatte und es niemals getäuſcht habe.
Während des Kommandos zum Auswärtigen Amt hielt mir u. a.
Geheimrat Raſchdau Vorträge über Handelspolitik, Kolonien uſw.
Dabei wurde ich ſchon damals auf unſere Abhängigkeit von England
aufmerkſam, die darauf beruhte, daß uns eine Flotte fehlte und Helgo—
land in engliſchen Händen war. Man beabſichtigte zwar unter dem
Druck der Notwendigkeit eine Erweiterung der kolonialen Erwer—
bungen, aber alles konnte nur mit Erlaubnis Englands geſchehen.
Das war ſchwierig und für uns eigentlich unwürdig.
Das Kommando zum Auswärtigen Amt hatte für mich eine
große Unannehmlichkeit gezeitigt. Meine Eltern ſtanden dem Fürſten
Bismarck nicht ſehr freundlich gegenüber und verdachten es dem
Sohne, in ſeine Kreiſe eingetreten zu ſein. Man befürchtete Be—
einfluſſung gegen die Eltern, Hyperkonſervativismus und wie die Ge—
fahren alle hießen, die von Ohrenbläſern aller Art aus England wie
10
aus „liberalen Kreiſen“, welche im Vater ihren Hort erblickten, gegen
mich angeführt wurden. Ich habe mich niemals auf ſolche Dinge
eingelaſſen. Aber die Stellung im Elternhauſe iſt mir dadurch recht
erſchwert und manchmal peinlich geſtaltet worden. Ich habe wegen
meines Arbeitens unter dem Fürſten und meiner oft auf die ſchwerſten
Proben geſtellten Diskretion für den Kanzler in der Stille recht
Schweres zu tragen gehabt, der Fürſt fand das anſcheinend ganz
ſelbſtverſtändlich.
Zum Grafen Herbert habe ich gute Beziehungen gehabt. Er
konnte ein luſtiger Geſellſchafter ſein und verſtand es, intereſſante
Männer um feinen Tiſch zu ſammeln, die zum Teil aus dem Aus⸗
wärtigen Amt, zum Teil aus anderen Kreiſen ſtammten. Aber zu
einem wirklichen Freundſchaftsverhältnis iſt es zwiſchen uns nicht ge⸗
kommen. Das zeigte ſich beſonders, als beim Ausſcheiden ſeines
Vaters auch der Graf ſeinen Abſchied forderte. Meine Bitte, er
möge doch bei mir bleiben und mir helfen, die Tradition in der Politik
fortzuführen, erfuhr die ſcharfe Erwiderung: Er ſei nun einmal ge—
wöhnt, nur ſeinem Vater vorzutragen und Dienſte zu leiſten, man
könne unmöglich von ihm verlangen, daß er mit der Mappe unter
dem Arme bei jemand anders zum Vortrage antrete als bei ſeinem
Vater.
Als der nun ermordete Zar Nikolaus II. großjährig wurde, er⸗
hielt ich auf Antrag des Fürſten Bismarck den Auftrag, dem Groß—
fürſten Thronfolger in Petersburg den Schwarzen Adlerorden zu
überreichen. Sowohl der Kaiſer wie der Fürſt belehrten mich über
die Beziehungen der Länder und Häuſer zu einander, wie über
Sitten, Perſonen etc. Der Kaiſer bemerkte zum Schluß, er gebe
ſeinem Enkel denſelben Rat mit, den ihm als jungem Mann ſeiner⸗
zeit bei ſeinem erſten Beſuche in Rußland Graf Adlerberg gegeben
habe: „Im übrigen liebt man auch hier wie anderswo das Lob mehr
als den Tadel.“ Der Fürſt endigte ſeine Informationen mit der
11
Bemerkung: „Im Orient find alle Leute, die das Hemd außerhalb
der Hoſe tragen, anſtändige Menſchen, ſobald ſie es hineinſtecken und
noch einen Halsorden dazu haben, ſind es Schweinehunde.“
Von Petersburg aus habe ich wiederholt meinem Großvater wie
dem Fürſten Bericht erſtattet. Selbſtverſtändlich ſchilderte ich nach
beſtem Wiſſen die Eindrücke, die ich empfing. Es war mir vor allem
klar geworden, daß die alten ruſſo-preußiſchen Beziehungen und Ge—
fühle doch ſtark erkaltet und nicht mehr in dem Maße vorhanden
waren, wie der Kaiſer und der Fürſt in ihren Geſprächen es voraus—
geſetzt hatten. Nach meiner Rückkehr bin ich von meinem Großvater
und auch vom Fürſten für meine ſchlichte, klare Berichterſtattung belobt
worden, was um ſo erfreulicher für mich war, als mich das Gefühl be—
drückte, daß ich in manchem die hohen Herren hatte enttäuſchen müſſen.
Im Jahre 1886, Ende Auguſt, Anfang September, nach der
letzten Gaſteiner Zuſammenkunft Kaiſer Wilhelms des Großen und
Bismarcks mit Kaiſer Franz Joſeph, bei der ich auf Befehl meines
Großvaters zugegen war, wurde mir der Auftrag zuteil, dem Kaiſer
Alexander III. perſönlich Mitteilung von den Abſprachen in Gaſtein
zu machen und mit dem Zaren die das Mittelmeer und die Türkei
betreffenden Fragen zu behandeln. Der Fürſt gab mir feine Inftruf=
tionen, die vom Kaiſer Wilhelm ſanktioniert waren. Sie betrafen be—
ſonders den Wunſch Rußlands, nach Stambul zu gehen, dem der
Fürſt keine Schwierigkeiten bereiten werde, ich erhielt im Gegenteil
den direkten Auftrag, Konſtantinopel und die Dardanellen anzubieten
(San Stefano, Berliner Kongreß alſo fallen gelaffen!). Es war
beabſichtigt, die Türkei freundſchaftlich davon zu überzeugen, daß eine
Verſtändigung mit Rußland auch für ſie wünſchenswert ſei.
Ich fand freundliche Aufnahme beim Zaren in Breſt-Litowsk und
nahm an den dortigen Truppenſchauen, Armierungs- und Verteidigungs⸗
übungen uſw. teil, die ſchon unzweifelhaft ein antideutſches Geſicht
trugen.
12
Als Ergebnis der Geſpräche mit dem Zaren ift die Bemerkung
des letzteren von Bedeutung: „Wenn er Stambul haben wolle, werde
er es ſich nehmen, wann es ihm paſſe, der Erlaubnis oder Zu—
ſtimmung des Fürſten Bismarck bedürfe er dazu nicht.“ Nach dieſer
ſchroffen Ablehnung des Bismarckſchen Angebotes von Stambul
ſah ich meine Miſſion als geſcheitert an. Ich faßte meinen Bericht
an den Fürſten entſprechend ab.
Der Fürſt muß, als er ſich zu dem Angebot an den Zaren ent—
ſchloß, ſeine politiſche Auffaſſung, die zu San Stefano und zum
Berliner Kongreß geführt hatte, geändert haben, oder er hielt, durch
die Entwicklung der allgemeinen politiſchen Lage in Europa veran—
laßt, den Zeitpunkt für gekommen, die politiſchen Karten anders zu
miſchen, oder, wie mein Großvater geſagt hätte, anders zu „jonglieren“.
Das konnte ſich nur ein Mann von der Weltgeltung und von den
ſtaatsmänniſchen und diplomatiſchen Maßen des Fürſten Bismarck
erlauben. Ob der Fürſt gar fein großes politiſches Spiel mit Ruß
land von vornherein ſo angelegt hatte, daß er mit dem Berliner
Kongreß zunächſt einmal einen allgemeinen Krieg verhindern und
England ſtreicheln wollte und zu dieſem Zwecke die ruſſiſchen Orient—
aſpirationen erſt einmal behinderte mit dem genialen Vorſatz, ſie
ſpäter um ſo augenfälliger herbeiführen zu helfen, vermag ich nicht
zu entſcheiden, denn ſeine großen politiſchen Konſtruktionen gab der
Fürſt niemandem preis. Dann hätte er in dem ſtarken Selbſtver—
trauen auf ſeine Staatskunſt darauf gerechnet, uns bei Rußland
um ſo beliebter zu machen, weil die ruſſiſchen Aſpirationen allein
von Deutſchland erfüllt würden, und zwar zu einem Zeitpunkte, in
dem die allgemeine politiſche Situation in Europa weniger geſpannt
war als 1877/78. Wenn dem fo wäre, fo hätte niemand außer
dem Fürſten Bismarck ſelbſt dieſes großartige Spiel erfolgreich zu
Ende ſpielen können. Darin liegt die Schwäche der Vorzüge großer
Männer. Hatte er auch England über ſein Angebot an den Zaren
13
informiert? Dieſes mußte dagegen fein wie anno 1878. Jeden—
falls nahm der Fürſt nunmehr die Politik auf, die mir ſchon damals
vorgeſchwebt hatte, als ich die Enttäuſchung der Ruſſen, die vor
Stambul fanden und nicht hineingelaſſen wurden, erfahren hatte.
Ich konnte in Breſt-Litowsk bei den andauernden militäriſchen
Veranſtaltungen aller Art ſehr wohl beobachten, daß das Verhalten
der ruſſiſchen Offiziere mir gegenüber weſentlich kühler und hoch—
mütiger war als bei meinem erſten Beſuch in Petersburg. Nur
die kleine Zahl alter Generale, zumal bei Hofe, welche noch aus
Alexanders II. Zeit ſtammten und mit Kaiſer Wilhelm dem Großen
bekannt und ihm zugetan waren, trugen ihre Ehrfurcht für ihn und
ihre Deutſchfreundlichkeit noch zur Schau. Bei einem Geſpräch
mit einem von ihnen über die Beziehungen der beiden Höfe, Armeen
und Länder zu einander, die ich als in Anderung gegen früher be—
griffen fand, ſagte der alte General: „Oest ce vilain Congres de
Berlin! Une grave faute du Chancelier. Il a detruit !ancienne
amitiè entre nous, plante la mefiance dans les cœurs de la Cour
et du Gouvernement, et fourni le sentiment d'un tort grave fait
à larmèe russe apres sa campagne sanglante de 1877, pour lequel
elle veut sa revanche. Et nous voilà ensemble avec cette maudite
Republique Frangaise, pleine de haine contre vous et remplie d’id&es
subversives, qui en cas de guerre avec vous, nous coüteront notre
dynastie.”*) Eine prophetiſche Vorausſage des Unterganges des
ruſſiſchen Herrſcherhauſes!
*) „Daran iſt dieſer abſcheuliche Berliner Kongreß ſchuld! Der war ein ſchwerer
Fehler des Kanzlers. Er hat die alte Freundſchaft zwiſchen uns zerſtört, Mißtrauen
in die Herzen des Hofes und der Regierung gepflanzt und die Überzeugung ausgelöſt,
daß man der ruſſiſchen Armee nach dem blutigen Feldzug von 1877 ein ſchweres
Unrecht zugefügt hat, für das ſie nun Vergeltung will. Und nun halten wir mit
dieſer verwünſchten franzöſiſchen Republik zuſammen, die voller Haß gegen Deutſch—
land iſt und erfüllt von Umſturzideen, die uns im Falle eines Krieges mit Ihnen
unfere Dynaſtie koſten werden.“
14
*
Von Breſt begab ich mich nach Straßburg, wo mein Großvater
zum Kaiſermanöver weilte. Trotz dem Scheitern meiner Wiſſion
fand ich eine ruhige Beurteilung der politiſchen Lage vor. Mein
Großvater freute ſich über die herzlichen Grüße des Zaren, die
wenigſtens im perſönlichen Verhältnis der beiden Herrſcher keine
Veränderung zeigten. Zu meiner Überraſchung erhielt ich auch vom
Fürſten Bismarck ein Schreiben, in welchem er mir Dank und An—
erkennung für meine Tätigkeit und meinen Bericht ausſprach. Dies
bedeutete um ſo mehr, als meine Ausführungen meinem Großvater
und dem Kanzler nicht angenehm ſein konnten. Der Berliner
Kongreß hatte, zumal in den ruſſiſchen Militärkreiſen, die Reſte der
bei uns noch gepflegten Waffenbrüderſchaft beſeitigt und einen durch
den Verkehr mit dem franzöſiſchen Offizierkorps geſchürten Haß gegen
alles Preußiſch-Deutſche erzeugt, der von den Franzoſen zu dem
Wunſche nach Rache durch die Waffen geſteigert wurde. Das war
der Boden, auf dem ſpäter der Weltkriegsgedanke unſerer Gegner
Nahrung finden konnte: „Revanche pour Sedan“ vereint mit „Revanche
pour San Stefano.“ Die Worte des alten Generals in Breſt ſind
mir unvergeßlich geblieben und haben mich zu den vielen Zuſammen—
künften mit Alexander III. und Nikolaus II. veranlaßt, bei denen
ir die von meinem Großvater auf dem Sterbebette mir ans Herz
gelegte Pflege der Beziehungen zu Rußland ſtets als Leitmotiv vor
Augen ſtand.
Im Jahre 1890 bei den Manövern in Narwa mußte ich dem
Zaren die Geſchichte des Abganges des Fürſten Bismarck genau
ſchildern. Der Zar hörte mir aufmerkſam zu. Als ich geendigt
hatte, ergriff der ſonſt ſehr kühle und zurückhaltende Herrſcher, der
ſelten über Politik ſprach, ganz ſpontan meine Hand, dankte mir für
den Beweis meines Vertrauens, bedauerte, daß ich in ſolche Lage
gebracht worden ſei und fügte wörtlich hinzu: „Je comprends parfaite-
ment ta ligne d’action. Le Prince avec toute sa grandeur n’etait
15
apres tout rien d’autre que ton employ& ou fonctionnaire. Le
moment od il refusait d’agir selon tes ordres, il fallait le renvoyer.
Moi, pour ma part, je me suis toujours méſié de lui, et je nal
jamais cru un mot de ce qu'il me faisait savoir ou me disait,
car jetais sür et je savais qu'il me blaguait tout le temps. Pour
les rapports entre nous deux, mon cher Guillaume — es war
das erſte Mal, daß mich der Zar fo nannte — la chute du Prince
aura les meilleures consequences. La méfiance disparaitra. Jai
confiance en toi, tu peux te fier a moi.“ ) Ich habe mir ſeiner—
zeit dieſes wichtige Geſpräch ſofort aufgezeichnet. Ich bin objektiv
genug, mich zu fragen, in wie weit die Courtoiſie von Herrſcher
zu Herrſcher und darüber hinaus vielleicht die Genugtuung über
die Ausſchaltung eines Staatsmannes von Bismarcks Bedeutung
für die vorſtehende Außerung des Zaren bewußt oder unbewußt
mitbeſtimmend war. Der Glaube des Fürſten Bismarck an das
Vertrauen des Zaren war ſubjektiv zweifellos echt. Außer allem
Zweifel ſteht auch die Achtung, die Alexander III. vor dem ſtaats—
männiſchen Können Bismarcks hatte.
Jedenfalls hat der Zar bis zu ſeinem Tode zu ſeinem Worte
gehalten. An der allgemeinen Politik Rußlands hat das zwar nicht
viel geändert, aber vor einem Überfall von dort war Deutſchland
wenigſtens ſicher. Der gerade Charakter Alexanders III. bürgte da—
für — bei ſeinem ſchwachen Sohne wurde es anders.
) „Ich verſtehe vollkommen Deine Handlungsweiſe. Der Fürſt war trotz all
ſeiner Größe ſchließlich doch nichts anderes, als Dein Beamter oder Beauftragter.
In dem Augenblick, wo er ſich weigerte, nach Deinen Befehlen zu handeln, mußte
er entlaſſen werden. Ich meinerſeits habe immer Mißtrauen gegen ihn gehegt und
ihm niemals ein Wort von dem, was er mich wiſſen ließ oder ſelbſt mir ſagte, ge—
glaubt, denn ich wußte genau, daß er mich immer anführte. Für die Beziehungen
zwiſchen uns beiden, mein lieber Wilhelm, wird der Sturz des Fürſten die beſten
Folgen haben. Das Wißtrauen wird ſchwinden. Ich habe Vertrauen zu Dir.
Du kannſt Dich auf mich verlaſſen.“
16
Mag man fih nun zu Bismarcks Ruſſenpolitik ftellen wie man
will, das eine muß geſagt werden, nämlich, daß der Fürſt es trotz
dem Berliner Kongreſſe und der Annäherung Frankreichs an Ruß
land verſtanden hat, Reibungen ernſter Art zu vermeiden. Das be⸗
deutet vom Berliner Kongreß ab gerechnet ein überlegenes diplomatiſches
und ſtaatsmänniſches Spiel über 12 Jahre (1878 - 1890). Man
wird auch hervorheben müſſen, daß es ein deutſcher Staatsmann
war, der 1878 einen allgemeinen Krieg verhinderte und dafür ſogar
die Beziehungen Deutſchlands zu Rußland ſchwächte im berechtigten
Vertrauen darauf, daß es ſeiner genialen zielſicheren Staatskunſt
gelingen würde, ſie nach Überwindung der allgemeinen Kriſis wieder
zu ſtärken oder wenigſtens Konflikte zu vermeiden. Das iſt ihm
12 Jahre lang und ſeinen Nachfolgern am Staatsruder weitere
24 Jahre gelungen. —
Von der Parteipolitik habe ich als Prinz mich abſichtlich fern
gehalten und mich ganz auf meinen Dienſt in den verſchiedenen
Waffen, denen ich zugeteilt wurde, konzentriert. Dieſer gewährte
mir Befriedigung und füllte mein Leben aus. Deshalb ging ich
als Prinz von Preußen allen Bemühungen aus dem Wege, mich
in das politiſche Parteigetriebe zu zerren. Häufig genug wurde es
verſucht, mich unter dem Deckmantel harmloſer Veranſtaltungen,
Tees u. dgl. für politiſche Zirkel oder für Wahlzwecke einzufangen.
Ich habe mich immer zurückgehalten.
Der Verlauf der tückiſchen Krankheit, die den Kaiſer Friedrich III.
dahinraffte, war mir von deutſchen Arzten, die als Experten von
Sir Worell Mackenzie, dem engliſchen Arzt, hinzugezogen worden
waren, ganz offen vorausgeſagt worden. Mein tiefer Schmerz und
Kummer waren um ſo größer, als es mir faſt unmöglich war,
meinen heißgeliebten Vater allein zu ſprechen. Er wurde von den
engliſchen Arzten wie ein Gefangener bewacht, und, während Re—
porter aus allen Ländern vom Arztezimmer aus den armen Kranken
2 gaiſer Wilhelm II. 17
beobachten durften, wurden mir alle möglichen Schwierigkeiten in
den Weg gelegt, an meinen Vater heranzukommen oder mit ihm
auch nur ſchriftlich in dauernder Verbindung zu bleiben, meine
Briefe wurden oft aufgefangen und nicht abgegeben. Außerdem
wurde aus dem Bewachungskreiſe eine infame, regelrechte Ver—
leumdungskampagne gegen mich in der Preſſe geführt. Beſonders
taten ſich zwei Journaliſten hierbei hervor: ein Herr Schnidrowitz
und Monſieur Jaques St. Cere vom „Figaro“ — ein deutſcher
Jude —, der den ſpäteren Kaiſer jahrelang in giftigſter Weiſe in
Frankreich verleumdete, bis ihm der Prozeß des „Petit Sucrier“
den Hals brach.
Die letzte Freude, die der ſterbende Kaiſer erlebte, konnte ich ihm
durch den Vorbeimarſch der von mir perſönlich dem Vater vor—
geführten 2. Garde-Infanterie-Brigade bereiten. Es waren die
erſten und letzten Truppen, welche Friedrich III. als Kaiſer ſah.
Auf einem kleinen Zettel ſchrieb er ſeinem dadurch beglückten Sohne
auf: Er ſei dankbar für die Freude, dieſe Truppen zu ſehen, und
ſtolz darauf, ſie die ſeinigen nennen zu können. Dieſes Ereignis
war ein Lichtblick in den ſchweren 99 Tagen, die auch für mich als
Kronprinzen viel Kummer, Demütigungen und Verdächtigungen
brachten. Ich beobachtete während dieſer Kriſe pflichtgemäß wach—
ſamen Auges alle Vorkommniſſe in militäriſchen, Beamten- und
Geſellſchaftskreiſen und war innerlich empört über die Zeichen der
Lockerung, die ich überall wahrnahm, vor allem aber über die ſich
mehr und mehr bemerkbar machende Feindſchaft gegen meine Mutter.
Auf der anderen Seite mußte mich die andauernd gegen mich ge—
richtete Verleumdungskampagne, die mich als mit meinem Vater im
Zwieſpalt befindlich ſchilderte, tief verletzen.
* **
18
RN
Nachdem Kaiſer Friedrich III. die Augen für immer geſchloſſen
hatte, fiel die ſchwere Bürde der Regierung des Reiches auf meine
jungen Schultern. Ich ſtand zunächſt vor der Notwendigkeit, in
vielen Stellen einen Perſonenwechſel eintreten zu laſſen. Die mili—
täriſche Umgebung der beiden Kaiſer ſowie das Beamtentum waren
überaltert. Die ſogenannte „Maison militaire“ Kaiſer Wilhelms
des Großen war durch Kaiſer Friedrich III. im ganzen beibehalten
worden, ohne zum Dienſt herangezogen zu werden. Dazu trat nun
noch die Umgebung Kaiſer Friedrichs III. Ich entließ in freund—
lichſter Weiſe die Herren, welche in den Ruheſtand treten wollten,
einige erhielten Anſtellung in der Armee, einzelne jüngere Herren
blieben für die Zeit des Überganges noch in meinem Dienſt.
Als Kronprinz hatte ich mich in den 99 Tagen ſchon im ſtillen
mit den Perſönlichkeiten beſchäftigt, die ich ſpäter anzuſtellen gedachte,
weil mir die Arzte keinen Zweifel darüber gelaſſen hatten, daß mein
Vater nur noch kurze Zeit leben würde. Ich ſah von höfiſchen
Rückſichten oder Außerlichkeiten ab, nur die Leiſtungen und der Cha—
rakter waren maßgebend. Ich ſchaffte das Wort „Maison militaire“
ab und verwandelte es in „Hauptquartier Seiner Majeſtät“. Als
Ratgeber bei der Auswahl der Umgebung befragte ich nur einen
Mann, auf den ich beſonderes Vertrauen ſetzte. Es war mein
früherer Vorgeſetzter und Brigadekommandeur General — ſpäter
Generaladjutant — v. Verſen, ein gerader, ritterlicher, etwas
ſchroffer Charakter, ein altpreußiſcher Offizier von echtem Schrot
und Korn. Dieſer hatte, in Linie und Garde dienend, mit ſcharfem
Auge die höfiſchen Einflüſſe und Strömungen beobachtet, welche oft
zum Nachteil des Offizierkorps in der alten „Maison militaire“
ſich fühlbar machten. Auch die höhere Damenwelt, welche ihres
Alters wegen im Kameradenkreiſe ſpottend „trente et quarante“
genannt wurde, ſpielte dabei eine Rolle. Solche Einflüſſe wollte
ich beſeitigen.
2* 19
Als meinen erſten Generaladjutanten wählte ich den General
v. Wittich, als meinen erften Chef des Militärfabinettd den
Kommandeur der 2. Garde-Infanterie-Diviſion General v. Hahnke,
letzterer war ein Freund Kaiſer Friedrichs III., und, als ich noch
beim 1. Garde-Regiment zu Fuß ſtand, mein Brigadekommandeur
geweſen: zwei Männer von militäriſcher Erfahrung und eiſernen
Grundſätzen, die ganz den Gedankengang ihres Herrn teilten und
mir bis zu ihrem Lebensende mit vorbildlicher Mannentreue ver—
bunden geblieben ſind.
Als Chef des Hofes wählte ich den mir von meiner Jugend
her bekannten früheren Hofmarſchall meines Vaters, den Grafen
Auguſt Eulenburg, der noch 82jährig bis zu ſeinem im Juni 1921
erfolgten Tode das Ninifterium des Königlichen Hauſes geleitet
hat. Ein Mann von feinem Takt, ungewöhnlicher Begabung, klarem
Blick auf höfiſchem, wie politiſchem Gebiete, von lauterem Charakter
und goldener Treue zu ſeinem König und deſſen Hauſe. Seine
vielſeitige Begabung hätte ihm geſtattet, ebenſo wie er als „der“
Hofmarſchall in ganz Europa bekannt war, mit demſelben Geſchick
eine Botſchaft oder den Reichskanzlerpoſten zu verſehen. Von nie
erlahmender Arbeitskraft, mit gewinnender Höflichkeit ausgeſtattet,
hat er mir auf manchem Gebiet, dem des Hauſes, der Familie, des
höfiſchen und öffentlichen Lebens mit Rat zur Seite und mit vielen
Männern aller Schichten und Berufe im Verkehr geſtanden, von
allen verehrt und geachtet, von mir mit Freundſchaft und Dankbar—
keit umgeben.
Als Chef des Zivilkabinetts wurde nach Rückſprache mit dem
Fürſten Bismarck Herr v. Lucanus, aus dem Kultusminiſterium,
gewählt. Fürſt Bismarck bemerkte ſcherzend, er freue ſich über dieſe
Wahl, da Lucanus ihm als guter und paſſionierter Jäger bekannt ſei.
Das ſei ſtets eine gute Empfehlung für einen Ziwilbeamten, ein guter
Jäger ſei auch ein ordentlicher braver Kerl. Herr v. Lucanus über-
20
— —
nahm fein Amt aus den Händen Exzellenz v. Wilmowski's. Er hat
es glänzend geführt und iſt mir, auf allen Gebieten der Kunſt,
Technik, Wiſſenſchaft und Politik wohlbewandert, ein Ratgeber, vaft-
loſer Mitarbeiter und Freund geweſen. Mit geſundem NMenfchen-
verſtand verband er eine gute Doſis feinen Humors, der ja den
Germanen oft fehlt. —
Mit dem Fürſten Bismarck ſtand ich mich aus der Zeit meines
Kommandos zum Auswärtigen Amt her ſehr gut und vertrauens⸗
voll. Ich verehrte nach wie vor den gewaltigen Kanzler mit allem
Feuer meiner Jugend, ſtolz darauf, unter ihm gedient zu haben und
nunmehr mit ihm als meinem Kanzler gemeinſam arbeiten zu können.
Der Fürſt, der bei den letzten Stunden des alten Kaiſers an⸗
weſend war und deſſen „ politiſches Teſtament“ an feinen Enkel,
nämlich die beſondere Pflege der Beziehungen zu Rußland, mit an⸗
gehört hatte, veranlaßte die Sommerreiſe nach Petersburg als erſte
politiſche Aktion vor der Welt, um nach dem letzten Willen des
ſterbenden Großvaters das Verhältnis zu Rußland zu unterſtreichen.
Er ließ auch „Reiſedispoſitionen“ für mich aufſtellen.
Der Ausführung dieſes Projektes trat eine Schwierigkeit ent⸗
gegen durch einen Brief der Königin Victoria von England, welche,
auf die Nachricht von dem beabſichtigten Beſuch in Petersburg, in
großmütterlichem, aber zugleich autoritärem Tone an ihren älteſten
Enkel ihre Mißbilligung über die geplante Reiſe ſchrieb. Erſt müſſe
ein Trauerjahr verſtreichen und dann gebühre ſelbſtverſtändlich ihr
als der Großmutter und England als dem Vaterlande meiner
Mutter der erſte Beſuch, ehe andere Länder berückſichtigt würden.
Als ich dieſes Schreiben dem Fürſten vorlegte, bekam er einen hef—
tigen Zornanfall. Er ſprach das Wort von der „Onkelei in Eng⸗
land“ und dem „Dreinreden“ von dort, die aufhören müßten, aus
dem Tone des Briefes könne man ermeſſen, in welcher Weiſe der
Kronprinz und Kaiſer Friedrich beordert und bearbeitet worden ſei
21
von Schwiegermutter und Frau uſw. Der Fürſt wollte nun den
Text eines Antwortſchreibens an die Königin entwerfen. Ich bemerkte,
ich würde ſchon die paſſende Antwort aufſetzen, in der die Mittel-
linie zwiſchen Enkel und Kaiſer richtig eingehalten werden würde.
Sie werde dem Fürſten vor der Abſendung erſt vorgelegt werden.
Die Antwort wahrte die äußere Form der engen Verwandtſchaft
des Enkels ſeiner Großmutter gegenüber — die ihn als Baby auf
ihren Armen getragen und ſchon durch ihr Alter ehrfurchtgebietend
war —, betonte aber im Kern die Stellung und Verpflichtung des
Deutſchen Kaiſers, der einen die vitalſten Intereſſen Deutſchlands
betreffenden Befehl ſeines ſterbenden Großvaters unbedingt auszu—
führen habe. Dieſen Befehl des Großvaters müſſe der Enkel
reſpektieren im Intereſſe des Landes, deſſen Vertretung ihm durch
Gottes Willen nunmehr übertragen ſei. Wie er das tue, müſſe die
Königliche Großmutter ihm überlaſſen. Im übrigen ſei ich der ihr
in Liebe anhängende Enkel und werde ſtets dankbar für jeden Nat
der durch ihre lange Regierung erfahrenen Großmutter ſein. Aber
in deutſchen Angelegenheiten müſſe ich mir freies Handeln vindi—
zieren. Der Beſuch in Petersburg ſei politiſch notwendig, der Be—
fehl meines Kaiſerlichen Großvaters entſpräche den engen Familien—
beziehungen mit dem ruſſiſchen Kaiſerhauſe und werde daher aus—
geführt.
Der Fürſt war mit dem Briefe einverſtanden. Die nach einiger
Zeit einlaufende Antwort war überraſchend. Die Königin gab ihrem
Enkel recht, er müſſe tun, was im Intereſſe ſeines Landes ſei, ſie
werde ſich freuen, ihn ſpäter auch bei ſich zu ſehen. Von dem Tage
an iſt mein Verhältnis zu der ſelbſt von ihren eigenen Kindern
gefürchteten Königin das denkbar beſte geweſen. Sie hat ihren Enkel
nur noch wie einen gleichgeſtellten Souverain behandelt. —
Bei den Antrittsreiſen wurde ich vom Grafen Herbert als Ver—
treter des Auswärtigen Amtes begleitet. Er redigierte die Reden und
22
führte die politiſchen Unterhaltungen, ſoweit fie geſchäftlicher Natur
waren, nach den Anweiſungen ſeines Vaters.
Nach meiner Rückkehr aus Stambul 1889 ſchilderte ich dem
Fürſten auf ſeinen Wunſch meine Eindrücke in Griechenland, wo
meine Schweſter Sophie mit dem Thronfolger Kronprinz Konſtantin
verheiratet war, und in Stambul. Dabei fiel mir auf, daß der Fürſt
recht wegwerfend von der Türkei, den Männern in maßgebenden
Stellungen und den dortigen Verhältniſſen überhaupt ſprach. Als
ich zum Teil weſentlich günſtigere Momente hervorheben zu können
glaubte, half das nicht viel. Auf meine Frage, worauf der Fürſt
ſein ſo ungünſtiges Urteil gründe, erwiderte er: Graf Herbert habe
ſehr abfällig über die Türkei berichtet. Der Fürſt und Graf Her—
bert ſind der Türkei nicht hold geweſen und haben meiner Türken—
politik — der alten Politik Friedrichs des Großen — nicht beige—
pflichtet.
Während der letzten Zeit ſeiner Kanzlerſchaft bezeichnete Bismarck
die Erhaltung der guten Beziehungen zu Rußland, deſſen Zar ihm
ſein beſonderes Vertrauen ſchenke, als den hauptſächlichſten Grund
feines Verbleibens im Amte. In dieſem Zuſammenhange machte
er mir die erſten Andeutungen über den geheimen Rückverſicherungs—
vertrag mit Rußland. Bisher war ich weder vom Fürſten noch
vom Auswärtigen Amt von dieſem Vertrage unterrichtet worden,
obwohl ich mich gerade mit den ruſſiſchen Angelegenheiten befaßt
hatte. —
Als ich durch den frühen Tod meines Vaters zur Regierung
kam, folgte damit, wie ich ſchon früher hervorhob, die Generation
des Enkels auf die des Großvaters. Es wurde dadurch die ganze
Generation Kaiſer Friedrichs überſprungen. Dieſe war durch den
Verkehr mit dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm mit vielen libe—
ralen Ideen und Reformprojekten gerüſtet, die unter ihm als Kaiſer
Friedrich ins Werk geſetzt werden ſollten. Durch ſein Hinſcheiden
23
ſah ſich dieſe ganze Generation, zumal die Politiker, in ihrer Hoff—
nung, zu Einfluß zu gelangen, getäuſcht, fie fühlte ſich gewiſſer—
maßen verwaiſt. Dieſe Kreiſe ſtanden mir, obwohl ſie mich und
meine inneren Gedanken und Ziele gar nicht kannten, mißtrauiſch
und zurückhaltend gegenüber, anſtatt ihr Intereſſe vom Vater auf
den Sohn zum Vorteil des Vaterlandes zu übertragen.
Ein Vertreter der Nationalliberalen machte eine Ausnahme: der
vornehme, noch ſugendfriſche Herr v. Benda. Schon als Prinz
war ich mit ihm auf den großen Haſenjagden beim Amtsrat Dietze
in Barby bekannt geworden. Dort hatte er meine Zuneigung und
mein Vertrauen gewonnen, wenn ich als Zuhörer in dem Kreiſe
der älteren Männer den Diskuſſionen über politiſche, landwirtfchaft-
liche und nationalökonomiſche Fragen beiwohnte, bei denen Herr
v. Benda durch ſein freies, intereſſantes Urteil meine Aufmerkſam—
keit feſſelte. Einer Einladung auf den Landſitz Bendas, Rudow bei
Berlin, bin ich gern gefolgt. Daraus entſtand ein regelmäßiger
Beſuch einmal im Jahre. Die Stunden im Rudower Familienkreiſe,
in dem von den talentierten Töchtern die Muſik eifrig gepflegt wurde,
ſind mir in guter Erinnerung geblieben. Die politiſchen Geſpräche
zeigten, daß Herr v. Benda einen weiten Blick beſaß, der, frei von
aller Parteiſchablone, eine ſo klare Auffaſſung über die allgemeinen
Staatsnotwendigkeiten offenbarte, wie ſie bei Parteimännern ſelten
zu finden iſt. Er hat mir aus treuem altpreußiſchen Herzen, das
feſt an ſeinem Königshauſe hing, unter weitgehender Toleranz an—
deren Parteien gegenüber, manchen wertvollen Rat für die Zukunft
erteilt.
Daß ich in keiner Weiſe gegen irgendeine Partei — abgeſehen
von den Ultra-Sozialiſten — ablehnend geſinnt, auch nicht antiliberal
war, hat meine ſpätere Regierungszeit bewieſen. Mein bedeutendſter
Finanzminiſter war der Liberale Miquel, mein Handelsminiſter der
Liberale Moeller, der Führer der Liberalen, Herr v. Bennigſen,
24
— —
war Oberpräſident von Hannover. Mit einem älteren liberalen Ab-
geordneten, den ich durch Herrn v. Miquel kennen lernte, habe ich
beſonders während der zweiten Hälfte meiner Regierungszeit nahe
Beziehungen gepflogen, es war Herr Seydel (Chelchen), Beſitzer
eines Landgutes im Oſten, ein Kopf, dem ein paar kluge Augen aus
dem glattraſierten Geſicht ſchauten. Er war Mitarbeiter Miquels in
Eiſenbahn- und Kanalfragen, ein grundgeſcheiter, einfacher, prafti-
ſcher Mann, Liberaler mit konſervativem Einſchlag.
Mit der konſervativen Partei beſtanden naturgemäß zahlreiche Be—
ziehungen und Berührungspunkte, da die Herren vom Landadel auf
Hof⸗ und anderen Jagden viel mit mir zuſammentrafen oder zu Hofe
kamen, auch in Hofſtellungen Dienſt taten. Durch ſie konnte ich
ausgiebige Orientierung über alle Agrarfragen erhalten und hören,
wo den Landmann der Schuh drückte.
Die Freiſinnigen unter ihrem „unentwegten Führer“ haben keine
Beziehung zu mir aufgenommen, fie beſchränkten ſich auf die Oppo—
ſition.
In den Geſprächen mit Benda und Bennigſen wurde oft über
die Zukunft des Liberalismus geſprochen. Dabei tat Benda einmal
den intereſſanten Ausſpruch: „Es iſt nicht nötig und auch nicht gut,
wenn der Thronfolger in Preußen in Liberalismus macht, das können
wir nicht brauchen. Er muß in larger und nicht beengter Weiſe
ohne Voreingenommenheit gegen andere Parteien doch im Grunde
genommen konſervativ fein.”
Als ich mit Bennigſen die Notwendigkeit erörterte, daß die
Nationalliberalen ihr Programm, das urſprünglich unter der Deviſe:
„Aufrichtung des Deutſchen Reiches und Preſſefreiheit“ die Mit-
glieder um die liberale Fahne geſchart habe — was nun lange ſchon
erreicht ſei —, revidieren müßten, damit die werbende Kraft des
alten preußiſchen Liberalismus beim Volke nicht verloren gehe, gab
Bennigſen das zu. Die preußiſchen Liberalen wie Konſervativen,
23
fuhr ich fort, machten beide den Fehler, daß fie noch zu viel Er—
innerungen an die alte Konfliktszeit von 1861 — 1866 bewahrten und
bei Wahl- oder anderen politiſchen Kämpfen in Gewohnheiten von
damals zurückfielen. Jene Zeit ſei für unſere Generation bereits Ge—
ſchichte geworden und erledigt. Für uns fange die Jetztzeit mit dem
Jahre 1870, dem neuen Reiche, an, unter 1866 hätten wir einen
Strich gemacht. Man müſſe auf dem Boden des Reiches neu bauen,
auch die Parteien müßten ſich in ihren Zielen danach einrichten, aber
nicht altes Vergangenes, noch dazu Trennendes, mit herübernehmen.
Das iſt leider nicht geſchehen. Bennigſen machte eine ſehr treffende
Bemerkung, indem er ſagte: „Wehe den norddeutſchen Liberalen,
falls ſie unter die Führung der ſüddeutſchen Demokraten kommen
ſollten, dann iſt es mit dem wirklichen, echten Liberalismus zu Ende.
Dann kriegen wir die verkappte Demokratie von da unten, die können
wir hier nicht brauchen.“
Die ehrenwerte und königstreue konſervative Partei hat leider
nicht immer überragende Parteiführer hervorgebracht, die zugleich ge—
ſchickte, taktiſch geſchulte Politiker waren. Der agrariſche Flügel war
zeitweiſe zu ausgeprägt und bedeutete eine Belaſtung der Partei.
Auch waren die Erinnerungen an die Konfliktszeit noch zu ſtark.
Ich riet zu dem Zuſammenſchluß mit den Nationalliberalen, fand
aber wenig Gegenliebe. Ich habe oft darauf hingewieſen, daß die
Nationalliberalen reichstreu und daher kaiſerlich geſinnt, alſo durch—
aus als Bundesgenoſſen für die Konſervativen zu begrüßen ſeien.
Ich könne und wolle im Reiche nicht ohne ſie, keinesfalls gegen ſie
regieren, der norddeutſche Konſervativismus werde in manchen Teilen
des Reiches nicht verſtanden, eine Folge der anders gearteten hiſto—
riſchen Entwicklung, deshalb ſeien die Nationalliberalen der natür—
liche Bundesgenoſſe. Aus dieſem Grunde habe ich z. B. auch den
Hofprediger Stöcker — einen auf ſozialem Gebiete in feiner Miſſions—
tätigkeit glänzend bewährten Mann — aus ſeinem Amte entfernt,
26
weil er in Süddeutſchland eine demagogiſche Hetzrede gegen die dor—
tigen Liberalen gehalten hatte.
Das Zentrum war durch den Kulturkampf zuſammengeſchweißt
und ſtark antiproteſtantiſch, dem Reiche nicht hold. Trotzdem habe
ich mit vielen bedeutenden Männern der Partei Beziehungen ge—
pflogen und ſie zum Nutzen des Ganzen für praktiſche Mitarbeit
intereſſieren können. Beſonders Schorlemer (der Vater) half mir
dabei. Er hat nie ein Hehl aus ſeiner preußiſchen Königstreue ge—
macht. Sein Sohn, der bekannte Landwirtſchaftsminiſter, hat ſich
ſogar der konſervativen Partei angeſchloſſen. Bei vielen Vorlagen
hat das Zentrum mitgearbeitet, das in ſeinem alten Führer Windt—
horſt einſtmals den ſchärfſten politiſchen Kopf im Parlament beſitzen
durfte. Aber bei allem war doch der Unterton nicht zu verkennen,
daß das Intereſſe der Kirche Roms ſtets gewahrt ſein müſſe und
nicht zu kurz kommen dürfe.
* * *
Als Prinz Wilhelm war ich des längeren zum Oberpräſidenten
der Provinz Brandenburg v. Achenbach kommandiert, um in die
innere Verwaltung eingeführt und in wirtſchaftlichen Fragen orien—
tiert zu werden, auch praktiſch tätigen Anteil an den Arbeiten zu
nehmen. Aus dieſer Zeit habe ich mir, durch die feſſelnden Vor—
träge Achenbachs angeregt, beſonderes Intereſſe für die wirtſchaftliche
Seite der inneren Entwicklung des Landes bewahrt, während die
rein jſuriſtiſche Seite der Verwaltung mich weniger feſſelte. Melio—
rationen, Kanalbauten, Chauſſee-Anlagen, Waldwirtſchaft, Hebung
aller Arten der Verkehrsverbindungen, Wohnungsverbeſſerung, Ein—
führung der Maſchinen in die Landwirtſchaft und deren genoſſen—
ſchaftliche Entwicklung waren Fragen, die mich auch ſpäter andauernd
beſchäftigt haben, in ganz beſonderem Maße der Waſſerbau und die
27
Entwicklung des Eiſenbahnnetzes, zumal in dem ſehr vernachläſſigten
Oſten.
Alle dieſe Fragen wurden, nachdem ich den Thron beſtiegen hatte,
mit den Miniſtern beſprochen. Ich hatte ihnen zur Aneiferung freies
Arbeiten in ihren Reſſorts zugeſagt. Das ſtellte ſich aber, ſolange
Fürſt Bismarck im Amte war, als kaum möglich heraus, da der
Fürſt ſich in allen Angelegenheiten die Hauptentſcheidung vorbehielt
und dadurch die Selbſtändigkeit ſeiner Mitarbeiter lähmte. Es zeigte
ſich mir bald, daß die Miniſter, ganz in Bismarcks Hand befindlich,
ſich zu „Neuerungen“ oder Ideen des „jungen Herrn“, die Bis—
marck ablehnte, nicht bekennen konnten. Das NMinifterium war in
der Tat ausſchließlich ein Inſtrument in Bismarcks Hand und
handelte nur nach ſeinem Befehl. Dieſer Zuſtand war an ſich natür⸗
lich, denn ein ſo überragender Miniſterpräſident, der für Preußen und
Deutſchland ſo große politiſche Erfolge errungen hatte, beherrſchte
eben ſein Miniſterium und leitete es autoritativ. Ich befand mich
dadurch aber in einer ſchwierigen Lage, denn bei meinen Anregungen
wurden mir die typiſchen Antworten zuteil: „Das will der Fürſt
Bismarck nicht, das iſt nicht bei ihm zu erreichen, das würde Kaifer
Wilhelm J. nicht verlangt haben, das verſtößt gegen die Tradition“
uſw. Ich erkannte mehr und mehr, daß ich eigentlich kein Staats—
miniſterium zur Verfügung hatte, ſondern daß ſich die Herren
— aus langer alter Gewohnheit — als die Beamten des Für—
ſten Bismarck anſahen.
Ein Beiſpiel möge erläutern, wie das Miniſterium in jener Big-
marckſchen Zeit zu mir ſtand. Es handelte ſich um die Erneuerung
des Sozialiſtengeſetzes, einer politiſchen Maßregel des Fürſten Bis⸗
marck, um den Sozialismus zu bekämpfen. Ein beſtimmter Para⸗
graph ſollte gemildert werden, um das Geſetz zu retten. Bismarck
wollte nicht. Es kam zu ſcharfen Auseinanderſetzungen. Ich befahl
einen Kronrat. Bismarck ſprach im Vorzimmer mit meinem Ad—
28
jutanten und erklärte: Seine Majeſtät vergeffe ganz, daß er Offizier
ſei und ein Portepee trage, er müſſe auf die Armee zurückgreifen
und fie gegen die Sozialiſten führen, falls dieſe zu revolutionären
Taten ſchreiten ſollten: der Kaiſer ſolle ihm freie Hand laſſen, dann
werde man endlich Ruhe haben. Im Kronrat blieb Bismarck bei
ſeinem Standpunkt. Die einzelnen Miniſter, zur Meinungsäußerung
aufgefordert, ſprachen ſich lau aus. Es kam zur Abſtimmung, und
das ganze Minifterium ſtimmte gegen mich.
Dieſe Abſtimmung zeigte mir wiederum die abſolute Herrſchaft,
die der Kanzler über ſeine Miniſter ausübte. In tiefem Unmut
beſprach ich den Vorfall mit Exzellenz v. Lucanus, der ebenſo betroffen
über dieſe Erſcheinung war. Lucanus ſuchte einige von den Herren
auf und ſtellte ſie über ihr Verhalten zur Rede. Die Herren
machten geltend, ſie ſeien „nicht in der Lage“, gegen den Fürſten
Stellung zu nehmen, und erklärten, man könne ihnen doch unmöglich
zumuten, gegen den Fürſten zu ſtimmen.
Der große weſtfäliſche Bergarbeiterſtreik im Frühjahr 1889
traf die Zivilverwaltung überraſchend. Eine dementſprechende Kopf-
und Ratloſigkeit trat zumal bei der Provinzialverwaltung Weſtfalens
in die Erſcheinung. Alles rief nach Truppen, ein jeder Gruben—
beſitzer wollte womöglich Poſten vor ſeinem Zimmer ſtehen haben.
Die Kommandeure der requirierten Truppen meldeten immediat über
die vorgefundene Lage an mich, darunter einer meiner früheren
Regimentskameraden aus dem Garde-Huſarenregiment, v. Michaelis,
der feines Witzes halber berühmt war. Er war zwifchen den ftreifen-
den Arbeitermaſſen, die in dem ungewöhnlich warmen Vorfrühling
auf den Halden herum lagerten, allein und unbewaffnet umhergeritten
und hatte es bald verſtanden, durch ſein vertrauenerweckendes joviales
Weſen einen harmloſen Verkehr mit den Leuten herzuſtellen. Durch
Frage und Antwort gelangte er in den Beſitz vieler wertvoller In—
formationen über das, wodurch ſich die Arbeiter — mit Recht oder
29
Unrecht — bedrückt fühlten, ſowie über ihre Abſichten, Hoffnungen
und Wünſche für die Zukunft. Er erwarb ſich bald allgemeine An—
erkennung und Beliebtheit bei den Arbeitern und wußte ſie ſo richtig
zu behandeln, daß in ſeinem Rayon abſolute Ruhe herrſchte. Durch
nervöſe und beſorgte Telegramme der Großinduſtriellen und Behör—
den, die auch beim Reichskanzler einliefen, veranlaßt, fragte ich bei
Michaelis an, wie die Lage aufzufaſſen ſei. Als Antwort traf folgen—
des Telegramm ein: „Alles ruhig, mit Ausnahme der Behörden.“
Auf Grund aller im Laufe des Frühjahres und Sommers ein—
laufenden Meldungen und Berichte ſammelte ſich ein Material an,
das klar erkennen ließ, daß in der Induſtrie nicht alles in Ordnung
war. Mancher Wunſch der Arbeiter hatte ſeine Berechtigung und
hätte zum mindeſten wohlwollender Prüfung unterzogen werden ſollen,
ſowohl ſeitens der Arbeitgeber, wie der Behörden. Dieſe Erkenntnis,
welche auch von meinem von mir befragten, in den ſozialen Er—
ſcheinungen beſonders ſeiner Provinz gut orientierten früheren Er—
zieher, Geheimrat Dr. Hinzpeter, beſtätigt wurde, ließ in mir den
Entſchluß reifen, den Staatsrat zuſammenzuberufen, zu den Ver—
handlungen Arbeitgeber und Arbeitnehmer hinzuzuziehen und unter
meinem perſönlichen Vorſitz eine eingehende Beleuchtung der Arbeiter—
frage zu veranlaſſen. Es ſollten dabei leitende Grundſätze und
Material gewonnen werden, die dann dem Kanzler und der preußi—
ſchen Staatsregierung als Unterlagen für die Ausarbeitung dem—
entſprechender Geſetzesvorlagen dienen ſollten.
Mit dieſem Gedanken trat ich an Exzellenz v. Bötticher heran,
der ſofort den Widerſtand des Kanzlers gegen ſolches Verfahren in
Ausſicht ſtellte und dringend davon abriet. Ich beſtand auf meinem
Vorſatz, den Grundſatz Friedrichs des Großen anführend: „Je veux
etre un roi des gueux“ ), es fei meine Pflicht, für die von der
) „Ich will ein König der Armen fein.”
30
Induſtrie aufgebrauchten Landeskinder zu forgen, ihre Kräfte zu
ſchützen und ihre Exiſtenzmöglichkeiten zu verbeſſern.
Der vorhergeſagte Widerſtand des Fürſten ließ nicht lange auf
ſich warten. Es koſtete, da die Großinduſtrie ſich zum Teil hinter
den Kanzler ſcharte, viel Mühe und Kämpfe, bis meine Abſicht durch—
geſetzt war. Der Staatsrat trat unter meinem Vorſitz zuſammen.
In der Eröffnungsſitzung erſchien unerwartet auch der Kanzler. Er
hielt eine Anſprache, in der er das ganze von mir ins Werk geſetzte
Unternehmen mit Ironie kritiſterte und mißbilligte und feine Nit-
wirkung verſagte. Dann verließ er den Saal.
Nach dem Fortgang des Kanzlers ſtand die Verſammlung unter
dem Eindruck dieſer eigenartigen Szene. Die Wucht und Rückſichts—
loſigkeit, mit der der große Kanzler für ſeine und gegen meine Politik
eintrat, weil er von der Richtigkeit ſeiner Auffaſſung durchdrungen
war, machte auf mich und alle Anweſenden einen imponierenden
Eindruck. Trotzdem mußte mich der Vorfall tief verletzen. Die
Verſammlung nahm dann ihre Arbeiten wieder auf und lieferte
reiches Material zur Weiterbildung der von Kaiſer Wilhelm dem
Großen ins Leben gerufenen ſozialen Geſetzgebung, die den Stolz
Deutſchlands bildet und eine Fürſorge für das arbeitende Volk dar—
ſtellt, wie ſie in keinem Lande der Welt zu finden iſt.
Daraufhin beſchloß ich, einen allgemeinen Sozialkongreß ein—
zuberufen. Auch dem widerſetzte ſich Fürſt Bismarck. Die Schweiz
hegte einen ähnlichen Gedanken und beabſichtigte, einen Kongreß
nach Bern zu berufen. Der ſchweizeriſche Geſandte Roth erfuhr
von meiner Abſicht und empfahl die Einſtellung der Einladungen
nach Bern und die Annahme einer ſolchen nach Berlin. So ge—
ſchah es. Dank der Loyalität des Herrn Roth konnte der Kongreß
nach Berlin einberufen werden. Das aus ihm reſultierende Material
iſt zu Geſetzen verarbeitet und ausgenutzt worden, allerdings nur in
Deutſchland.
31
Späterhin habe ich mit Bismarck über fein Anſinnen, die Sozia—
liſten im Falle revolutionärer Betätigung durch Kanonen und Baſo—
nette zu bekämpfen, geſprochen und verſucht, ihn davon zu über—
zeugen, daß ich, kaum daß Kaiſer Wilhelm der Große nach geſeg—
neter Regierung die Augen geſchloſſen, doch unmöglich meine erſten
Regierungsjahre mit dem Blut meiner eigenen Landeskinder beflecken
könne. Bismarck blieb dabei und erklärte, er werde das auf ſeine
Kappe nehmen, ich ſollte ihm die Sache nur überlaſſen. Ich er—
widerte, daß ich das mit meinem Gewiſſen und meiner Verant⸗
wortung vor Gott nicht vereinbaren könnte, um ſo weniger, als ich
genau wüßte, daß die Arbeiterwelt in einer ſchlechten Lage ſei, die
unbedingt gebeſſert werden müßte.
Der Gegenſatz der Anſchauungen des Kaiſers und des Kanzlers
über die ſoziale Frage, d. h. die Förderung des Wohles der Ar-
beiterbevölferung unter Anteilnahme des Staates, iſt der eigentliche
Grund zum Bruche zwiſchen uns geweſen und hat mir die Feind⸗
ſchaft Bismarcks und damit die eines großen Teiles des ihm er=
gebenen deutſchen Volkes und beſonders des Beamtentums auf Jahre
hinaus eingetragen.
Dieſer Gegenſatz zwiſchen dem Kanzler und mir entſtand durch
ſeine Meinung, daß die ſoziale Frage mit ſcharfen Maßregeln und
eventuell mit der Truppe gelöſt werden könne, nicht aber mit Grund—
ſätzen allgemeiner Menſchenliebe oder Humanitätsduſelei, die er bei
mir annehmen zu müſſen glaubte. Bismarck war — das möchte ich
nach dem Geſagten betonen — nicht etwa arbeiterfeindlich. Im
Gegenteil! Er war ein viel zu großer Staatsmann, um die Wich—
tigkeit der Arbeiterfrage für den Staat zu verkennen. Er faßte dieſe
ganze Angelegenheit aber rein vom ſtaatlichen Zweckmäßigkeitsſtand⸗
punkte auf. Der Staat ſollte für die Arbeiter ſorgen, ſoweit und
wie dies der Regierung gut ſchien. Von einer Mitwirkung der
Arbeiter bei dieſem Werke war kaum die Rede. Verhetzungen und
32
Auflehnungen follten ſcharf, nötigenfalls mit Waffengewalt, unter-
drückt werden. Fürſorge auf der einen, die Panzerfauſt auf der
anderen Seite, das war die Bismarckſche Sozialpolitik. Ich aber
wollte die Seele des deutſchen Arbeiters gewinnen und habe um
dieſes Ziel heiß gerungen. Ich war von einem klaren Pflicht- und
Verantwortlichkeitsbewußtſein meinem ganzen Volke, alſo auch den
arbeitenden Klaſſen gegenüber, erfüllt. Was dieſen von Rechts wegen
und billigerweiſe zukam, ſollte ihnen werden, und zwar, ſoweit es
angängig oder notwendig war, wo der Wille und das Vermögen
der Arbeitgeber aufhörten, von ſeiten des Landesherrn und ſeiner
Regierung. Sobald ich erkannt hatte, daß Verbeſſerungen notwendig
waren, zu denen ſich die Induſtrie zum Teil nicht verſtehen wollte,
griff ich aus Rechtsgefühl für die Arbeiterſchaft ein.
Ich hatte genügend in der Geſchichte ſtudiert, um nicht den Illu—
ſionen allgemeiner Volksbeglückungsmöglichkeit zum Opfer zu fallen.
Daß es einem Menfhen nicht möglich iſt, ein Volk „glücklich“ zu
machen, war mir klar. Schließlich iſt nur das Volk glücklich, das
zufrieden iſt oder wenigſtens ſein will, ein Wille, der allerdings ein
gewiſſes Maß an Erkenntnis des Möglichen, alſo Sachlichkeit, vor—
ausſetzt. Leider gebricht es daran recht oft!
Ich wußte genau, daß bei den maßloſen Forderungen der ſozia—
liſtiſchen Führer die unberechtigte Begehrlichkeit ſtets neu entfacht
werden würde. Aber gerade um den unberechtigten Aſpirationen mit
reinem Gewiſſen und überzeugend entgegentreten zu können, durfte
den berechtigten die Anerkennung und Förderung nicht verſagt werden.
Die das Wohl der Arbeiter ins Auge faſſende Politik hat zweifel-
los den geſamten Induſtriellen Deutſchlands durch die bekannten
Geſetze für den Arbeiterſchutz ſchwere Laſten in der Konkurrenz auf
dem Weltmarkt auferlegt — zumal einer Induſtrie gegenüber wie der
belgiſchen, die ungehindert die Menſchenreſerven Belgiens mit billigen
Löhnen bis zum letzten Tropfen ausquetſchen konnte, ohne Gewiſſens⸗
3 Kaifer Wilhelm II. 33
biſſe darüber zu empfinden und ohne Mitgefühl für die finfende
Moral des ausgeſchöpften, ungeſchützten Volkes. Solche Zuſtände
habe ich für Deutſchland unmöglich gemacht durch meine ſoziale Ge—
ſetzgebung, deren Einführung ich auch in Belgien während des Krieges
durch Generaloberſt Freiherrn v. Biſſing zum Wohl der belgiſchen
Arbeiter veranlaßte. Dieſe Geſetzgebung iſt aber zunächſt, um einen
ſportlichen Ausdruck zu gebrauchen, ein Handicap auf der deutſchen
Induſtrie im Weltkonkurrenzkampf geweſen und verſtimmte viele
Großinduſtrielle, was von ihrem Standpunkte verſtändlich war. Der
Landesherr muß aber ſtets das Geſamtwohl im Auge haben, und
deshalb bin ich meinen Weg unbeirrt weitergegangen.
Diejenigen Arbeiter andererſeits, die blindlings den ſozialiſtiſchen
Führern folgten, haben mir keinen Dank für den ihnen geſchaffenen
Schutz und für meine Arbeit gezollt. Uns trennt der Wahlſpruch
der Hohenzollern: „Suum cuique“. Das heißt: „Jedem das Seine“,
aber nicht, wie die Sozialdemokraten wollen: „Allen dasſelbe“!
Auch der Gedanke beſchäftigte mich, wenigſtens der kontinentalen
Induſtrie Europas durch eine Art von Kontingentierung des Abſatzes
im Auslande einen Teil des Konkurrenzkampfes zu erſparen und da—
durch eine Erleichterung der Produktion zu ſchaffen, die wiederum
eine gefündere Lebensweiſe der arbeitenden Klaſſen ermöglichen ſollte.
Sehr bezeichnend iſt der Eindruck, den fremde Arbeiter beim
Studium der ſozialen Geſetzgebung in Deutſchland gewannen.
Wenige Jahre vor dem Kriege erwachte man in England unter dem
Druck der Arbeiterbewegungen zu der Überzeugung, daß es geboten
ſei, für die Arbeiter beſſer zu ſorgen. Es kamen Kommiſſionen nach
Deutſchland, auch ſolche von Arbeitern. Sie beſuchten unter Füh—
rung von deutſchen Vertretern, auch von Sozialiſten, die Induſtrie—
gebiete, Fabriken, Wohltätigkeitsanlagen, Heilſtätten der Verſicherungs—
geſellſchaften ufw. und waren überraſcht von allem, was fie ſahen.
Bei dem Abſchiedsmahl, das ihnen gegeben wurde, wandte ſich der
34 .
engliſche Führer der Arbeiterdeputationen an Bebel mit der Schluß—
bemerkung: „Nach dem, was wir alles geſehen haben, was in
Deutſchland für die Arbeiterwelt geſchieht, frage ich Sie: da ſind
Sie auch noch Sozialiſten?!“ Einem Gewährsmann gegenüber be—
merkten die Engländer, wenn es ihnen gelänge, nach langen Kämpfen
in ihrem Parlament den zehnten Teil von dem durchzuſetzen, was
in Deutſchland ſchon ſeit Jahren für die Arbeiter geſchähe, dann
würden ſie ſehr zufrieden ſein.
Ich hatte dieſe Beſuche der engliſchen Deputationen mit Inter—
eſſe verfolgt und wunderte mich über deren Unkenntnis der deutſchen
Verhältniſſe. Noch mehr aber über die durch die engliſche Botſchaft
übermittelten Fragen der engliſchen Regierung zu demſelben Thema,
die eine geradezu erſtaunliche Unkenntnis der in Deutſchland auf
dem Gebiet ſozialer Reformen erfolgten Entwicklung verrieten. Ich
befragte den engliſchen Botſchafter und bemerkte, England ſei 1890
auf dem Berliner Sozialkongreß vertreten geweſen und habe doch
gewiß, wenigſtens durch die Botſchaft, Kenntnis erhalten von den
Reichstagsdebatten, die über die einzelnen ſozialen Maßnahmen in
breiter Weiſe ſtattgefunden hatten. Der Botſchafter erwiderte: Er
habe denſelben Gedanken gehabt, daher habe er die früheren Akten
der Botſchaft nachſehen laſſen. Dabei ſei konſtatiert worden, daß
ſeitens der Botſchaft auf das genaueſte nach London Bericht erſtattet
worden und daß über jedes wichtige Stadium der fortſchreitenden
ſozialen Reformen umfangreiche Berichte nach Hauſe geſandt worden
ſeien, allein „because they came from Germany, nobody ever read
them, they were simply »pigeonholed«, and remained there ever
since, it is a downright shame! Germany does not interest people
at home“. “) So fügte der Brite achſelzuckend hinzu. Weder König
*) „Weil fie aus Deutſchland kamen, wurden fie von niemand gelefen, man
packte ſie einfach in die Aktenſchränke, und dort ſind ſie ſeitdem geblieben. Es iſt
eine wahre Schande! Deutſchland intereſſiert die Leute zu Hauſe nicht.“
3* 3)
noch Parlament beſaßen das Gewiſſen oder Zeit oder Luft, fich
mit der Hebung der Arbeiterklaſſe zu beſchäftigen. Die „Einkreiſungs—
politik“ zur Vernichtung Deutſchlands, vor allem ſeiner Induſtrie
und damit ſeiner Arbeiterbevölkerung, war ihnen viel wichtiger und
lohnender. Am 9. November 1918 ſchloſſen ſich die radikalen deutſchen
Sozialiſtenführer mit ihrer gleichgearteten Gefolgſchaft dieſem briti—
ſchen Vernichtungswerke an. —
Auch im Kleinen habe ich auf Gebieten, die meinem Einfluß
zugänglich waren, z. B. in der Verwaltung meines Hofes, im Kaifer-
lichen Automobil-Club u. dgl., den ſozialen Geſichtspunkten zur Gel—
tung verholfen. So habe ich u. a. aus den Geldern, die bei der
Beſichtigung der Schlöſſer den Dienern gegeben wurden, einen Fonds
errichten laſſen, der als lediglich der Dienerſchaft gehörend ange—
ſehen wurde und im Laufe der Zeit eine ſtattliche Summe erreicht
hat. Aus feinen Mitteln erhielten die Diener und ihre Familien
Badereiſezulagen, Kurkoſten, Begräbniskoſten, Ausſteuern für Kinder,
Konfirmationszulagen und ähnliche Zuwendungen.
Als ich auf die Bitte des neugeſchaffenen „Kaiſerlichen Auto—
mobil⸗Clubs“ das Protektorat über ihn angenommen hatte, folgte ich
einer Einladung zu einem Frühſtück in den ſchönen Räumen des
von Ihne gebauten Hauſes. Hier fand ich außer Magnaten, wie
den Herzögen von Ratibor, von Ujeſt u. a., eine Menge Herren aus
der Berliner haute finance und Induſtrie vor, die ſich teilweiſe recht
„hermelintoll' gebärdeten. Als das Geſpräch auf die Wagenführer
kam, ſchlug ich vor, einen Fonds zu begründen, der dieſen bei Un—
glücksfällen eine Beihilfe für die Krankheitsbehandlung, bei Todes—
fällen eine Sicherſtellung ihrer Hinterbliebenen gewähren ſollte. Der
Vorſchlag fand allgemeinen Beifall, und der Fonds hat dann ſehr
ſegensreich gewirkt. Eine ähnliche Einrichtung habe ich ſpäterhin
auch für die Kapitäne und Erſten Steuerleute im „Kaiſerlichen
Vacht-Club“ in Kiel geſchaffen.
36
Beſondere Freude bereitete mir das von mir begründete „Kaiſer
Wilhelm⸗Kinderheim“ in Ahlbeck, in dem im Frieden alljährlich von
Mai bis Ende September, abteilungsweiſe alle vier Wochen wech—
ſelnd, eine große Anzahl von Kindern aus den ärmſten Berliner
Arbeitervierteln untergebracht wurden. Das Heim ſteht heute noch
unter der bewährten Leitung der hervorragenden Oberin Fräulein
Kirſchner, der Tochter des früheren Oberbürgermeiſters von Berlin,
und hat ſowohl phyſiſch wie pſychiſch ein glänzendes Reſultat erzielt.
Aus abgehärmten, blaſſen, dürftigen Großſtadtkindern wurden friſche,
blühende, lebensfreudige kleine Weſen, von deren Gedeihen ich mich
des öfteren perſönlich freudebewegt überzeugt habe. —
Ich möchte, gerade weil ich von meinem Zerwürfnis mit Bis—
marck wegen der Arbeiterfrage geſprochen habe, — außer dem vor—
hin über ſeine grundſätzliche Stellung Geſagten — ein Beiſpiel da—
für anfügen, wie glänzend ſich der Fürſt in einer Angelegenheit be—
nahm, die die Arbeiterſchaft anging. Dabei haben ihn gewiß auch
nationale Motive geleitet, aber er erkannte doch ſofort, daß es galt,
eine große Belegſchaft vor Arbeitsloſigkeit zu ſchützen, und griff mit
feiner ganzen Autorität durch. Ich hatte — noch als Prinz Wilhelm —
in Stettin etwa 1886 in Erfahrung gebracht, daß die große Schiffs-
bauwerft „Vulkan“ aus Mangel an Beſtellungen vor dem Konkurs
und damit die ganze mehrtauſendköpfige Arbeiterſchaft vor der Brot—
loſigkeit ſtand. Dies war auch für die Stadt Stettin kataſtrophal.
Die Werft konnte nur durch eine Beſtellung auf ein großes Schiff
über Waſſer gehalten werden. Sie war, durch Admiral v. Stoſch
ſeinerzeit aufgefordert — um uns vom engliſchen Schiffbau endlich
loszumachen —, mutig darangegangen und hatte das erſte deutſche
Panzerſchiff gebaut, deſſen Taufe Anno 1874 meine Mutter an ihrem
Geburtstag vollzog, wobei ich zugegen geweſen bin. Seither hatten
ihre Schiffe ſtets die Zufriedenheit der Kriegsmarine erworben, doch
dieſe baute nur ſelten. Die Handelsmarine aber hatte nicht gewagt,
37
den kühnen Schritt Admirals v. Stoſch nachzutun. Nun ftand
dieſe tapfere deutſche Werft vor dem Ruin, denn der Bremer Lloyd
hatte ihr Angebot auf einen Paſſagierdampfer abgelehnt mit dem
Bemerken, das könnten die Engländer beſſer à conto ihrer lang—
jährigen Tradition. Die Not war groß. Ich eilte zum Fürſten
Bismarck und legte ihm die oben geſchilderten Vorgänge dar. Ein
heller Zorn ergriff den Kanzler, und blitzenden Auges ſchlug er mit
der Fauſt auf den Tiſch. „Was? Dieſe Pfefferſäcke wollen lieber
ihre Kähne in England als bei uns bauen? Das iſt ja ganz un—
erhört! Dabei ſoll eine gute deutſche Werft zugrunde gehen? Der
Deibel ſoll dieſe Kaufmänner beim Kanthaken kriegen!!“ Er klingelte,
ein Diener trat ein. „Geheimrat X. aus dem Auswärtigen Amt
ſofort hierher!“ Nach wenigen Minuten, während deren der Fürſt
auf- und abſtampfte, erſchien der Gerufene. „Telegramm nach Ham—
burg an den Geſandten: der Lloyd in Bremen hat ſein neueſtes
Schiff in Stettin beim Vulkan bauen zu laſſen!“ Der Geheimrat
verſchwand eiligſt mit „wagerecht abſtehenden Rockſchößen um die
offene Tür herumwalzend“. Der Fürſt wandte ſich zu mir und
ſagte: „Ich bin Ihnen zu beſonderem Danke verpflichtet. Sie haben
dem Vaterland und auch mir einen wichtigen Dienſt erwieſen. Fortan
wird nur noch bei uns gebaut. Das werde ich den Hanſeaten ſchon
klar machen. Sie können an den Vulkan telegraphieren, daß der
Kanzler ſich für den Bau auf der Vulkanwerft verbürgt, möge es
der Anfang einer langen Reihe ſein! Die Arbeiter aber, die Sie
auf dieſe Weiſe vor Arbeitsloſigkeit geſchützt haben, mögen ſich bei
Ihnen bedanken!“ Ich benachrichtigte Geheimrat Schlutow in Stettin,
die Freude war groß. Es war der Anfang, der zu dem Bau der
herrlichen Schnelldampfer führen ſollte.
Als ich im Dezember 1888 nach meinem Regierungsantritt nach
Stettin fuhr, um meinen pommerſchen Grenadieren die Erinnerungs—
bänder an ihre Fahnen zu verleihen, beſuchte ich auf Bitten des Vor—
38
ꝗ—àç—ꝗq—̃ ww —— ——— ⏑ . m
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ſtandes auch den Vulkan. Nach Empfang durch den Vorſtand außer—
halb der Werft taten ſich die großen Flügeltore auf, und ich ſchritt
hinein. Aber ſtatt Arbeit und dröhnender Hämmer empfing mich
tiefe Stille. Die geſamte Arbeiterſchaft ſtand im offenen Halbkreis
verſammelt und entblößte ihre Häupter. In ihrer Witte ſtand der
älteſte Arbeiter mit ſchneeweißem Bart, einen Lorbeerkranz in der
Hand. Ich war ergriffen. Schlutow flüſterte mir zu: „Eine kleine
Freude, die die Arbeiter ſich ſelbſt ausgedacht haben.“ Der alte
Schmied trat vor, und in kernigen ſchlichten Worten ſprach er mir
den Dank der Arbeiter dafür aus, daß ich ſie und vor allem ihre
Frauen und Kinder durch meine Verwendung bei Bismarck für das
Schiff vor Not und Hunger bewahrt hatte. Als Zeichen der Dank—
barkeit der Arbeiterſchaft bat er, den Lorbeerkranz überreichen zu
dürfen. Auf das tiefſte bewegt nahm ich den Kranz entgegen und
verlieh der Freude darüber Ausdruck, daß ich im Frieden ohne einen
Tropfen Blut meinen erſten Lorbeer aus der Hand braver deutſcher
Arbeiter empfinge. Das war Anno 1888! Damals wußte die
deutſche Arbeiterſchaft den Segen der Arbeit zu ſchätzen.
9
Gad e yo
Gan v. Caprivi war bei meinem Regierungsantritt Chef der
Admiralität. Er war der letzte General in dieſem Amt. Ich
nahm den Aufbau und die Reform, ja man kann ſagen die Neu—
gründung der Kaiſerlich Deutſchen Marine auf Grund meiner Vor—
ſtudien in England und daheim ſofort energiſch in die Hand. Das
paßte dem tüchtigen, aber etwas eigenſinnigen und von Eitelkeit nicht
ganz freien General nicht.
Er hatte ſich unzweifelhaft große Verdienſte um die Mobil—
machung, die Hebung des Offizierkorps und die Förderung und
Entwicklung des Torpedobootweſens erworben. Dagegen lag der
Schiffbau, der Erſatz altwerdenden Materials, ganz darnieder, zum
Schaden für die Flotte und zum Kummer der aufblühenden, nach
Beſchäftigung verlangenden Schiffbauinduſtrie. Caprivi war als
alter preußiſcher General der Anſicht ſeiner Zeit- und Altersgenoſſen
von 1864, 1866 und 1870/71: die Armee habe immer alles
gemacht und ſo werde es weiter bleiben. Daher dürften für die
Marine keine großen Geldforderungen an das Land geſtellt werden,
weil ſonſt die Gefahr beſtände, daß die Armee um die andern—
falls ihr zufließenden Mittel gekürzt und dadurch ihre Entwicklung
gehemmt würde. Dieſe Vorſtellung, von der Caprivi nicht abzu—
bringen war, war falſch. Der bewilligte Betrag floß nicht in ein
Reſervoir, aus dem man durch Umſtellung einer Klappe den Geld—
43
ftrom bald in den Armee-, bald in den Marinekanal leiten konnte.
Wenn Caprivi für Marinebauten nichts fordern wollte, um da—
durch der Armee mehr zuzuwenden, ſo war das alſo verkehrt. Die
Armee bekam deswegen nicht einen Maravedi mehr, ſondern auch
nur das, was der Kriegsminiſter nach dem Etat für ſie anforderte
und erhielt. Das zu ſchaffende Staatsſekretariat für die Marine
mußte ganz unabhängig vom Kriegsminifterium ſoviel für die Flotte
fordern und durchſetzen, wie für den Schutz unſeres Handels und
unſerer Kolonien erforderlich war. So iſt es ſpäter auch geſchehen.
Caprivi trat bald mit der Bitte an mich heran, ihn von ſeinem
Poſten abzulöſen. Dieſer befriedige ihn an ſich ſchon nicht; dann aber
hätte ich allerhand Zukunftspläne mit der Marine, die er ſchon des—
halb für unrealiſierbar halte, weil der Nachwuchs der prima plana
(Offiziere) fehle — damals Zugang 60 bis 80 Kadetten im Jahr —
und eine große Marine ohne ein großes Offizierkorps undenkbar
ſei. Zudem habe er bei den Inſpizierungen Seiner Majeſtät ſehr
bald geſehen, daß der Kaiſer von Marineangelegenheiten mehr ver—
ſtünde als er, der General, und das bringe ihn ſeinen Untergebenen
gegenüber in eine unmögliche Lage.
Unter dieſen Umſtänden trennte ich mich von ihm unter Ver—
leihung des Kommandos eines Armeekorps. Nach dem Spruch:
„Die Marine den Seeleuten!“ beſtimmte ich zum erſtenmal einen
Admiral zu ihrem Leiter, was von den Seeleuten mit großer Freude
begrüßt wurde. Es war Admiral Graf Monts.
Als nun der Abgang des Fürſten Bismarck für mich doch ziem—
lich unerwartet eintrat, war die Wahl des Nachfolgers ſchwer. Wer
es auch ſein mochte — den Nachfolger dieſes gewaltigen Kanzlers
erwartete von vornherein ein ſchweres Opfer ohne Ausſicht auf An—
erkennung, er würde als Uſurpator auf einem ihm nicht gebühren—
den Platz gelten, den auszufüllen er doch nicht imſtande ſei. Kritik,
Kritik und nichts als Kritik war das tägliche Brot, auf das der
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neue Kanzler rechnen mußte, und die Feindſchaft aller derer, die
zum Fürſten hielten, einſchließlich der vielen, die ſich früher in Oppo—
ſition gegen ihn nicht genug hatten tun können. Eine ſtarke Strö—
mung würde dem neuen Kanzler Widerſtand bereiten, nicht zum
mindeſten der alte Fürſt ſelbſt.
Aus ſolchen Überlegungen heraus wurde beſchloſſen, einen Mann
aus der Generation des Fürſten zu wählen, der während der Kriege
eine leitende Stellung bekleidet und bereits ein Staatsamt unter dem
Fürſten geführt hatte. So kam Caprivi. Sein Alter verbürgte,
daß er einen überlegten und ruhigen Ratgeber für den „verwaiſten“
jungen Kaiſer abgeben werde.
Sehr bald kam die Frage der Verlängerung des Rückver—
ſicherungsvertrages mit Rußland. Caprivi erklärte, ihn ſchon in
Rückſicht auf Oſterreich nicht mehr erneuern zu können, da die darin
enthaltene Spitze gegen Oſterreich bei ſeinem kaum vermeidbaren
Bekanntwerden in Wien zu recht unangenehmen Konſequenzen zu
führen geeignet ſei. So wurde der Vertrag hinfällig. Meiner An—
ſicht nach hatte er ſeinen Hauptwert damals ſchon verloren, da die
Ruſſen doch nicht mehr mit dem Herzen dahinter ſtanden. In dieſer
Auffaſſung beſtärkte mich eine Denkſchrift des Unterſtaatsſekretärs
Grafen Berchem, eines Mitarbeiters des Fürſten Bismarck.
Die Agrarkonſervativen machten Front gegen Caprivi als „Mann
ohne Ar und Halm“, und ein heftiger Kampf tobte um die Handels⸗
verträge. Dieſe Schwierigkeiten wurden noch weſentlich dadurch
vermehrt, daß Fürſt Bismarck, unter Fallenlaſſen ſeiner früheren
Grundſätze, ſich an dem Kampf gegen ſeinen Nachfolger mit der
ihm innewohnenden Energie beteiligte. So begann die Fronde der
Konſervativen gegen Regierung und Krone, und der Fürſt ſäte perſön—
lich die Saat, aus der ſpäter der „mißverſtandene Bismarck“ und
die ſo oft in der Preſſe angeführte „Reichsverdroſſenheit“ erwuchs.
Der „mißverſtandene Bismarck“ hat meine ganze Regierungszeit
45
hindurch in Zitaten, Wort und Schrift, ſowie durch paſſive Reſiſtenz
und gedankenloſe Kritik meinen Anregungen und Zielen permanenten
Widerſtand geſchaffen. Alles, was geſchah, wurde von der ſich dem
Fürſten bereitwilligſt zur Verfügung ſtellenden und ſich oft noch
bismärckiſcher als Bismarck ſelbſt gebärdenden Preſſe ſchlecht ge—
macht, lächerlich gefunden und unterſchiedslos in Grund und Boden
kritiſiert.
Beſonders markant zeigte ſich dieſe Erſcheinung bei der Erwerbung
von Helgoland. Dieſes Eiland, den großen Waſſerſtraßen, die
zu den Haupthandelsplätzen der Hanſa führen, dicht vorgelagert,
war in der Hand der Briten eine beſtändige Drohung gegen Ham—
burg und Bremen und machte jeden Gedanken an einen Flotten—
ausbau unmöglich. Ich hatte daher den feſten Entſchluß gefaßt,
dieſes alte deutſche Eiland ſeinem Vaterland wieder zu gewinnen.
Auf dem Kolonialgebiet fand ſich der Weg, um England zur
Aufgabe des roten Felſens zu veranlaſſen. Lord Salisbury zeigte
ſich geneigt, den „unfruchtbaren Felſen“ für Zanzibar und Witu in
Oſtafrika herzugeben. Durch Handelskreiſe und die Meldungen der
Kommandanten der deutſchen Kreuzer und Kanonenboote, die dort
lagen und an der Küſte der neuerworbenen deutſchen oſtafrikaniſchen
Kolonie kreuzten, wußte ich, daß mit dem Aufblühen von Tanga, Dar—
es⸗Salam uſw. an der Küſte Afrikas der Wert Zanzibars — als Haupt—
umſchlagshafen — dahin fein würde. Denn, ſobald dieſe Plätze ge—
nügenden Tiefgang und Ladeeinrichtung für Handels dampfer erhalten
haben würden, brauchten die aus dem Inneren an die Küſte kommen—
den Güter nicht mehr mit Dhaws nach Zanzibar hinübergebracht und
dort nochmals umgeladen zu werden, ſondern man konnte ſie aus
den neuen Hafenplätzen der Küſte direkt verfrachten.
So war ich der Überzeugung, daß wir einmal ein annehmbares
Tauſchobjekt, zum anderen eine gute Gelegenheit hatten, um kolo—
nialen Reibungen mit England aus dem Wege zu gehen und uns
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à lamiable mit ihm zu arrangieren. Caprivi ſtimmte zu, die Ver—
handlungen wurden zum Abſchluß gebracht, und eines Abends kurz
vor Tiſch konnte ich der Kaiſerin und einigen Vertrauten die hoch—
erfreuliche Mitteilung machen, daß Helgoland deutſch geworden war.
Eine wichtige — unblutige — Mehrung des Reiches war gelungen,
die erſte Bedingung für den Ausbau der Flotte war erfüllt, ein
jahrhundertelanger Wunſch der Hanſen und Norddeutſchen in Er—
füllung gegangen. Ein bedeutendes Ereignis hatte ſich in der Stille
vollzogen.
Wenn die Erwerbung Helgolands unter des Fürſten Bismarck
Kanzlerſchaft erfolgt wäre, dann wäre ſie wahrſcheinlich mit Jubel
begrüßt worden. Unter Caprivi ſetzte die Kritik ein. Es waren ja
bloß der Uſurpator Caprivi, der ſich erkühnte, auf des Fürſten Stuhl
zu ſitzen, und der „unberechenbare“, „undankbare“, „impulſive“ junge
Herr geweſen, die das gemacht hatten! Wenn Bismarck nur ge—
wollt hätte, den „ollen Felſen“ konnte er alle Tage haben, aber die
vielverſprechenden afrikaniſchen Beſitzungen den Engländern dafür
preiszugeben, ſo ungeſchickt hätte er nie gehandelt und ſich nie ſo
übers Ohr hauen laſſen: ſo lautete es faſt von allen Seiten. Des
Fürſten Blätter ſtimmten laut in dieſe Kritik mit ein, allerdings
ſehr zum Kummer der Hanſen.
Merkwürdig nahmen ſich die Vorwürfe wegen des Austauſches
von Zanzibar und Witu in der Preſſe des Fürſten aus, der mir früher,
als ich unter ihm arbeitete, immer wieder geſagt hatte, daß er an
und für ſich von Kolonien nicht viel halte und ſie hauptſächlich als
gelegentliche Tauſchobjekte betrachte, um ſich mit den Engländern aus—
einanderzuſetzen. Sein Nachfolger handelte im Falle Helgoland da—
nach und wurde dafür auf das heftigſte kritiſiert und angegriffen.
Erſt im Laufe des Weltkrieges ſind mir Aufſätze in deutſchen Zeitungen
zu Geſicht gekommen, die rückhaltlos den Erwerb von Helgoland als
Tat vorausſchauender Politik anerkannten und Betrachtungen daran
7
knüpften, was wohl gefchehen fein würde, wenn Helgoland nicht
deutſch geworden wäre.
Das deutſche Volk hat allen Grund dazu, dem Grafen Caprivi
für dieſe Tat Dank zu wiſſen, denn durch ſie iſt ſeine Flotte und
der Sieg am Skagerrak ermöglicht worden. Die deutſche Marine
hatte das ſchon längſt erkannt.
Das Schulgeſetz des Grafen Zedlitz brachte neue heftige Kon—
flikte. Als fie zu Zedlitz“ Rücktritt führten, wurde aus den Reihen
ſeiner Anhänger bereits der Ruf laut: „Geht der Graf, muß der
Kanzler auch gehen.“
Caprivi ging in ſtiller, vornehmer Weiſe. Er hat redlich nach
ſeinen Kräften und ſeinem Können verſucht, die Traditionen des
Fürſten Bismarck fortzuführen. Er hat dabei wenig Unterſtützung
ſeitens der Parteien gefunden, dafür um ſo mehr Kritik und Befehdung
im Publikum und von denen, die von Rechts wegen und aus
Staatsintereſſe ihm hätten zur Seite ſtehen ſollen. Ohne ein Wort
der Rechtfertigung hat Caprivi vornehm ſchweigend den Reſt feiner
Tage in einſamer Zurückgezogenheit verlebt.
48
Hohen lo he
4 Kaiſer Wilhelm II.
2 ftand ich vor der ſchwierigen Aufgabe, einen Kanzler
wählen zu müſſen. Seine Stellung und ſein Wirken würden
ungefähr unter denſelben Auſpizien und Bedingungen ſtehen wie die
feines Vorgängers. Nur daß jetzt mehr der Wunſch in die Er—
ſcheinung trat, es müſſe ein Staatsmann ſein, natürlich ein älterer,
der dem Fürſten Bismarck mehr Vertrauen einflöße, als ein ein—
facher General. Ein Staatsmann werde es beſſer verſtehen, in den
politiſchen Fußtapfen des Fürſten zu ſchreiten, und dieſem weniger
Flächen zur Kritik und zu Angriffen bieten. Letztere hatten allgemach
angefangen, in der ganzen Beamtenſchaft, die meiſt noch aus der
Zeit des Fürſten ſtammte, eine nicht zu verkennende Nervoſität und
Unzufriedenheit auszulöſen, durch welche die Arbeit des ganzen
Regierungsmechanismus nicht unerheblich beeinträchtigt wurde, wie
auch im Parlament die Oppoſition immer neue Verſtärkung aus bis
dahin regierungstreuen Kreiſen erhielt und ſich lähmend fühlbar
machte. Namentlich im Auswärtigen Amt begann ſich der Geiſt
Holſteins, des vermeintlichen Vertreters der „alten bewährten Bis—
marck⸗Traditionen“, ſtark zu regen und machte ſich die Unluſt an
der Mitarbeit mit dem Kaiſer beſonders bemerkbar, man glaubte
dort offenbar, ſelbſtändig die Politik Bismarcks fortführen zu müſſen.
Nach reiflichen Erwägungen entſchloß ich mich, den Fürſten
Hohenlohe, der damals Statthalter der Reichslande war, mit der
4 51
Kanzlerſchaft zu betrauen. Er hatte beim Ausbruch des Krieges
1870 als bayeriſcher Miniſter durchgeſetzt, daß Bayern an Preußens
Seite trat. Seitdem wurde er vom Fürſten Bismarck wegen ſeiner
Reichstreue hochgeſchäzt. Man konnte erwarten, daß dieſem Nach—
folger gegenüber des Fürſten Gegnerſchaft nachlaſſen werde. Dieſe
Kanzlerwahl war alſo ſtark beeinflußt durch die Rückſicht auf die
Perſon des Fürſten Bismarck und die von ihm inſpirierte öffentliche
Meinung.
Fürſt Hohenlohe war der Typus des alten vornehmen Grand—
ſeigneurs. Sehr urban in ſeinem ganzen Weſen und in ſeinen
Umgangsformen, von feinem Geiſt, der einen leichten Beigeſchmack
von feiner Ironie zuweilen durchblicken ließ, durch ſein Alter ab—
geklärt, ein kühler Beobachter und Beurteiler der Menſchen. Trotz
unſerem großen Altersunterſchiede hat er ſich ſehr gut mit mir ein—
gelebt. Das wurde auch äußerlich dadurch betont, daß er ſowohl
von der Kaiſerin wie von mir als Oheim behandelt und angeredet
wurde, wodurch ſich eine gewiſſe Atmoſphäre von familiärer Ver—
traulichkeit beim Beiſammenſein um uns wob. In ſeinen Geſprächen
mit mir, beſonders bei Beurteilung von Beamten für die Stellen—
beſetzungen, gab er ſehr charakteriſtiſche Schilderungen der betreffen—
den Herren, oft mit philoſophiſchen Betrachtungen verbunden, die
eine tiefe Reflexion über das Leben als ſolches und über die Men—
ſchen in ihm verrieten und die auf Lebenserfahrung begründete Reife
und Weisheit des höheren Alters zeigten.
In die erſte Zeit der Kanzlerſchaft Hohenlohes fällt ein Vorfall,
der auf die Beziehungen zu Frankreich und Rußland ein inter—
eſſantes Licht wirft. Als ich zur Zeit der ruſſo-franzöſiſchen Ver—
brüderungen durch den Generalſtab wie durch die Botſchaft in Paris
ſichere Nachrichten erhalten hatte, daß Frankreich beabſichtige, ſeine
Truppen aus Algier zum Teil zurückzuziehen, um ſie in Südfrankreich
entweder gegen Italien oder gegen das Elſaß zu dislozieren, machte
52
ich dem Zaren Nikolaus II. davon Mitteilung mit der Bemerkung,
ich würde zu Gegenmaßregeln ſchreiten müſſen, wenn der Zar ſeine
Verbündeten nicht von ſo provozierenden Schritten abhalte. Ruſ—
ſiſcher Miniſter des Auswärtigen war damals Fürſt Lobanow, früher
Botſchafter in Wien, wegen ſeiner Francophilie bekannt. Er weilte
im Sommer 1895 in Frankreich und war dort ſehr gefeiert worden.
Im Herbſt, als ich gerade im Jagdſchloß Hubertusſtock in der
Schorfheide bei Eberswalde weilte, meldete ſich Fürſt Lobanow auf
der Rückreiſe von Paris im Auftrage des Zaren zur Audienz bei
mir an. Bei ſeinem Empfang ſchilderte er die ruhige und vernünftige
Stimmung, die er in Paris konſtatiert habe, und ſuchte mich auch
über die oben erwähnten Truppendislokationen zu beruhigen, die nur
leeres Gerücht und Gerede ohne jeden poſitiven Anhalt ſeien. Er
bringe die beruhigendſten Verſicherungen mit, ich brauche gar keine
Angſt zu haben. Ich erwiderte ihm mit beſtem Dank für die Mit-
teilung: Das Wort „Angft” käme im Wörterbuch des deutſchen
Offiziers nicht vor. Wenn Frankreich und Rußland Krieg machen
wollten, könnte ich es nicht hindern. Worauf der Fürſt mit frommem
Augenaufſchlag gen Himmel blickend das Kreuz ſchlug und ſagte:
„Oh la guerre? quelle idee, qui y pense, celà ne doit pas èëtre!“
Ich ſagte darauf: Ich denke gewiß nicht daran, aber für einen Be—
obachter, der nicht einmal ſehr ſcharfſinnig zu ſein brauche, böten
die andauernden Feiern und Reden, ſowie offiziellen und inoffiziellen
Beſuche zwiſchen Paris und Petersburg doch gewiſſe Symptome,
die nicht unbeachtet bleiben könnten und in Deutſchland ſehr ver—
ſtimmten. Sollte es gegen meinen und meines Volkes Willen zum
Kriege kommen, ſo hätte ich das Vertrauen zu meinem Gott, wie
zum deutſchen Heer und Volk, daß Deutſchland mit beiden Gegnern
fertig werden würde.
*) „Oh, Krieg? Welche Vorſtellung! Wer denkt denn daran! Das darf
nicht fein!”
53
Ich fügte noch einen mir aus Paris gemeldeten Ausſpruch hin—
zu, den ein ruſſiſcher Offizier, der als Mitglied einer Offiziers
deputation in Frankreich weilte, geäußert hatte. Auf die Frage
eines franzöſiſchen Kameraden, ob die Ruſſen ſich auch getrauten,
die Deutſchen zu ſchlagen, antwortete der brave Slawe: „Non, mon
ami, nous serons battus à plate couture, mais qu’est-ce que ga
fait? Nous aurons alors aussi la republique.”*) Der Fürſt ſah
mich erſt wortlos an, dann zuckte er mit den Achſeln: „Oh la guerre,
il ne faut pas mème y penser.“ **) Der Offizier hatte nur das
geſagt, was die allgemeine Anſicht der ruſſiſchen Intelligenz und
Geſellſchaft war. Schon bei meinem erſten Aufenthalt in Peters—
burg im Anfang der 8Oer Jahre ſagte mir eine Großfürſtin bei
Tiſch in aller Gemütsruhe: „Man ſitzt hier permanent auf einem
Vulkan, man erwartet die Revolution jeden Tag! Die Slawen
ſind nicht treu und keine Monarchiſten, ſie ſind alle Republikaner
im Innern und verſtellen ſich und lügen alle und immer.“
Drei größere Ereigniſſe, die mit der äußeren Politik zuſammen—
hingen, fielen in die Zeit des Fürſten Hohenlohe: 1895 die Eröff—
nung des unter Kaiſer Wilhelm dem Großen begonnenen Kaiſer
Wilhelm-Kanals (Nord-Oſtſee-Kanal), zu der als Vertreter Ge—
ſchwader oder Schiffe der ganzen Welt geladen wurden, 1897 die
Erwerbung von Tſingtau, zum dritten die vielumſtrittene Krüger—
depeſche.
Bei der Erwerbung von Tſingtau hat Fürſt Hohenlohe be—
ſonderen Anteil genommen. Auch er war der Anſicht, daß Deutſch—
land für ſeine Schiffe notwendig eigene Kohlenſtationen brauche,
und daß das Drängen der Handelskreiſe, die Gelegenheit der Auf—
ſchließung Chinas für den internationalen Handel nicht vorübergehen
*) „Nein, mein Freund, wir werden gänzlich geſchlagen werden, aber was
macht das? Wir werden dann auch die Republik bekommen.“
*) „Oh, Krieg! Daran darf man nicht einmal denken!“
>4
zu laſſen, berechtigt ſei. Es follte unter Wahrung der chineſiſchen
Reichshoheit und Bezahlung des Likins ein Handelsplatz mit mari⸗
timer Kohlenſtation als Schutz gegründet werden, wobei China die
größtmögliche Mitwirkung zugedacht war. Die Station ſollte vor
allem dem Handel zugute kommen, der militäriſche Teil nur den
Schutz für die Entwicklung der Handelsſtadt gewähren, nicht aber
Selbſtzweck oder Baſis für weitergehende militäriſche Unternehmungen
werden. ö
Es waren ſchon verſchiedene Plätze ins Auge gefaßt worden, die
ſich aber bei näherer Betrachtung als nicht geeignet erwieſen, zu⸗
meiſt, weil ſie ſchlechte oder gar keine Verbindung mit dem Hinter⸗
land beſaßen, handelspolitiſch nicht ausſichtsreich oder nicht frei von
fremden Vorrechten waren. Auf Grund der Berichte des Admirals
Tirpitz, der damals Chef der oſtaſiatiſchen Kreuzerdiviſion war, und
des Urteils des Geographen Freiherrn v. Richthofen, der auf eine
Anfrage hin ein vielverſprechendes Bild der Entwicklungsmöglichkeit
in Shantung gegeben hatte, einigte man ſich ſchließlich auf die Grün—
dung einer Niederlaſſung in der Bucht von Kiau-Tſchou.
Es wurden nun ſeitens des Kanzlers Orientierungen eingezogen
über die politiſchen Fragen, die dabei auftauchten und zu berück—
ſichtigen waren. Insbeſondere galt es, Rußland nicht in die Quere
zu kommen oder zu ſtören. Auch bei unſerer oſtaſiatiſchen Divifion
wurden weitere Erkundigungen angeordnet. Von ihr liefen gute
Meldungen ein über Ankergrund und Eisfreiheit der Bucht von
Kiau⸗Tſchou und über die Ausſichten eines etwa dort zu gründenden
Hafenplatzes. Bei dem Verkehr mit der ruſſiſchen Chinadiviſion war
aus Geſprächen der Führer miteinander bekannt geworden, daß der
ruſſiſche Admiral auf Befehl ſeiner Regierung einen Winter in der
Bucht geankert, dieſe aber ſo öde und entſetzlich einſam gefunden
habe — es gab keine Teehäuſer mit japaniſchen Geiſhas, die von
den Ruſſen als für den Winteraufenthalt unbedingt nötig angeſehen
>
wurden —, daß das ruſſiſche Geſchwader niemals wieder dorthin
gehen werde. Auch habe der ruſſiſche Admiral ſeiner Regierung auf
das dringendſte abgeraten, die Idee, ſich in dieſer Bucht feſtzuſetzen,
weiter zu verfolgen, weil dort abſolut nichts zu holen ſei. Alſo die
Ruſſen hätten dort keine Abſichten.
Dieſe letzte Auskunft traf ziemlich gleichzeitig mit der Antwort
des ruſſiſchen Außenminiſters Grafen Muraview an den deutſchen
Botſchafter auf die vom Kanzler veranlaßten Sondierungen ein.
Muraview ließ wiſſen, Rußland habe zwar keine direkten vertrag—
lichen Anſprüche auf die Bucht durch Abkommen mit China, es
erhebe jedoch Beſitzanſpruch auf Grund des „droit du premier
mouillage“ (Recht der erſten Ankerung), weil die ruſſiſchen Schiffe
dort zu allererſt vor anderen Flotten geankert hätten. Dieſe Antwort
ſtand alſo im Gegenſatz zu dem Bericht unſerer oſtaſiatiſchen Diviſion
über die Außerungen des ruſſiſchen Admirals.
Als ich mit Hollmann beim Kanzler zuſammen kam, um dieſe
Antwort zu diskutieren, begleitete der Fürſt deren Verleſung mit
feinem feinen ironifchen Lächeln und fügte ſodann hinzu, er habe im
Auswärtigen Amt keinen Juriſten finden können, der ihm über dieſe
wunderliche Behauptung hätte Auskunft erteilen können, ob die
Marine vielleicht dazu in der Lage ſei? Admiral Hollmann erklärte
auf Grund ſeiner Erfahrung im Auslandsdienſt, daß er niemals
etwas davon gehört habe, das ſei Unſinn und eine Erfindung Mura—
view's, der nur nicht wolle, daß ein anderes Volk ſich dort etabliere.
Ich empfahl, um die Frage zu klären, den damals noch lebenden
berühmteſten Kenner des internationalen Seerechts, Geheimen Ad—
miralitätsrat Perels, eine anerkannte Autorität auf dieſem Gebiet, zu
einem Gutachten aufzufordern. Das geſchah. Das Gutachten
lautete vernichtend für Muraview's Anſicht, beſtätigte die Hollmanns
und räumte mit der Legende vom „droit du premier mouillage“
gründlich auf.
56
So gingen die Monate hin, und mein Beſuch in Peterhof im
Auguſt 1897 ſtand bevor. In Übereinſtimmung mit dem fürſtlichen
Oheim beſchloß ich, mit dem Zaren perſönlich und offen die ganze
Frage zu beſprechen, und wenn möglich den Muraviewſchen Noten
und Ausflüchten ein Ende zu bereiten. Die Ausſprache fand in
Peterhof ſtatt. Der Zar erklärte, er habe an den Landesteilen ſüd—
lich der Linie Tientſin-Peking kein Intereſſe, alſo ſei kein Grund für
ihn vorhanden, uns in Shantung Hinderniſſe zu bereiten. Sein
Intereſſe konzentriere ſich auf die Landesteile am Balu, Port Arthur
ufw., nachdem die Engländer ihm in Mokpo Schwierigkeiten ge—
macht hätten. Er werde ſich ſogar freuen, wenn Deutſchland in
Zukunft auf der andern Seite des Golfes von Tſchili als Ruß—
lands gern geſehener Nachbar erſcheine. Nachher hatte ich ein Ge—
ſpräch mit Muraview. Er wandte alle ſeine Tricks an, drehte und
wendete ſich und brachte endlich fein berühmtes „droit du premier
mouillage“ vor. Ich hatte bloß auf dieſen Augenblick gewartet und
ging nun meinerſeits zur Offenſive über, indem ich ihm gründlich
mit dem Perelsſchen Gutachten zu Leibe rückte. Als ich ihm ſchließ—
lich, wie der Zar es gewünſcht hatte, das Ergebnis des Geſprächs
der beiden Souveräne mitteilte, wurde der Diplomat noch mehr be—
treten, verlor ſeine gekünſtelte Ruhe und kapitulierte.
So war der Boden politiſch vorbereitet. Im Herbſt kam die
Nachricht des Biſchofs Anzer über die Ermordung der beiden deut—
ſchen katholiſchen Miſſionare in Shantung. Die ganze deutſche
katholiſche Welt, beſonders die „Kolonialen“ in der Zentrumspartei,
verlangte energiſche Maßnahmen. Der Kanzler ſchlug mir ſofortiges
Einſchreiten vor. Auf der Winterjagd in Letzlingen beriet ich in
einem der kleinen Türme des Schloſſes mit ihm die zu ergreifenden
Schritte. Der Fürſt machte den Vorſchlag, den anweſenden Prinzen
Heinrich von Preußen mit dem Kommando des zur Verſtärkung der
oſtaſiatiſchen Diviſion hinauszuſendenden Geſchwaders zu betrauen.
57
Ich machte meinem Bruder hiervon in Gegenwart des Kanzlers
Mitteilung. Der Prinz und die anweſenden Herren waren hoch—
erfreut. Der Kanzler ſandte die Mitteilung an das Auswärtige
Amt und an den auf Reiſen befindlichen neuen Staatsſekretär des
Außeren, Herrn v. Bülow.
Im November 1897 wurde Kiau-Tſchou beſetzt. Im Dezember
des Jahres ging Prinz Heinrich mit ſeiner Diviſion an Bord der
„Deutſchland“ nach Oſtaſien hinaus, wo er ſpäter das Kommando
über das geſamte oſtaſiatiſche Geſchwader übernahm. Am 6. März 1898
wurde der Pachtvertrag über Kiau-Tſchou mit China unterzeichnet.
Zur ſelben Zeit regte Mr. Chamberlain in London beim japanifchen
Geſandten Baron Kato den Gedanken des Abſchluſſes eines engliſch—
japaniſchen Bündniſſes an, um dem Vordringen Rußlands im Oſten
einen Riegel vorzuſchieben.
Man wird naturgemäß fragen, warum bei unſerem kühnen Vor—
gehen nicht auch von England die Rede iſt, das doch weſentlich daran
intereſſiert war. Aber ein Vorſpiel mit England war bereits vor—
ausgegangen. Ich hatte, um dem Mangel an deutſchen Kohlen—
ſtationen abzuhelfen, die Abſicht gehabt, ſolche möglichſt im Einver—
ſtändnis mit England zu gründen, zu pachten oder käuflich zu er—
werben. Da mein Oheim der Kanzler, als Hohenlohe ein Ver—
wandter der Königin Victoria, Ihrer Majeſtät von früher her
perſönlich bekannt und von ihr ſehr geſchätzt war, ſo erhoffte ich hier—
von einige Erleichterung in den Verhandlungen, die zu dem er—
wähnten Zweck mit der engliſchen Regierung geführt wurden. Dieſe
Hoffnung erwies ſich als trügeriſch. Die Verhandlungen zogen ſich
in die Länge, ohne Ausſicht auf erfolgreichen Abſchluß zu bieten.
Ich nahm daher auf Wunſch des Kanzlers Veranlaſſung, die
Angelegenheit mit dem engliſchen Botſchafter in Berlin durchzu—
ſprechen. Ich beklagte mich über die Behandlung ſeitens der eng—
liſchen Regierung, die ſich überall ſelbſt den berechtigtſten deutſchen
58
Wünſchen entgegenftellte. Der Botſchafter gab dies unumwunden
zu und äußerte ſein Erſtaunen darüber, daß man in England ſo
wenig entgegenkommend und ſo kurzſichtig ſei. Denn wenn eine junge
aufſtrebende Nation wie Deutſchland, deren Entwicklung doch nicht
aufzuhalten ſei, ſtatt friſchweg zuzugreifen oder ſich mit andern
Nationen zu verbinden, ſich direkt an England wende, um mit deſſen
Einverſtändnis Erwerbungen vorzunehmen, ſo ſei das eigentlich ſchon
mehr, als England verlangen könne. Und, da England faſt ſchon
die ganze Welt gehöre, könne es doch wohl eine Stelle finden, wo
es Deutſchland geſtatte, ſich eine Station zu etablieren. Er verſtehe
die Herren in Downingſtreet nicht. Wenn Deutſchland die Anlagen
nicht mit Englands Beiſtand erhalte, werde es ſich vorausſichtlich
ſelbſtändig geeignete Stellen nehmen, denn irgendein Recht, es daran
zu hindern, gäbe es ſchließlich nicht.
Ich betonte, daß dies durchaus meine Auffaſſung ſei, und faßte
zum Schluß dem Botſchafter gegenüber meinen Standpunkt noch—
mals dahin zuſammen: Deutſchland ſei das einzige Land der Welt,
das trotz feinem Kolonialbeſitz und feinem ſich raſch ausdehnenden
Handel noch keine Kohlenſtationen habe. Wir wollten ſolche gern
im Einvernehmen mit England erwerben. Weigere ſich England,
Verſtändnis für unſere Lage und Entgegenkommen zu zeigen, ſo
müßten wir uns an eine andere Großmacht wenden, um mit deren
Hilfe Niederlaſſungen zu gründen. Auch dieſes Geſpräch nutzte
nichts. Schließlich wurden die Verhandlungen von England in
ziemlich unhöflicher Form ohne Reſultat abgebrochen. Daraufhin
entſchloſſen ſich der Kanzler und ich, uns an Rußland zu wenden.
Die Beſetzung von Kiau-Tſchou löſte bei der engliſchen Regie—
rung Überraſchung und Ärger aus. Sie hatte bei ihrer Ablehnung
beſtimmt darauf gerechnet, daß niemand Deutſchland zum Ziele helfen
werde. Nun war es anders gekommen, und Rekriminationen aus
London blieben nicht aus. Als der engliſche Botfchafter dieſen Aus—
59
druck verlieh, wurde er auf das Geſpräch mit mir hingewieſen, und
es wurde ihm klar gemacht, daß es allein die Schuld ſeiner Regie—
rung war, wenn es zu keinem Arrangement mit Deutſchland ge—
kommen ſei. —
Die ablehnende Haltung Englands hat uns damals befremdet.
Ein Vorgang, der mir zu jener Zeit noch nicht bekannt geweſen iſt,
dürfte geeignet ſein, jetzt Licht in die Angelegenheit zu bringen. In
einer Publikation „The Problem of Japan“ ), die im Jahre 1918
anonym im Haag erſchienen iſt und von einem „Exdiplomaten aus
dem fernen Oſten“ geſchrieben ſein ſoll, wird ein Auszug aus einem
Werke des Profeſſors der Geſchichte an der Waſhington Univerſität in
St. Louis, Roland Uſher, veröffentlicht. Uſher iſt, ebenſo wie fein
früherer Kollege, Profeſſor John Baſſett Moore von der Columbia—
Univerſität in New Vork, des öfteren vom State Department in
Waſhington als Ratgeber auf dem Gebiete auswärtiger Beziehungen
herangezogen worden, da er wie wenige Männer in Amerika eine
eingehende Kenntnis der internationalen Fragen, die auf die Ver—
einigten Staaten Bezug haben, beſitzt. Profeſſor Uſher hat in ſeinem
1913 erſchienenen Werke zum erſten Male das Vorhandenſein und
den Inhalt eines „Agreement“ oder „Treaty“ (Abkommen oder
Vertrag) geheimer Natur zwiſchen England, Amerika und Frank—
reich aus dem Frühjahr 1897 bekannt gegeben. In dieſem Agree—
ment war vereinbart, daß, falls Deutſchland oder Oſterreich oder
beide einen Krieg um des „Pangermanismus“ (Alldeutſchtums)
willen beginnen würden, die Vereinigten Staaten ſich ſofort für Eng—
land und Frankreich erklären und alle Kräfte aufbieten ſollten, dieſen
beiden Mächten beizuſtehen. Profeſſor Uſher führt des längeren alle
Gründe, auch kolonialer Natur an, die es für die Vereinigten Staaten
zwingend machten, ſich unbedingt auf ſeiten Englands und Frank—
*) Deutſche Ausgabe: „Das Problem Japans“. Leipzig 1920 (K. F. Koehler).
60
reichs an einem Kriege gegen Deutſchland zu beteiligen, den Profeſſor
Uſher 1913 als bald bevorſtehend vorausſagt!!
Der ungenannte Verfaſſer von „The Problem of Japan“ hat ſich
der Mühe unterzogen, die Abmachungen zwiſchen England, Frankreich
und Amerika von 1897 tabellarifch zu rubrizieren und dadurch das
Maß der gegenſeitigen Verpflichtungen in greifbarer Geſtalt darzu—
legen. Das Kapitel“) iſt außerordentlich leſenswert und gibt einen
guten Einblick in die Vorgeſchichte und die Vorbereitung des
Weltkrieges ſeitens der „Entente“, die ſich damals ſchon gegen
Deutſchland vereinigte, wenn fie auch noch nicht unter dem Namen
Entente cordiale auftrat. Der Exdiplomat bemerkt hierzu: „Hier
hat man einen Vertrag, von dem Profeſſor Uſher behauptet, er fei
ſchon Anno 1897 geſchloſſen worden, in welchem jede Phaſe der An—
teilnahme und Betätigung Englands, Frankreichs und Amerikas bei
zukünftigen Ereigniſſen ſchon vorgeſehen iſt, einſchließlich der Er—
oberung der ſpaniſchen Kolonien, der Kontrolle über Mexiko und
Zentralamerika, der Offnung Chinas und der Annexion von Kohlen—
ſtationen. Profeſſor Uſher will uns nun glauben machen, daß alle
dieſe Maßnahmen getroffen wurden, um die Welt vor dem Pan—
germanismus’ zu ſchützen.“
„Es iſt überflüſſig,“ fährt der Exdiplomat fort, „Profeſſor Uſher
daran zu erinnern, daß, wenn wir wirklich annehmen wollen, daß
das Geſpenſt des „Pangermanismus“ überhaupt exiſtiert, doch 1897
beſtimmt noch niemand etwas davon gehört hatte — denn zu dieſer
Zeit hatte Deutſchland noch nicht einmal ſein großes Flottenprogramm
aufgeſtellt, das überhaupt erſt 1898 verlautbart wurde. Wenn es
alſo wahr iſt, daß England, Frankreich und die Vereinigten Staaten
die gemeinſamen Pläne hegten, die Profeſſor Uſher ihnen nachſagt,
und daß ſie ein Bündnis zu deren Durchführung ſchloſſen, ſo wird
) In der deutſchen Ausgabe S. 91-106.
61
es kaum angehen, die Konzeption zu dieſem Gedanken und den An—
trieb zu ſeiner Durchführung einem ſo ſchwachen Vorwand wie dem
Aufkommen des ‚Pangermanismus“ zuzuſchreiben.“ Soweit der
Exdiplomat.
Man muß ſtaunen. Ein direkter Aufteilungsvertrag gegen
Spanien, Deutſchland uſw. wird von Galliern und Angelſachſen im
tiefſten Frieden bis in die Details geregelt, abgeſchloſſen, ohne jede
Gewiſſensbiſſe, zum Zwecke Deutſchland-Oſterreich zu zertrümmern
und ihre Konkurrenz vom Weltmarkt auszuſchließen! 17 Jahre
vor Beginn des Weltkrieges iſt dieſer Vertrag von den vereinigten
Gallo-Angelſachſen geſchloſſen und ſein Ziel ſyſtematiſch durch dieſe
ganze Zeitperiode hindurch vorbereitet worden! Nun begreift man
auch die Leichtigkeit, mit der König Eduard VII. feine Einkreiſungs—
politik betreiben konnte, die Hauptakteure waren ſchon lange einig
und bereit. Als er den Pakt „Entente cordiale“ taufte, war dieſe
Erſcheinung für die Welt, zumal für die deutſche, ein unangenehmes
Novum, für drüben war es nur die offizielle Anerkennung der dort
längſt bekannten Tatſachen.
Angeſichts dieſes Agreements verſteht man nun auch den Wider—
ſtand Englands im Jahre 1897 gegen ein Abkommen mit Deutſch—
land über Kohlenſtationen und den Ärger darüber, daß es Deutſch—
land mit ruſſiſchem Einverſtändnis gelungen war, feſten Fuß in
China zu faſſen, über deſſen Ausnutzung ohne Deutſchlands Wit—
wirkung man ſich eben zu dritt geeinigt hatte. Uſher hat aus der
Schule geplaudert und ſchlagend bewieſen, bei wem die Schuld
am Weltkrieg wirklich liegt. Es iſt der gegen Deutſchland ge—
richtete Vertrag — „Gentleman's agreement“ zuweilen genannt —
vom Frühjahr 1897, der die Grundlage, den Ausgangspunkt bildet
und von den Ententeländern durch 17 Jahre ſyſtematiſch ausgebildet
wurde. Als es ihnen gelungen war, auch Rußland und Japan für
ſich zu gewinnen, ſchlugen ſie los, nachdem Serbien den Mord von
62
Seraſewo infzeniert und damit die Lunte in das ſorgfältig gefüllte
Pulverfaß geſchleudert hatte.
Profeſſor Uſher's Mitteilungen bedeuten aber auch eine glatte Ab—
fertigung für alle die Leute, die während des Krieges in einzelnen
militäriſchen Handlungen ſeitens Deutſchlands, wie z. B. dem
Luſitaniafall, der Verſchärfung des U-Bootkrieges uſw., den Grund
für die Teilnahme der Vereinigten Staaten am Kriege ſuchen zu
müſſen glaubten. Nichts von alledem iſt richtig. Das füngſt er—
ſchienene vortreffliche Buch von John Kenneth Turner „Shall it be
again?“ weiſt auf Grund überzeugenden Beweismaterials nach, daß
Wilſons angebliche Kriegsgründe und Ziele nicht die wirklichen ge—
weſen ſind. Amerika — oder richtiger ſein Präſident Wilſon — war
wohl von Anfang an, jedenfalls ſeit 1915, entſchloſſen, gegen Deutſch—
land Stellung zu nehmen und zu fechten. Das letztere tat es unter
dem Vorwand des U-Bootkrieges, in Wirklichkeit unter dem Einfluß
mächtiger Finanzgruppen und auf das Drängen und Bitten ſeines
Partners Frankreich, deſſen Menſchenmaterial ſich mehr und mehr
erſchöpfte. Amerika wollte das geſchwächte Frankreich nicht allein
mit England laſſen, deſſen Annexionsgelüſte auf Calais, Dünkirchen
uſw. ihm wohlbekannt waren. —
Für Deutſchland iſt es verhängnisvoll geweſen — das ſei hier
im allgemeinen eingeſchaltet —, daß unſer Auswärtiges Amt der
großzügigen Einkreiſungspolitik Englands und der Verſchlagenheit
Rußlands und Frankreichs keine ebenbürtige diplomatiſche Kunſt ent—
gegen zu ſtellen verſtanden hat. Zum Teil war das eine Folge da—
von, daß es unter Fürſt Bismarck nicht eigentlich geſchult worden
und infolgedeſſen, als nach des Fürſten und Graf Herberts Abgang
der alles beherrſchende Wille und Geiſt fehlte, der Aufgabe, nun
ſelbſtändig die äußere Politik zu führen, nicht recht gewachſen war.
Es iſt aber in Deutfchland überhaupt ſchwer, einen guten diplo—
matiſchen Nachwuchs heranzuziehen. Denn es fehlt unſerem Volk
63
der Sinn und die Begabung für Diplomatie, die fih nur in ein-
zelnen Geiſtern, wie Friedrich dem Großen und Bismarck, glänzend
gezeigt hat. Ungünſtig für das Auswärtige Amt war auch der im
Laufe der Jahre reichlich häufige Wechſel der Staatsſekretäre. Die
jeweiligen Reichskanzler behielten, nach dem Muſter Bismarcks, die
Einwirkung auf das Auswärtige Amt und ſchlugen die Staats—
ſekretäre vor, die es leiten ſollten. Ich habe den hierauf bezüglichen
Anträgen der Reichskanzler Rechnung getragen, da ich ihnen das
Recht zuerkannte, ihre erſten Mitarbeiter auf dem Gebiete der aus—
wärtigen Politik ſelbſt zu wählen. Daß der hiermit verbundene
häufige Wechſel für die Kontinuität in der Politik nicht förderlich
ſein konnte, war ein Nachteil, der in Kauf genommen werden mußte.
Im Auswärtigen Amt herrſchte vielfach der Grundſatz „nur
keine unliebſamen Störungen mit anderen Mächten!“, „surtout pas
d'histoires!“ ), wie der franzöſiſche General einer Kompagnie ſagte,
von der ihm gemeldet wurde, ſie habe meutern wollen. Einer der
Staatsſekretäre ſagte mir einmal bei einem Vortrage, als er auf
die ſcheinbar bedenkliche Lage in einer äußeren Frage von mir hin—
gewieſen wurde: Das müſſe ſich wieder zurecht ziehen, für das
Auswärtige Amt komme vor allem der Grundſatz in Betracht: „Nur
Ruhe!“ Aus dieſer Anſchauung iſt auch die Antwort zu verſtehen,
die der deutſche Vertreter in einer ſüdamerikaniſchen Republik einem
deutſchen Kaufmann erteilte, der ſich bei ihm Hilfe und Fürſprache
erbat, weil ihm ſein Laden geplündert und ſein Vermögen geſtohlen
worden ſei: „Ach laſſen Sie mich doch mit dieſen Sachen ungeſchoren.
Wir haben eben ſo gute Beziehungen mit der Republik etabliert, die
werden ja durch eine Aktion für Sie nur geſtört.“ Es bedarf kaum
der Erwähnung, daß ich — wo immer mir eine derartige Auffaſſung
zur Kenntnis gekommen iſt — den Betreffenden aus ſeiner Stellung
entfernt habe. ö
*) ‚Nur keine Geſchichten!“
64
Das Auswärtige Amt hat fih im Volke wie im Heere all—
gemeiner Unbeliebtheit erfreut. Ich habe wiederholt bei verſchiedenen
Kanzlern eine gründliche Reform angeregt. Aber vergebens. Jeder
neue Kanzler, zumal wenn er nicht ſelbſt aus dem Auswärtigen
Dienſte kam, brauchte das Auswärtige Amt, um ſich in die äußere
Politik einzuarbeiten. Das erforderte erſt einmal Zeit. Hatte er
ſich aber eingearbeitet, dann war er der Behörde zu Dank verpflichtet
Ind ſcheute ſich, mit anderen Arbeiten überbürdet und auch aus
Mangel an eingehender Perſonalkenntnis, durchgreifende Verände—
rungen vorzunehmen, zumal er doch immer noch des Rates der
„Orientierten“ zu bedürfen glaubte. _
Doch kehren wir noch einmal zu Tſingtau zurück. Hier war
alles auf die Belebung von Handel und Induſtrie zugeſchnitten, und
alles wurde gemeinſam mit den Chineſen geſchaffen, wie auch die
Flagge des chineſiſchen Reiches über der Zollbehörde in Tſingtau
wehte. Die Entwicklung war derart, daß der Ort in den letzten
Jahren vor dem Kriege im Handelsregiſter der großen chineſiſchen
Kaufmanns⸗ und der Handelsgilde gleich hinter Tientſin an ſechſter
Stelle unter allen chineſiſchen Handelsplätzen ſtand. Tſingtau war
eine aufblühende deutſche Handelskolonie, von den Chineſen geſchätzt
und bewundert, und viele Chineſen wirkten in ihr mit. Es war
gewiſſermaßen ein großes Muſterlager deutſchen Könnens und deutſcher
Leiſtungen zur Auswahl und Nacheiferung für die Chineſen, die
Deutſchland, feine Leiſtungsfähigkeit und Produkte vorher nicht ge—
kannt hatten, ein Gegenſatz zu den rein militäriſchen, auf Beherrſchung
und Eroberung gerichteten Flottenbaſen Rußlands und Englands.
Das ſchnelle Aufblühen Tſingtaus als Handelsplatz hat den Neid
der Japaner und Engländer erregt, wenn letztere es ſich auch nicht
nehmen ließen, in Scharen mit ihren Familien den herrlichen Strand,
die kühle Luft und das ſchöne Strandhotel der Kolonie aufzuſuchen
und ſich hier dem Polo und Lawntennis zu widmen, nachdem fie
5 Kaiſer Wilhelm II. 65
der Hitze Hongkongs, Kantons und Shanghais entflohen waren.
Aus Neid verlangte England 1914, Japan ſolle Tſingtau nehmen
— obgleich es de facto chineſiſch war. Japan tat es mit Freuden
unter dem Verſprechen der Rückgabe an China. Aber dieſe iſt erſt
nach langem Drängen Anfang 1922 erfolgt, trotzdem Japan mit
Amerika vereinbart hatte, daß es, ohne Waſhington vorher zu kon—
ſultieren, keine territorialen Veränderungen in China vornehmen
dürfe. Damit iſt ein großes deutſches Kulturwerk im Ausland, das
vorbildlich für die Art und Weiſe war, wie ein Kulturland einer
anderen Nation die Vorteile ſeiner Kultur zeigen und mitteilen kann,
durch engliſchen Handelsneid vernichtet worden. England wird es
einſtmals, wenn Hongkong denſelben Weg gegangen ſein wird, be—
reuen und ſich bittere Vorwürfe machen, daß es ſeinen alten Grund—
ſatz, nach dem es ſo lange mit Vorteil gehandelt hat, verließ:
„White man together against coloured man!“ “) Wenn Japan
erſt ſeine Parole „Aſien für die Aſiaten“ verwirklicht und China und
Indien unter ſeine Botmäßigkeit gebracht haben wird, dann wird
England ſich noch nach Deutſchland und ſeiner Flotte umſehen.
Über die „Gelbe Gefahr' iſt es ſpäter, nach dem ruſſiſch-ja—
paniſchen Kriege, bei einer Begegnung mit dem Zaren zu folgen—
der Unterhaltung gekommen. Der Zar ſtand damals ſichtlich unter
dem Eindruck der wachſenden japaniſchen Macht und der von ihr
ausgehenden Bedrohung Rußlands und Europas, und bat mich um
meine Meinung darüber. Ich antwortete ihm: Wenn die Ruſſen ſich
zu den kultivierten Mächten Europas zählten, müßten ſie auch deren
Schutz gegen die „Gelbe Gefahr“ zu übernehmen bereit fein und für
und mit Europa fechten für ihre und ſeine Exiſtenz und Kultur.
Fühlten ſich dagegen die Ruſſen als Aſiaten, ſo würden ſie ſich mit
der „Gelben Gefahr“ verbinden und gemeinſam mit ihr über Europa
*) „Die weißen Völker immer zuſammen gegenüber den farbigen!”
66
herfallen. Danach müſſe der Zar feine Landesverteidigung und fein
Heerweſen einrichten. Auf die Frage des Zaren, was ich denn er—
warte, daß die Ruſſen tun würden, erwiderte ich: „Das zweite.“
Der Zar war entrüſtet und wünſchte ſofort zu wiſſen, auf welche
Tatſachen ſich dieſes Urteil gründe. Meine Antwort lautete: Auf
die Tatſachen des Eiſenbahnbaues und des Aufmarſches des ruſſiſchen
Heeres an der preußiſch-öſterreichiſchen Grenze. Darauf proteſtierte
der Zar: Er und ſein Haus ſeien Europäer, und ſein Land und ſeine
Ruſſen würden gewiß zu Europa halten, und es werde ihm eine
Ehrenpflicht ſein, dieſes vor den „Gelben“ zu beſchirmen. Ich be—
merkte darauf, wenn er ſo ſtände, dann müſſe er ungeſäumt ſeine
militäriſchen Vorbereitungen dementſprechend treffen. Dazu ſchwieg
der Zar.
Jedenfalls habe ich die Beſorgniſſe des Zaren Nikolaus II. vor
der wachſenden japaniſchen Macht für Deutſchland und für die ge—
ſamte europäiſche Kultur auszuwerten geſucht. Rußland iſt trotz
dem Zuſammengehen mit Japan als erſter der am Kriege beteiligten
Staaten niedergebrochen.
Die klugen Staatsmänner in Japan, deren es gar manche gibt,
werden inzwiſchen wohl in einigem Zweifel darüber ſein, ob ſie ihr
Land im Weltkriege auf die richtige Seite geſtellt hatten. Ja, ſie
werden ſich vielleicht fragen, ob es für Japan nicht vorteilhafter ge—
weſen wäre, wenn es den Weltkrieg verhindert hätte. Das hätte
in ſeiner Macht gelegen, wenn es ſich ſtark und eindeutig auf die
Seite der Mittelmächte geſtellt hätte, von denen es in vergangener
Zeit ſo gern und viel gelernt hat. Hätte Japan rechtzeitig eine der—
artige Orientierung ſeiner Außenpolitik vorgenommen und ähnlich
wie Deutſchland mit friedlichen Mitteln um ſeinen Anteil an Handel
und Wandel in der Welt geworben, ſo hätte ich mit Freuden die
„Gelbe Gefahr“ in die Ecke geſtellt und die aufſtrebende Nation, „die
Preußen des Oſtens“, im Kreiſe aller friedfertigen Völker begrüßt.
55 67
Niemand bedauert mehr als ich, daß die „Gelbe Gefahr“ nicht ſchon
ihren Sinn verloren hatte, als die Kriſe von 1914 anbrach. Die
Erfahrungen des Weltkrieges können dieſen Wandel noch bringen.
Daß Deutſchland den Schritt Frankreichs und Rußlands in
Shimonoſeki mitgemacht hat, war durch die politiſche Lage Deutfch-
lands in Europa begründet. Eingekeilt zwiſchen dem aufmarſchie⸗
renden, Preußens Grenze bedrohenden Rußland und dem ſeine
Grenzen mit Forts und Feſtungsgruppen neuſtärkenden Frankreich,
die eine bündnisartige Freundſchaft gegen Deutſchland verband, ſah
man in Berlin mit Sorge der Zukunft entgegen. Die Rüſtungen
der beiden Mächte waren uns weit voraus und ihre Flotten viel
moderner und ſtärker, als die aus ein paar alten, kaum einen Ge—
fechtswert beſitzenden Schiffen beſtehende Deutſchlands. Somit ſchien
es uns ein Gebot der Klugheit, dem Vorſchlage dieſer ftarfen Gruppe
Folge zu leiſten, damit fie ſich nicht — im Falle unferer Ablehnung
— ſofort an England wandte und deſſen Zutritt erzielte. Das hätte
ſchon damals die Kombination von 1914 ergeben, der gegenüber
Deutſchland einen ſchweren Stand gehabt hätte. Japan hingegen
ſtand ſowieſo ſchon im Begriff, mit ſeinen Sympathien nach Eng⸗
land überzuſchwenken. Außerdem bot das Mitgehen Deutſchlands
mit der franco-ruſſiſchen Gruppe immerhin die Möglichkeit, infolge
der im fernen Oſten gemeinſam vertretenen Politik allmählich auch
in Europa zu einem vertrauensvolleren und weniger geſpannten
Verhältnis und Nebeneinanderleben mit den beiden Nachbarn zu
kommen. Unſere hier eingeſchlagene Politik bewegte ſich mithin auch
hier folgerichtig auf der Linie der Erhaltung des Weltfriedens. —
In der ganzen Frage von Kiau-Tſchou hat Fürſt Hohenlohe
trotz ſeinem hohen Alter eine Zielbewußtheit und eine Entſchlußkraft
an den Tag gelegt, die ihm hoch angerechnet werden müſſen. Leider
bat ihn feine Umſicht und fein ſonſt fo klarer Blick in der Angelegen—
heit der Krügerdepeſche im Stich gelaſſen, anders iſt ſein ſtarres
68
Feſthalten an ihrer Abſendung nicht zu verſtehen. Der Einfluß einer
fo energiſchen, der Rede mächtigen Perfonlichfeit, wie Herr v. Mar⸗
ſchall, der ehemalige Staatsanwalt, es war, mag wohl ein fo prä⸗
ponderanter, und die Sirenenklänge Herrn v. Holſteins mögen ſo
überzeugend geweſen ſein, daß der Fürſt ſich ihnen gefügt hat. Immer⸗
hin hat er ſeinem Lande einen ſchlechten Dienſt damit erwieſen und
mir ſowohl in England als auch im Inlande ſehr ſchweren Schaden
getan.
Da die ſogenannte Krügerdepeſche viel Aufſehen erregt und ſtarke
politiſche Nachwirkungen verurſacht hat, will ich ihre Geſchichte ein—
gehend ſchildern.
Der Jameſon-Einfall hatte in Deutſchland eine große, ſich ftet-
gernde Erregung ausgelöſt. Das deutſche Volk empörte ſich über
dieſen Verſuch der Vergewaltigung einer kleinen Nation, deren Ur⸗
ſprung niederländiſch, alſo auch niederſächſiſch⸗deutſch iſt, und die aus
völkiſch⸗verwandtſchaftlichen Gründen Sympathie bei uns genoß.
Mir machte dieſe heftige Erregung, die auch die höheren Kreiſe der
Geſellſchaft ergriff, wegen etwaiger Verwicklungen mit England
große Sorge. Ich war der Anſicht, daß man England, wenn es
die Burenſtaaten erobern wollte, daran nicht hindern könnte, obwohl
auch ich der Überzeugung war, daß dieſe Eroberung zu Unrecht ge⸗
ſchehe. Aber ich vermochte gegen jene Stimmung nicht aufzukommen
und wurde ſogar in meinem näheren Bekanntenkreiſe wegen meiner
Stellungnahme recht ablehnend beurteilt.
Als ich mich eines Tages zu einer Beſprechung bei meinem
Oheim dem Reichskanzler befand, bei der der Staatsſekretär des
Reichsmarineamts Admiral Hollmann zugegen war, erſchien plötzlich
in erregter Stimmung der Staatsſekretär Freiherr Marſchall mit
einem Blatt Papier in der Hand. Er erklärte, die Erregung im
Volke, ja auch im Reichstag ſei ſo gewachſen, daß es unumgäng⸗
lich nötig ſei, ihr nach außen hin Ausdruck zu geben. Das geſchehe
69
am beiten durch ein Telegramm an Krüger, zu dem er den Entwurf
in der Hand hielt. Ich ſprach mich dagegen aus und wurde darin
von Admiral Hollmann unterſtützt. Der Reichskanzler verhielt ſich
bei dieſer Debatte zunächſt paſſiv. Da ich die Unkenntnis der eng—
liſchen Volkspſyche ſeitens des Auswärtigen Amtes und des Frei—
herrn Marſchall kannte, verſuchte ich, dieſem die Folgen, die ein
ſolcher Schritt im engliſchen Volk auslöſen werde, klar zu machen,
auch hierbei ſekundierte mir Admiral Hollmann. Marſchall war
aber nicht zu überzeugen.
Da endlich ergriff der Reichskanzler das Wort und bemerkte,
daß ich mich als konſtitutioneller Herrſcher nicht in Gegenſatz zum
Volksbewußtſein und zu meinen verfaſſungsmäßigen Ratgebern ſtellen
dürfe. Sonſt drohe die Gefahr, daß die ſehr erregte Stimmung
des in ſeinem Gerechtigkeitsgefühl — auch ſeinem Witgefühl für die
Niederlande — ſtark getroffenen deutſchen Volkes über die Ufer
ſchlagen und ſich auch gegen mich perſönlich wenden werde. Schon
ſetzt ſeien Bemerkungen im Volke im Umlauf: Der Kaiſer ſei ja
doch ein halber Engländer und habe heimliche engliſche Sympathien,
er ſtehe ganz unter dem Einfluß ſeiner Großmutter, der Königin
Victoria, die „Onfelei” aus England müſſe endlich aufhören, der
Kaiſer müßte aus der engliſchen Vormundſchaft heraus uſw. Da—
her müſſe er, der Reichskanzler, wenn er auch die Berechtigung
meiner Einwürfe nicht verkenne, aus allgemeinem politiſchen Inter—
eſſe, wie vor allem im Intereſſe meines Verhältniſſes zu meinem
Volk, darauf beſtehen, daß ich das Telegramm unterzeichne. Er
wie Herr v. Marſchall als meine verfaſſungsmäßigen Berater über—
nähmen für das Telegramm und ſeine Konſequenzen die volle Ver—
antwortung.
Admiral Hollmann, vom Reichskanzler erſucht, ſeinen Standpunkt
zu teilen und auch ſeinerſeits mir gegenüber zu vertreten, lehnte dies
mit dem Bemerken ab, daß die angelſächſiſche Welt unbedingt den
70
Kaiſer mit dem Telegramm belaften werde, da man Seiner Maſe—
ſtät älterem Ratgeber eine ſolche Provokation niemals zutrauen,
ſondern fie als eine „impulfive” Handlung des „jugendlichen“ Kaiſers
deuten werde.
Darauf verſuchte auch ich nochmals, die Herren von ihrem Plan
abzubringen. Der Reichskanzler und Marfchall beſtanden aber dar—
auf, daß ich unterzeichne, unter Betonung ihrer Verantwortlichkeit
für die Folgen. Dieſen Vorſtellungen glaubte ich mich nicht ver—
ſagen zu ſollen. Ich unterſchrieb.
Den ganzen Vorgang hat mir Admiral Hollmann nicht lange
vor ſeinem Tode noch einmal mit allen Details, wie er hier ge—
ſchildert iſt, ins Gedächtnis zurückgerufen.
In einer Veröffentlichung des damaligen Vertreters der Times
Sir Valentine Chirol in den Times vom 11. Sept. 1920 erzählt
dieſer, daß Herr v. Marſchall ihm unmittelbar nach Abſendung der
Depeſche erklärt habe, die Depeſche gäbe nicht die perſönliche Auf—
faſſung des Kaiſers wieder, ſie ſei eine „Staats-Aktion“, für die
der Kanzler und er ſelbſt die volle Verantwortung trügen.
Nach der Veröffentlichung der Krügerdepeſche ging der Sturm
in England los, wie ich es vorausgeſagt hatte. Ich erhielt aus allen
Kreiſen Englands, zumal aus ariſtokratiſchen, auch von mir unbe—
kannten Damen der Geſellſchaft, eine wahre Flut von Briefen mit
allen denkbaren Vorwürfen, die ſogar vor perſönlichen Schmähungen
und Beleidigungen nicht halt machten. Angriffe und Verleumdungen
ſeitens der Preſſe ſetzten ein, und bald war die Legende von der
Entſtehung der Depeſche ſo feſtſtehend wie das Amen in der Kirche.
Hätte Marſchall ſeine zu Chirol geäußerte Darlegung des wirklichen
Sachverhalts auch im Reichstage kundgegeben, dann wäre ich perſönlich
nicht in ſolchem Maße in die Sache hineingezogen worden. —
Im Februar 1900, als der Burenkrieg im Gange war, erhielt
ich, während ich mich gerade nach der Vereidigung der Rekruten in
71
Wilhelmshaven mit der Flotte bei Helgoland zu Exerzitien der
Linienſchiffe befand, aus der Wilhelmſtraße via Helgoland die tele—
graphiſche Meldung, daß Rußland und Frankreich an Deutſchland
den Vorſchlag gerichtet hätten, jetzt, wo England engagiert ſei, ihm
gemeinſam in den Arm zu fallen und ſeinen Seeverkehr lahmzulegen.
Ich ſprach mich dagegen aus und befahl Ablehnung des Angebots.
Da ich annahm, daß Paris und Petersburg die Sache in Lon—
don ſo darſtellen würden, als ob Berlin den beiden Stellen jenen
Vorſchlag gemacht habe, telegraphierte ich ſofort von Helgoland aus
an die Königin Victoria und an den Prinzen von Wales (Edward)
das Faktum des franco-ruſſiſchen Angebots und feiner Ablehnung
durch mich. Die Königin erwiderte mit herzlichem Dank, der Prinz
von Wales mit dem Ausdruck ſeines Erſtaunens. Späterhin ließ
Ihre Majeſtät mich unter der Hand wiſſen, daß kurze Zeit nach
Eintreffen meines Helgoländer Telegramms über das Angebot von
Paris und Petersburg auch die von mir vorausgeſehene umgekehrte
Darſtellung in London wirklich eingetroffen war, und daß ſie froh
geweſen wäre, auf Grund meiner Mitteilung ihrer Regierung die
Intrigen aufdecken und ſie über die Loyalität der Haltung Deutſch—
lands beruhigen zu können, ſie werde mir den treuen Freundſchafts—
dienſt für England in ſchwerer Zeit nicht vergeſſen! —
Als Cecil Rhodes bei mir vorſprach, um die Durchführung
der Cape-to-Cairo-Railway and Telegraph-Line durch das Hinter—
land von Deutſch-Oſtafrika zu erwirken, wurden ſeine Wünſche, im
Einverſtändnis mit dem Auswärtigen Amt und dem Reichskanzler,
von mir bewilligt unter der Bedingung der Heranführung einer
Stichbahn über Tabora und des Gebrauchs deutſchen Materials im
deutſchen Gebiet. Beides wurde von Rhodes bereitwilligſt zugeſagt.
Er war dankbar für die Erfüllung ſeines Lieblingswunſches durch
Deutſchland, nachdem kurz zuvor König Leopold von Belgien ihn
mit ſeinem Geſuch abgewieſen hatte.
72
Rhodes war voller Bewunderung für Berlin und die gewaltigen
deutſchen Induſtrieanlagen, die er täglich beſuchte. Schließlich fagte
er: Er bedauere, nicht ſchon früher in Berlin geweſen zu ſein, um
die Kraft und Leiſtungsfähigkeit Deutſchlands kennen zu lernen und
Fühlung mit der Deutſchen Regierung und führenden Männern aus
den Handelskreiſen zu nehmen. Er habe bereits vor dem Jameſon—
Zuge nach Berlin kommen wollen, ſei aber damals in London daran
gehindert worden. Hätte er uns früher über ſeine Abſicht, die Er—
laubnis zur Durchführung der Cape: to-Cairo-Line ſowohl durchs
Burenland wie durch unſere Kolonien zu erwirken, orientieren können,
dann würde ihm die deutſche Regierung wahrſcheinlich durch Zureden
bei Krüger, der ſich nicht zur Erteilung jener Erlaubnis verſtehen
wollte, haben helfen können. Der „stupid Jameson -raid’ wäre
dann niemals gemacht, die Krügerdepeſche niemals geſchrieben wor-
den. Im übrigen ſetzte er hinzu: Die Krügerdepeſche ſei ganz be—
rechtigt geweſen! Er habe ſie mir gar nicht übel genommen. Da
man bei uns ja über den Zweck und die wirklichen Abſichten nicht
orientiert fein konnte, fo habe jener Vorſtoß wohl wie ein „act of
piracy“ ) ausgeſehen, und fo etwas hätte die Deutſchen natürlich
ganz mit Recht aufgeregt. Er habe nur den Geländeſtreifen für
ſeinen Schienenweg haben wollen — wie Deutſchland ihn eben in
ſeinem Hinterland konzediert habe —, dieſes Verlangen ſei nicht
unbillig geweſen und wäre ſicher von uns unterſtützt worden. Ich
ſolle mir übrigens über die Depeſche keine grauen Haare wachſen
laſſen und mich um das Geſchrei der engliſchen Preſſe nicht weiter
kümmern. — Rhodes kannte die Entſtehung der Krügerdepeſche nicht
und wollte mich als deren vermeintlichen Urheber tröſten.
Darauf empfahl mir Rhodes noch, die Bagdadbahn zu bauen
und Meſopotamien unter gleichzeitiger Bewäſſerung zu erſchließen.
*) „Naubzug,.
nt
>)
U
Das ſei Deutſchlands Aufgabe, fo wie die feinige die „Cape-to-
Cairo-Line“. Da die Durchführung der Linie durch unſer Gebiet
auch von der Überlaſſung der Samoa-Inſeln an uns abhängig
gemacht worden war, hat ſich Rhodes für deren Abtretung an uns
in London lebhaft eingeſetzt. —
In der inneren Politik hat Fürſt Hohenlohe als Kanzler eine
milde Hand walten laſſen, was dem allgemeinen Gefüge nicht dien—
lich geweſen iſt. Zum Vatikan hat er infolge feiner alten Bekannt—
ſchaft mit Herrn v. Hertling gute Beziehungen zu etablieren ver—
ſtanden. Seine Milde und Nachſicht wurde auch auf die Reichs—
lande, für die er als Sachverſtändiger von früher her beſonderes
Intereſſe hatte, übertragen. Es wurde ihm aber ſchlecht dafür ge—
dankt, denn das Franzoſentum, dadurch indirekt begünſtigt, gebärdete
ſich dort immer anmaßender. Fürſt Hohenlohe liebte Vermittlung,
Ausgleich und Verſöhnung als Wittel anzuwenden, auch den Sozia—
liſten gegenüber, oft bei Gelegenheiten, wo energiſches Eingreifen
beſſer am Platze geweſen wäre.
Meine Orientreiſe nach Stambul und Jeruſalem hat er lebhaft
begrüßt. Er war erfreut über die Feſtigung der Beziehungen zu
der Türkei und betrachtete das daraus reſultierende Projekt der
Bagdadbahn als ein Deutſchlands würdiges großes Kulturwerk.
Die Reiſe nach England 1899, die ich mit meiner Frau und
zwei Söhnen auf Wunſch der Königlichen Großmutter unternahm,
die bei ihrer zunehmenden Altersſchwäche ihren älteſten Enkel noch
einmal ſehen wollte, fand beim Kanzler die wärmſte Unterſtützung.
Er erhoffte von dieſer Reiſe einmal eine Abſchwächung der Folgen
des ſeinerzeit von ihm lanzierten Krügertelegramms, andererſeits die
Klärung wichtiger Fragen durch meine Ausſprache mit engliſchen
Staatsmännern. Die Königin hatte, um irgendwelchen Ungehörig—
keiten ſeitens der engliſchen Preſſe vorzubeugen, die durch den Buren—
krieg und die zum Teil unberechtigten Angriffe gewiſſer deutſcher
74
Blätter gereizt dementſprechend antwortete, den Verfaſſer des „Life
of Prince Consort“, Sir Theodore Martin, beauftragt, die eng-
liſche Preſſe von dem Wunſche Ihrer Majeftät zu unterrichten, daß
dem Kaiſerlichen Enkel ein würdiger und freundlicher Empfang zu—
teil werde. Das iſt auch geſchehen. Der Beſuch verlief harmoniſch
und befriedigte nach jeder Richtung. Ich hatte mit den verſchiedenen
führenden Männern wichtige Ausſprachen.
Die Krügerdepeſche iſt in der ganzen Zeit des Beſuches nicht
einmal zur Erwähnung gekommen. Hingegen hat die Königliche
Großmutter ihrem Enkel nicht verſchwiegen, wie unſympathiſch ihr
der Burenkrieg geweſen iſt. Sie machte aus ihrer Mißbilligung und
Abneigung gegen Mr. Chamberlain und ſein ganzes Weſen kein
Hehl und dankte mir noch für meine ſchnelle ſcharfe Ablehnung des
ruſſo⸗franzöſiſchen Einmiſchungsangebots und die ſofortige Benach—
richtigung darüber. Es war klar zu erkennen, wie ſehr die Königin
ihre ſchöne Armee liebte und wie ſie daher ſchmerzlich von deren an—
fänglichen Rückſchlägen betroffen war, die zu nicht unerheblichen
Verluſten geführt hatten. Der greiſe Feldmarſchall Herzog von
Cambridge prägte darüber das hübſche Wort: „The British noble=
man and officer have shown that they can die bravely as
gentlemen.“ )
Bei der Abreiſe entließ die Königin ihren Enkel mit herzlichen
und anerkennenden Empfehlungen an ihren ſehr verehrten Vetter —
much cherished cousin —, den Reichskanzler, von deſſen Klug—
heit und Erfahrung ſie hoffe, daß zwiſchen unſeren beiden Ländern
fernerhin ein gutes Verhältnis beſtehen möge.
Meine Berichterſtattung befriedigte den Fürſten Hohenlohe in
jeder Hinſicht über den Erfolg der Reiſe, während ich von einer ge—
wiſſen Preſſe und vielen aufgeregten „Burenfreunden“ die heftigſten
) „Der britiſche Adel und Offizier hat bewiefen, daß er als Edelmann tapfer
zu ſterben weiß.“
75
Angriffe erfahren habe. Dem Deutſchen fehlt eben das, was dem
engliſchen Volk eingeimpft und durch lange politiſche Selbſtzucht an—
erzogen iſt: Wenn ein Kampf im Gange iſt, ſei es auch nur auf
dem Felde der Diplomatie, ſo folgt der Engländer implicite der
Fahne. Er handelt nach dem Worte: „Vou can't change the jokey
while running.“ “) —
Im Herbſt 1900 trat Fürſt Hohenlohe vom Kanglge pe zurück,
da die Arbeitslaſt dem hochbetagten Herrn doch zu ſchwer wurde.
Auch war ihm der ewige Zank und Streit der Parteien unterein—
ander unſympathiſch. Das Reden vor ihnen im Reichstag wider—
ſtrebte ihm. Ebenſo unſympathiſch war ihm die zum Teil zügelloſe
Preſſe, die, mit Bismarckſchen Zitaten arbeitend, vermeintliche Bis—
marckſche Traditionen zu wahren dachte und beſonders im Buren—
kriege das Verhältnis zu England ſtark gefährdet hat.
Die bei des Fürſten Hohenlohe Wahl und Antritt gehegte Hoff—
nung, daß Fürſt Bismarck ihm weniger Schwierigkeiten bereiten
werde, hatte ſich nur teilweiſe erfüllt. Durch meine Ausſöhnung
mit Bismarck, die durch ſeinen feierlichen Einzug in Berlin und
fein Abſteigen im alten Hohenzollernſchloß zum äußeren Ausdruck
kam, war die Atmoſphäre ja weſentlich entſpannt und der Fürſt
milder geſtimmt worden, aber ſeine Anhänger und die aus Fronde
zu ihm Haltenden vermochten von ihrem Treiben immer noch nicht
zu laſſen. Andererſeits brachte es, während ich zur Feier des
80. Geburtstages Bismarcks nach Friedrichsruh reiſte, die politiſche
Vertretung des Volkes fertig, dem Altreichskanzler die Huldigung
zu verweigern. Das mußte den feinbeſaiteten Fürſten Hohenlohe
tief verletzen und mit Unwillen erfüllen. Der Tod ſeines großen
Vorgängers hat ihn wie mich tief bewegt, und wir haben mit dem
deutſchen Volke den Fürſten Bismarck als einen der größten Söhne
*) „Man kann den Jokei während des Rennens nicht wechſeln.“
76
Preußens und Deutſchlands aufrichtig betrauert, wenn er uns auch
unſere Arbeit nicht immer leicht gemacht hat. Ich ließ es mir nicht
nehmen, von meiner Nordlandreiſe herbeizueilen, um den zu ehren,
der als treuer Diener ſeines alten Herrn dem deutſchen Volk zur
Einigkeit verholfen hat und unter dem ich einſt als Prinz mit Stolz
hatte arbeiten dürfen.
Den Fürſten Hohenlohe ſoll unter anderem auch ſein Sohn Alexander
zum Rücktritt bewogen haben, der viel im Hauſe ſeines Vaters an—
weſend war — er hieß in der Geſellſchaft der „Kronprinz“ — und
ſich weſentlich von ſeinem liebenswürdigen Vater unterſchied.
Fürſt Hohenlohe konnte als Reichskanzler auf eine Reihe von
Erfolgen blicken: Die Überwindung der Kämpfe um das „Bürger-
liche Geſetzbuch“, die Reform des Wilitärſtrafverfahrens, das Flotten—
geſetz, Samoa, das Oberkommando Walderſees in China bei den
Borerkämpfen, Tſingtau und den Vangtſe-Vertrag.
Am 15. Oktober 1900 verabſchiedete er ſich von mir. Wir
waren beide recht bewegt. Denn nicht nur der Kanzler, der treue
Mitarbeiter ſchied von ſeinem Kaiſer, ſondern auch der Oheim vom
Neffen, der voll dankbarer Hochachtung zu dem Greis emporſah, der
im Alter von 75 Jahren — einem Alter, in dem andere längſt
ſich zur Ruhe und Beſchaulichkeit zurückzuziehen pflegen, — nicht ge-
zögert hatte, dem Rufe des Kaiſers zu folgen, um ſich noch ange—
ſtrengter Arbeit zu unterziehen und ſeine Zeit und Kraft dem deutſchen
Vaterlande zu widmen. Als er ſchon mein Zimmer verlaſſen wollte,
faßte er noch einmal meine Hand mit der Bitte, ich möchte ihm
in den Jahren, die er noch zu leben habe und die er in Berlin zu
verbringen gedenke, dieſelbe ſchlichte treue Freundſchaft ſchenken, wie
er ſie zwiſchen Admiral Hollmann und mir ſo lange habe beobachten
und bewundern können. Ich werde ihm ſtets ein treues Andenken
bewahren.
7 7
Bül o w
> Tage nach dem Abſchiede des Fürſten Hohenlohe traf der von
mir zu feinem Nachfolger berufene Staatsſekretär des Aus⸗
wärtigen Amtes Graf Bülow ein. Seine Wahl lag nahe, da er die
vielen Fragen der immer lebhafter und verwickelter werdenden äußeren
Politik, zumal die Beziehungen zu England, völlig beherrſchte und
ſich auch bereits als geſchickter Redner und ſchlagfertiger Debatter
im Reichstage erwieſen hatte. Daß die zuletzt genannte Eigenſchaft
ſeinem Vorgänger fehlte, hatte ſich des öfteren recht fühlbar gemacht.
Als die Rücktrittsabſichten des Fürſten Hohenlohe im Bundesrat
bekannt wurden, hatte mir der bayeriſche Geſandte in Berlin, Graf
Lerchenfeld, ſehr pointiert geſagt, ich möge nur um Himmelswillen
nicht wieder einen Süddeutſchen nehmen. Dieſe ſeien für die leitende
Stelle in Berlin nicht geeignet, hier wüßten ſich die Norddeutſchen
naturgemäß beſſer durchzuſetzen: es ſei alſo für das Reich beſſer,
einen Norddeutſchen zu wählen.
Perſönlich war mir Bülow ſchon ſeit langem ſowohl aus ſeiner
Botſchafterzeit in Rom, wie aus der Zeit ſeines Wirkens als Staats⸗
ſekretär bekannt, ich hatte ihn ſchon damals oft in feinem Haufe be=
ſucht und manche Unterredung mit ihm in ſeinem Garten gehabt.
Er war mir näher getreten, als er mich auf der Orientreiſe be—
gleitete und dort unter der Mitwirkung des Botſchafters Freiherrn
Marſchall meine perſönliche Fühlungnahme mit den führenden
6 Kaiſer Wilhelm II. 81
Männern der türfifchen Regierung vermitteln konnte. Das Ver—
hältnis des neuen Kanzlers zu mir war alſo bereits fundiert und,
da wir uns ſchon ſeit Jahren über alle politiſchen Probleme und
Gebiete ausgeſprochen hatten, gewiſſermaßen geklärt. Zudem ſtand
er mir im Alter doch weit näher, als ſeine Vorgänger, die meiſt
meine Großväter hätten ſein können. Er war der erſte „junge
Kanzler“, den das Deutſche Reich ſah. Das erleichterte uns beiden
die gemeinſame Arbeit.
Es iſt, wenn ich in Berlin war, kaum ein Tag vergangen, an
dem ich nicht mit Bülow einen längeren Morgengang im Garten
des Reichskanzlerpalais unternommen habe, während deſſen die Vor—
träge erledigt und die aktuellen Fragen berührt wurden. Oftmals
ſagte ich mich bei ihm zu Tiſch an. Stets fand ich dort, vom
Grafen und ſeiner liebenswürdigen Gemahlin auf das gaſtlichſte
empfangen, eine Reihe intereſſanter Männer, in deren geſchickter
Auswahl der Graf ein Meiſter war. Ebenſo war er unübertrefflich
in der gewandten Führung der Konverſation und geiſtvollen Be—
handlung der verſchiedenen auftauchenden Themata. Es war für
mich immer ein Genuß, im Beiſein der von ſprudelndem Geiſt
beſeelten Perſönlichkeit des Kanzlers mit vielen Profeſſoren, Ge—
lehrten und Künſtlern ſowie Staatsbeamten aller Art in unge—
zwungenen, außerdienſtlichen Verkehr und anregenden Meinungs-
austauſch treten zu können. Der Graf war auch ein vortrefflicher
Erzähler von Anekdoten, die er, ſowohl geleſene wie ſelbſterlebte,
in verſchiedenen Sprachen vorbrachte. Er erzählte gern aus ſeiner
Diplomatenzeit, beſonders aus der Zeit ſeines Aufenthaltes in
Petersburg. |
Der Vater des Grafen war Intimus des Fürſten Bismarck und
einer der ihm am nächſten ſtehenden Mitarbeiter geweſen. Auch
der junge Bülow hatte ſeine Laufbahn unter dem großen Kanzler
begonnen. Er war in Bismarckſchen Ideen und Traditionen groß
82
j
x
!
geworden und von ihnen ſtark beeinflußt, ohne jedoch unſelbſtändig
an ihnen zu kleben.
In einem der erſten Geſpräche, die ich mit Bülow als Reichs—
kanzler führte, erkundigte er ſich nach meiner Anſicht darüber, wie
man am beſten die Engländer zu behandeln und mit ihnen zu ver—
kehren habe. Ich ſagte ihm, daß meines Erachtens rückhaltloſe
Offenheit die Hauptſache im Verkehr mit ihnen ſei. Der Eng—
länder ſei in Vertretung ſeines Standpunktes und ſeiner Intereſſen
rückſichtslos bis zur Brutalität, er verſtehe es daher ſehr gut, wenn
man ihm gegenüber dasſelbe tue. Diplomatiſieren oder gar „finaf-
ſieren“ dürfe man dem Engländer gegenüber nicht — das gehe nur
bei lateiniſchen und flawifchen Völkern —, weil er dann mißtrauiſch
werde und den Verdacht hege, man ſei nicht ehrlich und wolle ihn
heimlich übers Ohr hauen. Habe der Engländer erſt einmal Ver—
dacht gefaßt, dann ſei trotz den ſchönſten Worten oder bereitwilligem
Nachgeben nichts mehr zu machen. Ich könne daher dem Kanzler
nur den Rat geben, ſich in der Politik mit England nur der Ge—
radheit zu befleißigen. Ich ſagte das mit beſonderem Nachdruck,
weil gerade der geſchmeidigen Diplomatennatur des Grafen Bülow
das „Finaſſieren“ ſehr lag und ihm zur zweiten Natur geworden war.
Bei dieſem Geſpräch nahm ich auch die Gelegenheit wahr, den
Kanzler vor der Perſon Holſteins zu warnen. Trotz meiner War—
nung — die nur eine Wiederholung der mir ſeinerzeit von Bismarck
gegebenen war — hat Bülow viel mit Holſtein gearbeitet oder ar—
beiten müſſen. Dieſer merkwürdige Mann hatte ſich allmählich,
beſonders ſeit der Zeit, in der das Auswärtige Amt nach Bismarcks
Abgang gewiſſermaßen verwaiſt war, eine immer einflußreichere
Stellung zu verſchaffen gewußt, die er unter drei Kanzlern derart
behauptet hat, daß er als unentbehrlich galt. Holſtein war zweifellos
mit großer Klugheit, die von einem phänomenalen Gedächtnis unter—
ſtützt wurde, und einer gewiſſen politiſchen Kombinationsgabe aus—
6* 83
geftattet, die ſich bei ihm freilich öfters bis zur Marotte ſteigerte.
Zum guten Teil beruhte ſein Anſehen auch darauf, daß er in weiten
Kreiſen, beſonders bei den älteren Beamten, als der „Träger der
Bismarckſchen Traditionen“ galt, der dieſe dem „jungen Herrn“
gegenüber hochhielt. Seine Bedeutung lag vor allem in ſeiner weit—
reichenden Perſonalkenntnis im ganzen Bereich des auswärtigen
Dienſtes. Da er infolgedeſſen einen maßgebenden Einfluß auf alle
Perſonalvorſchläge beſaß und damit die Karriere der jüngeren Beamten
in der Hand hatte, erklärt es ſich leicht, daß er nach und nach
eine beherrſchende Stellung im Auswärtigen Amt erlangt hat. Er
ſtrebte aber immer mehr danach, zugleich einen beſtimmenden Einfluß
auf die Leitung der auswärtigen Politik zu erlangen. Tatſächlich
war er zeitweilig zum spiritus rector ſowohl des Auswärtigen Amtes
wie der auswärtigen Politik geworden.
Das Bedenkliche dabei war, daß er ſeinen weitreichenden Ein—
fluß immer nur hinter den Kuliſſen ausübte und jeder offiziellen
Verantwortlichkeit als Ratgeber aus dem Wege ging. Er zog es
vor, im Dunkeln zu bleiben und zu wirken. Jeden verantwortlichen
Poſten — viele ſtanden ihm offen —, jeden Titel, jede Beförderung
ſchlug er aus. Er lebte ganz zurückgezogen. Lange Zeit habe ich
vergeblich geſucht, ihn perſönlich kennen zu lernen, ich verſuchte es
durch Einladungen zu Tiſche, aber Holſtein lehnte jedesmal ab. Ein
einziges Mal im Laufe vieler Jahre hat er ſich herbeigelaſſen, im
Auswärtigen Amt mit mir zu ſpeiſen. Charakteriſtiſch für ihn iſt, daß
er dabei, während alle anderen Herren im Frack waren, im Gehrock
erſchien und ſich damit entſchuldigte, daß „er keinen Frack beſitze“.
Die Heimlichkeit, mit der er ſein Wirken ſo umgab, daß er nicht
dafür verantwortlich erſchien, zeigte ſich zuweilen auch in der Art
ſeiner Denkſchriften. Sie waren zweifellos geiſtreich und beſtechend,
aber oft ſo verklauſuliert und zweideutig wie die Orakel der Pythia
zu Delphi. Es kam vor, daß, wenn man auf Grund ihres Inhaltes
84
einen Entſchluß gefaßt hatte, Herr v. Holſtein haarſcharf nachwies,
daß er genau das Gegenteil von dem gemeint habe, was man her—
ausgeleſen hatte.
Mir erſchien jener ſtarke Einfluß, den ein unverantwortlicher
Ratgeber hinter den Kuliſſen, z. T. unter Umgehung der dafür be—
rufenen und verantwortlichen Stellen, ausübte, bedenklich. Mehr—
mals iſt es mir — beſonders in der Ara Richthofen — widerfahren,
daß mir ein fremder Botſchafter, dem ich bei der Erörterung einer
politiſchen Frage vorſchlug, er möchte ſie mit dem Staatsſekretär
beſprechen, antwortete: „Jen parlerai avec mon ami Holstein.“ )
Schon, daß ein Beamter des Auswärtigen Amtes unter Umgehung
ſeines Vorgeſetzten mit fremden Botſchaftern verhandelte, fand ich
nicht richtig, aber daß er von dieſen kurzweg per „ami“ bezeichnet
wurde, überſchritt doch das Maß des mir nützlich Scheinenden.
Die Dinge hatten ſich allmählich dahin entwickelt, daß Holſtein
tatſächlich ein gut Teil der äußeren Politik machte. Er hörte dabei
allenfalls noch den Kanzler, was der Kaiſer darüber dachte oder
ſagte, war für ihn ziemlich belanglos. Wurden Erfolge erzielt, ſo
heimſte ſie das Auswärtige Amt ein, ging die Sache nicht nach
Wunſch, dann war es die Schuld des „impulſiven jungen Herrn“.
Trotz alledem ſchien auch Bülow den Herrn v. Holſtein zunächſt
für unentbehrlich zu halten. Er hat lange mit ihm zuſammen ge—
arbeitet, bis auch für ihn der Druck, den dieſer unheimliche Mann
auf jeden ausübte, unerträglich wurde. Herr v. Tſchirſchky als
Staatsſekretär hat das Verdienſt, die unhaltbaren Zuſtände endlich
zum Bruch gebracht zu haben. Auf mein Befragen erklärte er mir,
daß er Herrn v. Holſteins ferneres Bleiben für unmöglich halte,
da dieſer das ganze Auswärtige Amt durcheinander bringe, ihn
ſelbſt, den Staatsſekretär, ganz auszuſchalten ſuche und auch dem
*) „Ich werde das mit meinem Freunde Holſtein beſprechen.“
85
Kanzler viel Schwierigkeiten bereite. Daraufhin befahl ich Herrn
v. Tſchirſchky, die Verabſchiedung Holſteins einzuleiten, die dann, nach—
dem ſich der Kanzler von ſeinem inzwiſchen eingetretenen ſchweren
geſundheitlichen Zuſammenbruch erholt hatte, mit deſſen Zuſtimmung
erfolgte. Herr v. Holſtein hat ſich ſelbſt dadurch charakteriſiert, daß
er ſich, gleich nachdem er ſeinen Abſchied erhalten, zu Herrn Harden
begab und ſich ihm für die Kampagne gegen den Kaiſer zur Ver—
fügung ſtellte. —
Das Jahr 1901 gab dem Grafen Bülow reichlich Gelegenheit,
ſich im Verhandeln mit England zu zeigen und zu bewähren. Graf
Bülow ſelbſt huldigte noch vielfach der Bismarckſchen „Zwei Eiſen
im Feuer“-Theorie, d. h. mit einem anderen Lande ſich freundlich
zu arrangieren, aber immer mit Rußland gut zu ſtehen, und wurde
darin von den vielen Pſeudo-Bismarckianern unterſtützt.
Mitten aus der Jubiläumsfeier des 200 jährigen Krönungs—
tages rief mich eine den bedenklichen Zuſtand der greiſen Königin
Victoria meldende Nachricht an das Sterbelager meiner Großmutter.
Ich reiſte mit meinem Oheim, dem Herzog von Connaught, der als
Vertreter der Königin bei den Feierlichkeiten in Berlin weilte — er
war der Lieblingsſohn der Königin und mein beſonderer Freund,
ein Schwiegerſohn des Prinzen Friedrich Carl —, mit Beſchleunigung
ab und wurde von dem damaligen Prinzen von Wales und der
Königlichen Familie in London herzlich empfangen. Als mein Wagen
aus dem Stationsgebäude im Schritt herausfuhr, trat aus der
in lautloſer Stille dicht gedrängt ſtehenden Menſchenmenge ein
ſchlichter Mann an den Wagenſchlag heran, entblößte ſein Haupt
und fagte: „Thank you Kaiser!“ “) Der Prinz von Wales, der
ſpätere König Eduard VII., ſagte dazu: „That is what they
all think, every one of them, and they will never forget this
*) „Dank Dir, Kaiſer!“
86
coming of yours.“ “) Das iſt trotzdem geſchehen und noch dazu
recht ſchnell.
Nachdem die Königin in meinen Armen ſanft hinübergeſchlum—
mert, war für mich der Vorhang über viele Jugenderinnerungen ge—
fallen. Ihr Tod bedeutete einen Abſchnitt in der engliſchen Geſchichte
und in Englands Beziehungen zu Deutſchland. Ich nahm nun,
ſoweit als angängig, Fühlung mit den maßgebenden Perſönlichkeiten
und erkannte überall eine durchaus ſympathiſche, freundſchaftlich—
Stimmung, die kein Hehl aus dem Wunſch nach guten Beziehungen
mit Deutſchland machte. Beim Abſchiedsbankett wurden von König
Eduard VII. und mir unvorbereitete, in Ton und Inhalt herzliche
Reden gehalten, die auf die Zuhörer ihren Eindruck nicht verfehlten.
Nach der Tafel drückte der engliſche Botſchafter in Berlin mir die
Hand und ſagte: Meine Rede ſei allen ſeinen Landsleuten zu Herzen
gegangen, denn die Worte ſeien aufrichtig und ſchlicht geweſen, wie
fie fich für die Engländer eigneten. Die Rede müſſe ſofort veröffent⸗
licht werden, denn ſie werde im ganzen Lande, das mein Kommen
dankbar empfinde, Widerhall erwecken. Das werde für die Beziehungen
beider Länder von Nutzen ſein. Ich erwiderte, es ſei Sache der
britiſchen Regierung und des Königs, darüber zu entſcheiden, ich
perſönlich hätte nichts gegen eine Veröffentlichung einzuwenden. Dieſe
iſt jedoch nicht erfolgt. Das britiſche Volk hat meine Worte, die der
aufrichtige Ausdruck meiner Gefühle und Gedanken waren, nie er—
fahren. In einem ſpäteren Geſpräch mit mir in Berlin hat der—
ſelbe Botſchafter das lebhaft beklagt, ohne den Grund des Unter—
bleibens angeben zu können.
Am Schluſſe dieſer Betrachtungen über meinen Aufenthalt in
England darf die Tatſache nicht unerwähnt gelaſſen werden, daß ein
Teil der deutſchen Preſſe es leider an taktvoller Würdigung ſowohl
*) „Das iſt es, was fie alle hier denken, jeder im Volk, man wird es Dir
niemals vergeſſen, daß Du gekommen biſt.“
87
des Schmerzes des engliſchen Königshauſes und Volkes wie auch
der Verpflichtungen fehlen ließ, die mir politiſche Rückſichten wie
verwandtſchaftliche Beziehungen auferlegten.
Nach meiner Heimkehr konnte ich dem Kanzler über meine guten
Eindrücke berichten, insbeſondere, daß die Stimmung in England
für Annäherung und Verſtändigung anſcheinend günſtig ſei. Bülow
war, als wir in Homburg eingehend darüber und über die Aus—
wertung der durch die Reiſe geſchaffenen Situation konferierten, mit
dem Ergebnis der Reiſe zufrieden. Ich vertrat die Anſicht, man
ſolle unbedingt zu einem guten „Agreement“ zu kommen ſuchen,
wenn eine Allianz, die ich noch vorzöge, nicht zuſtande zu bringen
ſei. Ein feſtes Agreement genüge auch und läge den Engländern,
ſchließlich könne ſich daraus immer noch eine Allianz entwickeln.
Die Gelegenheit dazu bot ſich unerwartet raſch. Als ich mich
im Frühjahr 1901 in Homburg v. d. Höhe befand, trug mir Graf
Metternich, der als Vertreter des Auswärtigen Amtes bei mir war,
eines Tages eine Meldung aus Berlin vor, daß Mr. Chamber—
lain dort angefragt habe, ob Deutſchland bereit ſei, eine Allianz
mit England einzugehen. Ich fragte ſofort: „Gegen wen?“, denn
wenn England ſo plötzlich mitten im Frieden eine Allianz anböte,
dann brauche es offenbar die deutſche Armee. Da ſei es doch wichtig,
zu erfahren, gegen wen und wofür deutſche Truppen auf Englands
Geheiß an ſeiner Seite fechten ſollten. Daraufhin kam aus London
die Antwort: Gegen Rußland, weil es für Indien und Stambul
bedrohlich werde.
Ich ließ zunächſt in London auf die alte traditionelle Waffen—
brüderſchaft zwiſchen der deutſchen und ruſſiſchen Armee und auf die
engen verwandtſchaftlichen Bande zwiſchen den beiden Herrſcher—
häuſern aufmerkſam machen. Ferner wies ich auf die Gefahr eines
Zwei-Fronten-Krieges beim Eingreifen Frankreichs an Rußlands
Seite hin ſowie auf die Tatſache, daß wir im fernen Oſten mit
88
Frankreich und Rußland (1895 Shimonoſeki) zuſammengegangen
feien, und daß jeder Grund fehle, jetzt mitten im Frieden einer
Konflikt mit Rußland vom Zaun zu brechen. Die Überzahl der
ruſſiſchen Friedensformationen ſei ſehr groß und die Oſtgrenze
Preußens ſei durch die ruſſiſchen Dislokationen ſtark bedroht, unſere
Oſtmark vor dem ruſſiſchen Einfall zu bewahren, werde England
nicht in der Lage ſein, da ſeine Flotte in der Oſtſee wenig aus—
richten und ins Schwarze Meer nicht einfahren könne. Within ſei
bei einem gemeinſamen Waffengange mit Rußland Deutſchland der
allein und recht ſtark gefährdete Teil, ganz abgeſehen von der Ge—
fahr des Eingreifens Frankreichs. Chamberlain ließ daraufhin wiſſen,
es ſolle ein feſtes Bündnis geſchloſſen werden, bei dem England ſich
natürlich zur Hilfeleiſtung verpflichten werde.
Ich hatte auch darauf hingewieſen, daß die Validität eines Bünd—
niſſes erſt dann ſichergeſtellt ſei, wenn das engliſche Parlament ſein
Placet dazu gegeben habe. Denn das Winiſterium könne durch den
im Parlament ausgedrückten Volkswillen beſeitigt und dadurch ſeine
Unterſchrift aufgehoben und das Bündnis hinfällig werden. Wir
könnten den Chamberlainſchen Vorſchlag zunächſt nur als ſeine rein
perſönliche Idee anſehen.
Chamberlain erwiderte darauf, daß er die parlamentariſche
Deckung ſchon erreichen werde, die Unioniſten werde er dafür zu ge—
winnen wiſſen, man ſolle in Berlin nur erſt einmal zeichnen. Es
kam nicht dazu, da das Parlament nicht dafür zu haben war. So
verlief der „Plan“ im Sande. Bald darauf hat England das
Bündnis mit Japan (Hayaſhi) geſchloſſen. Der ruſſiſch-japaniſche
Krieg entbrannte, in dem Japan — weil es in ſeine eigenen Pläne
paßte — die zuerſt Deutſchland zugedachte Rolle des Landsknechts
für Englands Intereſſen ſpielte. Rußland iſt dadurch vom Oſten
auf den Weſten zurückgeworfen worden, wo es ſich nun, ſtatt mit
China und Pacific, wieder mit Balkan, Stambul, Indien nützlich
89
beſchäftigen konnte und Japan freie Hand in Korea und China
laſſen mußte. —
In das Jahr 1905 fällt die von mir ſehr contre cœur unter—
nommene Tangerreiſe, zu der es folgendermaßen gekommen iſt.
Ende März beabſichtigte ich, wie im Vorfahre, zur Erholung eine
Wittelmeerreiſe zu unternehmen und dazu einen von Cuxhaven leer
nach Neapel laufenden Dampfer zu benutzen. Die „Hamburg“
wurde von Ballin dazu beſtimmt. Auf ſeine Aufforderung, noch
eine Anzahl von Gäſten mitzunehmen, da der Dampfer ganz leer
ſei, lud ich eine Reihe von Herren ein, darunter Geheimrat Althoff,
Admiral Menſing, Graf Pückler, den Geſandten v. Varnbüler,
Profeſſor Schiemann, Admiral Hollmann u. a.
Bald nach dem Bekanntwerden des Reiſeprojekts teilte mir Bülow
mit, man habe in Liſſabon den lebhaften Wunſch, ich möchte dort
Aufenthalt nehmen und dem Hof einen Beſuch machen. Ich war
damit einverſtanden. Als der Zeitpunkt der Abreiſe ſich näherte, trat
Bülow mit dem weiteren Wunſche hervor, ich möchte auch Tanger
anlaufen und durch den Beſuch des marokkaniſchen Hafens die
Stellung des Sultans den Franzoſen gegenüber ſtärken. Ich lehnte
das ab, weil mir die Marokkofrage zu viel Zündſtoff zu enthalten
ſchien und weil ich fürchtete, daß mein Beſuch eher ſchädlich als nütz—
lich wirken würde. Bülow aber kam immer wieder darauf zurück,
ohne mich von der Notwendigkeit und Zweckmäßigkeit des Beſuches
überzeugen zu können.
Auf der Fahrt hatte ich mit Freiherrn v. Schoen, der mich als
Vertreter des Auswärtigen Amtes begleitete, mehrere Beſprechungen
über die Opportunität des Beſuches. Wir kamen dahin überein,
daß es beſſer ſei, ihn zu unterlaſſen. Von Liſſabon aus teilte ich
dieſen Entſchluß dem Kanzler telegraphiſch mit. Bülow antwortete
mit der nachdrücklichen Forderung, daß ich der Meinung des deut-
ſchen Volkes und des Reichstages, die ſich nun einmal für einen
90
ſolchen Schritt erwärmt hätten, Rechnung tragen müſſe, es ſei not—
wendig, daß ich nach Tanger führe.
Schweren Herzens gab ich nach, denn ich befürchtete, daß dieſer
Beſuch bei der Lage der Dinge in Paris als Provokation aufge—
faßt werden könnte und in London die Geneigtheit zur Unter—
ſtützung Frankreichs im Kriegsfalle bewirken würde. Da ich Del—
cafje im Verdacht hatte, daß er Marokko zum Kriegsgrund machen
wollte, fürchtete ich, daß er den Tangerbeſuch dazu benutzen könnte.
Der Beſuch fand unter großen Schwierigkeiten auf der Reede
von Tanger ſtatt — nicht ohne freundliche Beteiligung von italieni—
ſchen und ſüdfranzöſiſchen Anarchiſten, Gaunern und Abenteurern.
Auf einem kleinen Platz ſtand eine Menge von Spaniern mit
Fahnen und großem Geſchrei, das waren nach Ausſage eines be—
gleitenden Sicherheitsbeamten die verſammelten ſpaniſchen Anarchiſten.
Den erſten Beweis für die Wirkung des Beſuches in Tanger
erfuhr ich, als ich in Gibraltar ankam und von den Engländern
ſehr förmlich und froſtig empfangen wurde, im Gegenſatz zu der
herzlichen Aufnahme im Vorjahre. Was ich vorausgeſehen, wurde
durch die Tatſachen beſtätigt. In Paris herrſchte Erbitterung und
Wut, Delcaſſé verſuchte zum Kriege zu hetzen, er drang nur des—
halb nicht durch, weil ſowohl der Marineminiſter wie der Kriegs-
miniſter erklärten, Frankreich ſei noch nicht bereit. Die Richtigkeit
meiner Befürchtungen iſt ſpäterhin auch durch das Geſpräch Del—
caſſe's mit dem Redakteur des „Gaulois“ beſtätigt worden, in dem
der Miniſter der erſtaunten Welt mitteilte, daß im Kriegsfalle Eng—
land auf Frankreichs Seite getreten ſein würde. So wäre ich durch
den mir aufgenötigten Beſuch in Tanger ſchon damals beinahe in die
Lage gekommen, der Entfeſſelung eines Weltkrieges beſchuldigt werden
zu können. Konſtitutionelles Denken und Handeln iſt für den Fürſten,
dem ſchließlich immer die Verantwortung aufgebürdet wird, oft eine
harte Aufgabe. |
91:
Im Oktober 1905 hat der Pariſer „Matin“ mitgeteilt, daß
Delcaſſé im Winiſterrat erklärt habe, England habe für den Kriegs—
fall angeboten, 100000 Mann in Holſtein zu landen und den
Kaiſer Wilhelm-Kanal zu beſetzen. Dieſes engliſche Angebot iſt
nachher noch einmal wiederholt worden mit dem Vorſchlag, es in
ſchriftlicher Form feſtzulegen. Auch der bekannte Abgeordnete Jaureg,
der bei Kriegsausbruch 1914 im Sinne Iſwolſkiſcher Politik er—
mordet wurde, hat den Inhalt der im „Matin“ veröffentlichten Mit—
teilungen Delcaſſé's ſchon vorher gekannt.
Der Sturz Delcaſſé's und feine Erſetzung durch Rouvier iſt zum
Teil dem Einfluß des Fürſten von Monako zuzuſchreiben. Der Fürſt
hatte ſich während der Kieler Woche durch Unterhaltungen mit mir,
mit dem Reichskanzler und Regierungsbeamten von der Aufrichtig—
keit unſeres Wunſches überzeugt, mit Frankreich zu einem Ausgleich
zu gelangen, um ein friedliches Nebeneinanderleben zu ermöglichen.
Er ſtand in guten Beziehungen zum Botſchafter Fürſten Radolin
und bemühte ſich eifrig für eine Annäherung zwiſchen den beiden
Ländern. Der Fürſt von Monako war ſelbſt der Meinung, Del—
caffe ſei eine Gefahr für die Aufrechterhaltung des Friedens, er
werde hoffentlich bald ſtürzen und durch Rouvier erſetzt werden, der
ein beſonnener Politiker und durchaus geneigt ſei, ſich mit Deutſch—
land zu verſtändigen. Er ſtehe Rouvier perſönlich nahe und ſtelle
ſich dem deutſchen Botſchafter gern als Vermittler zur Verfügung.
Der Sturz Delcaſſé's trat ein, und Rouvier wurde Miniſter.
Ich ließ nun ſofort die Aktion einleiten, bei der ich auf des Fürſten
von Monako Unterſtützung rechnen durfte. Der Kanzler wurde an—
gewieſen, ein „Rapprochement“ mit Frankreich vorzubereiten. Den
Fürſten Radolin, der ſeine Inſtruktionen in Berlin perſönlich erhielt,
wies ich noch beſonders darauf hin, die Konſtellation Rouvier gut
auszunutzen, um alle Konfliktsmöglichkeiten zwiſchen den beiden Ländern
zu beſeitigen. Für das Verhältnis zu Rouvier würden ihm die
92
Informationen ſeitens des Fürſten von Monako, den er ja gut kenne,
von Nutzen ſein. Fürſt Radolin ging mit Eifer und Freude an die
lohnende Aufgabe.
Anfangs nahmen die Verhandlungen guten Fortgang, ſo daß
ich ſchon die Hoffnung hegte, das wichtige Ziel werde erreicht und
der üble Eindruck des Tangerbeſuches durch eine Verſtändigung
wieder verwiſcht werden können. Inzwiſchen wurden die Verhand—
lungen über Marokko weitergeführt und endigten nach unendlichen
Mühen in der Berufung der Algeciras-Konferenz auf Grund des
Rundſchreibens des Fürſten Bülow, das betonte, daß der Meiſtbegün—
ſtigungsartikel Nr. 17 der Madrider Konvention maßgebend bleiben
ſolle, und daß die von Frankreich allein angeſtrebten Reformen in
Marokko, ſoweit ſolche nötig wären, nur im Einverſtändnis mit den
Signatarmächten der Madrider Konferenz zuläſſig ſeien. Dieſe Vor—
gänge, die die allgemeine Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahmen, ließen
dann die Spezialaftion mit Rouvier in den Hintergrund treten. —
Hinſichtlich der inneren Politik hatte ich mich mit dem Kanzler
dahin geeinigt, daß es deſſen Hauptaufgabe ſei, die unter Hohenlohe
ſehr zerfahrenen Parteiverhältniſſe im Reichstag wieder zu ordnen
und vor allem die durch die Nach-Bismarckianer oppoſitionell ge—
wordenen Konſervativen wieder hinter die Regierung zu ſcharen.
Der Kanzler hat dieſe Aufgabe mit großer Geduld und Zähigkeit
durchgeführt. Er brachte ſchließlich den berühmten „Block“ zuſtande,
der aus der großen Wahlniederlage der Sozialiſten hervorging.
Die konſervative Partei beſaß viele Mitglieder, die direkte Be—
ziehungen zum Hofe und auch zu mir perſönlich hatten. Es war
für dieſe Partei alſo leichter als für jede andere, ſich über meine
Pläne auf politiſchen und anderen Gebieten zu unterrichten und, be—
vor es zu Geſetzvorlagen kam, meine Vorſchläge mit mir zu dis—
kutieren. Ich habe nicht den Eindruck, daß dies in dem Maße, wie
es möglich war, geſchehen iſt. In ungezwungenen Vorbeſprechungen
93
hätte ich mich wahrſcheinlich ſowohl in der Frage des Mittelland-
Kanals, deſſen Bau bekanntlich von den Konſervativen bekämpft
wurde, wie über die minder wichtigen Fragen des Dombaus und
des Berliner Opernhauſes, die mir um der Kirche und der Kunſt
willen am Herzen lagen, mit den Herren geeinigt.
Nun iſt es ja nichts Neues, wenn ich erwähne, daß es gar nicht
ſo leicht war, mit den konſervativen Herren umzugehen. Sie hatten
auf Grund ihrer traditionellen Dienſte im Staate große Erfahrungen
und ein eigenes Urteil und waren ſo zu einer feſtgefügten ſtaats—
politiſchen Überzeugung gekommen, an der ſie in Treue und echt
konſervativ feſthielten. Sie hatten große Staatsmänner, hervor—
ragende Miniſter, ein glänzendes Offizierkorps, ein vorbildliches Be—
amtentum vorwiegend aus ihren Reihen geliefert, ihr Selbſtbewußt—
ſein war alſo nicht unbegründet. Dazu kam, daß ihre Königs—
treue unerſchütterlich war. König und Vaterland waren ihnen zu
Dank verpflichtet. Ihre Schwäche beſtand darin, daß ſie manchmal
zu konſervativ waren, d. h. die Forderungen der Zeit zu ſpät er—
kannten, Fortſchritte zunächſt bekämpften, obwohl es ſich auch um
Fortſchritte für ſie ſelbſt handelte. Das mag man aus ihrer Ver—
gangenheit verſtehen, aber es behinderte gerade in meiner Regierungs—
zeit, während der die Entwicklung des Reiches, insbeſondere die In—
duſtrialiſierung und der Handel rapide vorwärts drängten, den inneren
Konnex mit mir, der ich jene Entwicklung nicht nur nicht eindämmen,
ſondern fördern wollte und mußte. Wenn ich ſagte, daß es aus
den angeführten Gründen nicht immer leicht war, mit den Konſer—
vativen zu verhandeln, ſo weiß ich ſehr wohl, daß dasſelbe von mir
behauptet wird. Vielleicht liegt das daran, daß ich zwar meiner
Tradition nach den Konſervativen nahe ſtand, aber nicht parteipolitiſch
konſervativ war. Ich war und bin für einen fortſchreitenden Konſer—
vativismus, der das Lebensfähige konſerviert, das Überalterte abftreift
und das brauchbare Neue annimmt. Im übrigen habe ich, wo Vor—
3
beſprechungen ftattgefunden haben, die Wahrheit, und auch die un—
bequeme und bittere, wenn ſie mir in taktvoller Form gebracht
wurde, beſſer vertragen und beachtet, als man weiß.
Wenn alſo von mir und den Konſervativen behauptet wird, beide
wären ſchwierig in Verhandlungen geweſen, fo hat dieſe Schwierig-
keit denſelben Urſprung. Es wäre mir gegenüber nur richtiger ge—
weſen, den Weg zur Ausſprache unter vier Augen öfters zu betreten.
Ich war ſtets dafür zu haben. Und wenn wir uns bei der Kanal—
frage nicht einigen konnten, ſo müßten gerade die Konſervativen am
beſten verſtehen und es achten, daß ich mich nicht zu dem ſchönen
Vers bekannt habe: „Unſer König abſolut, wenn er unſern Willen
tut.“ Wenn ich nämlich dieſem für mich recht bequemen Grund—
ſatz gehuldigt hätte, ſo hätten die Konſervativen bei ihrer Auffaſſung
vom ſtarken, wirklich regierenden Königtum mich logiſcherweiſe be—
kämpfen müſſen. Sicherlich haben die Konſervativen es auch ge—
würdigt, daß ich ihrem ehrenwerten Grundſatz vom Männerſtolz vor
Königsthronen meinen Grundſatz vom Königsſtolz vor dem konſer—
vativen Parteithron gegenüberſtellte, wie ich das auch bei allen anderen
Parteien getan habe. Die gelegentlichen Differenzen mit der kon—
ſervativen Partei und mit einzelnen Konſervativen können mich die
Dienſte nicht vergeſſen laſſen, die gerade von Männern aus dieſen
Reihen dem Hauſe Hohenzollern, dem preußiſchen Staate und dem
Deutſchen Reiche geleiſtet worden ſind.
Nun, Bülow iſt ſchließlich das große Kunſtſtück, die Konfer-
vativen und Liberalen zuſammenzubringen und dadurch den hinter
der Regierung ſtehenden Parteien eine große Mehrheit zu verſchaffen,
doch gelungen. Seine großen Fähigkeiten, die Gewandtheit, Staats-
kunſt und kluge Menſchenkenntnis des Kanzlers haben ſich dabei
im glänzendſten Lichte gezeigt. Das große Verdienſt, das er ſich
mit dieſem Erfolge erworben hat, gewann ihm des Vaterlandes und
meine volle Anerkennung und Dankbarkeit, dazu mein erhöhtes Ver—
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trauen. Der grenzenlofe Jubel der Berliner über die Wahlnieder—
lage der Sozialdemokraten führte zu der mir unvergeßlichen nächt—
lichen Demonſtration vor dem Schloſſe, bei der ſich mein Auto, von
vielen Tauſenden jubelnder Menſchen umbrauſt, im Schritt langſam
den Weg bahnen mußte. Der Luſtgarten füllte ſich mit großen Volks—
maſſen, auf deren ſtürmiſches Verlangen die Kaiſerin und ich auf dem
Balkon erſcheinen mußten, um die Huldigungen entgegen zu nehmen. —
Bei dem Beſuche König Eduards VII. in Kiel (1904) war der Kanzler
zugegen. Unter den vielen Gäſten befand ſich auch der frühere
Oberhofmeiſter der Kaiſerin Friedrich, Graf Seckendorff, ein von
ſeinen vielen Beſuchen in England her langjähriger Bekannter
Eduards VII., der dem Grafen großes Vertrauen ſchenkte. Dieſer
vermittelte im Auftrage Bülows, mit dem er befreundet war, ein
Geſpräch des Königs mit dem Kanzler.
Es fand an Bord der engliſchen Königsyacht nach einem Früh—
ſtück ſtatt, zu dem ich und der Kanzler geladen waren. Die beiden
Herren ſaßen lange allein bei der Zigarre. Nachher berichtete mir
Bülow den Inhalt des Geſpräches. Bei der Erörterung des even—
tuellen Abſchluſſes eines Bündniſſes zwiſchen Deutſchland und Eng—
land habe der König erklärt, daß das bei unſeren beiden Ländern
gar nicht nötig ſei, weil kein wirklicher Grund zu Feindſchaft oder
Zerwürfniſſen zwiſchen ihnen beſtände. — Dieſe Ablehnung war ein
offenbares Zeichen für die engliſche Einkreiſungspolitik, die ſich bald
beſonders deutlich und unangenehm auf der Algeciras-Konferenz
geltend machte. Das hier offen zutage tretende pro-franzöſiſche
und Deutſchland feindſelige Wirken Englands erfolgte auf beſonderen
Befehl König Eduards VII., der als ſeinen „kontrollierenden Ver—
treter“ den mit perſönlichen Inſtruktionen verſehenen Sir D. Mackenzie
Wallace nach Algeciras delegiert hatte.
Aus Andeutungen, die der letztere ſeinen Bekannten gegeben hat,
ging hervor, daß es des Königs Wille war, Deutſchland ſcharfen
96
r
E— pen
*
Widerſtand zu leiſten und Frankreich bei jeder Gelegenheit zu unter-
ſtützen. Als er darauf aufmerkſam gemacht wurde, man könne ja
nachher ſich doch auch mit Deutſchland über dieſe oder jene Frage
auseinanderſetzen und vielleicht einigen, erwiderte er, erſt käme das
anglo⸗ruſſiſche Agreement: ſei das unter Dach, dann werde man ſich
auch mit Deutſchland „arrangieren“. Das engliſche, Arrangieren“
beſtand in der Einkreiſung Deutſchlands. —
Das Verhältnis zwiſchen mir und dem Kanzler iſt in dieſer
ganzen Zeit vertrauensvoll und freundſchaftlich geweſen. Auch zur
Kieler Woche kam der Kanzler wiederholt. Hier fand er unter an⸗
derem Gelegenheit, ſich mit dem Fürſten von Monako und manchen
auf deſſen Vacht anweſenden einflußreichen Franzoſen ausſprechen
zu können, unter denen wohl Monſieur Jules Roche der hervor—
ragendſte war, der beſte Kenner aller europäiſchen Budgets und ein
großer Goetheverehrer, der den „Fauſt“ ſtets bei ſich in der Taſche
trug.
Im April 1906 erfolgte der bedauerliche Zuſammenbruch des
überarbeiteten Kanzlers im Reichstag. Ich eilte, ſobald ich die Nach—
richt bekam, fofort dorthin und war froh, daß mir Geheimrat Renvers
beruhigende Auskunft über den Zuſtand Bülows geben konnte. Als
ſich der Fürſt im Sommer zu ſeiner Erholung in Norderney auf—
hielt, fuhr ich von Helgoland, wo ich inſpiziert hatte, auf einem
Torpedoboot nach der Inſel und überraſchte das Kanzlerpaar in
ſeiner Villa. Ich brachte den Tag bei dem bereits in erfreulichem
Maße wiederhergeſtellten und von der Seeluft und Sonne gebräunten
Kanzler plaudernd zu. —
Im Spätherbſt 1907 fuhren die Kaiſerin und ich, einer Einladung
König Eduards VII. entſprechend, nach Windſor zum Beſuch, der
bei ſehr liebenswürdiger Aufnahme ſeitens der engliſchen Königs⸗
familie harmoniſch verlief. Nach Abſchluß des Beſuches begab ich
mich zu einem Erholungsaufenthalt auf das dem General Stuart-
7 Aäaiſer Wilhelm II. 97
Wortley gehörige Schloß Highecliffe, das an der Südküſte Englands
den Needles gegenüber gelegen iſt.
Vor meiner Abreiſe nach England hatte der Kanzler, der ſehr
befriedigt über die engliſche Einladung war, längere Geſpräche mit
mir über die Mittel, mit England auf einen beſſeren „Grüßfuß“ zu
kommen, gehabt und mir verſchiedene Wünſche und Vorſchläge als
Richtlinien mitgegeben, die ich in den Geſprächen mit Engländern
innehalten möchte. Ich hatte im Laufe meines Aufenthaltes mehr—
fach Gelegenheit gehabt, die verabredeten Themata zu erörtern und
die mitgegebenen Wünſche an den Mann zu bringen. Chiffretelegramme
mit meinen Berichten über dieſe Geſpräche gingen regelmäßig nach
Berlin. Wiederholt erhielt ich vom Kanzler zuſtimmende Telegramme.
Ich habe fie abends nach Tiſch den Vertrauten, die meinen Aufent-
halt teilten, gezeigt, ſo haben ſie z. B. der Oberhofmarſchall Graf
Eulenburg und Fürſt Max Egon Fürſtenberg geleſen und ſich mit
mir über das Einverſtändnis des Kanzlers gefreut. Nach meiner
Rückkehr aus England habe ich dem Kanzler ein Generalreferat er—
ſtattet, worauf er mir ſeinen Dank dafür ausſprach, daß ich mich
um die Verbeſſerung der Beziehungen der beiden Länder perſönlich
ſo bemüht und betätigt hätte.
Ein Jahr ſpäter erfolgte der Zwiſchenfall mit dem ſogenannten
„Interview“, das im Daily Telegraph veröffentlicht wurde.
Sein Zweck war die Beſſerung der deutſch-engliſchen Beziehungen.
Ich hatte den mir vorgelegten Entwurf durch den Vertreter des
Auswärtigen Amtes, Herrn v. Jeniſch, dem Kanzler zur Prüfung
übergeben laſſen. Durch Anmerkungen hatte ich auf einige Stellen
hingewieſen, die meiner Anſicht nach nicht hineingehörten und zu
ſtreichen ſeien. Das iſt infolge mehrerer Verſehen, die ſeitens des
Auswärtigen Amtes bei der inſtanzmäßigen Behandlung gemacht
wurden, nicht geſchehen. Der Sturm in der Preſſe brach los. Der
Kanzler ſprach im Reichstag, verteidigte aber den angegriffenen Kaiſer
98
nicht in dem Maße, wie ich es erwartet hatte, ſondern erklärte, die
in den letzten Jahren vorgekommenen Neigungen zur perſönlichen
Politik für die Zukunft verhindern zu wollen. Die konſervative Partei
unternahm es, in der Preſſe an den König einen offenen Brief zu
richten, deſſen Inhalt bekannt iſt.
Ich weilte während dieſer Vorgänge erſt in Eckartsau bei dem
öſterreichiſchen Thronfolger Franz Ferdinand, dann beim Kaiſer
Franz Joſeph in Wien. Beide mißbilligten das Verhalten des
Kanzlers. Von Wien begab ich mich nach Donaueſchingen zum
Beſuche des Fürſten Fürſtenberg. Die Preſſe hielt es für ange-
meſſen, an ihn die Aufforderung zu richten, er ſolle als ehrlicher auf—
rechter Mann dem Kaiſer doch mal ordentlich die Wahrheit ſagen.
Als wir den ganzen Vorfall beſprachen, riet mir der Fürſt, ich
möchte den Depeſchenwechſel von 1907 aus Higheliffe im Aus-
wärtigen Amt zuſammenſtellen und dem Reichstag zugehen laſſen.
Ich habe unter dieſer ganzen Angelegenheit ſeeliſch ſchwer ge—
litten. Hinzu kam, daß gerade damals ein jäher Tod meinen Ver—
trauten und Jugendfreund, den Chef des Wilitär-Kabinetts Grafen
Hülſen⸗Haeſeler vor meinen Augen dahinraffte. Die treue, auf-
opfernde Freundſchaft und Pflege ſeitens des Fürſten Fürſtenberg und
der Seinen habe ich in dieſen ſchweren Tagen wohltuend empfunden.
Auch Briefe und Kundgebungen aus dem Reich, die ſich zum Teil
unter ſcharfer Verurteilung des Kanzlers auf meine Seite ſtellten,
waren mir ein Troſt.
Nach meiner Rückkehr erſchien der Kanzler, hielt mir eine Vor—
leſung über meine politiſchen Sünden und verlangte die Unterzeichnung
des bekannten Aktenſtücks, das nachher der Preſſe mitgeteilt wurde.
Ich unterſchrieb das Aktenſtück ſchweigend, wie ich auch ſchweigend
die Preſſeangriffe über mich und die Krone habe ergehen laſſen.
Der Kanzler hat durch ſein Verhalten dem feſten Vertrauen
und der aufrichtigen Freundſchaft, die mich bis dahin mit ihm ver—
. 99
banden, einen ſchweren Stoß verſetzt. Fürſt Bülow felbjt iſt gewiß
der Meinung geweſen, mit ſeiner Art, die Angelegenheit ſowohl im
Reichstage wie mir perſönlich gegenüber zu behandeln, mir und
der Sache am beſten zu dienen, beſonders weil die Wogen der
öffentlichen Erregung damals ſehr hoch gingen. Ich habe ihm darin
nicht beipflichten können, um ſo weniger, als ſein Auftreten mir
gegenüber in der Daily-Telegraph-Sache in zu ſchroffem Gegen—
ſatze ſtand zu der Zuvorkommenheit und Anerkennung, die Bülow
mir ſonſt bekundet hatte. Ich hatte mich an die liebenswürdigen
Formen des Fürſten ſo gewöhnt, daß die mir jetzt zuteil gewordene
Behandlung mir unverſtändlich war. Das bis dahin ausgezeichnete
und freundſchaftliche Verhältnis zwiſchen Kaiſer und Kanzler war
jedenfalls getrübt. Ich ſtellte den perſönlichen Verkehr mit dem
Kanzler ein und beſchränkte mich auf den amtlichen und offiziellen.
Nach Beratung mit dem Hausminifter und dem Kabinettschef be—
ſchloß ich, den Vorſchlag des Fürſten Fürſtenberg, den Schriftwechſel
aus Higheliffe zuſammenſtellen zu laſſen, in die Tat umzuſetzen und
beauftragte das Auswärtige Amt damit. Die Ausführung ſcheiterte
daran, daß das betreffende Material unauffindbar war.
Gegen Ausgang des Winters erbat ſich der Kanzler eine
Audienz. Ich ging mit ihm in der Bildergalerie des Schloſſes auf
und ab, zwiſchen den Bildern meiner Ahnen, der Schlachten des
Siebenjährigen Krieges ſowie der Kaiſerproklamation in Verſailles,
und war erſtaunt, als der Kanzler auf die Vorgänge vom Herbſt
1908 zurückkam und fein Verhalten zu erklären unternahm. Dar-
auf nahm ich Gelegenheit, die ganze Vergangenheit mit ihm durch—
zuſprechen. Die offene Ausſprache und die mich befriedigenden Erklä—
rungen des Fürſten beſeitigten die Spannung. Das Ergebnis war
ſein Verbleiben im Amte. Der Kanzler bat mich, ich möchte am
Abend dieſes Tages, um auch der Außenwelt zu dokumentieren, daß
wieder alles in Ordnung ſei, wie früher ſo oft das Eſſen bei ihm
100
—
einnehmen. Ich tat das. Ein angeregter Abend, von der ſichtlich
erfreuten Fürſtin mit reizvoller Liebenswürdigkeit, vom Fürſten mit
der gewohnten lebhaften, geiſtvollen Konverſation getragen, beſchloß
den denkwürdigen Tag. Ein Spaßvogel hat nachher in einer Zeitung
über die Audienz nach berühmtem Muſter den Vers gedichtet: „Die
Träne quillt, Germania hat mich wieder.“
Mit dieſer Ausſöhnung habe ich auch zu erkennen geben wollen,
daß ich die Sache über perſönliche Empfindlichkeit zu ſtellen gewohnt
bin. Trotz der mich ſchmerzenden Haltung des Fürſten Bülow
im Reichstage habe ich ſelbſtverſtändlich niemals feine hervorragen—
den ſtaatsmänniſchen Qualitäten und die ausgezeichneten Dienſte
vergeſſen, die er dem Vaterlande geleiſtet hat. Seinem Geſchick iſt
es gelungen, den Weltkrieg trotz mancherlei Kriſen zu vermeiden,
und zwar während der Zeit, in der ich mit Tirpitz unſere Schutz
flotte baute. Das war eine große Leiſtung. |
Ein ernſtes Nachſpiel zu der erwähnten Audienz folgte noch mit
den Konſervativen. Das Zivilkabinett machte dem Vorſtand der
Partei Mitteilung von der Audienz und ihrem Verlauf, mit dem
Erſuchen, daß nun auch die Partei ihren „Offenen Brief“ zurück—
nehmen möchte. Dieſes Erſuchen, das lediglich im Intereſſe des
Anſehens der Krone — nicht meiner Perſon — geſtellt war, wurde
von der Partei abgelehnt. Erſt im Laufe des Krieges (1916) iſt es
durch einen Abgeſandten der Partei im Großen Hauptquartier wieder
zu einer Fühlungnahme gekommen.
Wenn ſchon die Konſervativen nicht hinreichend für die Krone
eingetreten waren, ſo hatten ſich die Linksliberalen, Demokraten,
Sozialiſten erſt recht durch einen Entrüſtungsſturm hervorgetan,
der in ihren Parteipreſſen wahre Orgien feierte und laut nach
Einſchränkung der autokratiſch-ſelbſtherrlichen Gelüſte uſw. rief.
Dieſes Treiben dauerte den ganzen Winter an, ohne ſeitens
der höheren Regierungskreiſe gehindert zu werden oder Wider—
101
ſpruch zu finden. Erſt nach der Kanzleraudienz verſtummte es
wieder.
Später bildete ſich nach und nach eine Abkühlung zwiſchen dem
Kanzler und den Parteien heraus. Die Konſerpativen rückten von
den Liberalen ab, der Block bekam Riſſe, Zentrum und Sozialiſten
brachten ſchließlich ihn, vor allem aber auch den Kanzler ſelbſt zu
Fall, wie es mir ſpäterhin Graf Hertling wiederholt — noch zuletzt
in Spa — geſchildert hat. Er war ſtolz darauf, am Sturze Bülows
tatkräftig mitgewirkt zu haben.
Als es nicht mehr gehen wollte, zog der Kanzler die Folgerung
und empfahl mir die Wahl des Herrn v. Bethmann als fünften
Kanzler des Reiches. Nach eingehenden Beratungen entſchloß ich
mich, dem Wunſche des Fürſten Bülow zu entſprechen und ſein Ent—
laſſungsgeſuch zu bewilligen unter Berufung des von ihm em—
pfohlenen Nachfolgers.
102
Der bumsen
9: v. Bethmann Hollweg war mir ſchon aus meiner Jugend-
zeit wohlbekannt. Als ich im Jahre 1877 meine erſte aktive
Dienſtzeit als Leutnant bei der 6. Kompagnie 1. Garde-Regiments z. F.
abſolvierte, lag dieſe einmal in Hohenfinow bei dem alten Herrn
v. Bethmann, dem Vater des Kanzlers, einquartiert. Ich fühlte mich
hingezogen zu dem ſympathiſchen Familienkreiſe, dem die verehrungs—
würdige Frau v. Bethmann, eine geborene Schweizerin, mit Liebens—
würdigkeit und feinem Geiſte vorſtand. Oft bin ich dann als Prinz
und ſpäter als Kaiſer nach Hohenfinow gekommen, um den alten
Herrn zu beſuchen. Dabei empfing mich ſedesmal der junge Landrat
des Kreiſes, wir ahnten damals beide nicht, daß er einſt unter mir
der Kanzler des Reiches werden ſollte. Aus dieſen Beziehungen hat
ſich nach und nach ein reger Verkehr entwickelt, durch den ſich meine
Wertſchätzung der Arbeitskraft, der Fähigkeiten und des mir fpm-
pathiſchen vornehmen Charakters Bethmanns ſtetig geſteigert hat,
ſie hat ihn auf ſeiner ganzen Beamtenlaufbahn begleitet.
Bethmann hatte ſich als Oberpräſident und als Staatsſekretär
des Reichsamts des Innern gut bewährt und war in letzterer Stellung
auch bereits im Reichstag geſchickt aufgetreten.
Das Einarbeiten des Kanzlers mit mir ging leicht vonſtatten.
Ich ſetzte auch bei Bethmann die Gewohnheit fort, ihn möglichſt
täglich zu beſuchen und beim Umhergehen im Garten des Kanzler—
105
palais mit ihm die Politik, Tagesereigniſſe, beſondere Vorlagen und
Vorkommniſſe eingehend zu erörtern und mir von ihm Vortrag
halten zu laſſen. Auch in des Kanzlers Hauſe verkehrte ich gern,
war doch die Lebensgefährtin Bethmanns das Urbild einer echten
deutſchen Frau, deren ſchlichte Vornehmheit einem jeden Beſucher
Verehrung abgewann, während ihre gewinnende Herzensgüte eine
warme Atmoſphäre um ſie verbreitete. Die vom Fürſten Bülow be—
gonnene und von mir beſonders geſchätzte Gepflogenheit der kleinen
Abendgeſellſchaften wurde von Bethmann fortgefegt und ermöglichte
mir auch weiterhin, mit Männern aus allen Kreiſen und Berufsarten
ungezwungen zu verkehren.
Bei den Reiſen, die der Kanzler, um ſich vorzuſtellen, machen
mußte, gewann er ſich durch ſeine vornehme Ruhe und ſeine gediegene
Ausdrucksweiſe überall Sympathie. Das uns nicht feindlich geſinnte
Ausland betrachtete ihn als einen Faktor politiſcher Stetigkeit und
des Friedens, den aufrecht zu erhalten und zu ſtärken, ganz in meinem
Sinne, ſein eifrigſtes Beſtreben war.
In der auswärtigen Politik beſchäftigte ihn von Anfang an die
Stellung Englands zu Deutſchland und die ſich ſeit Reval immer
mehr fühlbar machende Politik der „Einkreiſung“ König Eduards VII.,
die ihm ebenſo Sorge bereitete wie die ſteigende Revancheluſt und
Feindſchaft in Frankreich und die Unzuverläſſigkeit Rußlands. Daß
auf Italien militäriſch nicht mehr zu rechnen war, wurde unter ſeiner
Kanzlerſchaft klar, die Bearbeitung durch Barrère machte dort die
„Extratouren“ chroniſch.
Bei ſeinem Antritt fand Herr v. Bethmann die Situation mit
Frankreich inſofern geklärt, als am 9. Februar 1909 das deutſch—
franzöſiſche Marokko-Abkommen unterzeichnet worden war. Fürſt
Bülow hatte damit unter Anerkennung der politiſchen Vorherrſchaft
Frankreichs den Rückzug der deutſchen Politik aus Marokko be—
ſiegelt. Der Standpunkt, der für die Reiſe nach Tanger und noch
106
für die Algeciras-Konferenz maßgebend geweſen war, wurde damit
endgültig verlaſſen. Die hohe Befriedigung der franzöſiſchen Re—
gierung über dieſen Erfolg kam in der Verleihung des Großkreuzes
der Ehrenlegion an Fürſt Radolin und Herrn v. Schoen zu einem
für uns unerfreulichen Ausdruck.
Am ſelben Tage ſtattete König Eduard VII. mit der Königin
Alexandra dem deutſchen Kaiſerpaar ſeinen erſten offiziellen Beſuch
in der Hauptftadt Berlin ab, 8 Jahre nach feiner Thronbeſteigung!
Berlin empfing den hohen Herrn mit Jubel (II) und trug in keiner
Weiſe Mißſtimmung über ſeine unfreundliche Politik zur Schau.
Der König machte geſundheitlich keinen günſtigen Eindruck. Er war
abgeſpannt, gealtert und litt obendrein an einem heftigen Katarrh.
Der Einladung der ſtädtiſchen Körperſchaften Berlins zum zwang—
loſen Tee im Rathaus entſprach er trotzdem. Nach ſeinen Schil—
derungen, die auch von Berliner Herren beſtätigt wurden, ſoll
das Zuſammenſein in jeder Hinſicht zur beiderſeitigen Befriedigung
verlaufen ſein. Ich teilte meinem Oheim die Unterzeichnung des
deutſch-franzöſiſchen Marokko-Abkommens mit, er nahm die Nach—
richt ſcheinbar mit Freude auf. Als ich hinzufügte: „I hope this
agreement will be a steppingstone to a better understanding
between the two countries“ ), nickte der König beifällig mit dem
Kopfe und ſagte: „May that be so!“) Hätte der König hieran
mitgearbeitet, dann wäre meine Hoffnung wahrſcheinlich nicht ge—
ſcheitert. Für den Augenblick hatte der Beſuch der engliſchen Maje—
ſtäten aber immerhin eine freundlichere Atmoſphäre erzeugt, die Herr
v. Bethmann bei ſeinem Amtsantritt vorfand.
Während ſeiner Kanzlerſchaft hat Herr v. Bethmann reichlich
auswärtige Fragen zu behandeln gehabt, entſprechend den bekannten
*) „Ich hoffe, dieſes Abkommen wird ein Schritt zu einer beſſeren Verſtän—
digung zwiſchen den beiden Ländern ſein.“
**) „Möchte es fo fein!”
107
Ereigniffen der Jahre 1909/14. Über dieſe Zeit ift bereits ein
reichhaltiges Material von verſchiedenen Seiten veröffentlicht worden,
namentlich in dem Buche des Staatsſekretärs v. Jagow: „Urfachen
des Weltkrieges’. In den „Belgiſchen Aktenſtücken“ tft von neu⸗
tralem Standpunkte das Verhalten der deutſchen Regierung in den
verſchiedenen Verwicklungen geſchildert. Als Richtlinien für dieſes
Verhalten hatte ich feſtgelegt: „Zurückhaltung einerſeits, andererſeits
Unterſtützung des öſterreichiſch-ungariſchen Bundesgenoſſen, wo es
ſich um offenſichtliche Bedrohung ſeiner Großmachtſtellung handelt,
unter Ratſchlägen zur Mäßigung im Verfahren. »Ehrliche Maklere—
Arbeit in vermittelnder Tätigkeit überall, wo der Friede gefährdet
erſcheint. Feſtes Eintreten für die eigenen Intereſſen.“ Daß an—
geſichts der Einkreiſungsgelüſte der Gegner zielbewußter Ausbau
der Armee und Marine als Verteidigungsmaßnahme nebenher ging,
war bei der zentralen Lage Deutſchlands mit ſeinen offenen, unge—
ſchützten Grenzen ein pflichtmäßiges Gebot der Selbſterhaltung. Dieſe
Geſchichtsperiode iſt auch in dem Buche von Stegemann gut be—
handelt. Ebenſo ſchildern Friedjung, Helfferich u. a. die Vorkriegs—
zeit intereſſant.
Der Tod des „Einkreiſers“ Eduard VII., von dem der belgiſche
Geſandtſchaftsbericht aus Berlin einſt ſagte, „der Friede Europas
ſei niemals mehr gefährdet, als wenn der König von England ſich
mit ſeiner Sicherung befaſſe“, rief mich nach London, wo ich mit
dem engverwandten Königshauſe die Trauer teilte, in die das Hin—
ſcheiden des Königs Dynaſtie und Nation verſetzt hatte. Die ganze
Königliche Familie empfing mich am Bahnhof, ein Zeichen ihrer
Dankbarkeit für die durch mein Kommen bewieſene verwandtfchaft-
liche Geſinnung. König Georg fuhr mit mir nach Weſtminſter Hall,
wo auf hochragendem Katafalk der koſtbar geſchmückte Sarg ruhte,
bewacht von Haustruppen, Linienſoldaten und Mannſchaften aus
den indiſchen und Kolonial-Kontingenten, alle in der charakteriſtiſchen
108
Trauerhaltung, d. h. mit geſenkten Häuptern, die Hände gekreuzt
auf den Kolben und Degengriffen der nach unten gekehrten Waffen.
Mächtig ragte die alte graue Halle, von dem gewaltigen gotiſchen
Holzdach überwölbt, über dem Katafalk empor, nur ſpärlich von
einigen Sonnenſtrahlen erhellt, die durch die ſchmalen Fenſter fielen.
Ein Strahl umflutete des Königs mit der engliſchen Krone gezierten
Prunkſarg und lockte ein wunderbares Spiel der Farben aus den
Edelſteinen hervor. An dem Katafalk zogen lautlos unabſehbare
Mengen von Männern, Frauen und Kindern aus allen Ständen
und Schichten des Volkes, viele mit gefalteten Händen, vorüber,
um dem ſo populären Herrſcher ehrfurchtsvollen Abſchiedsgruß zu
weihen. Ein in ſeinem wunderbaren mittelalterlichen Rahmen tief
ergreifendes Bild!
Ich trat mit dem König Georg an den Katafalk heran, legte
einen Kranz nieder und ſprach ein ſtilles Gebet, nach dem ſich meine
Rechte und die meines Königlichen Vetters ganz von ſelbſt fanden
und ſich feſt ineinander ſchloſſen. Dies hat auf die Anweſenden
einen tiefen Eindruck gemacht, ſo daß mir am Abend einer meiner
Verwandten darüber ſagte: „Your handshake with our King is
all over London, the people are deeply impressed by it and
take it as a good omen for the future.“ — „That is the sincerest
wish of my heart“) war meine Antwort.
Bei dem Ritt durch London hinter meines Oheims Sarg war
ich Zeuge der gewaltigen, ergreifenden Trauerkundgebung, die trotz
der ungeheuren Scharen — man ſchätzte ſie auf mehrere Millionen —
auf Straßen, Balkonen und Dächern nur Menſchen in Schwarz
und die Männer entblößten Hauptes zeigte, alles in muſterhafter
*) „Der Händedruck, den Sie mit unſerem König ausgetauſcht haben, wird in
ganz London beſprochen, er hat auf das Volk einen tiefen Eindruck gemacht, und
es betrachtet ihn als ein gutes Vorzeſchen für die Zukunft.“ — „Das fft der auf—
richtigſte Wunſch meines Herzens.“
109
Ordnung und lautlofer Stille. Auf dieſem dunklen feierlichen Hinter—
grund hob ſich das Spalier der britiſchen Truppen um ſo farben—
reicher ab. Prachtvoll nahmen ſich die Bataillone der engliſchen
Garde aus: Grenadiere, Scotsguards, Coldſtreamguards und Irifh-
guards in ihren vorzüglich ſitzenden roten Röcken, weißem Lederzeug
und ſchwarzen Bärenmützen. Alles ausgeſuchter Erſatz von vor—
trefflichem Ausſehen und ausgezeichneter militäriſcher Haltung, eine
Freude für jedes ſoldatiſch empfindende Herz. Das ganze Spalier
ſtand ebenfalls in der oben ſchon befchriebenen Trauerhaltung.
Während der Tage meines Aufenthalts wohnte ich auf beſonderen
Wunſch König Georgs bei ihm in Buckingham Palace. Des ver—
ewigten Königs Witwe, die Königin Alexandra, hat mich mit rührender,
liebenswürdiger Güte empfangen und viel mit mir über vergangene
Zeiten geplaudert, meine Erinnerungen reichten bis in die Kinder—
jahre zurück, da ich ſchon als kleiner Knabe die Hochzeit meines ver—
ewigten Oheims miterlebt hatte.
Für die vielen fürſtlichen Gäſte und ihre Gefolge ſowie für die
Vertreter fremder Nationen wurde vom König ein Bankett gegeben,
bei dem unter anderen auch Herr Pichon erſchien. Er wurde mir
vorgeſtellt. In dem Geſpräch mit ihm konnte ich ihm die mir vom
Reichskanzler mitgegebenen Wünſche übermitteln, die unſere Intereſſen
in Marokko und einige andere politiſche Fragen betrafen, deren Er—
füllung Herr Pichon bereitwillig zuſagte. Alle ſonſtigen Kombinationen,
die von verſchiedenen Seiten an dieſes Geſpräch geknüpft worden
ſind, gehören in das Gebiet der Phantaſie. —
Obwohl die Jahre 1909/14 außerordentliche Aufmerkſamkeit auf
die auswärtigen Ereigniſſe beanſpruchten, wurde in ihnen doch auch
der Ausbau im Innern nach Kräften gefördert und den Anſprüchen
des ſchnell aufblühenden Handels, Verkehrs, der Landwirtſchaft und In—
duſtrie Rechnung zu tragen verſucht. Leider wurden die Arbeiten hierfür
durch die arge Zerklüftung unter den Parteien ſehr erſchwert.
110
Der Kanzler hatte das Beſtreben, alles, was erfüllbar war, auch
durchzuführen. Aber ſeine Veranlagung zur Ergründung der Probleme
und ſein Wunſch, nur das vorzubringen, was er in ſeiner peinlichen
Bedenklichkeit für völlig ausgereift hielt, wirkten im Laufe der Zeit
doch recht hemmend. Es war ſchwer, ihn zu Entſchlüſſen zu bringen,
ſolange er nicht von ihrer abſoluten Einwandfreiheit überzeugt war.
Das machte das Arbeiten mit ihm mühſam und erweckte bei Ferner-
ſtehenden den Eindruck der Unentſchloſſenheit, während es im Grunde
mehr übergroße, zu weitgehende Gewiſſenhaftigkeit war. Dazu ent—
wickelte ſich mit der Zeit bei dem Kanzler eine ſtarke und zunehmende
Neigung zur Präponderanz, die ſich bei Diskuſſionen öfters zu einer
eigenſinnigen, faſt ſchulmeiſterlichen Rechthaberei und Belehrung der
Andersdenkenden ſteigerte. Das hat ihm viel Feinde geſchaffen und
mir das Leben oft ſchwer gemacht. Ein Jugendbekannter des Kanz—
lers, zu dem ich gelegentlich über dieſe Eigenſchaft ſprach, erwiderte
lachend, das ſei ſchon auf der Schule ſo geweſen. Da habe Herr
v. Bethmann feine Witſchüler in der Klaſſe, zu denen auch mein
Gewährsmann gehörte, unaufhörlich belehrt und geſchulmeiſtert, ſo
daß die Klaſſe ihm den Beinamen „die Gouvernante“ gegeben habe.
Dieſe Eigenſchaft ſei ein Unglück für ihn, da die meiſten Menſchen
keine Gouvernante mehr haben wollten, aber ſie ſei ihm nun einmal
in Fleiſch und Blut übergegangen, und ablegen werde er ſie nicht mehr.
Ein Beiſpiel dafür iſt Bethmanns Verhältnis zu Herrn v. Kiderlen,
den er trotz meinem energiſchen Abraten durchaus als Staatsſekretär
haben wollte. Herr v. Kiderlen war ein tüchtiger Arbeiter und ein
ſtarker Charakter, der ſich ſtets ſeine Selbſtändigkeit zu wahren
ſuchte. Er war etwa ein Jahr im Amte, als Herr v. Bethmann
eines Tages zu mir kam, ſich über Kiderlens Eigenſinn und Un—
botmäßigkeit beſchwerte und bat, ich möchte ihm doch einmal ins
Gewiſſen reden. Ich lehnte dieſes Anſinnen mit dem Hinweis ab,
daß der Kanzler Kiderlen gegen meinen Wunſch gewählt habe und
111
nun auch mit ihm auskommen müſſe, die Aufrechterhaltung der Diſ—
ziplin im Auswärtigen Amt ſei Sache des Kanzlers: ich hätte keine
Neigung, mich einzumiſchen.
Bethmanns Unzulänglichkeit als Kanzler iſt inzwiſchen erwieſen.
Er war im Grunde ſeines Weſens Pazifiſt und hatte ſich in den
Gedanken verrannt, mit England zu einer Verſtändigung zu kommen,
koſte es was es wolle. Ich verſtehe durchaus, daß ein Mann von
pazifiſtiſcher Grundrichtung ſo handelt, in der Hoffnung, auf dieſe
Weiſe einen Krieg zu vermeiden. Sein Ziel entſprach durchaus
meiner Politik. Die Art und Weiſe, auf die Bethmann es zu er—
reichen ſuchte, hielt ich für ungeeignet. Gleichwohl habe ich ſeine
Bemühungen unterſtützt. An einen wirklichen Erfolg habe ich aller—
dings nicht geglaubt. Im Laufe ſeiner Kanzlerſchaft ſtellte ſich
ſchließlich immer mehr heraus, daß die Realitäten der Politik ihm
recht fern lagen. Er wußte aber immer alles beſſer als alle anderen.
Auch mich belehrte er ſtändig. Er hielt in dieſer Selbſtüberſchätzung
an ſeinen Gedankengängen unverrückbar feſt, ſelbſt wenn alles anders
kam, als er es ſich gedacht hatte.
Seine Vorträge waren ſtets ausgezeichnet vorbereitet, in der
Form glänzend, daher eindrucksvoll und beſtechend. Darin lag eine
gewiſſe Gefahr. Seiner Meinung nach gab es immer nur die eine
Löſung, die er vorſchlug. Die ſcheinbare Gediegenheit und Gründ—
lichkeit ſeiner Vorträge und Vorſchläge, die Beleuchtung der Vor—
tragsgegenſtände von allen Seiten, die Berufung auf Experten, auf
ausländiſche und inländiſche Staatsmänner und Diplomaten uſw. er-
weckten leicht den Eindruck, als käme einzig und allein die Beth—
mannſche Löſung in Betracht. Trotz dieſer gründlichen Vorbereitungen
machte er Fehler über Fehler.
So hat er in der Tat unſer Unglück mit verſchuldet. Als ich
1914 von der Nordlandreiſe kam, hat er mir zwar nicht fein Porte⸗
feuille zur Verfügung geſtellt, aber er hat zugegeben, daß allerdings
112
alle feine politiſchen Berechnungen fehlgeſchlagen waren. Gleichwohl
beließ ich ihn auch nach ſeiner Reichstagsrede und der engliſchen
Kriegserklärung am 4. Auguſt 1914 im Amt, weil ich es für äußerſt
bedenklich hielt, im kritiſchſten Augenblick der deutſchen Geſchichte den
oberſten Reichsbeamten zu wechſeln. Die geſchloſſene Stimmung
des Volkes, die wir gegenüber der Herausforderung der Entente
brauchten, hätte dadurch geſtört werden können. Zudem behaupteten
ſowohl der Kanzler ſelbſt wie auch der Chef des Zivilkabinetts, daß
Bethmann die Arbeiterſchaft hinter ſich hätte. Ich wollte der
Arbeiterſchaft, die ſich 1914 tadellos benahm, nicht den Staats⸗
mann nehmen, zu dem ſie — wie mir geſagt wurde — Vertrauen
hatte.
Die mir immer wieder vom Chef des Zivilkabinetts und dem
Vertreter des Auswärtigen Amtes gemeldete Theſe, daß nur Beth-
mann die Arbeiterſchaft hinter ſich hätte, wurde ſchließlich noch ergänzt
durch an mich erſtattete Meldungen, nach denen der Kanzler auch
das für den Friedensſchluß erforderliche Vertrauen im Ausland be-
ſäßſe. So kam es, daß Bethmann immer wieder im Amte blieb,
bis ſchließlich der Kronprinz die bekannte Feſtſtellung bei den Partei⸗
führern machte, aus der ſich ergab, daß die erwähnte Theſe ein Irr—
tum war. Dieſer Irrtum wurde um ſo deutlicher für mich, als ich
bei Bethmanns Abgange, bei dem noch andere Einwirkungen mit⸗
ſpielten, gerade in der Preſſe der Sozialdemokratie und der Demo⸗
kratie die abträglichſten Urteile über ihn las.
Ich wünſche mit dieſen offenen Bemerkungen Bethmann nicht
zu belaſten und andere zu entlaſten, wenn aber über ſo wichtige
Dinge geſprochen wird, ſo müſſen perſönliche Rückſichten ſchweigen.
An Bethmanns vornehmer Geſinnung habe ich nie gezweifelt.
Es ſeien hier noch ein paar Worte über die Reform des preu—
ßiſchen Wahlrechts eingeſchaltet, weil deren Behandlung durch
Herrn v. Bethmann für ſeine Zauderpolitik kennzeichnend iſt. Im
8 Kaiſer Wilhelm IT. 115
Laufe des Winters 1914/15, als nach dem glänzenden Sommer—
feldzug der harte ſchwere Winter- und Grabenkampf die ſtehende
Kriegführung brachte, machten die großartigen Leiſtungen der ge—
ſamten Truppen und der Geiſt, den ich bei Offizieren wie Nlann-
ſchaften im Felde wie im Lazarett gefunden hatte, auf mich einen ſo
tiefen Eindruck, daß ich bei mir beſchloß, dem bewährten herrlichen
„Volk in Waffen“ bei der Heimkehr auch auf politiſchem Gebiete eine
Freude und Anerkennung zu bereiten. Ich habe des öfteren in Ge—
ſprächen dieſes Thema behandelt und dabei auf die Reform des
preußiſchen Wahlrechts hingewieſen. Der Mann, der mit dem
Eiſernen Kreuz, vielleicht beider Klaſſen, heimkehre nach ſolchem
Kampf, der dürfe bei der Wahl nicht mehr „klaſſifiziert“ werden.
In dieſe Überlegung traf eine mir von Herrn v. Loebell unter—
breitete Denkſchrift hinein, in der aus ähnlichen Gründen eine
Reform des preußiſchen Wahlrechts angeregt wurde. Die knappe,
klare und überzeugende Darlegung gefiel mir ſo ſehr, daß ich die
Denkſchrift, die zunächſt nur allgemeine Geſichtspunkte, noch keine
Details enthielt, verſchiedenen Herren zu leſen gab. Ich freute mich,
daß ſie bei allen Befragten volle Anerkennung fand.
Ich ließ Herrn v. Loebell durch den Chef des Zivilkabinetts
v. Valentini meinen Dank ausſprechen und ihn veranlaſſen, eine
detaillierte Ausarbeitung mit Vorſchlägen einzureichen. Dies erfolgte
im Frühjahr 1915. Die Denkſchrift war ſehr eingehend und be—
handelte verſchiedene Möglichkeiten des Wahlmodus, ohne ein be—
ſtimmtes Syſtem vorzuſchlagen. Sie wurde von mir gebilligt und
durch den Kabinettschef dem Reichskanzler zugeſchickt mit dem Be—
fehl, fie im Laufe des Jahres durch das Staatsminiſterium durch⸗
beraten und deſſen Votum bzw. eventuelle Vorſchläge und die Aus⸗
arbeitung einer Geſetzesvorlage mir vorlegen zu laſſen. Natürlich
ſollte das Geſetz erſt nach dem Friedensſchluß eingebracht werden.
Gleich darauf begab ich mich nach Pleß. Die Schlacht von
114
Gorlice⸗Tarnow mit ihrem den Feind niederſchmetternden Sieg
leitete den galiziſch⸗polniſchen Feldzug ein, der zur Wiedereroberung
von Lemberg, Przemysl, zur Einnahme von Warſchau, Iwangorod,
Modlin, Breſt⸗Litowsk ufw. führte und mich voll in Anſpruch nahm.
Auch der „Luſitania“⸗Fall warf feine Schatten, und Italien brach
das Bündnis — es iſt daher nicht zu verwundern, daß die Denk⸗
ſchrift bei mir ins Hintertreffen geriet.
Auch der Winter und der Sommer 1916 mit ihren Kämpfen
an allen Fronten, der furchtbaren Sommeſchlacht und der glänzenden
rumäniſchen Herbft- und Winterkampagne führten mich auf alle
möglichen Punkte der Weft- und Oſtfront bis nach Niſch, wo die
erſte denkwürdige Zuſammenkunft mit dem Zaren der Bulgaren er—
folgte, und nach Orſova, ſo daß ich zu ſo eingehender Beſchäftigung
mit der Reform, wie deren Wichtigkeit erforderte, nicht kommen konnte.
Im Frühjahr 1917 wandte ich mich an den Kanzler mit der
Aufforderung, zu Oſtern eine Ankündigung der Reform an das Volk
zu entwerfen, da ich vorausſetzte, daß das Staatsminiſterium die
Denkſchrift längſt beraten habe. Der Kanzler vereinbarte in Hom—
burg mit dem Kabinettschef und mir den Text des Erlaffes, in dem
er die Wahlform noch offen zu laſſen vorſchlug, da er damit noch
nicht ganz im reinen ſei. Es erſchien der Oſtererlaß, dem nach wie
vor der Gedanke zugrunde lag, daß die Reform erſt nach dem
Friedensſchluß Platz greifen ſolle, da ja der größte Teil der Wähler
vor dem Feinde ſtand.
Parteien und Preſſe haben das ihrige dazu getan, meine urſprüng⸗
liche Abſicht durch Zank und Streit, durch das Aufwerfen der Frage
des Reichstagswahlrechts für Preußen und durch das Verlangen
nach Einbringung der Vorlage ſchon während des Krieges, zu ver—
ſchieben. So nahm die Frage ihren bekannten, wenig erfreulichen
Verlauf, der ſich durch die endloſen Verhandlungen im Landtage
recht langwierig geſtaltete. Erſt nach dem Abgange des Herrn
85 115
v. Bethmann erfuhr ich durch Loebell, daß die Denkſchrift vom Jahre
1915 dem Miniſterium gar nicht vorgelegt worden war, ſondern
anderthalb Jahre unerledigt im Tiſchkaſten gelegen hatte. Der
Kanzler habe unter dem Eindruck der Wünſche aus dem Lande die
verſchiedenen vorgeſchlagenen Formen fallen laſſen und ſich direkt
auf das allgemeine (Reichstags-) Wahlrecht konzentriert, von deſſen
Kommen er wohl ſchon innerlich überzeugt geweſen fein werde.
Jedenfalls iſt der urſprüngliche Grundgedanke durch Bethmanns
Verſchleppung und durch das Parteigezänk gründlich verhunzt worden.
Ich hatte meinem ſiegreich heimkehrenden Heer, dem „Volk in
Waffen“, meinen tapferen Preußen, mit denen ich vor dem Feinde
geſtanden hatte, aus freier Entſchließung eine Ehrengabe entgegen—
bringen wollen. —
Es war ein Ausfluß der ſtarken Neigung Bethmanns zur Prä—
ponderanz, daß der Staatsſekretär des Auswärtigen unter ihm bloßer
Hilfsarbeiter blieb, ſo daß das Auswärtige Amt dem Reichskanzler—
amt quafi affiliiert war, was in der Benutzung der Preſſeabteilung
beſonders fühlbar wurde. Auch mir gegenüber nahm Bethmann
eine ſtarke Selbſtändigkeit für ſich in Anſpruch. Geſtützt darauf,
daß der Kanzler nach der Verfaſſung allein die Verantwortung für
die auswärtige Politik zu tragen hat, ſchaltete und waltete er frei
nach Belieben. Das Auswärtige Amt durfte mir nur mitteilen,
was dem Kanzler paßte, ſo daß ich oft über wichtige Angelegenheiten
nicht informiert worden bin.
Daß das überhaupt möglich war, liegt an der Neichsverfaſſung.
Es iſt hier wohl der Platz, ein Wort über das Verhältnis von
Kaiſer und Kanzler im allgemeinen einzufügen. Ich ſpreche im fol—
genden alſo nicht über mein Verhältnis zu Herrn v. Bethmann,
ſondern ganz unperſönlich über die Schwierigkeiten in dem Ver—
hältnis des deutſchen Kaiſers zu den Reichskanzlern, die
ihren Grund in der Reichsverfaſſung hatten.
116
Ich hebe folgende Punkte hervor:
15
Nach der Reichsverfaſſung iſt der Kanzler der Leiter und
Vertreter der auswärtigen Politik des Reiches, er trägt für
dieſe die volle Verantworlichkeit und läßt ſie durch das ihm
unterſtehende Auswärtige Amt ausführen, nachdem er dem
Kaiſer Vortrag gehalten hat.
Der Kaiſer hat auf die auswärtige Politik nur inſoweit
Einfluß, als der Kanzler ihn einräumt.
Der Kaiſer kann ſeinen Einfluß geltend machen im Wege
der Diskuſſion, Information, Anregung, durch Vorſchläge
und die Berichterſtattung über ſeine auf Reiſen empfangenen
Eindrücke, die dann als Ergänzung zu den politiſchen Be—
richten der Botſchafter oder Geſandten der Länder, die er
perſönlich beſuchte, gilt.
Der Kanzler kann auf ſolche Einwirkung des Kaiſers ein⸗
gehen, ſie zur Grundlage ſeiner Entſchlüſſe machen, wenn er
mit der Auffaſſung des Kaiſers übereinſtimmt. Im andern
Falle bleibt er bei ſeiner Auffaſſung und führt ſie durch
(Krügerdepeſche).
Verfaſſungsmäßig hat der Kaiſer kein Mittel, den
Kanzler und das Auswärtige Amt zur Annahme ſeiner
Anſicht zu zwingen. Er kann den Kanzler nicht zu einer
Politik veranlaſſen, die dieſer nicht verantworten zu können
glaubt. Beſteht der Kaiſer auf ſeiner Auffaſſung, ſo kann
der Kanzler ſeinen Abſchied anbieten oder fordern.
Auf der andern Seite beſitzt der Kaiſer kein verfaſſungs—
mäßiges Mittel, den Kanzler und das Auswärtige Amt
an einer Politik zu hindern, die er für bedenklich oder
falſch hält. Es bleibt ihm, wenn der Kanzler auf ſeiner
Auffaſſung beſteht, nur übrig, zum Kanzlerwechſel zu
ſchreiten. — Jeder Kanzlerwechſel iſt aber eine ſchwierige,
117
in das Leben der Nation tief eingreifende Prozedur und deg-
halb in Zeiten politiſcher Verwicklungen und Hochſpannung
äußerſt bedenklich, eine ultima ratio, die um ſo gewagter iſt,
als die Zahl der für dieſen anormal ausgewachſenen Poſten
geeigneten Männer ſehr gering iſt.
Die Stellung des Reichskanzlers, die auf die überragende Perſön—
Nchkeit des Fürſten Bismarck zugeſchnitten war, hatte durch die ſich
immer mehr vergrößernden Reichsämter, deren aller Chef und verant—
wortlicher Vorgeſetzter der Kanzler war, ein bedenkliches Übergewicht
gewonnen. Beachtet man dieſe Tatſache, dann geht es ſchlechterdings
nicht an, hinterher, wie es ſchon früher und beſonders gegen Ende
des Krieges und nach dem Kriege ſeitens kritiſcher Beſſerwiſſer und
nörgelnder Umſtürzler zu Haus wie ſeitens der Entente geſchehen iſt,
den Kaiſer kurzweg für alles allein verantwortlich zu machen. Das
iſt, ganz abgeſehen von allem Perſönlichen, ein Beweis völliger Un—
kenntnis der früheren deutſchen Reichsverfaſſung. —
Der Beſuch des Zaren in Potsdam im November 1910 ver⸗
lief zur Zufriedenheit aller Beteiligten und wurde vom Kanzler und
Herrn v. Kiderlen benutzt, mit dem neu ins Amt getretenen Herrn
Saſonow Fühlung zu nehmen, den der Zar dazu mitgebracht hatte.
Der ruſſiſche Herrſcher fühlte ſich bei uns anſcheinend wohl und nahm
an der zu ſeinen Ehren veranſtalteten Jagd, bei der er ſich als
paſſionierter Waidmann zeigte, lebhaften Anteil. Der Erfolg der
Beſprechungen der beiderſeitigen Staatsmänner bot anſcheinend gute
Ausſichten für die Zukunft, fo daß beide Seiten, nachdem fie über-
einander orientiert waren, beruhigt auf eine günſtige Geſtaltung
unſerer Beziehungen hofften.
Während meines Frühjahraufenthaltes auf Korfu begannen die
Unruhen der Waliſſoren, die auch das Intereſſe der Griechen fehr
in Anſpruch nahmen. Man war in Korfu über den andauernden
Waffenſchmuggel, der von Italien über Valona nach Albanien ging,
118
gut orientiert und neigte in griechiſchen Kreiſen der Anſicht zu, daß
Machinationen von jenſeits der Adria wie auch aus Montenegro an
den Ereigniſſen nicht unbeteiligt ſeien. Auch habe das neue türkiſche
Regime keine glückliche Hand in der Behandlung der Albaneſen ge—
habt, die recht empfindlich und mißtrauiſch ſeien. Der frühere Sultan
Abdul Hamid habe das ſehr wohl erkannt und es trefflich verſtanden,
ſich gut mit den Albaneſen zu ſtellen und fie in Ruhe zu halten.
Man befürchtete aber keine weitergehenden Komplikationen aus den
Ereigniſſen.
Zu Anfang 1911 erhielt ich eine ſehr herzlich gehaltene ſchriftliche
Einladung des Königs Georg von England, mit der Kaiſerin der
Enthüllung des Standbildes der Königin Victoria, unſerer
gemeinſamen Großmutter, beizuwohnen. Infolgedeſſen begab ich
mich Mitte Mai mit der Kaiſerin und unſerer Tochter nach London.
Der Empfang ſeitens der engliſchen Königsfamilie ſowie der Be—
wohner Londons war herzlich. Die Enthüllungsfeier war geſchickt
inſzeniert und ſehr großartig. Der weite kreisrunde Platz vor
Buckingham Palace war von Tribünen umgeben, die von eingelade—
nem Publikum überfüllt waren. Davor ſtand ein Truppenſpalier
aller Waffengattungen und Regimenter der britiſchen Armee in
Paradeausrüſtung, die Kavallerie und Artillerie zu Fuß. Am Denk-
mal waren ſämtliche Fahnen der Truppen zuſammengezogen. Die
Königliche Familie mit ihren Gäſten und den Gefolgen gruppierte
ſich vor dem Denkmal. König Georg hielt eine weihevolle Anſprache
von guter Wirkung, in der er auch des deutſchen Kaiſerpaares Er—
wähnung tat. Die Hülle fiel unter Salut und Gruß. Die Kö—
nigin in Marmor, auf einem Thron ſitzend, von einer goldenen Vic—
toria überragt, wurde ſichtbar, ein Augenblick von packender Wirkung.
Danach folgte der Vorbeimarſch der in der Parade ſtehenden Truppen,
die Garden voraus, dann Hochländer, die in ihrer kleidſamen farbigen
Tracht eine beſonders maleriſche Note in das militäriſche Schauſpiel
119
brachten, dann die übrigen Truppen. Der Vorbeimarſch vollzog
ſich auf dem kreisrunden Platze in einer andauernden Schwenkung,
die äußeren Flügel mußten ausſchreiten, die inneren verhalten, eine
ſchwierige Aufgabe für die Truppe. Sie wurde glänzend gelöſt,
kein Mann kam aus der Richtung. Der Herzog von Connaught,
welcher die ganzen militärifhen Anordnungen getroffen hatte, erntete
mit Recht ungeteilten Beifall. Die übrigen Tage des Aufenthaltes
wurden zu Ausflügen benutzt, auch genoſſen wir die Gaſtfreundſchaft
hoher engliſcher Familien, wobei ſich Gelegenheit bot, mit vielen
Mitgliedern der Geſellſchaft in Verkehr zu treten.
Einen beſonderen Kunſtgenuß bot der König ſeinen Gäſten durch
eine Theatervorſtellung in Drury Lane. Es wurde ein bekanntes
engliſches Schauſpiel „Money“ gegeben von einer beſonders dazu
zuſammengeſtellten Truppe, die aus den erſten Schauſpielern und
Schauſpielerinnen Londons beſtand. Als Überraſchung fiel im
Zwiſchenakt ein von einer Dame ad hoc gemalter Vorhang, der in
Lebensgröße den König Georg und mich zu Pferde darſtellte, wie
wir militäriſch ſalutierend aufeinander zureiten. Das Bild war mit
viel Schwung gemalt und wurde vom Publikum lebhaft akklamiert.
Das Spiel der Herren und Damen in „Money“ war geradezu
muſtergültig, da ein jeder ſeine Rolle, auch die kleinſte, in der Voll—
endung gab. Es war eine wirklich klaſſiſche Aufführung. An
einem anderen Tage wurden in der Olympiabahn die Sportturniere
der britiſchen Armee und Marine befichtigt, die ſowohl hervorragende
Einzelleiſtungen zu Fuß und zu Pferde, wie auch ſolche von ge—
ſchloſſenen Truppenteilen zur Darſtellung brachten.
Ich habe mich hier bei der Schilderung der Denkmalsenthüllung
wie auch der Beerdigung König Eduards VII. abſichtlich mit den
Außerlichkeiten und dem Pomp beſchäftigt, die bei derartigen Ge—
legenheiten in England üblich ſind. Aus ihnen erſieht man, daß in
einem parlamentariſch regierten, ſogenannten demokratiſchen Lande
120
auf faſt mittelalterliche Prachtentfaltung mehr Wert gelegt wurde,
als im deutſchen Kaiſerreiche.
Das franzöſiſche Verhalten in Marokko, das mit der Algecfras—
akte nicht mehr recht in Einklang zu bringen war, hatte wiederum
die Aufmerkſamkeit der Diplomaten auf ſich gelenkt. Der Kanzler
hatte mich daher gebeten, wenn ſich Gelegenheit dazu böte, die An—
ſicht des Königs Georg über die Marokkaniſche Frage zu hören. Ich
fragte ihn, ob er der Anſicht ſei, daß die franzöſiſche Handlungsweiſe
ſich noch mit der Algecirasakte vertrage. Der König meinte, eigent—
lich beſtehe die Akte nicht mehr, und man tue wohl am beſten, ſie
der Vergeſſenheit anheimzugeben. Die Franzoſen machten ja im
Grunde in Marokko nichts anderes, als was die Engländer ſeiner—
zeit in Agypten auch getan hätten. England werde deshalb den
Franzoſen keine Schwierigkeiten in den Weg legen, ſondern ſie ge—
währen laſſen, man ſolle ſich mit dem fait accompli der Beſetzung
abfinden und ſich wegen kommerzieller Sicherungen mit Frank-
reich arrangieren. — Der Beſuch verlief bis zuletzt harmoniſch,
und die Einwohner aus allen Schichten Londons gaben ihrer
Sympathie Ausdruck, fobald fie der Gäſte ihres Königs anſichtig
wurden.
So konnte das deutſche Kaiſerpaar mit den beſten Eindrücken
heimkehren. Als ich dieſe dem Kanzler mitteilte, äußerte er große
Zufriedenheit. Aus den Bemerkungen des Königs Georg entnahm
er, daß England die Algecirasakte als nicht mehr beſtehend betrachte
und auch der Beſetzung Marokkos keine Schwierigkeiten bereiten
werde. Daraus entwickelte ſich die von ihm und dem Auswärtigen
Amte befolgte Linie, welche zum Agadirfall führte, dem letzten
ebenfalls mißglückten Verſuch, Einfluß in Marokko zu behalten.
Die Lage ſpitzte ſich zu während der Kieler Woche. Das Aus-
wärtige Amt unterbreitete mir ſeine Abſicht, den „Panther“ nach
Marokko zu ſchicken. Ich habe ſtarke Bedenken gegen dieſe Maß—
121
regel geltend gemacht, mußte fie aber angeſichts der dringlichen Vor—
ſtellungen des Auswärtigen Amtes zurückſtellen. —
Das Jahr 1912 brachte in ſeiner erſten Hälfte die Sendung
Sir Erneſt Caſſel's mit einer Verbalnote, in welcher England
ſeine Neutralität im Falle eines auf Deutſchland erfolgenden „un—
provozierten“ Angriffes anbot, falls Deutſchland auf eine Beſchrän—
kung ſeines Kriegsſchiffbaues und das verſteckt angedeutete Fallen—
laſſen ſeiner neueſten Marinevorlage eingehen würde. Infolge unſerer
entgegenkommenden Antwort wurde Lord Haldane mit den Ver—
handlungen betraut und nach Berlin entſandt. Die Verhandlungen
ſcheiterten ſchließlich an der immer intranſigenter werdenden Haltung
Englands (Sir E. Grey), das zuletzt Lord Haldane desavouierte
und ſeine eigene Verbalnote zurückzog, weil Grey befürchtete, durch
ein deutſch-engliſches Abkommen die Franzoſen zu verletzen und das
engliſch-franzöſiſch-ruſſiſche Einvernehmen zu gefährden.
Im einzelnen war der Verlauf folgender: Am Vormittag des
29. Januar 1912 ließ ſich im Schloß zu Berlin Herr Ballin bei
mir anmelden und um Audienz bitten. Ich nahm an, daß es ſich
um eine nachträgliche Geburtstagsgratulation handeln werde. Ich
war daher nicht wenig erſtaunt, als Ballin nach kurzem Glückwunſch
mir meldete, daß er als Abgeſandter von Sir Erneſt Caſſel er—
ſchienen ſei, der in beſonderer Miſſion ſoeben in Berlin eingetroffen
ſei und um Empfang bäte. Ich fragte, ob es ſich um eine politiſche
Sendung handle, und, wenn das der Fall ſei, warum nicht der
engliſche Botſchafter die Audienz vermittle. Aus Ballins Antwort
ging hervor, daß die Angelegenheit nach Andeutungen Caſſel's ſehr
wichtig zu ſein ſcheine, die Umgehung des Botſchafters aber dadurch
zu erklären ſei, daß man in London den beſonderen Wunſch aus⸗
geſprochen habe, die amtlichen diplomatiſchen Stellen mit der Ans
gelegenheit nicht zu befaſſen, weder die engliſchen noch die deutſchen.
Ich erklärte mich zum ſofortigen Empfang bereit, fügte aber hinzu,
122
— —
daß ich, falls Caſſel's Auftrag auf Fragen der Politik Bezug haben
ſollte, als konſtitutioneller Herrſcher ſogleich den Kanzler hinzuziehen
würde, da ich nicht in der Lage ſei, allein ohne den Kanzler mit dem
Vertreter einer fremden Macht zu verhandeln.
Ballin holte Caſſel herbei, der mir ein Schriftſtück überreichte,
das mit „Billigung und Kenntnis der engliſchen Regierung“ auf⸗
geſetzt worden ſei. Ich las den kleinen Bogen durch und erſtaunte
nicht wenig, als ich ein formelles Neutralitätsangebot für den Fall
künftiger kriegeriſcher Verwicklungen Deutſchlands in den Händen
hielt, abhängig gemacht von gewiſſen Beſchränkungen auf dem Ge—
biete des Flottenbaues, die Gegenſtand von gegenſeitigen Be—
ſprechungen und Vereinbarungen bilden ſollten. Ich ging mit Ballin
ins Nebenzimmer (Adjutantenzimmer) und gab ihm das Schriftſtück
zu leſen. Nachdem er das getan hatte, fagten wir a tempo: „Eine
Verbalnote!“
Es war offenbar, daß ſich dieſe „Verbalnote“ auf die vorliegende
Novelle zu unſerem Flottengeſetz bezog und beſtimmt war, fie auf
irgendeine Weiſe zu verzögern oder zu hintertreiben. Jedenfalls be—
fand ich mich vor einer eigentümlichen Situation, die auch Ballins
Verwunderung erregte. Sie erinnerte mich an die Lage in Cron⸗
berg⸗Friedrichshof 1908, als ich das an mich perſönlich gerichtete An—
ſinnen des engliſchen Unterſtaatsſekretärs Hardinge, unſeren Flotten⸗
bau einzuſtellen, zurückweiſen mußte. Jetzt erſchien ein intimer
Geſchäftsfreund Eduards VII. — ohne vorherige Anmeldung auf
amtlichem diplomatiſchen Wege — beim deutſchen Kaiſer mit einer
von der engliſchen Regierung inſpirierten „Verbalnote“, mit der aus⸗
drücklichen Inſtruktion, ſämtliche diplomatiſchen Inſtanzen beider Länder
zu umgehen. Er überreichte ein Angebot der engliſchen Regierung,
in kommenden kriegeriſchen Verwicklungen ihre Neutralität zu wahren
gegen Abmachungen über Beſchränkungen in unſerem Schiffbau.
Und dies geſchah ſeitens Englands, des Mutterlandes des „Kon⸗
123
ſtitutionalismus“! Ballin fagte, als ich ihn hierauf hinwies: „Hei-
liger Konſtitutionalismus! Wo biſt du hin? Das tft ja »personal
politics, with a vengeance sl“) Ich einigte mich mit Ballin dahin,
daß Herr v. Bethmann ſofort zitiert werden müſſe, um ſeinerſeits
ſich zu informieren und zu dieſer eigentümlichen Lage Stellung zu
nehmen.
Telephoniſch gerufen war Bethmann bald zur Stelle. Auch ihm
verurſachte die Situation zunächſt ein gewiſſes Erſtaunen, es war
intereſſant, ſein Mienenſpiel zu beobachten, als er orientiert wurde.
Der Kanzler ſchlug vor, zur reſſortmäßigen Erledigung auch den
Staatsſekretär des Reichsmarineamts Admiral v. Tirpitz hinzuzu⸗
ziehen, und empfahl, in derſelben Art und Form, wie die von Caſſel
überreichte Note, eine Antwort in engliſcher Sprache aufzuſetzen und
ſie Sir Erneſt mitzugeben, der abends wieder reiſen wollte. (Engliſch
wurde gewählt, weil man Unklarheiten und Wißverſtändniſſe bei einer
Überſetzung in London befürchtete.) Der Kanzler bat mich, da ich
am beſten Engliſch verſtände, die Note aufzuſetzen, nach einigem
Sträuben mußte ich mich dazu entſchließen, das Schreiberhandwerk
ſelbſt zu verſehen. 5
Nun ergab ſich folgendes Bild: Ich ſaß am Schreibtiſch im
Adjutantenzimmer, die Herren ſtanden um mich herum. Ich las
einen Satz aus der Note vor und entwarf eine Antwort, die wieder
verleſen wurde. Darauf ſetzte die Kritik von rechts und von links
ein. Dem einen war es zu entgegenkommend, dem andern zu
ſchroff; es wurde gemodelt, umgegoſſen, verbeſſert und gedrechſelt.
Beſonders der Kanzler mit ſeiner philoſophiſch prüfenden, tief for—
ſchenden Gründlichkeit, die ſedes Wort auf die Goldwage legte, da—
mit es von allen Seiten beleuchtet nachher niemandem einen Anlaß
zur Kritik bieten könnte, bereitete mir manche grammatikaliſche und
*) „Das iſt ja perſönliche Politik in höchſter Potenz!“
124
ſtiliſtiſche Pein. Nach ſtundenlanger Arbeit war der Guß endlich
gelungen und wurde, nachdem die Note ein paarmal von Hand zu
Hand gegangen und dann noch ein halbes Dutzend Mal von mir
verleſen worden war, unterſchrieben.
Beim Auseinandergehen fragte der Kanzler Sir Erneſt noch,
wer von England aus zu den Verhandlungen zu erwarten ſei.
Caſſel erwiderte, es werde ſedenfalls ein Minifter geſandt werden,
welcher, ſei ihm nicht bekannt, vielleicht Mr. Winſton Churchill, der
jetzige Marineminiſter, da es ſich ja um eine Marineangelegenheit
handle. Dann vereinbarte der Kanzler noch mit ihm, daß der in—
offizielle Weg beibehalten werden und Ballin die Übermittlung aller
die Angelegenheit betreffenden Nachrichten aus England übernehmen
ſolle. Sir Erneſt drückte ſeinen lebhaften Dank für liebenswürdigen
Empfang und feine Zufriedenheit mit dem Tenor unſerer Antwort—
note aus. Später teilte mir Ballin noch einmal vom Hotel aus
mit, daß Caſſel ſich in jeder Beziehung befriedigt über den Erfolg
ſeiner Miſſion ausgeſprochen habe und über den guten Eindruck, den
er empfangen hätte, auch ſeiner Regierung berichten werde.
Als ich dann die Angelegenheit mit Admiral v. Tirpitz beſprach,
waren wir beide uns darüber einig, daß die Novelle in Gefahr
komme, alſo ſcharf aufgepaßt werden müßte. Es wurde nun in aller
Stille das Material geordnet, das Admiral v. Tirpitz bei den Ver—
handlungen vorzulegen haben würde: ein kleiner hiſtoriſcher Überblick
über die Entwicklung der Flotte und deren ſich erweiternde Aufgaben,
das Flottengeſetz in feinen Zielen, feinem Weſen ſowie feine Durch—
führung und ſeine Erweiterung, ſchließlich die vorliegende Novelle,
ihre Bedeutung und die Art ihrer Ausführung. Vom Kanzler
wurde erbeten, daß die Hauptverhandlung im Schloß in meiner
Gegenwart ſtattfinden ſolle. Mit Tirpitz verabredete ich noch, daß
er, ſoweit er könne, engliſch ſprechen ſolle, bei ſchwierigen Ausdrücken
würde ich eventuell dolmetſchen.
125
Bis zur Bekanntgabe des Unterhändlers feitend Englands er-
ging man ſich in Vermutungen, und Ballin berichtete über Kombi—
nationen, bei denen verſchiedene Namen, ſogar der Grey's, genannt
wurden. Endlich kam durch Ballin die Nachricht, daß Haldane
— ausgerechnet der Kriegsminiſter, früher Advokat — mit der
Verhandlung betraut worden ſei und demnächſt eintreffen werde.
Allgemeines Erſtaunen! Man denke ſich mutatis mutandis, daß
Deutſchland an Stelle von Admiral v. Tirpitz den Kriegsminiſter
(v. Heeringen damals) zur Beſprechung einer Flottenfrage nach
London geſchickt hätte! Bei der Beſprechung dieſes Punktes mit
Bethmann und Tirpitz wurden verſchiedene Mutmaßungen laut.
Der Kanzler meinte, Haldane ſei in England als Goetheforſcher und
Kenner der deutſchen Philoſophie, auch als des Deutſchen mächtig
bekannt, es ſei alſo wohl eine Höflichkeit gegen uns, die ſich in
ſeiner Wahl kund tue. Tirpitz bemerkte, daß Haldane ja früher
einige Zeit in Berlin geweſen ſei und bei General v. Einem im
Kriegsminiſterium gearbeitet, alſo die hieſigen Verhältniſſe kennen
gelernt habe. Ich wies darauf hin, daß das alles wohl in Betracht
komme, daß aber durch Haldane's Wahl, da er die Marine doch
nur oberflächlich kennen könne, die Angelegenheit zu einer für Eng—
land rein politiſchen geſtempelt ſei. Sehr wahrſcheinlich richte ſich das
Ganze gegen die Varinepolitik Deutſchlands überhaupt und gegen
die Novelle im beſonderen. Man werde deshalb gut tun, dieſen
Punkt nicht aus den Augen zu laſſen, damit ſich nicht unverſehens
ein fremder Eingriff in unſer Selbſtbeſtimmungsrecht hinſichtlich der
Stärke unſerer Wehrkraft aus der ganzen Affäre herauskriſtalliſiere.
Haldane kam an. Er wurde als Kaiſerlicher Gaſt aufgenommen.
Ballin, der ihn begleitete, löſte nun auch das Rätſel von Haldane's
Wahl auf Grund von Nachrichten, die ihm aus England zugegangen
waren. Als Caſſel, nach London heimgekehrt, der Regierung über
ſeinen Empfang berichtet und die Antwortnote übergeben hätte, wäre
126
der Eindruck fo günſtig geweſen, daß dort an dem befriedigenden
Verlauf und Abſchluß des Abkommens nicht mehr gezweifelt wurde.
Es habe ſich nunmehr zwiſchen den Miniſtern, zumal zwiſchen Churchill
und Grey, ein edler Wettſtreit darüber entſponnen, wer nach Berlin
ſolle, um ſeinen Namen unter dieſes große hiſtoriſche Dokument zu
ſetzen — wenn es nämlich gelungen wäre, Deutſchland zur voll—
ſtändigen Preisgabe der weiteren Ausgeſtaltung feiner Flotte zu be—
ſtimmen. Churchill habe gemeint, er ſei der gegebene Mann, da er die
Marine habe. Aber Grey und Asquith gönnten dem Kollegen den
Ruhm nicht. Daher ſtand eine Zeitlang Grey im Vordergrunde —
wieder ein Beweis, daß die Politik und nicht ſo ſehr die Zahl der
Schiffe dabei die Hauptrolle ſpielen ſollte. Nach einiger Zeit aber
beſchloß man, daß es Grey's ganzer Perſon und Stellung doch
würdiger ſei, erſt zum Schluß der Verhandlungen zu erſcheinen und
ſeinen Namen unter das Abkommen zu ſetzen und — wie es in
Ballins engliſchen Informationen lautete — „to get his dinner from
the Emperor and to come in for his part of festivities and fire-
works“ *), auf gut Deutſch: die „bengaliſche Beleuchtung“ einzu⸗
heimſen. Da nun Churchill dieſe keinesfalls bekommen ſollte, ſo
mußte für die Verhandlungen eine Perſönlichkeit gewählt werden,
die Asquith und Grey naheſtand und, deren volles Vertrauen be—
ſitzend, bereit war, die Verhandlungsarbeit bis zum Beginn der
„bengaliſchen Beleuchtung“ auf ſich zu nehmen, und die außerdem in
Berlin ſchon bekannt und in Deutſchland nicht fremd war. Churchill
war das freilich auch nicht, denn er war einige Male bei den Kaifer-
manövern in Schleſien und Württemberg als Kaiſerlicher Gaſt zu—
gegen geweſen. Ballin verbürgte ſich für die Zuverläſſigkeit ſeiner
Londoner Quelle
) „fein Feſteſſen vom Kaffer zu bekommen und bei den Feſtlichketten und
Feuerwerken auf ſeine Rechnung zu kommen“
127
Ehe die Verhandlungen begannen, machte ich den Staatsſekretär
v. Tirpitz noch darauf aufmerkſam, daß Haldane, obgleich augen—
blicklich Kriegsminiſter, ſich wohl vorbereitet haben werde und ſicher—
lich von der engliſchen Admiralität, in der der Geiſt Fiſher's walte,
eingehend inſtruiert worden ſei. Fiſher hatte in ſein Handbuch für
engliſche Seeoffiziere neben anderen beherzigenswerten Vorſchriften
einen Satz aufgenommen, der für den Admiral, ſeine Behörde und
ihren Geiſt charakteriſtiſch iſt und wörtlich lautet: „If you tell a lie,
stick to it.“*) Außerdem, ſagte ich zu Tirpitz, dürfe man nicht
vergeſſen, welch fabelhaftes Anpaſſungsvermögen die Angelſachſen be—
ſäßen; es befähige fie zur Übernahme von Poſten, die ihrem ſon—
ſtigen Lebens- und Bildungsgange fern lägen. Auch ſei in England
das Intereſſe für die Marine allgemein ſo intenſiv, daß faſt jeder
Gebildete bis zu gewiſſem Grade für Marinefragen ſachverſtändig ſei.
Bei den Verhandlungen zeigte ſich Haldane vortrefflich informiert
und als geſchickter, zäher Debatter, wobei feine brillanten Advokaten—
eigenſchaften in die Erſcheinung traten. Das Geſpräch dauerte mehrere
Stunden und führte zu einer generellen Klärung ſowie zu einer vor—
läufigen Einigung über Verſchiebung von Bauterminen uſw. Die
Einzelheiten ſeines Verlaufs ſind im Reichsmarineamt in den Akten
niedergelegt. Tirpitz war hervorragend.
Nachdem noch einige Beſprechungen — auch unter Teilnahme
Ballins — ſtattgefunden hatten, reiſte Haldane zurück. Ballin mel—
dete mir, Haldane habe ſich ihm gegenüber in jeder Hinſicht befriedigt
über den Ausgang ſeiner Wiſſion ausgeſprochen und der Meinung
Ausdruck verliehen, daß in etwa 8-14 Tagen das Konzept zu dem
Abkommen an uns werde überſandt werden können.
Die Zeit verſtrich. Der Zeitpunkt für das Einbringen der No⸗
velle rückte näher. Tirpitz ſchlug vor, falls das Abkommen vor-
) „Wenn Du lügſt, dann bleib” auch feſt dabei.“
128
her zum Abſchluß käme, die Novelle entfprechend zu ändern, andern—
falls ſie unverändert einzubringen. Endlich traf, zwar nicht der
Entwurf zum Abkommen, aber eine allerhand Fragen und Orien—
tierungswünſche enthaltende Schrift ein, deren Beantwortung viele
Beſprechungen und Erwägungen erforderte. Allmählich befeſtigte
ſich in mir der Verdacht, daß es den Engländern mit dem Abkommen
nicht ernſt ſei. Denn Rückfrage reihte ſich an Rückfrage, Details
wurden hervorgeſucht, die mit dem Abkommen direkt nichts zu tun
hatten. England nahm allmählich von ſeinen Angeboten und Zuſagen
mehr und mehr zurück, und ein Entwurf zum Abkommen kam nicht.
In Berlin ſetzte nun vom Auswärtigen Amt und von berufener
und unberufener Seite ein Keſſeltreiben gegen die Novelle, gegen Tirpitz
und gegen mich ein. Auch der Kanzler, der in der Hoffnung lebte,
das Abkommen zuſtande zu bringen und ſeinen Namen unter ein
Inſtrument ſetzen zu können, das Deutſchland aus der „Einkreiſung“
befreien und mit England in ein geregeltes beſſeres Verhältnis
bringen ſollte, trat für das Fallenlaſſen der Novelle ein. Das hätte
aber nichts anderes bedeutet, als einer auswärtigen Macht eine un⸗
geheure Einflußnahme auf Fragen der deutſchen Landes verteidigung
einzuräumen und dadurch das Selbſtbeſtimmungsrecht der Nation
und unſere Schlagfertigkeit für den Fall eines uns aufgezwungenen
Krieges zu gefährden. Deutſchland hätte ſich damit, ohne irgend—
eine Gegenleiſtung garantiert zu erhalten, von ſeinem ſchärfſten Geg—
ner vorſchreiben laſſen, was dieſer — in ſeinem eigenen Intereſſe —
für gut befinden würde, uns noch eben zuzubilligen.
Bei dieſer unklaren Lage entſtanden Meinungsverſchiedenheiten
und heftige Kämpfe, die gerade von den Kreiſen, die von der Marine
de facto wenig verftanden, recht ſcharf und nicht immer ganz ſach—
lich geführt worden ſind. Admiral v. Tirpitz hat in dieſem für
ihn und mich ſo ſchweren Winter, mit klarem Blick die Lage und
den Gegner durchſchauend, als ein echter, vaterlandsliebender Offizier
9 gaiſer Wilhelm II. 129
im Kampfe feinen Mann geftanden, von mir aus voller Überzeugung
nach beſten Kräften geſtützt. Alle Inſtanzen ſtimmten darin über—
ein, daß kein fremdes Land darüber mitzubeſtimmen haben dürfe,
was wir für unſeren Schutz zu tun hätten oder nicht.
Die Hoffnung auf das Zuſtandekommen des Abkommens ſchrumpfte
mehr und mehr zuſammen. England zeigte immer weniger Intereſſe
und bröckelte wichtige Beſtandteile ſeiner erſten Verbalnote ab. So
erkannten Admiral v. Tirpitz und ich, daß der ganze Vorſchlag nur
ein „Manöver“ geweſen war.
Der Kampf um die Novelle wurde immer heißer. Da traf es
ſich, daß ich in Cuxhaven Dr. Burchard, dem Präſidenten des Se—
nats von Hamburg, begegnete, der von mir als Urbild des ariſto—
kratiſchen Bürgers einer Hanſaſtadt verehrt und auch über politiſche
Fragen öfters zu Rate gezogen wurde. Ich ſchilderte ihm den ganzen
Verlauf der Angelegenheit und die Kämpfe in Berlin um die Ein—
bringung oder Nichteinbringung der Novelle. Dann bat ich ihn,
mir ſo rückhaltlos wie ſtets ſeine Anſicht zu ſagen, was er im Inter—
eſſe des Staatswohls für das Richtige halte, da mir daran liege,
ein objektives, von den in Berlin kämpfenden Gegenſätzen unbeein—
flußtes Urteil zu hören.
Dr. Burchard antwortete in ſeiner klaren, ſcharf pointierten, über—
zeugenden Art: Das Feſthalten an der Vovelle ſei einfach meine
Pflicht gegen Volk und Vaterland. Wer gegen ihre Einbringung
ſpräche, verſündige ſich an ihnen. Was wir für unſere Verteidigung für
nötig hielten, müſſe unbedingt geſchaffen werden. Vor allem aber
dürfe niemals geduldet werden, daß ein fremder Staat ſich erdreiſte, bei
uns hineinreden zu wollen. Das engliſche Angebot ſei eine „Finte“,
um uns zu veranlaſſen, die Novelle fallen zu laſſen. Das dürfe
unter keinen Umſtänden geſchehen. Das deutſche Volk würde es
nicht verſtehen, wenn man ſein Selbſtbeſtimmungsrecht preisgebe. Die
Novelle müſſe unbedingt eingebracht werden. Er werde im Bundesrat
130
für ihre Annahme eintreten (das ift in einer glänzenden, fortreißenden
Rede geſchehen) und auch ſonſt in Berlin dafür wirken. Die Eng—
länder würden zwar ſchimpfen, das ſei aber egal, das täten ſie doch
ſchon ſeit langem, einen Krieg würden ſie deswegen gewiß nicht an—
fangen. Admiral v. Tirpitz tue nur ſeine Pflicht und Schuldig—
keit, ich möchte ihn nach jeder Richtung fügen. Der Kanzler
müſſe ſeinen Widerſtand aufgeben, er riskiere ſonſt, daß man ihm
wegen „Engländerei“ zuletzt noch die Fenſter einwerfen werde. —
So der Vertreter der großen Handelsſtadt, die bei einem Kriege
mit England zuerſt bedroht war. Aus ihm ſprach echter Hanſeaten—
geiſt.
Merkwürdigerweiſe iſt mir dieſes Urteil Dr. Burchards über das
engliſche Angebot neuerdings in Holland von einem Holländer be—
ſtätigt worden, dem Engländer ſeinerzeit die engliſche Abſicht mit—
geteilt haben. Tirpitz und ich hatten es richtig erkannt: das Neu—
tralitätsangebot war ein politiſches Manöver.
Bald kamen nun auch Nachrichten von Ballin, daß die Sache
in England nicht zum Beſten ſtehe. Nach eingelaufenen Informa—
tionen ſei ein Streit über das Abkommen entſtanden, man ſei mit
Haldane nicht zufrieden und behaupte, daß er ſich von Tirpitz habe
übertölpeln laſſen! Das verriet deutlich den Arger darüber, daß
Tirpitz nicht auf den Leim kroch und die Novelle einfach fallen ließ,
und daß Haldane nicht die Novelle auf dem Teebrett zum after-
noontea dem Ninifterium hatte ſervieren können. Von einem „Über—
tölpeln“ ſeitens Deutſchlands kann nicht die Rede ſein. Aber der
Vorwurf gegen Haldane berechtigt zu dem Verdacht, daß deſſen
Inſtruktionen dahin gingen, er ſolle die Deutſchen „übertölpeln”.
Wenn ſeine Landsleute der Anſicht waren, das Umgekehrte ſei ein—
getreten, dann kann man Admiral v. Tirpitz nur wärmſten Dank
dafür zollen, daß er den deutſchen Standpunkt richtig gewahrt hat,
zum Heile unſeres Vaterlandes.
9" 4
Gegen Ende März ſpitzten fih die Kämpfe um die Novelle derart
zu, daß der Kanzler ſchließlich am 22., als ich aus der Charlottenburger
Gruft trat, im Park um ſeine Entlaſſung bat. Nach eingehender
Ausſprache und nachdem ich ihm Dr. Burchards Urteil mitgeteilt
hatte, zog der Kanzler ſein Abſchiedsgeſuch zurück.
Als ich einige Zeit danach Herrn v. Bethmann in ſeinem Garten
beſuchte, fand ich ihn ganz gebrochen mit einer Depeſche aus London
in der Hand. Sie enthielt die glatte Desavouierung der von Caſſel
überreichten Verbalnote, die Zurücknahme ſowohl des Neutralitäts-
wie jedes anderen Angebots und am Schluſſe noch die Admonition an
mich, Herrn v. Bethmann als Reichskanzler zu belaſſen, da er in be—
ſonderem Maße das Vertrauen der britiſchen Regierung beſitze! Tränen
der Empörung ſchimmerten in den Augen des in ſeinen Hoffnungen
ſchwer enttäuſchten Kanzlers. Das ihm von einer fremden Regierung,
mit der Deutſchland und er ſoeben ſchmerzliche Erfahrungen gemacht
hatten, geſpendete Lob kränkte ihn tief. Er bot zum zweiten Male
ſeine Entlaſſung an, ich nahm ſie nicht an, ſondern verſuchte, ihn
zu tröſten. Sodann befahl ich, dem Botſchafter in London die
Frage zu ſtellen, wie er ein ſolches Schreiben überhaupt habe ent—
gegennehmen und weiter befördern können.
Mit der Novelle war der Kanzler nunmehr einverſtanden. Lopaler
Weiſe wurde ſie aber mit der Einſchränkung gebracht, wie ſie für
den Fall des Abſchluſſes des Abkommens beabſichtigt war. In Eng-
land hingegen baute man das volle Programm.
Dieſe „Epiſode Haldane“ iſt bezeichnend für die Politik Englands.
Dieſes ganze großangelegte Manöver wurde veranſtaltet, lediglich
um die Entwicklung der deutſchen Flotte zu verhindern, während
gleichzeitig in Amerika, das eine kaum nennenswerte Handelsflotte
beſaß, in Frankreich, deſſen Kriegsflotte der deutſchen an Zahl
überlegen war, in Italien, in Rußland, das auch im Ausland
bauen ließ, großartige Bauprogramme ausgeführt wurden, ohne
132
daß dies den geringften Proteſt ſeitens Englands hervorrief. Und
Deutſchland, das zwiſchen Frankreich und Rußland eingekeilt war,
mußte zum mindeſten doch ſo gerüſtet ſein, daß es zur See in der
Verteidigung gegen jene das Meer halten konnte. Zu dieſem Zwecke
war unſer Flottenbau unbedingt nötig. Er war niemals gegen die
4—5fach ſtärkere engliſche Flotte gerichtet, die Englands Überlegen-
heit und Sicherheit garantierte, und deren Stärke zu erreichen kein
vernünftiger Menſch in Deutſchland je geträumt hat. Die Flotte
war für uns nötig zur Küſtenverteidigung und zum Schutze unſeres
Handels. Dazu reichen die kleinen Mittel, wie U-Boote, Torpedo—
boote und Minen nicht aus. Zudem waren an der Oſtſee die Küften-
batterien ſo veraltet und miſerabel beſtückt, daß ſie durch das Maſſen—
feuer ſchwerer Artillerie moderner Großkampfſchiffe in 48 Stunden
raſiert worden wären. So war unſere Küſte an der Oſtſee eigentlich
wehrlos. Zu ihrem Schutze war die Flotte nötig. Skagerrak hat
es bewieſen, was ſie bedeutete und wert war. Die Schlacht wäre
für England vernichtend geworden, wenn nicht bis 1900 der Reichs—
tag alle Anträge auf Verſtärkung der Flotte abgekehnt hätte. Dieſe
12 verlorenen Jahre ſind nicht wieder einzuholen geweſen.
Ehe wir von Haldane ſcheiden, ſei noch auf eine andere Epiſode
feines Wirkens hingewieſen. Im Jahre 1906 kam er mit Erlaub-
nis der deutſchen Regierung nach Berlin, um ſich über die preußiſche
Wehrverfaſſung, Rekrutierung, den Generalſtab uſw. zu unterrichten.
Er wurde im Kriegsminiſterium beſchäftigt, wo ihn der Miniſter,
General v. Einem, perſönlich orientierte. Nachdem er etwa 2-3
Wochen dort gearbeitet hatte, kehrte er ſehr befriedigt nach England
zurück.
Als nach dem Ausbruch des Weltkrieges der Goethefreund Hal—
dane als „Prodeutſcher“ boykottiert und ſo feindſelig behandelt wurde,
daß er ſich öffentlich nicht mehr ſehen laſſen durfte, ließ er zu ſeiner
Verteidigung durch den bekannten Literaten und Journaliſten Mr.
133
Begbie eine Apologie feiner Amtszeit als Kriegsminiſter ſchreiben,
das Buch trägt den Titel „Vindication of Great Britain“. Es
werden darin ſeine Verdienſte um die Formierung eines regelrechten
Generalſtabes und um die Kriegsvorbereitung des britiſchen Heeres
für den Weltkrieg in ein helles Licht geſtellt. Dabei wird betont,
wie geſchickt er feinerzeit die Erlaubnis, im Preußiſchen Kriegsmini-
ſterium zu arbeiten, ausgenutzt habe, um in Deutſchland militäriſch
zu lernen und nach unſerem Muſter die Neuorganiſation des britiſchen
Heeres und Generalſtabes für den bevorſtehenden Kampf gegen ſeine
damaligen deutſchen Gaſtgeber bis ins Kleinſte vorzubereiten. Hier
zeigt ſich der ſchlaue, gewandte Advokat, der unter dem Schutz der
Gaſtfreundſchaft eines fremden Landes deſſen militäriſche Einrich—
tungen ſtudiert, um aus dem gewonnenen Material und Kenntniſſen
Waffen gegen jenes zu ſchmieden. Ganz charakteriſtiſch iſt das Buch
dem Andenken König Eduards VII. gewidmet, deſſen Vertrauter,
Sendling und Werkzeug Haldane war. In Berlin ſah man da—
mals in Haldanes Miffion eine „Annäherung“! Englands, nach der
man immer ſtrebte, de facto war fie eine „Aus kundſchaftung“
des deutſchen Vetters unter deſſen eigenem Dach. Den Dank
quittierte England mit dem Weltkriege, den Haldane mit vor—
bereiten half. In dieſem Falle hatte Haldane die Deutſchen „über—
tölpelt“!
Das iſt der Hergang der Wiſſion Haldane' s. Späterhin iſt von
allerhand Politikaſtern in Preſſe und Publikum kurzweg behauptet
worden, die ausſichtsreiche „Annäherung“ Englands an Deutſchland
durch Haldane ſei durch den Starrſinn des Kaiſers und des Admi—
rals v. Tirpitz, durch ihr Feſthalten an der Novelle gegen den
Willen aller „vernünftigen Ratgeber“ geſcheitert! —
In jener Zeit trat die Frage der Bildung eines ſelbſtändigen
Albaneſenſtaates und die von den Mächten zu treffende Wahl
eines Oberhauptes für dieſes Gebilde auch an mich heran. Mancher
134
kronlüſterne Kandidat hatte ſich ſchon beim Mächteareopag gemeldet,
ohne angenommen zu werden, mancher von den Mächten in Ausſicht
genommene wurde von den Albaneſen abgelehnt. Ich ſtand der
Frage an und für ſich kühl gegenüber und war der Meinung, man
müſſe — wie bei jeder „Staatenbildung“ — möglichſt der hiſtoriſchen
Entwicklung, beſonders auch den eigentümlichen geographiſchen Ver—
hältniſſen und den Sitten des Volkes Rechnung tragen.
Ein einheitliches Reich mit einem Herrſcher und einer Dynaſtie hat
es in dieſem merkwürdigen Volke nie gegeben. In Tälern, die von
hohen Gebirgszügen eingefaßt und abgeſchloſſen ſind, wohnend leben
die Albaneſenſtämme ziemlich geſondert von einander. Ihr politiſcher
Habitus iſt dem Clansweſen der Schotten nicht unähnlich. Chriſten
und Mohammedaner ſind gleichmäßig vertreten. Die Blutrache iſt
eine uralt überlieferte geheiligte Inſtitution, nicht minder das Rauben
und Stehlen von Vieh. Die Landwirtſchaft iſt noch wenig ent—
wickelt, der Ackerbau in den Anfängen, die dazu benutzten Geräte
ſind vorſündflutlich. Das Recht wird vom Stammesoberhaupt im
Freien unter dem Dorfbaum geſprochen, wie einſt bei den alten
Deutſchen. Waffen trägt jeder Mann, die meiſten ſind vorzügliche
Schützen. Erſcheint das Stammesoberhaupt auf einem Umritt in
ſeinem Gau in einer Ortſchaft, ſo erwartet die Bevölkerung von ihm
Segen in klingender Münze, die zuweilen vom hohen Roſſe herab
ausgeteilt wird. Das iſt natürlich bei einem Regierungsantritt erſt
recht der Fall, und es wird gar übel vermerkt, wenn es nicht ge—
ſchieht.
Bis zum Balkankrieg traten viele Albaneſen in türkiſche Dienſte,
wo ſie es zu hohen Würden bringen konnten, da ſie ihres Fleißes
und ſcharfen Verſtandes wie ihrer zähen Energie wegen ſehr geſchätzt
waren. Sie ſtellten der Verwaltung des türkiſchen Staates eine
große Anzahl von Beamten, auch einen gewiſſen Prozentſatz in Diplo—
matie und Armee. Mit Stolz dienten die vornehmen jungen Alba—
135
neſen in einer prachtvollen Palaſtgardekompagnie des Sultans, die an
Größe, martialifchem Ausſehen und männlicher Schönheit der Soldaten
ihresgleichen ſuchte. Sie waren zum Teil Verwandte des Sultans,
da dieſer vornehme Albaneſerinnen aus den wichtigſten Stämmen
in ſeinem Harem hatte, um — durch die Blutbande geſchützt — vor
der Blutrache der Stämme ſicher zu ſein und auch alles zu erfahren,
was die Gemüter der Fürſten etwa bewegen konnte. Die auf dieſem
Wege an ihn gelangenden Wünſche, wie z. B. Waffen- und Muni⸗
tionsſendungen, Schulhäuſer, Straßenbauten uſw. wurden dann in
unauffälliger Weiſe gewährt. Auf dieſe Weiſe iſt es dem Sultan
gelungen, die fonft turbulenten Albaneſen auf „verwandtſchaftlichem“
Wege in Ruhe und Anhänglichkeit zu erhalten.
Auf Grund dieſer Kenntnis der Verhältniſſe ſuchte ich meinen
Einfluß dahin geltend zu machen, daß möglichſt ein mohammedaniſcher
Fürſt, eventuell ein ägyptiſcher Prinz, gewählt werde, unter Berück—
ſichtigung einer vollen Börſe, die in Albanien beſonders vonnöten
iſt. Mein Rat wurde vom „Nlächteareopag”, dem es gar nicht auf
die Intereſſen der Albaneſen, ſondern darauf ankam, möglichſt viel
Grund und Gelegenheit zu haben, in Albanien pro domo im Trüben
zu fiſchen, nicht gewürdigt.
Sehr wenig erbaut war ich daher, als die Wahl auf den Prinzen
Wilhelm von Wied fiel. Ich ſchätzte ihn als vornehme, ritter-
liche, feinfühlige Natur hoch, hielt ihn aber für jenen Poſten für
ungeeignet. Der Prinz war mit den Verhältniſſen auf dem Balkan
viel zu wenig vertraut, um dieſe dornenvolle Aufgabe mit Erfolg
übernehmen zu können. Es war mir überhaupt unſympathiſch, daß
ein deutſcher Fürſt ſich dort blamieren ſollte. Denn, daß die Entente
einem ſolchen in jeder Beziehung Schwierigkeiten bereiten würde,
war von vornherein klar. Auf Anfrage ſeitens des Prinzen äußerte
ich daher meinem Vetter freimütig alle meine Bedenken unter Be—
tonung der Schwierigkeiten, die ihn erwarteten, und riet dringend
136
ab. Befehlen konnte ich ihm nicht, da der Fürſt zu Wied als Chef
des Hauſes das letzte Wort zu ſprechen hatte.
Nach feiner Annahme der ihm von den Vächten angebotenen
Kandidatur empfing ich den Prinzen im Beiſein des Kanzlers. Eine
gewiſſe Unſchlüſſigkeit in der Haltung des Prinzen, der ſeiner neuen
Aufgabe keineswegs mit Enthuſiasmus entgegenſah, beſtärkte mich
und den Kanzler, nochmals eindringlich davon abzuraten, daß der
junge Kandidat auf den neu erfundenen albaneſiſchen „Thron“ ſteige.
Aber ohne Erfolg. Die ehrgeizige, myſtiſch angeregte Gattin des
Prinzen erblickte in Albanien die Erfüllung ihrer Wünſche. Und:
ce que femme veut, Dieu le veut!*) Auch Carmen Sylva hat
fördernd mitgewirkt und ließ ſogar einen Artikel in der Preſſe er—
ſcheinen, der anfing: „Märchenland will feinen Fürſten haben ...“
So nützten alle noch ſo wohlgemeinten Warnungen nichts. Ich
hatte dem Prinzen noch dringend ans Herz gelegt, Albanien nicht
vor der Regelung der Finanzfrage zu betreten. Denn was mich zu
dem Vorſchlag eines reichen Fürſten bewogen hatte, trat nunmehr
ein. Der Prinz war nicht ſehr vermögend, und nun mußten die
Mächte eine „Dotation“ ſpenden, über deren Höhe bzw. Raten ein
unerquicklicher Zank ausbrach. Endlich kam eine Abſchlagszahlung.
Eine Gefahr für den neuen Fürſten und ſein etwaiges Syſtem
lag in der Perſon Eſſad Paſchas, eines unzuverläſſigen, intriganten,
geldgierigen Landsknechtes, der ſelbſt Aſpirationen auf die Fürften-
ſtellung hegte und über eine gewiſſe Macht an bewaffneten Anhängern
verfügte. Er war von Anfang an ein Gegner des neuen Fürſten.
Unter der Hand konſpirierte er mit Italien, das dem Prinzen von
Wied nichts weniger als wohlgeſinnt war. Nun wäre es ganz na—
türlich und ſelbſtverſtändlich geweſen, wenn der neue Fürſt ihm be—
kannte, treu ergebene Männer aus Deutſchland in ſeine Umgebung
*) Frauenwille — Gottes wille.
137
genommen hätte. Auch das geſchah nicht. Ein Engländer und ein
Italiener wurden als „Sekretäre“ ſeiner Perſon attachiert. Sie hatten
nichts Beſſeres zu tun, als gegen ſeine Intereſſen zu arbeiten, ihn
ſchlecht zu beraten und gegen ihn zu intrigieren.
Während der Zeit der Vorbereitungen des Prinzen Wied erſchien
die vortrefflich geſchriebene Broſchüre eines öſterreichiſchen General—
ſtabsoffiziers über ſeine Reiſe durch Albanien. Lebhaft und an—
ſchaulich ſchilderte der Offizier das Land mit feinen geographiſchen
und klimatiſchen Schwierigkeiten, die Bevölkerung und ihre Sitten,
die ganze Armut und Rückſtändigkeit des Landes. Er wies darauf
hin, daß ein zukünftiger Fürſt unter keinen Umſtänden an der Küſte
wohnen bleiben dürfe, ſondern ſich der Bevölkerung zeigen und im
Lande umherreiſen müſſe. Bei den primitiven Verkehrsverhältniſſen
müſſe der Landesherr den ganzen Tag zu Pferde ſitzen und durch
das Land reiten, den berühmten — aus allen orientalifchen Er—
zählungen und Sagen bekannten — „Beutel Zechinen“ am Sattel—
bogen, um in den Orten, die er aufſuchte, ſofort durch den erwar—
teten Geldregen die Gemüter für ſich einzunehmen. Unter den
Stämmen des Landes müſſe er einige auf alle Weiſe feſt an ſich
ketten, ſo daß ihm eine bewaffnete Macht, auf die er ſich verlaſſen
könne, zu Gebote ſtände. Nur dann könne er ſeinen Willen durch—
fegen und Gegner, die ſich auflehnen wollten, in die Schranken
weiſen. Das ſei bei dem gänzlichen Mangel einer Truppe oder
Armee im europäiſchen Sinne das einzige Mittel!
Daraus ergab ſich, daß der Fürſt für das erſte ein Nomaden—
und Reiterleben führen und dazu ſich ein fliegendes Zeltlager und
Zubehör mit den nötigen Pferden bilden mußte. Geeignete Leute
wären in feiner Eskadron 3. Garde-Ulanen-Regiments hinreichend
zu finden geweſen, da viele ſeiner Ulanen, die ſehr am Prinzen
hingen, ſich bereit erklärt hatten, ihn als Freiwillige zu begleiten.
Sie hätten ihm ſicher beſſere Dienſte geleiſtet und mehr genützt
138
wie die landfremden Vorbereitungen für die Ergreifung der Herr—
ſchaft.
Jene Broſchüre empfahl ich meinem Vetter angelegentlichſt zu
ſtudieren und die Ratſchläge zu befolgen, vor allem bezüglich des
Wohnſitzes, der möglichſt fern von den Kriegsſchiffen der Mächte zu
wählen ſei, damit er nicht unter ihrem Zwange handeln müſſe und
bei den Albaneſen den Verdacht erwecke, als brauche der Fürſt ſie
zum Schutze gegen ſeine Untertanen. Ob der Fürſt die Broſchüre
geleſen hat? Sein ſpäteres Verhalten ſtand jedenfalls im Gegenſatz
zu ihren und meinen Ratſchlägen.
Das Fürſtenpaar reiſte nach Albanien ab, und es kam ſo, wie
ich es vorhergeſehen hatte. Nach Berichten über die Ankunft der
Herrſchaften ſoll die Fürſtin — obwohl eine Deutſche — die ver—
ſammelten Albaneſen vom Balkon herab auf Franzöſiſch angeredet
haben, weil fie kein Deutſch verſtünden! Der „Hof!“ blieb in Du⸗
razzo unter den Kanonen der fremden Schiffe. Der Fürſt reiſte
nicht zu Roß im Lande umher, ſtreute keine Zechinen aus, auch nicht
am Ankunftstage vom Balkon, beſeitigte Eſſad nicht rechtzeitig, und
ſo endete das Abenteuer, wie es vorauszuſehen war.
Ich habe bei der Beſchreibung meiner Auffaſſung und meines
Verhaltens bei der Angelegenheit der Wahl des Fürſten von Al—
banien länger verweilt, weil von allen möglichen Seiten falſche Ge—
rüchte verbreitet worden ſind in der Abſicht, mir Motive anzudichten,
die mir völlig fern lagen. Ich habe auch in dieſem Falle auf Be—
fragen unter Waltenlaſſen des geſunden Wenſchenverſtandes ehrlichen
Rat erteilt. —
Das Jahr 1912 brachte noch die Zuſammenkunft mit dem
Zaren in Baltiſch-Port, wohin ich mich auf Einladung Nikolaus“ II.
an Bord meiner Vacht begab. Unſere beiden Vachten ankerten
nebeneinander, ſo daß der Verkehr von Schiff zu Schiff ſich leicht
bewerkſtelligen ließ. Der Zar, ſeine Kinder und ſeine ganze Um—
139
gebung wetteiferten in Beweiſen von Liebenswürdigkeit und Gaſt—
freundſchaft. Es wurden die ruſſiſchen und deutſchen Begleitſchiffe
abwechſelnd gemeinſam beſichtigt und die Mahlzeiten bald beim Zaren,
bald bei mir eingenommen. Ein Vormittag wurde an Land bei Baltifch-
Port zugebracht. Auf einer Wieſe hatte das Inf.-Reg. „Wiborg”
Nr. 85, deſſen Chef ich war, Aufſtellung genommen, es wurde
zuerſt in Paradeaufſtellung, danach in Kompagnie- und Bataillong-
Exerzitien beſichtigt, die ebenſo zur Zufriedenheit ausgeführt wurden,
wie der zum Schluß ſtattfindende Parademarſch. Das Regiment,
zu 4 Bataillonen, machte einen vortrefflichen Eindruck. Es war in
Feldausrüſtung — braungraue Bluſen und Mütze — ausgerückt,
welch letztere, von allen keck auf dem einen Ohr getragen, den ſonnen—
verbrannten, martialiſchen Geſichtern der kräftigen jungen Soldaten
einen verwegenen Anſtrich verlieh, der jedes Soldatenauge erfreuen
mußte.
Bei dieſer glänzenden und ungewöhnlich liebenswürdigen Auf-
nahme wurde mir indeſſen keinerlei Andeutung über den kurz vor—
her abgeſchloſſenen Balkanbund gemacht.
Es war mein letzter Beſuch in Rußland vor Ausbruch des
Krieges. — — —
140
Meine
Mitarbeiter auf dem
Gebiete der Verwaltung
E. dürfte nicht unbekannt fein, daß ich an der Mitarbeit Exzel—
lenz v. Stephan's und dem Verkehr mit ihm beſondere Freude
gehabt habe. Er war derſenige Mann der alten Schule, der ſo gut
zu mir paßte, daß meine Gedanken und Anregungen bei ihm immer
Verſtändnis fanden und dann von ihm aus Überzeugung voll Schwung
und Kraft durchgeführt wurden. Von eiſerner Energie, nie erlah—
mender Arbeitskraft und -freudigkeit, dabei immer voll friſchen
Humors, mit raſchem Blick für neue Möglichkeiten, um Auskunfts-
mittel nie verlegen, ſehr gut auf den Gebieten der Politik und
Technik beſchlagen, war er wie geboren zu ſchöpferiſcher Mitarbeit. Ich
hatte unbedingtes Vertrauen zu ihm, das niemals getäuſcht worden
iſt, und habe viel durch den Verkehr mit dem anregenden, klugen
Ratgeber gelernt.
Das Poſtweſen kam auf eine ungeahnte Höhe und erregte die
Bewunderung der ganzen Welt. Die große Erfindung des Telephons
wurde ausgenutzt, in weitgehender Weiſe in den Dienſt des öffent—
lichen Verkehrs geſtellt und zu deſſen Erleichterung ausgebaut. Auch
auf dem Gebiete des Bauweſens tat Stephan einen entſcheidenden
Schritt, der meine Billigung und Unterſtützung fand.
Alle großen Staatsbauten unterliegen dem Votum der über—
prüfenden „Akademie des Bauweſens“, die damals eine langſam
arbeitende, umſtändliche und rückſtändige Behörde war. Ich ſelbſt
143
hatte ſchon meine Erfahrungen mit ihr gemacht. Der „Weiße Saal”,
der nur ein Proviſorium geweſen war — zum erſten Vale flüchtig
für ein indiſches Maskenfeſt „Lallah Rokh“ zu Ehren der Groß—
fürſtin Charlotte, der Tochter Friedrich Wilhelms III., und ihres
Gemahls, des ſpäteren Zaren Nikolaus J. inſtand geſetzt — war
ziemlich ſtillos hergerichtet. Das Material erwies ſich bei der von
mir befohlenen Unterſuchung als unecht und ſchlecht. Der Saal
war in hohem Maße baufällig und ſtark gefährdet, fo daß ein Neu—
bau erforderlich wurde. Unter Anteilnahme und Mitwirkung der
Kaiſerin Friedrich entſtanden Projekte, Pläne, zuletzt ein großes Modell
ſeitens des Baurats Ihne — des modernen Schlüter, wie Kaiſerin
Friedrich ihn zu bezeichnen pflegte —, die allſeitige Billigung er—
fuhren. Nur die Bauakademie leiſtete langwierigen Widerſtand und
meinte, daß der „Weiße Saal“ in ſeiner „alten hiſtoriſchen Schön—
heit“ zu erhalten ſei und einer Anderung nicht bedürfe. Als dann
der Neubau vollendet war, fand er indeſſen auch den Beifall der
vorher ſo kritiſchen Herren.
Wit der Akademie des Bauweſens war nun auch Herr v. Stephan
in Streit geraten. Er hatte viele Poſtämter, beſonders in den
großen Städten, um- oder neuzubauen und bekam bei der furcht—
baren Langſamkeit und Umſtändlichkeit jener Behörde gar keine oder
ablehnende Antworten. Schema F war dort vorherrſchend. Herr
v. Stephan jedoch vertrat die Anſicht, das junge deutſche Reich
müſſe auch durch ſeine Bauten kraftvollen Eindruck erwecken, daher
müßten die Reichspoſtgebäude entſprechend aufgeführt werden. Sie
müßten ſich auch nach dem Geſamtſtil der betreffenden Stadt richten
oder mindeſtens den älteſten und bedeutendſten Bauwerken im Städte—
bild ſich anſchließen. Ich konnte mich mit dieſen Grundſätzen nur
einverſtanden erklären.
Schließlich kam es zum Bruch mit der erwähnten Akademie des
Bauweſens. Exzellenz v. Stephan verlor die Geduld und meldete mir,
144
er habe ſich für fein Reſſort und feine Bauten von der Überprüfung
der Akademie losgemacht, felbft eine Kommiffion aus eigenen Archi—
tekten und Beamten zu jenem Zweck zuſammengeſetzt und bäte mich,
die wichtigſten Gebäudepläne meinerſeits noch einer Prüfung zu unter⸗
ziehen. Das habe ich gern getan.
Stephan war ein begeiſterter Jäger, ſo hatte ich Gelegenheit,
mich auch auf den Hofjagden an dem Verkehr mit dieſem friſchen,
ſich ſtets gleichbleibenden treuen Beamten und Natgeber zu erfreuen. —
Unter den Winiſtern, die ich beſonders hochſchätzte, war vor allem
Exzellenz v. Miquel. Er führte als mein Finanzminiſter die große
Finanzreform für Preußen durch, die das Land auf eine geſunde Baſis
geſtellt und ihm mit zu ſeiner Blüte verholfen hat. Der Umgang
mit dieſem feinen politiſchen Kopf gewährte mir hohen Genuß, reiche
Belehrung und Anregung. Es war erſtaunlich, wie Miquel auf
allen möglichen Gebieten bewandert war. Seine Unterhaltung war
friſch, launig und ſcharf in der Beleuchtung und Ergründung des Themas.
Dabei zog ſich als roter Faden ein markierter hiſtoriſcher Einſchlag
durch ſeine Ausführungen. Er war geſchichtlich und in den alten
Sprachen ganz fabelhaft orientiert, ſo daß er bei ſeinen Vorträgen
oft bis in die Römerzeiten zurückgreifen und aus ſeinem Wiſſensſchatz
— nicht aus Büchmann — lateiniſche Zitate für feinen Stoff an—
zuführen wußte. Selbſt wenn er belehrte, war er bei ſeiner glän—
zenden Dialektik niemals langweilig, ſondern feſſelte feine Zuhörer
bis zum letzten Augenblick.
Exzellenz Miquel war es auch, der mich zu den großen Kanal-
projekten ermunterte und mir Beiſtand leiſtete, als die preußiſchen
Konſervativen gegen den Mittellandkanal fochten und ihn zu Falle
brachten. Er ſtärkte den König und beſtimmte ihn, in dieſem Kampf
nicht nachzulaſſen, bis der Sieg gewonnen war. Er wußte, wie ich,
welchen Segen die Kanäle in Holland und das großartige Kanal—
netz in Frankreich den Ländern gebracht haben und welche Entlaſtung
10 gaiſer Wilhelm II. 145
fie für die immer mehr beanſpruchten Eiſenbahnen bedeuten. Im
Weltkrieg hätten wir eine großartige Oſt-Weſt⸗Transportader für
Munition, Verwundete, Belagerungsmaterial, Verpflegung und der—
gleichen gehabt, die den dadurch entlafteten Bahnlinien geſtattet hätte,
den Transport von Mannſchaften in noch höherem Grade zu be—
werkſtelligen, und die auch die Kohlenknappheit vermindert hätte.
Aber auch für die Zelten des Friedens, für die der Kanal beſtimmt
war, bot er die größten Vorteile.
Miquel war eine für die deutſche Kaiſeridee und das deutſche
Kaiſertum der Hohenzollern beſonders entflammte Perſönlichkeit, bei
feiner geiftvollen Behandlung dieſes Themas fand er an mir einen
aufmerkſamen Zuhörer. Er war ein Mann, der auf der alten Tradi⸗
tion fußend großdeutſch, kaiſerlich dachte und vollkommen den Er—
forderniſſen und Anſprüchen der neuen Zeit bei richtiger Einſchätzung
ihres jeweiligen Wertes gewachſen war. —
Dem Ausbau des Eiſenbahnnetzes galt gleich von Anfang
an meine Sorge. Aus den Vorträgen über Landesverteidigung
und den Klagen des Generalſtabes ſowie aus eigener Anſchauung
kannte ich die ganz unerhörte Vernachläſſigung Oſtpreußens in be—
zug auf Bahnen. Dieſer Zuſtand war geradezu gefahrdrohend ge—
worden im Hinblick auf die zwar allmählichen, aber andauernden
ruſſiſchen Truppenverſtärkungen gegenüber unſerer Grenze und auf
die Ausgeſtaltung des ruſſiſchen Bahnnetzes.
Schon Kaiſer Wilhelm der Große hatte, als im Laufe ſeiner
letzten Regierungsjahre die ruſſiſchen Armeen unter dem Einfluß Frank—
reichs immer augenfälliger an die Oſtgrenze des Königreichs Preußen
disloziert wurden und namentlich die großen Maſſen der ruſſiſchen
Kavallerie auf Einbrüche in Preußen, Poſen, Schleſien rechnen
ließen, den Feldmarſchall Moltke zum Vortrag über die Lage be—
fohlen. Generalquartiermeiſter Graf Walderſee und ich wohnten
dieſem Vortrage bei. Das Refultat war der Entſchluß, preußiſche
146
Truppen nach dem Oſten zu verſchieben und dort den Ausbau des
vernachläſſigten Bahnnetzes zu fördern. Die unter dem Kaiſer
Wilhelm J. befohlenen und begonnenen Maßnahmen erforderten ge—
raume Zeit, zumal die Neubauten und beſonders die großen, neuen
Weichſel⸗ und Nogat⸗Eiſenbahnbrücken militäriſcherſeits gegen ſtarken
Widerſtand der Behörde (Maybach) durchgefochten werden mußten.
Da die Eiſenbahnen als „Staatsportemonnaie“ angeſehen wurden,
wollte man nur „rentable“ Bahnen bauen. Man ſtand deshalb den
durch militäriſche, der Vaterlandsverteidigung dienende Wünſche be—
gründeten Ausgaben wenig wohlwollend gegenüber, da dadurch die
ſchönen Überſchüſſe herabgeſetzt wurden, auf die ſo hoher Wert ge—
legt wurde. Vollſtändig ſind die von Kaiſer Wilhelm J. geplanten
Maßnahmen erſt im Laufe meiner Regierung durchgeführt worden.
Wer eine Eiſenbahnkarte aus dem Jahre 1888 zur Hand nimmt,
wird erſtaunt ſein über den Mangel an Eiſenbahnverbindungen im
Oſten und beſonders in Oſtpreußen, zumal wenn er ſie mit einer
Karte vom Jahre 1914 vergleicht, die den Ausbau in der Zwifchen-
zeit erkennen läßt. Mit dem alten Netz wäre der Oſten im Jahre 1914
verloren geweſen.
Miniſter v. Maybach hatte unſtreitig große Verdienſte um
die Förderung und Entwicklung des Eiſenbahnweſens. Er mußte
den Wünſchen und Anforderungen des ſich rapide entwickelnden
induſtriellen Weſtens Rechnung tragen, wobei allerdings auch mili-
täriſche Wünſche ſo viel als möglich berückſichtigt wurden. Der
Oſten aber war unter ihm in bezug auf Linien und Brücken wie
rollendes Material zu kurz gekommen. Im Mobilmachungsfall
hätten damals Hunderte von Lokomotiven nach dem Oſten gefahren
werden müſſen, um überhaupt Fahrtafeln zu ermöglichen, die nur
einigermaßen den Anforderungen des Generalſtabes entſprochen
hätten. Als Verbindungen mit dem Oſten exiſtierten nur die bei⸗
den veralteten Gitterbrücken bei Dirſchau und Marienburg. Der
10 147
Generalſtab wurde dringlich, und fo kam es zwiſchen Maybach und
ihm zum Konflikte.
Erſt Minifter Thielen hat in dankenswerter, aufopfernder Arbeit
in dieſen Fragen Wandel geſchaffen und, die militäriſchen Anforde—
rungen richtig einſchätzend, den Ausbau im Oſten begünſtigt. Er
war ein tüchtiger, fleißiger, durch und durch zuverläſſiger altpreußiſcher
Beamter, mir treu ergeben und von mir hochgeſchätzt. Er hat ge—
meinſchaftlich mit Miquel treu an der Seite ſeines Herrn den Kampf
um den Mittellandkanal geführt. Bezeichnend für ihn war das
Wort, das er bei der Eröffnung des Elbe-Trave-Kanals in Lübeck in
meiner Gegenwart zu einer großen Verſammlung ſprach: „Der Wittel⸗
landkanal muß und wird gebaut werden.“ Das Verhältnis zwiſchen
ihm und mir iſt bis zu ſeinem Ausſcheiden ungetrübt geblieben.
Trotz des Ausbaues im Weſten waren vom Mobilmahungs-
und Aufmarſchſtandpunkt aus auch dort noch erhebliche Lücken im
Eiſenbahnnetz vorhanden, die ſchon lange Abhilfe erheiſchten. Der
Rhein konnte bis Mainz nur auf einer Bahnbrücke paſſiert, der
Main nur bei Frankfurt überſchritten werden. Der Generalſtab
hatte längſt Beſeitigung dieſes Übelftandes verlangt. Es traf ſich
gut, daß die allgemeinen Verkehrsbedürfniſſe ſich in derſelben Rich—
tung bewegten. Wenn z. B. jemand von Weſten kommend nach
den Taunusbädern oder auf die rechtsrheiniſche Linie wollte, ſo
mußte er erſt bis Frankfurt und von dort wieder rückwärts fahren,
obwohl er bei Mainz faſt Wiesbaden gegenüber vorbeigefahren war.
Miniſter Budde war der Mann, der für die Durchführung
dieſer Aufgaben auserſehen wurde. Als früherer Chef der Eiſen—
bahnabteilung des Generalſtabes war er durch ſeine außergewöhn—
liche Arbeitskraft, zähe Energie und ſchnelle Entſchlußkraft mir ſchon
lange bekannt, er hatte mir die Lücken unſeres Eiſenbahnweſens in
bezug auf den ſchnellen Aufmarſch nach zwei Fronten des öfteren
vorgetragen, immer unter dem Hinweiſe auf die ruſſiſchen und fran—
148
zöſiſchen Vorbereitungen, denen wir im Intereſſe der Verteidigung
des Landes Gleichwertiges entgegenſtellen müßten.
Der Ausbau hatte natürlich ſtets in erſter Linie die Hebung
und Erleichterung von Induſtrie und Handel im Auge, deren ſich
ins Ungemeſſene fteigernden Anforderungen damit freilich noch nicht
genügt wurde, da das große, die Bahnen entlaſtende Kanalnetz
fehlte. Der mehr und mehr uns bedrohende Zwei-Frontenkrieg, dem
bahntechniſch manches, ſchon aus finanztechniſchen Gründen, noch
nicht gewachſen war, führte aber zu der Notwendigkeit, das militä—
riſche Bedürfnis ſtärker zu berückſichtigen als bisher. Rußland
baute mit franzöſiſchen Milliarden ein enormes Bahnnetz gegen uns
aus, während in Frankreich raſtlos das Aufmarſchnetz gegen Deutſch—
land erweitert wurde durch Ausbau von drei und vier Gleiſen,
was bei uns noch etwas ganz Unbekanntes war.
Miniſter Budde ging ohne Säumen ans Werk. Die große
zweite Eiſenbahnbrücke bei Mainz über den Rhein entſtand, ebenſo
die Brücke über den Main bei Coſtheim. Dazu die nötigen Kehren
und Schleifen, durch welche die Verbindung mit der rechtsrheiniſchen
Linie und Wiesbaden erreicht wurde, und der Ausbau des Drei—
eckes bei Biebrich-Mosbach. Glänzend bewährte ſich das Talent
Buddes in der Organiſation und Diſziplinierung des zu einem
großen Heer angewachſenen Eiſenbahnperſonals und in ſeiner vor—
ausſchauenden Fürſorge für ſeine Untergebenen.
Ich verehrte den friſchen, tätigen Mann von Herzen und be—
trauerte ſeinen Verluſt tief, als ein tückiſches Leiden ihn zu früh
mitten aus ſeiner Tätigkeit riß.
In Exzellenz v. Breitenbach gewann ich einen neuen be—
deutenden Helfer und Mitarbeiter für meine Eiſenbahnpläne. Im
Laufe der Jahre wuchs dieſer Mann ſich zu einer hervorragenden
Perſönlichkeit aus. Vornehm und verbindlich, von umfaſſendem
Wiſſen und weitem politiſchen Scharfblick, großer Arbeitskraft und
149
unermüdlichem Fleiß, hat er mir nahe geſtanden. Sein Zufammen-
arbeiten mit dem Generalſtab in militäriſchen Dingen geſchah aus
voller Überzeugung von der Notwendigkeit, unſere Verteidigungs⸗
fähigkeit gegen etwaige feindliche Angriffe ſtärken zu müſſen. Drei
neue Rheinbrücken bei Rüdesheim, Neuwied und der Loreley wurden
in Angriff genommen, ſie wurden erſt während des Krieges voll—
endet und nach dem Kronprinzen, Hindenburg und Ludendorff be—
nannt. Im Oſten wurden große Bahnhofserweiterungen, Brücken
und neue Linien gebaut, auch noch während des Krieges.
Im Weſten wurden als weitere bedeutungsvolle Arbeiten von
Breitenbach durchgeführt: die große Rheinbrücke bei Cöln als Er—
ſatz für die alte Gitterbrücke, ferner eine neue Brücke am Bayen—
turm für den Güterverkehr, ſowie neue Bahnen in der Eifel. So—
dann wurde auf meine ſpezielle Anregung hin eine durchlaufende
Linie von Gießen bis Wiesbaden durchgeführt mit Umbau der
Bahnhöfe von Homburg und Wiesbaden und einer Schleife um
Frankfurt und Höchſt. Ferner wurden Züge mit durchgehenden
Wagen von Dliffingen direkt nach dem Taunus eingelegt. Da man
es niemals allen recht machen kann, waren wir — wie ich nebenbei
erwähnen will — ſeitens der Frankfurter Hotelbeſitzer ſtarken An—
griffen ausgeſetzt. Sie waren ob dieſer Ausſchaltung Frankfurts und
des früheren Umſteigezwanges natürlich nicht erfreut, da ihnen viele
Kunden auf dieſe Weiſe verloren gingen, die früher gezwungen
waren, eine Nacht in Frankfurter Hotels zu verbringen. Beſonders
gegen die Höchſter Umgehungsſchleife hatten dieſe Kreiſe eine ſehr
energiſche Oppoſition ins Werk geſetzt.
Der Sieg im Streit um den Mittellandkanal war endlich zu—
gunſten meiner Pläne entſchieden. Der Bau ging unter Breiten
bach mit großen Schritten in Abteilungen vorwärts. Was von
dieſem Werk in Gebrauch genommen werden konnte, das hat den
Erwartungen vollkommen entſprochen. Auch die außerordentlich
150
ſchwierige Erweiterung und Vertiefung des Kaiſer Wilhelm-Kanals,
die einem Neubau gleichkam, wurde in dieſer Zeit durchgeführt,
ebenſo die große Seeſchleuſe von Emden. Dieſe Bauten zeitigten
ganz ungewöhnliche Leiſtungen auf dem Gebiet des Brücken- und
Schleuſenbaus, die die Bewunderung der Welt verdienen, da ſie
3. B., was die Schleuſen betrifft, den Panamakanal weit übertreffen.
Die ſchwierigen Aufgaben ſind von den Beamten glänzend und
reſtlos gelöſt worden. Auch ſoweit das Reich Bauherr war, wur—
den die Arbeiten unter meiſt maßgebender Mitwirkung des preußiſchen
Verkehrsminiſteriums ausgeführt.
Ich habe viel im Hauſe Breitenbachs verkehrt, wo mir durch
intereſſante Vorträge handelspolitiſcher und nationalökonomiſcher Art
von einem Gremium bedeutender Kapazitäten Gelegenheit geboten
wurde, durch Vermittlung des Winiſters mit einer Reihe hervor-
ragender Männer zu verkehren und wichtige Fragen zu erörtern.
Alle größeren Bahnhöfe, Schleuſen und Brücken ſind mir vor ihrem
Neu⸗ oder Umbau durch den Winiſter in Plan und Anſicht vor=
gelegt und vorgetragen worden.
Ich habe mit Abſicht des längeren bei dieſem Thema verweilt,
um daraus folgendes zu beweiſen. Erſtens den Einfluß, den ein
Monarch auf die Entwicklung ſeines Landes durch perſönliche Be—
tätigung nehmen kann und ſoll. Zweitens: wie feine von jeder
Parteirückſicht freie Wahl tüchtige Männer an die Spitze der Reſſorts
bringen kann. Drittens: wie durch die ehrliche Zuſammenarbeit dieſer
Männer mit dem Herrſcher, deſſen volles Vertrauen ſie beſaßen,
glänzende Leiſtungen gezeitigt worden find. Alles in unſerer gemein—
ſamen Arbeit war klar und ehrlich. Nur die Sache galt, nämlich
das Wohl und die Entwicklung des Vaterlandes, ſeine Kräftigung
und Ausrüſtung für den Wettbewerb auf dem Weltmarkt. —
Mit dem Kultus miniſterium habe ich, wie es in der Natur
der Sache lag, eingehende und andauernde Verbindung gehabt.
151
Herr v. Goßler und Herr v. Trott dürften wohl als die be-
deutendſten und hervorragendſten Träger dieſes Amtes zu bezeichnen
fein, das in der Geſtalt des genialen Winiſterialdirektors Althoff
einen faſt einzigartigen Mitarbeiter beſaß.
Aus den Erfahrungen meiner eigenen Schuljahre kannte ich
die Schattenſeiten der Gymnaſialerziehung. Der vorwiegend philo—
logiſche Charakter der Ausbildung führte auch in der ganzen Er—
ziehung zu einer gewiſſen Einſeitigkeit.
Ich hatte von 1874 bis 77 auf dem Gymnaſium in Caſſel beob-
achten können, daß zwar eine große Begeiſterung für 1870/71 und
für das neue Reich unter der Jugend vorhanden war, daß aber
das richtige Verſtändnis für das Deutſchtum, das Gefühl „eivis
Germanus sum“ — wie ich es ſpäter bei der Grundſteinlegung der
Saalburg meinem Volke ins Gewiſſen rief — noch vielfach fehlte.
Solche Geſinnung zu ſchaffen und in der heranwachſenden Genera—
tion wach zu rufen, die Fundamente dazu feſt in die ſungen Herzen
zu legen, dazu war die Lehrerſchaft bei dem etwas verknöcherten,
antik-philologiſchen Lehrplan kaum imſtande. Der vaterländiſche
Geſchichtsunterricht, der ja gerade die jungen Herzen erglühen und
die Liebe zur Heimat, zu deren Zukunft und Größe erſtarken laſſen
ſoll, war ſtark vernachläſſigt. Von der neueren Geſchichte ſeit 1815
erfuhr man nur wenig. Es wurden junge Philologen ausgebildet,
aber keine für praktiſche Mitarbeit am aufblühenden jungen Reich
geeigneten deutſchen Staatsbürger, mit anderen Worten: keine
ſelbſtbewußten Deutſchen. In einem kleinen Leſezirkel mit meinen
Klaſſengenoſſen habe ich des öfteren verſucht, den großdeutſchen Ge—
danken zu behandeln, um partikulariſtiſche und andere die deutſche
Idee hindernde Gedanken zu eliminieren. Admiral Werners „Buch
der deutſchen Flotte“ war eines der wenigen Werke, mit dem
das lebendige Empfinden für das Deutſche Reich entflammt werden
konnte.
152
Neben der Einſeitigkeit der Schulbildung fiel mir beſonders die
Richtung auf, in der ſich die Lebenspläne der damaligen Jugend
bewegten. Es waltete vorherrſchend die Überlegung, wie man als
Beamter Karriere machen wollte, wobei der Juriſt und Aſſeſſor immer
als das erſtrebenswerteſte Ziel galten. Das rührte wohl daher, daß
die Verhältniſſe des alten Preußens im jungen Deutſchen Reiche noch
nachwirkten. Solange der Staat ſozuſagen aus Regierung und
Verwaltung beſtand, war jene Lebensrichtung der deutſchen Jugend
verſtändlich und berechtigt, ſie war, als wir im Beamtenſtaat lebten,
für einen jungen Mann der gegebene Weg, dem Staate zu dienen.
Die ſelbſtbewußten, ſportlich erſtarkten britiſchen Jungens, wie ich
fie in Eton kennen gelernt hatte, ſprachen freilich ſchon damals von
kolonialen Eroberungen, von Expeditionen zur Erforſchung neuer
Länder der Erde, von der Ausbreitung des britiſchen Handels und
ſtrebten danach, als Pioniere der Macht ihres Vaterlandes in prak—
tiſcher freier Betätigung, nicht als ſtaatlich Beſoldete, Great Britain
noch ſtärker und größer zu machen. England war eben längſt ein
Weltreich, als wir noch ein Beamtenſtaat waren, deshalb konnte
ſich die engliſche Jugend weitere und größere Ziele ſtecken als die
deutſche. Nachdem nun aber Deutſchland auch in die Weltwirt—
ſchaft und in die Weltpolitik als nicht zu unterſchätzender Faktor
eingetreten war, hätte ſich die Gedankenwelt der deutſchen Jugend
ſchneller umſtellen ſollen. Deshalb verglich ich in meiner ſpäteren
Regierungszeit mit Sorge im Herzen die ſtolzen jungen Briten, die
viel weniger Latein und Griechiſch gelernt hatten, als es bei uns
gefordert wurde, mit meinen blaſſen, überſtudierten Landeskindern.
Gewiß hat es auch damals ſchon in Deutſchland unternehmende
Männer gegeben — leuchtende Namen dafür können genannt wer—
den —, aber der Gedanke, nicht in einer beſtimmten, amtlich befchei=
nigten Tour, ſondern im freien Wettbewerb dem Vaterlande zu
dienen, war noch nicht genügend Allgemeingut geworden. Deshalb
153
5
habe ich das engliſche Beiſpiel herangezogen, denn es erſcheint mir
richtiger, vorurteilslos das Gute zu nehmen, wo man es findet, als
mit Scheuklappen durch die Welt zu gehen.
Aus ſolchen Erwägungen heraus erkämpfte ich als Kaiſer für
meine deutſche Jugend die Schulreform gegen einen verzweifelten
Widerſtand der Philologie innerhalb und außerhalb des Miniſteriums
und der Schulkreiſe. Die Reform iſt leider nicht ſo geworden, wie
ich ſie erhoffte, und hat nicht zu dem Ergebnis geführt, das ich er—
wartet hatte.
Das Germanentum in ſeiner Herrlichkeit iſt dem erſtaunten deut⸗
ſchen Volk erſt durch Chamberlain in ſeinen „Grundlagen des
XIX. Jahrhunderts“ klar gemacht und gepredigt worden. Aber, wie
der Zuſammenbruch des deutſchen Volkes zeigt, erfolglos. Man hat
zwar „Deutſchland über alles“ geſungen, aber man hat auf Befehl
der Feinde das Kaiſertum ſtürzen und das Reich zerſchlagen laſſen,
hat ſich unter die Führung von kulturell meilenweit tiefer ſtehenden
ruſſiſchen Verbrechern geſtellt und damit dem eigenen ſchwer käm—
pfenden Heere den Dolchſtoß in den Rücken verſetzen laſſen. Wären
die Deutſchen aller Schichten und Stände zur Freude und zum
Stolze an ihrem Vaterlande erzogen geweſen, dann wäre eine ſolche
Selbſterniedrigung eines großen Volkes undenkbar geweſen. Dieſe
Erniedrigung, die ſich gewiß unter beſonderen, äußerſt ſchwierigen
Verhältniſſen vollzog, iſt um ſo weniger verſtändlich, als die deutſche
Jugend, trotzdem ſie überſtudiert und nicht ſo ſportgeſtählt war als
die engliſche, im Weltkrieg glänzende, nirgends erreichte Leiſtungen
vollbracht hat. Die Jahre 1914/18 haben gezeigt, was aus dem
deutſchen Volke werden könnte, wenn es ſeine trefflichen Eigenſchaften
richtig entwickelte. Der 4. Auguſt 1914, die Helden von Langemark,
unzählige prächtige Geſtalten aus allen Ständen in Not und Tod
des langen Krieges zeigen, weſſen der Deutſche fähig iſt, wenn er
das Philiſtertum beiſeite wirft und ſich mit der Begeiſterung, die ſich
154
*
bei ihm jo ſelten rückhaltlos Bahn bricht, für eine große Sache ein-
ſetzt. Das deutſche Volk möge das Andenken an dieſe Verkörpe—
rungen ſeines beſten Selbſt nie vergeſſen und mit allen Kräften
ihnen nachſtreben, indem es den wahrhaft deutſchen Geiſt unver—
lierbar in ſich aufnimmt! —
Als Juſtizminiſter fand ich den geſchätzten Vertrauten meines
Vaters, Exzellenz v. Friedberg vor, den ich ſchon von meiner Jugend
her als willkommenen Gaſt im Elternhaus kannte. Das hohe An—
ſehen, das dieſer ſchlichte, leutſelige Mann bei meinen Eltern genoß,
beſaß er auch bei mir.
In fpäteren Jahren habe ich viel und gern mit Ezzellenz Beſeler
verkehrt, der mir auch durch Vorträge namhafter Juriſten die Ge—
legenheit bot, in feinem Haus ungezwungen manch intereſſantes Rechts-
problem erörtert zu hören und mit juriſtiſchen Kapazitäten in Ver—
bindung zu kommen. An und für ſich empfand ich für die Juriſten
keine beſondere Zuneigung, da in der Juriſterei für meinen Geſchmack
oft zuviel Pedanterie, Weltferne und Doktrinarismus zutage tritt.
Die Zuſammenſtellung des Bürgerlichen Geſetzbuches intereſſierte
mich indeſſen ſehr. Ich habe auch an Sitzungen, die damit zuſammen—
hingen, teilgenommen und war ſtolz, daß dieſes grundlegende deutſche
Werk unter meiner Regierung zum Abſchluß kam.
Als ich bei einem Beſuch in England mit dem Lord Oberrichter
von England gelegentlich eines Frühſtücks bei Lord Haldane zu—
ſammentraf, fragte ich den großen Juriſten, was er von der Recht-
ſprechung und -auslegung in Deutſchland halte. Die Antwort lautete:
„Sie urteilen zu viel nach dem Buchſtaben, wir nach dem Sinne
und Inhalt des Geſetzes.“ Ich habe oftmals betont, wie bedauer—
lich es ſei, daß für die polizeilichen Fälle, Verkehrs-, Straßen- uſw.
Delikte, nicht das raſche Verfahren des engliſchen „Police Court“
bei uns eingeführt werden könne. Denn in England werden die
Strafen ſchon am nächſten Tage diktiert, während in Deutſchland
155
oft Monate mit Beweisaufnahmen und Zeugenverhör vergehen und
ſchließlich eine oft unbedeutende Strafe zu einem Zeitpunkt auferlegt
wird, zu dem der Fall ſchon längſt vergeſſen iſt. Auch die ſchweren
Strafen, denen in England die Preſſeverleumdungen unterliegen,
hätte ich gern in Deutſchland eingeführt.
Beim Finanzminiſter v. Scholz hatte ich als Prinz einige Zeit
hoſpitiert und an Sitzungen teilgenommen, bei denen die berühmte
Exzellenz Meinecke eine Rolle ſpielte. Meinecke war Unterſtaats—
ſekretär im Finanzminiſterium und hatte daher auch viel mit anderen
Miniſterien zu tun, weil die Finanzen überall wichtig waren. Er hatte
eine gewiſſe Berühmtheit dadurch erlangt, daß er, ſtets lächelnd, immer
die — nach ſeiner Meinung — beſten Auswege aus ſchwierigen Lagen
fand. Scholz war pflichttreu und tüchtig, aber es gelang ihm nicht,
mir die trockene Materie von Steuern uſw. beſonders intereſſant und
ſchmackhaft zu machen. Das änderte ſich erſt, als der vielgewandte
Miquel das Miniſterium übernahm. Von dieſem geiſtvollen Manne
habe ich ſchon geſprochen. Als er mir den Vortrag über die preußiſche
Finanzreform hielt, legte er drei Projekte vor. Ein kleines, ein mitt—
leres und ein großes. Ich entſchied mich zur Freude des Winiſters
ohne Zaudern für das letztere. Herrſcher und Miniſter erlebten eine
große Befriedigung, als die Reform zur Durchführung kam. —
Der Miniſter des Innern, Herr v. Puttkamer, war während
der 99 Tage, ſehr zum Kummer des damaligen Kronprinzen, zum
Abgang gezwungen worden. Er war ein tüchtiger, bewährter alt—
preußiſcher Beamter und königstreuer Pommer von echtem Schrot
und Korn, durch und durch ein Edelmann. Die Fama wollte wiſſen,
daß die Kaiſerin Friedrich ihn durch eine Intrige geſtürzt habe. Das
iſt unzutreffend. Die Kaiſerin, dem engliſchen Liberalismus huldigend,
mochte zwar den altpreußiſchen konſervativen Herrn wohl nicht, hat
aber an ſeinem Abgang keine Schuld. Fürſt Bismarck hat ihn be—
ſeitigt, vielleicht in Rückſicht auf die Kaiſerin Friedrich. —
156
Die Forſtwirtſchaft und deren praftifche Förderung hat mir
immer am Herzen gelegen, zumal dem Staat durch Neuaufforſtungen
neue Geldreſerven geſchaffen werden konnten.
Nächſt Herrn v. Podbielski iſt Freiherr v. Schorlemer der
tüchtigſte Miniſter für Landwirtſchaft und Forſten geweſen. Hat Herr
v. Podbielski dahin geſtrebt, große Forſtkomplexe im Oſten zu ſchaffen,
um durch eine zuſammenhängende Waldzone den Oſtwind abzuhalten
und damit unſer Klima zu verbeſſern ſowie einen Naturſchutz gegen
ruſſiſche Einfälle zu ſchaffen, ſo hat Herr v. Schorlemer die Er—
ſchließung der öſtlichen Forſtreviere durch große Wegebauten und in—
folge der dadurch erleichterten Holzabfuhr die Konkurrenzfähigkeit gegen
das ruſſiſche Holz weſentlich gefördert. Beide Miniſter haben im
Verein mit mir unſer prachtvolles preußiſches Forſtperſonal zu heben
und deſſen Lebensbedingungen zu verbeſſern ſowie ſein Avancement
zu fördern getrachtet, was dieſe mir beſonders naheſtehende, immer
arbeitswillige und königstreue Beamtenſchaft wohl verdiente, von
ihrer Ehrlichkeit, ihrem Fleiß und ihrer Zuverläſſigkeit hing auch die
Zuführung großer Beträge zum Staatsſäckel ab. Don der ftaatg-
männiſchen Klugheit und Tüchtigkeit des ſtets zielklaren Herrn
v. Schorlemer erwarte ich für den Wiederaufbau unſeres Vater—
landes noch viel.“)
Auf dem Gebiete des Forſtweſens habe ich von den Forſtmeiſtern
Freiherrn v. Hövel (Joachimstal, Schorfheide) und Freiherrn
Speck v. Sternburg (Szittkehmen, Rominten) auf meinen Pürſch—
fahrten mit dieſen vorzüglichen Pürſchjägern und Adminiſtratoren
viel gelernt.
Ein ruſſiſches Kurioſum auf dem Gebiet der Wildpflege ſei hier
eingeſchaltet. Der Zar, der von den ſtarken Geweihen der Romintener
Hirſche oft gehört hatte, wünſchte in Spala (Polen) gleichfalls ſolche
*) Sein vor kurzem erfolgter Tod, der ihn aus ſegensreichem Schaffen herausriß,
bedeutet für das Vaterland einen ſchweren Verluſt.
157
zu bekommen. Um Rat zu dieſem Zwecke zu erteilen, wurde Freiherr
v. Sternburg im Sommer nach dem Jagdſchloß Spala entſandt.
Er wurde ſehr zuvorkommend von einem General empfangen, der
die dortige Jagd unter ſich hatte und im Schloſſe wohnte. Es fiel
Sternburg auf, daß alle Räume, auch die nicht bewohnten Gemächer,
ſtets geheizt waren. Als er auf den enormen Holzverbrauch auf—
merkſam machte, zuckte der General die Achſeln und meinte: Man
könne nie wiſſen, ob der Zar nicht doch einmal kommen würde. Ein
Wildmeiſter, der Deutſcher war, wurde Sternburg zugeteilt, weil der
General im Revier ſich nicht auskannte und von Wildpflege und
Wildfütterung nichts verſtand.
Auf den Fahrten bemerkte Sternburg manchen Platz, wo gute
Wieſen zur Fütterung hergerichtet oder Futterplätze angelegt werden
konnten. Er machte auf die Notwendigkeit ſolcher Anlagen aufmerkſam,
da er beobachtet habe, daß das Wild ſchon ſtark zu ſchälen begonnen
und dadurch dem Baumbeſtand vielen Schaden zugefügt habe. Der
Wildmeiſter ſchüttelte traurig den Kopf: Er habe das alles ſchon
gemeldet, aber ohne Erfolg, da nämlich das Heu für das Wild vom
Schwarzen Meer per Bahn bezogen werden müſſe. Die Transporte
kämen oft überhaupt nicht an oder ſehr verſpätet oder verdorben. Es
werde aber nichts geändert, da zu viele Leute an dieſen Transporten,
die mit enormen Preiſen bezahlt würden, verdienten. Zudem habe
man, als er auf die vielen Holzreſte, die beim Aufbrechen in dem
Geſcheide des Wildes gefunden wurden, als Beweis für deſſen mangel-
hafte Ernährung und die Notwendigkeit der Schaffung von Fütterungen
aufmerkſam gemacht habe, eine Kommiſſion von Tierärzten aus Peters—
burg kommen laſſen, um dieſen Fall zu unterſuchen. Dieſe Kommiſſion
wohnte und tafelte wochenlang auf Zarenkoſten in Spala. Sie ſchoß
viel Wild, unterſuchte es und hielt Sitzungen ab. Das Refultat
war: Das Wild habe Holz im Magen, das bewieſe, daß es davon
leben könne, daher ſeien Fütterungen überflüſſig, das Heu vom Schwarzen
158
Meer genüge als Zuſchuß. Dabei iſt es denn auch trotz Sternburgs
Beſuch verblieben!!
Als ich dieſe Geſchichte hörte, mußte ich unwillkürlich an eine
Anekdote denken, die Fürſt Bülow mit Vorliebe aus feiner Peters⸗
burger Zeit erzählte. Er hatte dort auch im Salon der Madame
Durnowo verkehrt, in dem ſich die Geſellſchaft oft zu verſammeln
pflegte. Eines Tages beklagte ſich ein hochſtehender General der Gaſt⸗
geberin gegenüber, daß er bei einer „Geldgeſchichte“ abgefaßt und
hereingefallen ſei und daß ihm daraus von „oben“ viel Unannehmlich⸗
keiten erwachſen wären. Anſcheinend wünſchte er durch ſeine wehleidige
Schilderung Teilnahme für ſein Pech zu erwecken, aber Madame
Durnowo erwiderte ihm kurz in ihrer derben Art: „Mon cher general,
quand on fait des saletes, il faut qu'elles rẽussissent!“ *) —
Auch als Staatsſekretär des Reichspoſtamts hat Herr v. Pod⸗
bielski, den ich perſönlich nach Ablehnung einer Reihe anderer Kandi⸗
daten ausgeſucht hatte, würdig in die Fußtapfen Stephans tretend
hervorragend gewirkt. Sehr praktiſch veranlagt, mit Geſchäftsſinn
und großer Geſchäftskenntnis ausgeſtattet, in finanziellen Fragen ge—
wandt und beſchlagen, ein geborenes adminiſtratives Talent, dabei
ſchlagfertig, mit kauſtiſchem Witz begabt, guter Sprecher und Debatter,
hat er mit Eifer und Geſchick zum Teil bahnbrechend gewirkt, beſonders
in den Fragen des Weltpoſtverkehrs, der Funkentelegraphie uſw.
Dieſer einſtige Ziethenhuſarenobriſt hat ſich im Dienſt feines Vater⸗
landes einen Namen gemacht, der nimmer vergeſſen werden wird. Ein
heiteres Gegenſtück zu feiner Karriere iſt die eines ruſſiſchen Huſaren—
kommandeurs unter Nikolai I. Der Zar hatte, ſchwer über den Heiligen
Synod erzürnt, deſſen Vorſitzenden fortgeſagt. Kurz darauf beſichtigte
er das Leib⸗Garde⸗Huſaren⸗Regiment, das vom Oberſt Grafen Protaſſow
vorgeführt wurde. Des Zaren allerhöchſte Zufriedenheit über das vor⸗
*) „Mein lieber General, wenn man unfaubere Geſchäfte macht, muß man
wenigſtens Glück dabei haben!“
159
zügliche Ausſehen und Zvolutionieren des ſchönen Regiments fand
den für Kommandeur wie Truppe gleich überraſchenden anerkennenden
Ausdruck in den Worten: „Du haſt Dein Regiment vortrefflich vor—
geführt. Als Zeichen meiner Zufriedenheit ernenne ich Dich zum
Procureur des Heiligen Synods. Den bringſt Du mir in Ordnung.“
Eines vortrefflichen ehrenwerten Mannes ſei hier noch Erwähnung
getan, des Miniſters Möller. Er war Bielefelder wie Hinzpeter
und ſtand in andauernder freundſchaftlicher Beziehung mit meinem
alten Erzieher. Er war eine der Koryphäen der Nationalliberalen
und im Reichstage wie Abgeordnetenhauſe bei allen Parteien ſehr
geachtet wegen feines aufrechten, sornehmen Weſtfalencharakters und
ſeiner großen handelspolitiſchen Erfahrung. Als der Reichskanzler
Fürſt Bülow mir Möller zum Winiſter vorſchlug, machte ich darauf
aufmerkſam, daß er Parteimann und Abgeordneter ſei. Der Kanzler
meinte, die Nationalliberalen würden durch Möllers Ernennung ſich
angenehm berührt fühlen. Ich bemerkte darauf, daß das Staats-
miniſterium des preußiſchen Königs kein Parteiminiſterium ſein ſolle
und dürfe, ſondern ganz unabhängig von den Parteien über den—
ſelben ſtehen müſſe. Ich ſchätze Möller perſönlich ſehr, aber wenn
dieſer Miniſter werde, ſo würde bald ſeder Parlamentarier die Ambition
haben, ebenfalls Miniſter zu werden. Durch Wöllers Ernennung
werde alſo die Begehrlichkeit auch der anderen Parteien nach Ninifter-
ſeſſeln geweckt und die Konſequenzen ſeien unabſehbar. Außerdem
werde Möller im Parlament ſehr fehlen, wo ich ihn gerade wegen
ſeines Einfluſſes bei allen Parteien nicht miſſen wolle. Trotz dieſer
Einwürfe und meines Abratens beſtand Bülow auf ſeinem Plan.
Möller wurde Winiſter und ſtand als ſolcher in ſehr guten Be—
ziehungen mit mir. Verhältnismäßig bald trat aber ein, was ich
vorausgeſagt hatte: der Miniſter Möller wurde durch Umſtände, die
auch innerhalb ſeiner Partei eine Rolle ſpielten, zum Rücktritt genötigt.
160
Wiſſenſchaft und Kunſt
11 Kaiſer Wilhelm I,
Di weite und vielſeitige Gebiet, deſſen Pflege dem Kultus⸗
miniſterium obliegt, Kunſt, Wiſſenſchaft, Forſchung, Arzteweſen
uſw., habe ich ſtets mit lebhaftem Intereſſe beobachtet und zu
fördern geſucht.
Beſondere Freude hat mir die Förderung der Techniſchen Hoch—
ſchulen bereitet. Die zunehmende Bedeutung der Technik zog immer
größere Scharen der tüchtigſten Jugend nach dieſen Bildungsſtätten
hin, und die Leiſtungen der dort tätigen Lehrer wie der aus jenen
hervorgehenden jungen Ingenieure brachten dem deutſchen Namen
in der Welt immer neue Ehre.
Profeſſor Dr. Slaby war unter den Lehrern in Charlottenburg
einer der hervorragendſten Männer von Weltruf. Er hat bis zu
ſeinem Tode im regſten Verkehr mit mir geſtanden und mich durch
feſſelnde Vorträge über die neueſten Erfindungen auf dem Laufenden
gehalten. Dies geſchah nicht nur im Laboratorium, ſondern auch
im ſtillen Jagdhaus im märkiſchen Walde, wo ich mit der Kaiſerin
im kleinen Kreiſe den Worten Slaby's geſpannt lauſchen durfte.
Auch als Menſch hat er mir nahe geſtanden und mir durch ſeine
ſchlichte klare Auffaſſung über alle möglichen Dinge dieſer Welt,
die er ſtets in anregender und feſſelnder Weiſe wiederzugeben ver—
ſtand, manch geiſtigen Genuß verſchafft. Slaby iſt mir viel geweſen,
und ich habe dem klugen Manne immer dankbare Zuneigung bewahrt.
11* 163
Unter dem Eindruck der Leiſtungen der Techniſchen Hochſchulen
und ſolcher Männer wie Slaby, Intze u. a. beſchloß ich, den Hoch—
ſchulen dieſelbe Berechtigung der Vertretung im Herrenhauſe zu ver—
leihen, wie die Univerſitäten ſie beſaßen. Allein die Univerſitäten
erhoben beim Kultusminiſter energiſchen Einſpruch dagegen, es
folgte ein heftiger Kampf gegen den klaſſiſch-wiſſenſchaftlichen Ge—
lehrtenſtolz, bis ich durch einen Erlaß meinen Willen durchſetzte.
Slaby erhielt die telegraphiſche Mitteilung von mir in ſeinem La—
boratorium während feiner Vorleſung und verkündete fie den Stu—
denten, die in Begeiſterungsrufe ausbrachen. Die Techniſchen Hoch—
ſchulen haben ſich der Ehre würdig gezeigt.
Bei dem ſtets ſchärfer werdenden Kampf um den Weltmarkt
und ſeine Abſatzgebiete war es, um das Wiſſen der Koryphäen der
deutſchen Wiſſenſchaft für jene Zwecke nutzbar zu machen, geboten,
ihnen mehr Freiheit, Ruhe, Arbeitsmöglichkeit und Material zu ver—
ſchaffen. Viele bedeutende Köpfe waren durch ihre Lehrtätigkeit in
ihren Forſchungen behindert, ſo daß ihnen für dieſe nur die Ferien
zur Verfügung ſtanden. Dieſer Zuſtand ergab Überarbeitung und
Überbürdung, die verhindert werden mußten. Zunächſt ſollte die
Chemie Förderung erfahren. Winiſter v. Trott und Winiſterial⸗
direktor Althoff haben, mit klarem Verſtändnis die Situation er—
faſſend, mir die Schaffung der „Kaiſer Wilhelm-Geſellſchaft'?
ermöglicht und ihre Statuten entworfen. Sie hat ſeit ihrem kurzen
Beſtehen Hervorragendes geleiſtet und mir Gelegenheit gegeben,
bei den Generalverſammlungen bedeutende Männer aller möglichen
Diſziplinen kennen zu lernen, mit denen ich dann in regelmäßigen
Verkehr trat, ich beſuchte auch ihre Laboratorien und konnte ſo den
Fortgang ihrer Arbeiten verfolgen. Neue Laboratorien wurden ge—
ſtiftet, andere aus den Beiträgen der Senatoren und Witglieder
unterſtützt. Ich bin auf dieſe meine Schöpfung ſtolz geweſen, weil
fie ſich als nutzbringend für das Vaterland erwies und die Erfin—
164
dungen ihrer Forſcher dem ganzen Volke zugute kamen. Es war
ein Friedenswerk von großer, viel verſprechender Zukunft, das bei
Herrn v. Trott in vortrefflicher Hand lag. Leider hat der Krieg
mir neben allen anderen auch dieſe Freude geraubt. Ich muß nun
den Verkehr mit den Gelehrten meiner Geſellſchaft miſſen und em-
pfinde dies ſchwer. Möge dieſe Schöpfung zum Heil für die For⸗
ſchung und zum Segen des Vaterlandes fortleben und fortarbeiten!
Einen ſchweren Kampf hatte ich zu beſtehen, als ich die Berufung
Profeſſor Harnack's nach Berlin durchſetzte. Die rechtsſtehenden
Theologen und „Orthodoxen“ erhoben ſcharfe Proteſte. Nachdem ich
mich bei Hinzpeter noch einmal eingehend erkundigt und dieſer ſein
Urteil mit den Worten geſchloſſen hatte, daß es für Berlin und
Preußen äußerſt bedauerlich ſein würde, falls ich nachgäbe, beſtand
ich auf der Berufung, und fie erfolgte. Jetzt kann man jenen Wider⸗
ſtand gar nicht mehr verſtehen. Welch eine Perſönlichkeit iſt Har—
nack! Was für eine gebietende Stellung in der Geiſteswelt hat
er ſich errungen! Welchen Nutzen und wieviel Wiſſen hat mir
der rege und intime Verkehr mit dieſem feurigen Geiſt gebracht!
Was hat er als Leiter der Königlichen Bibliothek und als Dekan
des Senats der Kaiſer Wilhelm⸗Geſellſchaft geleiſtet, in der er, der
Theologe, die geiſtvollſten und inhaltreichſten Reden über die exakten
Wiſſenſchaften, über Forſchungen und Erfindungen auf dem Gebiet
der Chemie uſw. hielt. An die Perſönlichkeit Harnack's und ſein
Wirken werde ich immer gern zurückdenken.
Auch der Profeſſor Erich Schmidt von der Univerfität Berlin
hat mir nahe geſtanden und oft bei mir verkehrt, ich verdanke den
geiftvollen Vorträgen dieſes kerndeutſchen Mannes manchen genuß⸗
reichen Abend.
Mein beſonderes Vertrauen gehörte dem Profeſſor Schiemann.
Ein aufrechter Balte, Vorkämpfer des Deutſchtums gegen flawiſche
Überhebung, ſcharfblickender Politiker und glänzender Hiſtoriker und
165
Schriftſteller, iſt Schiemann von mir andauernd In rebus politicis
und in bezug auf hiſtoriſche Fragen zu Rate gezogen worden. Ich
verdanke ihm manche Orientierung, hauptſächlich über den Oſten. Er
hat viel in meinem Hauſe verkehrt, mich auch oft auf meinen Reiſen
begleitet — fo z. B. nach Tanger — und auch wichtiges, vertrauliches
Material in Geſprächen über noch unbekannte politiſche Vorgänge
von mir mitgeteilt bekommen. Seine unerſchütterliche Verſchwiegen—
heit hat mein Vertrauen gerechtfertigt. Es war für mich eine Genug—
tuung, dieſen bewährten Mann nach der Befreiung des Baltikums
zum Kurator der Univerſität Dorpat machen zu können.
Die Übereinſtimmung unſerer politiſchen Anſchauungen über Ruß⸗
land wird durch einen Fall gut illuſtriert. Nach dem von mir im
Verein mit Präſident Roofevelt 1905 vermittelten Frieden von Ports⸗
mouth zwiſchen Rußland und Japan wurde in Berlin amtlich (Aus⸗
wärtiges Amt) und nichtamtlich viel kombiniert, welche politiſche
Linie Rußland nun wohl einſchlagen werde. Im allgemeinen waltete
die Auffaſſung vor, daß Rußland ſich aus Grimm über feine Nieder-
lage dem Weſten — alſo Deutſchland — zuneigen werde, um hier
neue Verbindung und Stärkung zu finden, mit Hilfe derer ein Re⸗
vancheſtreich gegen Japan behufs Wiedereroberung des verlorenen
Gebiets und Preſtiges geführt werden könnte. Ich vertrat eine ganz
andere Anſicht, mit der ich ſedoch in der amtlichen Welt nicht durch—
drang. Ich betonte: die Ruſſen ſeien Aſiaten und Slawen. Als
erſtere hätten ſie — trotz der Niederlage — Hinneigung zu Japan,
als letztere verbänden ſie ſich gern mit dem, der ihnen ſeine Stärke
gezeigt habe. Aus dieſen Gründen ſchloß ich, daß Rußland in einiger
Zeit — trotz dem Björkö-Abkommen — nicht mit Deutſchland, ſon⸗
dern mit Japan zuſammengehen und ſich ſpäter auch gegen Deutſch—
land wenden werde. Amtlich und nichtamtlich bin ich ob ſolcher
Phantaſien geradezu verhöhnt worden. Ich ließ Schiemann kommen
und befragte ihn über dieſes Thema, ohne meinen Standpunkt zu
166
erkennen zu geben. Ich war ſehr befriedigt, als Schiemann mir als
Antwort genau meine Anſichten auseinanderſetzte. Lange Zeit haben
Schiemann und ich in der Beurteilung dieſer wichtigen Frage der
äußeren Politik mit unſerer Auffaſſung faſt allein geſtanden. Die
Ereigniſſe haben uns recht gegeben. Die Berliner ſogenannten
Ruſſenkenner und mit ihnen die amtliche Welt hatten ſich geirrt. —
Gleich in meiner erſten Regierungszeit trat die Veranlaſſung zu
mancherlei Bauten an mich heran.
Zunächſt galt es, ein würdiges Grabmal für meine Großeltern
zu ſchaffen. Da das alte Mauſoleum in Charlottenburg nicht aus⸗
reichte, war ein Anbau notwendig. Leider waren die für ſolche
„Extrabauten“ von Kaiſer Wilhelm dem Großen zurückgelegten Geld—
mittel — der ſogenannte Extrabaufonds — während der 99 Tage
anderweitig verwendet worden. So mußte ich die Krone mit Aus⸗
gaben für Bauten belaften, die nicht vorgeſehen waren. Das Mau⸗
ſoleum meiner Eltern in Marly, zu dem ich gleichfalls Mittel bereit⸗
ſtellen mußte, wurde von der Kaiſerin Friedrich nach eigenen Zeich—
nungen und Plänen errichtet.
Eine genaue Unterſuchung der Königlichen Schlöſſer — auch der
in den Provinzen — hatte, insbeſondere bei dem Berliner Schloſſe,
eine ſolche Rückſtändigkeit in ſanitärer, wohnlicher und ſonſtiger Be—
ziehung ergeben, daß die Behebung der Schäden nicht weiter hin—
ausgeſchoben werden durfte. Ich habe nach ſorgfältig aufgeſtellten,
von mir ſelbſt revidierten, korrigierten und kontrollierten Etats im
Laufe meiner 30 jährigen Regierung mit Hilfe von Architekten (Ihne),
Künſtlern uſw. mit viel Mühe, Geduld, aber auch Freude, die alten
Traditionen meiner Vorfahren achtend, die Schlöſſer wieder in Stand
geſetzt. Für das Berliner Schloß hat Kaiſerin Friedrich mit ihrem
ſtilſicheren, ſcharfen Blick und Urteil viel mitgeholfen, die Schäden
und Verſäumniſſe vergangener Zeiten zu beſeitigen. Von allgemeinem
Intereſſe dürfte die Auffaſſung meiner Mutter ſein: „Ein jeder Stil
167
iſt gut, ſolange er rein iſt.“ — Den Eklektizismus der 90er Jahre
bezeichnete Ihne als „à peu près-Stil“. Das letzte Werk des leider
zu früh verſtorbenen Herrn v. Ihne, die Wiederherſtellung der
Bildergalerie, iſt erſt in der erſten Kriegshälfte vollendet worden.
Das mühſam hergeſtellte Schloß meiner Väter, auf das ich ſtolz
war, iſt dann von revolutionären Haufen beſchoſſen, geſtürmt, geplün⸗
dert und verwüſtet worden.
Dieſe künſtleriſchen Bauten, wie auch die ſchon erwähnte Reſtau⸗
ration des Weißen Saales, gehören zu den Pflichten der Repräfen-
tation, die ſeder Staat hat, gleichgültig ob er abſolutiſtiſch, konſti⸗
tutionell oder demokratiſch geleitet wird. Sie ſind ein Maßſtab für
die Kultur des Landes und fördern die Künſtler und dadurch die
Entwicklung der Kunſt. —
Ein Gebiet, das mich in den Stunden der Erholung beſchäftigt
hat, war die Archäologie und die Ausgrabungstätigkeit. Ich hatte
dabei einen leitenden Grundgedanken: die Feſtſtellung der Wurzeln,
aus denen ſich die helleniſche antike Kunſt entwickelt hat, und das
Schlagen oder Finden einer Brücke, um den Einfluß des Oſtens
auf den Weſten in kultureller Beziehung zu ergründen. Die Aſſy—
riologie erſchien mir beſonders wichtig, weil von ihr eine Beleuch—
tung und Belebung des Alten Teſtamentes, alſo der Heiligen Schrift,
zu erwarten war. Mit Freuden nahm ich daher den mir angebo—
tenen Vorſitz der Deutſchen Orient-Geſellſchaft an und vertiefte
mich in ihre Arbeiten, die ich nach Kräften förderte, wie ich auch nie
einen ihrer öffentlichen Vorträge über die Ergebniſſe der Forſchungen
verſäumt habe. Ich verkehrte viel mit dem Vorſtand und ließ mir
ſtändig über die Ausgrabungen von Ninive, Aſſur, Babylon, in
Agypten und Syrien berichten. Für ihren Schutz und ihre Erleich—
terung bin ich oft perſönlich bei der Türkiſchen Regierung eingetreten.
Der der Geſellſchaft angehörende Profeſſor Delitzſ ch hielt ſeinen
bekannten, viel angefochtenen Vortrag über Babel und Bibel, der
168
leider ein noch zu unkundiges und faft unvorberettetes Publikum vor⸗
fand und zu allerhand Mißdeutungen und Angriffen, auch ſeitens
kirchlicher Kreiſe, Veranlaſſung gegeben hat. Ich habe mich eifrig
bemüht, für Aufklärung zu ſorgen. Da ich erkannte, daß die Aſſy⸗
riologie, die ſo viele bedeutende Männer, auch Geiſtliche beider Kon⸗
feffionen, beſchäftigte, von der Allgemeinheit in ihrer Bedeutung
noch nicht verſtanden und gewürdigt wurde, ließ ich durch meinen
bewährten Freund und glänzenden Theaterintendanten, den Grafen
Hülſen⸗Haeſeler, das Stück „Aſſurbanipal“ in Szene ſetzen, das nach
langer Vorbereitung unter Aufſicht der Deutſchen Orient⸗Geſellſchaft
aufgeführt wurde. Zu der Generalprobe wurden Aſſyriologen aller
Länder eingeladen. Man ſah in den Logen in bunter Reihe Pro⸗
feſſoren, proteſtantiſche und katholiſche Geiſtliche, Juden und Chriſten
beieinanderſitzen. Von vielen hörte ich Dank dafür, daß ich durch
dieſe Aufführung einmal gezeigt habe, wie weit die Forſchungsarbett
ſchon gediehen war, und gleichzeitig dem großen Publikum die Be⸗
deutung der Aſſyriologie näher gebracht hätte.
Auch der Aufenthalt auf Korfu gewährte mir die Freude, der
Archäologie zu dienen und mich perſönlich mit Ausgrabungen zu be⸗
ſchäftigen. Der zufällige Fund des Reliefhauptes einer Gorgo in
der Nähe der Stadt Korfu veranlaßte mich, die Arbeiten ſelbſt in
die Hand zu nehmen. Ich berief zu meiner Unterſtützung den be⸗
währten Ausgraber und Kenner griechiſcher Altertümer Profeſſor
Dörpfeld, der die Leitung der Ausgrabungen übernahm. Der
ebenſo wie ich für das Hellenentum der Antike begeiſterte Gelehrte
iſt im Laufe der Jahre für mich zu einem treuen Freunde und un⸗
ſchätzbaren Quell für Belehrung über die Baukunſt, Stilfragen uſw.
bei den alten Griechen und Achäern geworden.
Es war ein Genuß, wenn Dörpfeld die alten Homerifchen Lieder
vortrug und auslegte und auf der Landkarte, nach den Angaben und
Beſchreibungen des Dichters, die alten achäiſchen — durch die do⸗
169
riſche Wanderung zerſtörten — Anſiedelungen wieder feſtſtellen konnte.
Die Namen der alten Ortſchaften ſcheinen von den entwurzelten
Einwohnern häufig auf ihre neuen Siedlungen übertragen worden
zu ſein. Das erſchwert die Feſtſtellung der Lage der alten Orte.
Gleichwohl hatte Dörpfeld eine Reihe von ihnen, mit dem Homer
als „Bädeker“ in der Hand auf Grund der genauen geographiſchen
Beſchreibungen Homers die Gegend erkennend, wiedergefunden. Das
feſſelte mich dergeſtalt, daß ich gemeinſam mit der Kaiſerin in
Dörpfelds Begleitung eine Fahrt zu Waſſer unternahm, um ſelbſt
die Probe aufs Exempel zu machen. Wir fuhren nach Leukas
(Ithaka) und beſuchten dort nacheinander die aus der Odyſſee be—
kannten Orte, wobei Dörpfeld den betreffenden beſchreibenden Text
aus dem Homer vorlas. Überraſcht mußte ich zugeben, daß Gegend
und Beſchreibung einander vollkommen entſprachen.
Die von mir unter Dörpfelds Leitung begonnenen Ausgrabungen
auf Korfu haben wichtige Ergebniſſe für die Archäologie gezeitigt, da
ſie ein ſehr hohes Alter früheſter doriſcher Kunſt nachwieſen. Das
Gorgorelief hat bereits zu vielen Kombinationen — wahrſcheinlichen
und unwahrſcheinlichen, leider auch mit überflüffiger Polemik ver—
verbundenen — Veranlaſſung gben. Es ſcheint ſich hier ein Pfeiler
zu der von mir geſuchten Brücke zwiſchen Aſien und Europa heraus⸗
zukriſtalliſieren. Ich habe regelmäßig Berichte an die Archäologiſche
Geſellſchaft geſandt, auch den bewährten Profeſſor Caro aus Athen
mit herangezogen und war mit der Vorbereitung von Vorträgen für
den Winter 1914/15 beſchäftigt, die vor der Geſellſchaft gehalten
werden ſollten. An ſie wollte man weitgehende Diskuſſionen über
die vielen ſtrittigen Fragen anſchließen, die ich einer Löſung sine ira
et studio zuführen zu können hoffte. Ich hatte die Freude, faſt regel—
mäßig in Korfu von engliſchen und amerikaniſchen Archäologen be—
ſucht zu werden, die, frühere Schüler Dörpfelds, ſich eifrig an der
Beleuchtung der oft auftauchenden ſchwierigen Probleme beteiligten.
170
Da fie in Kleinaſien beſchäftigt waren, fo war es für mich hoch⸗
intereſſant, zu hören, welche Wichtigkeit fie — auf Grund ihrer
Funde — dem aſiatiſchen Einfluß auf die frühhellenſſche Kunſt bei⸗
maßen und wie ſie in den Korfioter Funden Anklänge an den Oſten
erkannten. Im Jahre 1914 beſuchte Profeſſor Duhn aus Heidel⸗
berg die Ausgrabungen in Korfu und pflichtete nach eingehendem
Studium Dörpfelds und meiner Auffaſſung bei. Über das Ergeb⸗
nis meiner Ausgrabungen auf Korfu werde ich mich in einer bes
ſonderen Schrift äußern.
Solcher Geſtalt war die Beſchäftigung des Deutſchen Kaifers,
der, auf Raub und Eroberung ſinnend, blutdürſtig den Weltkrieg
herbeigeführt haben ſoll, im Frühjahr 19141 Derweilen ich in Korfu
über Gorgonen, doriſche Säulen und Homer forſchte und diskutierte,
wurde im Kaukaſus und in Rußland ſchon gegen uns mobil ger
macht! Und der Zar hatte zu Jahresbeginn auf die Frage nach
feinen Reiſedispoſitionen erwidert: „je resteral chez mol cette aun.
parce que nous aurons la guerre!“ )
*) „Ich werde in dieſem Jahr zu Haus bleiben, weil wir Krieg bekommen.“
Mein
Verhältnis zur Kirche
77 a
2 K mein Verhältnis zur Kirche iſt viel geſchrieben und geredet
worden. — Ich hatte ſchon als Prinz, während ich in Bonn
ſtudierte, den nachteiligen Einfluß des Kulturkampfes in ſeinem letzten
Stadium zu beobachten Gelegenheit gehabt. Die konfeſſionelle Kluft
wirkte fo trennend, daß ich 3. B. vom rheiniſch-weſtfäliſchen ultra—
montanen Hochadel auf einer Jagd direkt boykottiert wurde. Im
nationalen Intereſſe nahm ich mir ſchon damals vor, dahin zu wirken,
daß ein modus vivendi, der ein friedliches Nebeneinanderleben der
beiden Konfeſſionen ermöglichen ſollte, herbeigeführt würde. Der
Kulturkampf als folder iſt ja ſchon vor meinem Regierungsantritt
beigelegt worden.
Ich habe mit Geduld und Sorge ſtets ein gutes Verhältnis zum
Epiſkopat zu erhalten getrachtet und mit einzelnen Kirchenfürſten in
recht guten Beziehungen geſtanden. So beſonders mit Kardinal
Kopp, Erzbiſchof Simar, Dr. Schulte, Fürſtbiſchof Bertram, Biſchof
Thiel und last not least mit Erzbiſchof Faulhaber und Kardinal
v. Hartmann. Sie alle ſind Männer weit über dem Durchſchnitt
und eine Zierde des deutſchen Epiſkopats, deſſen Patriotismus für
Kaiſer und Reich im Kriege zum Ausdruck kam. Darin liegt ein
Beweis, daß es mir gelungen war, die Nebel des Kulturkampfes
wieder zu zerſtreuen und auch den katholiſchen Untertanen die Freude
am Reich zu ermöglichen, nach dem Grundſatze: suum cuique,
175
Beſonders eng war ich zeitlebens mit dem Fürftbifchof von Breslau
Kardinal Kopp verbunden. Er hat mir immer loyal gedient, mein
Verhältnis zu ihm war durchaus vertrauensvoll. Wertvoll für mich
war ſeine Vermittlung mit dem Vatikan, bei dem er großes An—
ſehen genoß, obgleich er durchaus den deutſchen Standpunkt wahrte.
Wenig bekannt in der Offentlichkeit dürfte das freundſchaftliche
Vertrauensverhältnis fein, das zwiſchen dem Papſt Leo XIII. und
mir beſtanden hat. Ein dem Papſt naheſtehender Prälat hat mir
ſpäter erzählt, daß ich mir bei meinem erſten Beſuch das Vertrauen
des Papſtes erworben habe durch die abſolute Offenheit, mit der ich
ihm entgegengetreten bin und mit der ich ihm auch Dinge geſagt
habe, die man ihm ſonſt gern vorenthielt.
Die Empfänge beim Papſt ſpielten ſich unter ungeheurer Pracht—
entfaltung ab. Schweizer- und Nobelgarden in glänzenden Uniformen,
Diener, Kammerherren und geiſtliche Würdenträger in großer Zahl:
ein kleines äußeres Bild der Macht der römiſch-katholiſchen Kirche.
Nachdem ich durch die Höfe, Hallen und Säle geſchritten war,
in denen alle dieſe Menſchen Aufſtellung genommen hatten, ſaß ich
dann in ſeinem kleinen einfenſtrigen Arbeitszimmer dem Papſte
ſelbſt gegenüber. Der würdige Herr mit dem feinen edelgeformten
Greiſenkopf, deſſen große kluge Augen den Beſucher durchdringend
anblickten, hat einen bedeutenden Eindruck auf mich gemacht. Wir
haben viele ſchwebende Fragen erörtert. Ich freute mich herzlich
darüber, daß der Papſt mit Anerkennung und Dank die Stellung
hervorhob, die die katholiſche Religion und ihre Anhänger in Deutſch—
land einnehmen, und daran die Verſicherung ſchloß, er werde an
ſeiner Stelle dazu beitragen, daß die deutſchen Katholiken keinem
anderen Deutſchen an Vaterlandsliebe und Treue nachſtehen ſollten.
Wo er konnte, hat Papſt Leo XIII. mir Freundlichkeiten erzeigt.
So hat er bei einem meiner Beſuche in Rom mein Gefolge und
meine Dienerſchaft durch eine beſondere Audienz ausgezeichnet. Er
176
hat zur Einweihung des von mir geftifteten Portals der Metzer
Kathedrale als päpſtlichen Legaten den Fürſtbiſchof Kopp entſandt
und mir die Aufmerkſamkeit erwieſen, die zur Feier dieſes Tages
vollzogene Ernennung des Erzbiſchofs Fiſcher (Cöln) zum Kardinal
mir zur Bekanntgabe mitzuteilen u. dgl.
Zu ſeinem 25 jährigen Papſtjubiläum (1903) ließ ich Leo XIII
meine Glückwünſche ausſprechen durch eine beſondere Miſſion, die der
dem Papſt ſeit langen Jahren naheſtehende Generaladjutant Freiherr
von Loé führte.
Nicht lange nachher — wenige Monate vor ſeinem Tode —
konnte ich dem Papſt meinen dritten und letzten Beſuch abſtatten.
Trotz ſeiner großen Schwäche kam der Dreiundneunzigjährige mir
entgegen und ſtreckte mir beide Hände hin. Ich habe über dieſen
Beſuch, der ſich durch große Herzlichkeit von beiden Seiten aus—
zeichnete, damals ſogleich Aufzeichnungen gemacht, die mir unlängſt
wieder in die Hand kamen.
Der Papſt ſagte unter anderem, er könne die Grundſätze, nach denen
ich regiere, nur mit voller Anerkennung billigen. Er habe meine
Regierungsart mit Intereſſe verfolgt und mit Freude erkannt, daß ich
meine Herrſchaft auf der Grundlage des feſten Chriſtentums aufgebaut
habe. Sie werde von ſo hohen religiöſen Grundſätzen geleitet, daß
er nicht anders könne, als den Segen des Himmels für mich, die
Dynaſtie und das Deutſche Reich zu erflehen und ſeinen apoſtoliſchen
Segen zu erteilen.
Intereſſant war mir, daß der Papſt mir bei dieſer Gelegenheit
ſagte, Deutſchland müſſe das Schwert der katholiſchen Kirche werden.
Ich wendete ein, daß das alte römiſche Reich deutſcher Nation doch
nicht mehr beſtehe, daß die Vorausſetzungen andere geworden wären.
Aber er blieb dabei.
Dann fuhr der Papſt fort, er müſſe mir wiederum warmen Dank
dafür ſagen, daß ich unabläſſig um das Wohl auch meiner katho—
12 Kaiſer Wilhelm II. 77756
liſchen Untertanen bemüht ſei. Er habe das von fo vielen Seiten
gehört, daß er Wert darauf lege, mir perſönlich zu ſagen, wie dank—
bar ſowohl er wie die deutſchen Katholiken für dieſe Fürſorge ſeien.
Er könne mir verſichern, daß meine katholiſchen Untertanen in guten
und in böſen Tagen in abſoluter Treue zu mir ſtehen würden.
„Is resteront absolument et infailliblement fidèles.“ “)
Ich habe mich dieſer Anerkennung aus ſo hohem berufenen Munde
herzlich gefreut und geantwortet, ich betrachte es als Pflicht eines
chriſtlichen Souveräns, ohne Unterſchied der Konfeſſion für ſeine
Untertanen nach beſten Kräften zu ſorgen. Ich könne verſichern,
daß unter meiner Regierung ſedermann ungehindert ſeine Religion
ausüben und ſeinen Pflichten gegen ſein kirchliches Oberhaupt ob—
liegen könne. Das ſei ein Lebensgrundſatz von mir, von dem ich
nie abweichen werde. —
Dadurch, daß ich von vornherein meinen katholiſchen Landsleuten
zeigte, daß ich ihnen in der Ausübung ihrer Religion ſede Freiheit
laſſen wollte, wurde bald eine ruhigere Stimmung im Lande erzeugt,
und die Nachwehen des Kulturkampfes verſchwanden mehr und mehr.
Allein ich verhehlte mir nicht, daß trotz aller Höflichkeit und allem
Zuvorkommen die Kirchenfürſten — mit alleiniger Ausnahme von
Kardinal Kopp — in mir doch den Ketzer ſahen, und ich mußte
damit rechnen, daß im katholiſchen Süden und Weſten des Reiches
dieſer Gedanke nie ganz verſchwinden würde. Es iſt mir wieder—
holt dankbar beſtätigt worden, daß die Katholiken es unter meiner
Regierung ſo gut hätten, wie ſie es nur wünſchen könnten. Aber
das immer intranſigenter werdende Verhalten der Kirche auf dem
Gebiete der Wiſchehen ſowie des Zentrums in der Politik waren
doch ein Fingerzeig dafür, daß unter der ruhigen Oberfläche die
antiketzeriſche Tendenz fortwirkte. —
*) „Sie werden ſich in jeder Lage als unbedingt treu erweifen.”
178
Um fo intenfiver befchäftigte mich der Gedanke an den feften Zu—
ſammenſchluß der proteftantifhen Kirchen, zunächſt Preußens,
dann Deutſchlands, ſchließlich Europas. Mein Verkehr mit dem
Oberkirchenrat, den Generalſuperintendenten uſw. war ſehr lebhaft,
um den Weg zu dieſem Zuſammenſchluß zu finden. Die Eiſenacher
Konferenz habe ich mit Intereſſe begrüßt und verfolgt. Zur Kirchen—
weihe in Jeruſalem habe ich alle Generalſuperintendenten verſammelt
und auch Deputationen aus Schweden, Norwegen ufw. begrüßen
können. Ebenſo bei der Domweihe in Berlin, wo unter vielen anderen
Deputationen auch die engliſche Kirche durch den als Schriftſteller wie
Prediger gleich bedeutenden Biſchof von Ripon, W. Boyd Carpenter,
den Seelſorger der Königin Victoria von England, vertreten war. Bei
jeder Gelegenheit ſuchte ich Ausgleich, Annäherung und Zuſammen—
ſchluß herbeizuführen. Allein es kam zu keinem pofitiven Ergebnis.
Trotzdem die Union in Preußen ſich gut bewährt hatte, ſtanden ſich
in anderen Teilen des Vaterlandes Lutheraner und Reformierte fremd
gegenüber. Manche Landesherren wachten eifrig über ihr Recht
ihren Kirchen gegenüber und waren darum einem engeren Zuſam—
menſchluß der Landeskirchen abhold. So hat trotz meinen Bemühungen
die deutſche proteſtantiſche Kirche ſich lange nicht zum Zuſammenſchluß
und zu gemeinſamem Widerſtand gegen die ihr feindlichen Kräfte zu
entwickeln vermocht. Erſt die Not, in die die Kirche durch den poli—
tiſchen Umſturz geraten iſt, hat das zuſtande gebracht. Am Himmel—
fahrtstage 1922 iſt zu meiner großen Freude die Gründung des
„Deutſchen Evangeliſchen Kirchenbundes“ in der Schloßkirche zu
Wittenberg feierlich vollzogen worden.
In der Zeit meiner erſten militäriſchen Dienſtjahre in Potsdam
hatte ich die Unzulänglichkeit der Predigten, die häufig nur trockene
Dogmatik behandelten, hingegen die Perſon Chriſti allzu ſehr zurück—
treten ließen, ſtark empfunden. In Bonn lernte ich dann D. Dry—
ander kennen, der auf mich für mein ganzes Leben einen tiefen
12° 179
Eindruck gemacht hat. Die Predigt war bei ihm von der Dogmatik
befreit, die Perſon Chriſti wurde in den Wittelpunkt geſtellt und das
„praktiſche Chriſtentum' in den Vordergrund gerückt. Ich zog ihn
ſpäter nach Berlin und bald an den Dom und mein Schloß. So
hat Dryander mich, mir geiſtig naheſtehend, mit geiſtlichem Zuſpruch
jahraus, jahrein treu begleitet bis über den 9. November hinaus.
Die kirchlichen Angelegenheiten ſind häufig zwiſchen uns beiden be—
ſprochen, die Aufgaben und die Zukunft der proteſtantiſchen Kirche
eingehend behandelt worden. Die milde, doch kraftvolle, klare und
von echt evangeliſcher Stärke getragene Auffaſſung Dryanders machte
ihn zu einer Säule und Zierde ſeiner Kirche und zu einem treuen,
mit feinem Kaiſer innig verbundenen Mitarbeiter an ihr und ihrer
Fortentwicklung. Seit dem 9. November iſt auch Exzellenz Dryander
Verfolgungen ausgeſetzt geweſen, er hat ruhig ſtandgehalten. Seines
Königs Hoffen, Glauben und Vertrauen geht mit ihm und der
evangeliſchen Kirche. Die Kirche muß das niedergebrochene Volk
innerlich wieder aufrichten mit dem Glaubensſatz: Ein' feſte Burg
iſt unſer Gott!
Nicht unerwähnt laſſen möchte ich den Einfluß der auf meine
Veranlaſſung überſetzten Schrift des engliſchen Miſſionars Bernard
Lucas „Conversations with Christ“ ſowie die Jeſuspredigten von
Paſtor Schneller (Jeruſalem) und die Andachtſammlungen „Der alte
Gott lebt noch” und „Aus tiefer Not” des Oberkonſiſtorialrats Conrad.
Dieſe Schriften haben der Kaiſerin und mir durch ihre lebendige Art,
den Hörer und Leſer zu packen und zu feſſeln, manche Anregung
und Troſt gegeben.
Daß ich die religiöfen und kirchlichen Fragen mit voller Objek—
tivität sine ira et studio behandeln konnte, verdanke ich meinem
vortrefflichen Erzieher Profeſſor Dr. Hinzpeter, einem weſtfäliſchen
Calviniſten. Er hat ſeinen Zögling mit der Bibel aufwachſen und
leben laſſen unter Beiſeiteſtellung aller dogmatiſch-polemiſchen Fragen,
180
fodaß Polemik in der Religion mir fremd geblieben iſt und ein Be⸗
griff wie das ſelbſtherrliche „orthodox“ mich abſtößt. Meinen eigenen
religiöſen Standpunkt habe ich ſeinerzeit in dem ſchon damals der
Offentlichkeit bekannt gewordenen, am Schluſſe dieſes Kapitels teil—
weiſe abgedruckten Briefe an meinen Freund Hollmann dargelegt. —
Das Herz meiner katholiſchen Untertanen vermochte ich zu er—
freuen, als ich 1898 das von mir vom Sultan erworbene Grund—
ſtück der „Dormition“ aus Anlaß meines Aufenthaltes in Jeru—
ſalem den dortigen deutſchen Katholiken zum Geſchenk machte. Der
würdige treue Pater Schmidt, der Vertreter des katholiſchen Vereins
in Jeruſalem, ftattete mir an Ort und Stelle bei der Übernahme:
feier in herzlichen Worten den Dank der deutſchen Katholiken ab.
Als ich die zukünftige Bebauung und Beſetzung der Niederlaſſung
mit ihm beſprach, riet der erfahrene alte Jeruſalemkenner, keinen
der dortigen Mönchsorden zu wählen, da ſie alle mehr oder minder
in die Intrigen und Kämpfe um die „loci sacri“ verwickelt ſeien.
Nach meiner Heimkehr erſchien eine Abordnung der deutſchen
Malteſerritter unter Graf Praſchma, um auch ihrerſeits Dank
darzubringen. Der von einem ſehr begabten Cölner Baumeiſter
entworfene Plan der Kirche, dem Stil des Landes geſchickt an—
gepaßt, wurde mir zur Anſicht vorgelegt. Nach ihrer Vollendung
beſtimmte ich, daß die Beuroner Benediktiner die Dormition über—
nehmen ſollten, 1906 bezogen fie das neben der neuen Marienkirche
erbaute Kloſter.
Zu den Benediktinern der Beuroner Kongregation, deren Erz—
abt Wolter ich in Sigmaringen kennen gelernt hatte, pflegte ich durch
viele Jahre nähere Beziehungen. Der Orden hat im Mittelalter
ſtets in gutem Verhältnis zu den deutſchen Kaiſern geſtanden, von
denen faſt keiner unterlaſſen hat, bei den Romreiſen auch das herr—
lich gelegene Monte Caſſino zu beſuchen. Als die Benediktiner um
eine Niederlaſſung am Rhein baten, ſorgte ich dafür, daß dem Orden
181
die prächtige — damals unbenutzte — romaniſche Abtei Maria Laach
übergeben wurde. Der Orden, der feine Künſtler — darunter den
Pater Deſiderius — unter ſeinen Mitgliedern beſitzt, hat die Abtei
aus Vernachläſſigung und Verfall durch herrliche Innendekoration
zu neuer Blüte emporgebracht. Oft habe ich Maria Laach beſucht
und mich an dem Fortſchreiten der Ausgeſtaltung erfreut, wie auch
an dem Verkehr mit den klugen Abten und dem herzlich ſchlichten
Empfang ſeitens der treuen Brüder.
In dem Erzabt Mfgr. Krug lernte ich bei meinem Beſuch des
Kloſters Monte Caſſino einen Mann von ungewöhnlichen geiſtigen
Gaben und umfaſſender Bildung kennen, der viel in der Welt herum—
gekommen war, er konnte ſich ebenſo fließend auf Italieniſch, Eng⸗
liſch, Franzöſiſch ausdrücken wie in ſeiner deutſchen Mutterſprache.
In ſeiner Anſprache an König Victor Emanuel von Italien und
mich erwähnte er, daß faſt alle deutſchen Kaiſer und vor ihnen die
Langobardenkönige Monte Caſſino beſucht haben. Er übergab mir
eine prachtvolle Sammlung von Kopien von Urkunden Kaiſer
Friedrichs II. aus der Bibliothek des Ordens, ich habe dieſe Gabe
mit dem Geſchenk der Werke Friedrichs des Großen erwidert. In
der Umgebung der Klöſter des Ordens floriert der Feldbau, der mit
allen Neuerungen auf dieſem Gebiet dem langſamen Landvolk von den
Laienbrüdern beigebracht wird. In den Land- und Stadtgemeinden
werden Kirchengeſang und Orgelſpiel, in denen die Ordensbrüder
es zu einer hohen Kunſt gebracht haben, liebevoll gepflegt. Auch
die Goldſchmiedekunſt floriert im Orden, ebenſo wie die Kunſtſtickerei
bei den Benediktinerinnen. Das nach den Forſchungen von Mfgr.
Wilpert gezeichnete Labarum (die Standarte) Kaiſer Konſtantins des
Großen ließ ich in natürlicher Größe anfertigen. Ein Exemplar
ſchenkte ich dem Papſte, ein anderes meiner Schloßkapelle in Berlin.
Letzteres iſt in den Revolutionstagen durch den Pöbel aus der Kapelle
geſtohlen worden! Die Metallarbeiten waren ſämtlich von Brüdern,
182
die Stickereien von Schweſtern des Ordens vorzüglich gearbeitet.
Im Jahre 1917 habe ich die Schweſtern in ihrem Kloſter St. Hilde⸗
gardis oberhalb Rüdesheim beſucht.
Mein Brief an Admiral Hollmann war veranlaßt durch die
Erregung, die ein von Prof. Delitzſch in der Deutſchen Orient⸗
Geſellſchaft — deren Vorſtandsmitglied Admiral Hollmann war —
gehaltener Vortrag über „Babel und Bibel“ hervorgerufen hatte.
Der erſte Teil des Briefes, der ſich des näheren mit Prof. Delitzſch's
Ausführungen beſchäftigt, iſt bei dem folgenden Abdruck weggelaſſen
worden.
15. Februar 1903.
Mein lieber Hollmann!
Ich möchte nun noch einmal auf meinen perſönlichen Stand⸗
punkt bezüglich der Offenbarungslehre oder ⸗anſchauung zurück⸗
kommen, wie ich ihn Ihnen, mein lieber Hollmann, und anderen
Herren auch des öfteren ſchon auseinandergeſetzt habe. Ich unter⸗
ſcheide zwei verſchiedene Arten der Offenbarung: eine fortlaufende,
gewiſſermaßen hiſtoriſche, und eine rein religiöfe, auf die fpätere
Erſcheinung des Meſſias vorbereitende Offenbarung.
Zur erſten iſt zu ſagen: Es iſt für mich keinem, auch nicht dem
leiſeſten Zweifel unterworfen, daß Gott ſich immerdar in Seinem
von Ihm geſchaffenen Menſchengeſchlecht andauernd offenbart. Er
hat dem Menſchen „Seinen Odem eingeblaſen“, d. h. ein Stück
von ſich ſelbſt, eine Seele gegeben. Mit Vaterliebe und inter:
eſſe verfolgt Er die Entwicklung des Menſchengeſchlechts, um es
weiter zu führen und zu fördern, „offenbart“ Er ſich bald in
dieſem oder jenem großen Weiſen oder Prieſter oder König, fei
183
es bei den Heiden, Juden oder Chriſten. Hammurabi war einer,
Moſes, Abraham, Homer, Karl der Große, Luther, Shakeſpeare,
Goethe, Kant, Kaiſer Wilhelm der Große. Die hat Er ausge—
ſucht und Seiner Gnade gewürdigt, für ihre Völker auf dem
geiſtigen wie phyſiſchen Gebiet nach Seinem Willen Herrliches,
Unvergängliches zu leiſten. Wie oft hat mein Großvater dieſes
nicht ausdrücklich betont, er ſei ein Inſtrument nur in des Herrn
Hand. Die Werke der großen Geiſter ſind von Gott den Völkern
geſchenkt, damit ſie an ihnen ſich fortbilden, weiterfühlen können
durch das Verworrene des noch Unerforſchten hienieden. Gewiß
hat Gott der Stellung und Kulturſtufe der Völker entſprechend
den Verſchiedenen ſich verſchieden „geoffenbart“, und tut das
auch noch heute. Denn ſo wie wir am meiſten durch die Größe
und Gewalt der herrlichen Natur der Schöpfung überwältigt
werden, wenn wir ſie betrachten, und über die in ihr offenbarte
Größe Gottes bei ihrer Betrachtung ſtaunen, ebenſo ſicherlich
können wir bei ſedem wahrhaft Großen und Herrlichen, was ein
Menſch oder ein Volk tut, die Herrlichkeit der Offenbarung
Gottes darinnen mit Dank bewundernd erkennen. Er wirkt un—
mittelbar auf und unter uns ein!
Die zweite Art der Offenbarung, die mehr religiöſe, iſt die,
welche zur Erſcheinung des Herrn führt. Von Abraham an wird
ſie eingeleitet, langſam aber vorausſchauend, allweiſe und all—
wiſſend, denn die Menſchheit war ſonſt verloren. Und nun be—
ginnt das ſtaunenswerteſte Wirken, Gottes Offenbarung. Der
Stamm Abrahams und das ſich daraus entwickelnde Volk be—
trachten als Heiligſtes mit eiſerner Konſequenz den Glauben an
einen Gott. Sie müſſen ihn hegen und pflegen. In der ägyp—
tiſchen Gefangenſchaft zerſplittert, werden die zerteilten Stücke
von Moſes zum zweiten Male zuſammengeſchweißt, immer noch
beſtrebt, ihren „Monotheismus“ feſtzuhalten. Es iſt das direkte
184
Eingreifen Gottes, das dieſes Volk wiedererſtehen läßt. Und fo
geht es weiter durch die Jahrhunderte, bis der Meſſias, der durch
die Propheten und Pfalmiften verkündet und angezeigt wird, end⸗
lich erſcheint. Die größte Offenbarung Gottes in der Welt!
Denn Er erſchien im Sohne ſelbſt, Chriſtus iſt Gott, Gott in
menſchlicher Geſtalt. Er erlöſte uns, Er feuert uns an, es lockt
uns Ihm zu folgen, wir fühlen Sein Feuer in uns brennen, Sein
Mitleid uns ſtärken, Seine Unzufriedenheit uns vernichten, aber
auch Seine Fürſprache uns retten. Siegesgewiß, allein auf Sein
Wort bauend, gehen wir durch Arbeit, Hohn, Jammer, Elend
und Tod, denn wir haben in Ihm Gottes offenbartes Wort und
Er lügt niemals.
Das iſt meine Anſicht über dieſe Frage. Das Wort iſt ing-
beſondere für uns Evangeliſche Alles durch Luther geworden, und
als guter Theologe mußte doch Delitzſch nicht vergeſſen, daß unſer
großer Luther uns ſingen und glauben gelehrt: „Das Wort ſie
follen laſſen ſtaͤhn!' Es verſteht fi für mich von ſelbſt, daß das
Alte Teſtament eine große Anzahl von Abſchnitten enthält, welche
rein menſchlich hiſtoriſcher Natur ſind und nicht „Gottes geoffen—
bartes Wort“. Es ſind rein hiſtoriſche Schilderungen von Vor—
gängen aller Art, welche ſich in dem Leben des Volkes Iſrael
auf politiſchem, religiöſem, ſittlichem und geiſtigem Gebiet des
Volkes vollziehen. Wie z. B. der Akt der Geſetzgebung am Sinai
nur ſymboliſch als von Gott inſpiriert angeſehen werden kann,
als Moſes zu einer Auffriſchung vielleicht altbekannter Geſetzes—
paragraphen (möglicherweife dem Kodex Hammurabi's entſtammend)
greifen mußte, um das in ſeiner Zuſammenſetzung lockere und
wenig widerſtandsfähige Gefüge ſeines Volkes zuſammenzufaſſen
und zu binden. Hier kann der Hiſtoriker aus Sinn oder Wort-
laut vielleicht einen Zuſammenhang mit den Geſetzen Hammurabi's,
des Freundes Abrahams, konſtruieren, der logiſch vielleicht richtig
185
wäre, das würde aber niemals der Tatſache Eintrag tun, daß
Gott Moſes dazu angeregt und inſofern ſich dem Volke Iſrael
geoffenbart hat.
Daher iſt meine Auffaſſung, daß unſer guter Profeſſor hin—
fürder lieber die Religion als ſolche bei feinen Vorträgen in un⸗
ſerer Geſellſchaft anzuführen und zu behandeln vermeidet, dagegen,
was die Religion, Sitten etc. der Babylonier etc. in Beziehung
zum Alten Teſtament bringt, ruhig ſchildern möge. —
Für mich ergibt ſich daraus die nachſtehende Schlußfolgerung:
a) Ich glaube an Einen, Einigen Gott.
b) Wir Menſchen brauchen, um ihn zu lehren, eine Form, zu—
mal für unſere Kinder.
c) Dieſe Form iſt bisher das Alte Teſtament in ſeiner jetzigen
Überlieferung geweſen. Dieſe Form wird unter der Forſchung
und den Inſchriften und Grabungen ſich entſchieden weſentlich
ändern, das ſchadet nichts, auch daß dadurch viel vom Nim⸗
bus des auserwählten Volks verloren geht, ſchadet nichts.
Der Kern und Inhalt bleibt immer derſelbe, Gott und Sein
Wirken!
Nie war Religion ein Ergebnis der Wiſſenſchaft, ſondern ein
Ausfluß des Herzens und Seins des Menſchen aus feinem Vers
kehr mit Gott.
Mit herzlichſtem Dank und vielen Grüßen
ſtets Ihr treuer Freund
gez.: Wilhelm J. R.
186
rn
Heer und Flotte
e
*
I engen Beziehungen zur Armee find befannt. Ich folgte
auf dieſem Gebiet der Überlieferung meines Hauſes. Preußens
Könige ſind nicht kosmopolitiſchen Phantaſien nachgejagt, ſondern ſie
haben erkannt, daß der Wohlſtand eines Landes nur gedeihen kann,
wenn eine reale Macht Gewerbefleiß und Handel ſchützt. Wenn ich in
manchen Kundgebungen die Mahnung ausſprach, „das Pulver trocken“,
„das Schwert ſcharf“ zu halten, ſo war das gleicherweiſe an die
Adreſſe von Feind und Freund gerichtet. Der Feind ſollte es ſich
dreimal überlegen, bevor er mit uns anzubinden wagte. Im deutſchen
Volke wollte ich männlichen Geiſt pflegen. Die Stunde, in der wir
die Früchte unſeres Fleißes gegen feindliche Eroberungsluſt zu ver—
teidigen haben würden, ſollte ein ſtarkes Geſchlecht finden.
Daneben habe ich die erzieheriſche Aufgabe des Heeres hoch ge—
wertet. Die allgemeine Wehrpflicht wirkt in einem Maße, wie nichts
anderes, ſozial. Sie bringt Reiche und Arme, Söhne von Land
und Stadt zuſammen. Sie ließ die jungen Leute, deren Lebenswege
ſonſt weit auseinander gehen, ſich gegenſeitig kennen und verſtehen
lernen. Das Gefühl, einem Gedanken zu dienen, einte ſie. Und
was haben wir aus unſerer männlichen Jugend gemacht! Aus
blaſſen Stadtjungeng wurden ſtramme, geſunde, ſportgeſtählte Männer;
durch ſchwere Arbeit ſteif gewordene Glieder wurden gewandt und
elaſtiſch.
189
Ich bin— um das bekannte Wort des Königs Friedrich Wil
helm III. zu gebrauchen — vom Brigadekommandeur gleich König
geworden. Bis dahin habe ich die Stufenleiter der Offtzierlaufbahn
durchgemacht. Gern denke ich heute noch daran zurück, mit welchem
Stolze ich am 2. Mai 1869 bei der Frühjahrsparade vor meinem
Großvater zum erſten Male in Reih und Glied ſtand. Die Be—
ziehungen zum einzelnen Manne ſind mir immer wertvoll geweſen.
Deshalb ſchätzte ich die Dienſtſtellungen, in denen ich dieſe Beziehungen
pflegen konnte, beſonders hoch. Meine Tätigkeit als Kompagnie⸗,
Eskadron- und Batterie-Chef ſowie als Regimentskommandeur iſt
mir unvergeßlich.
Bei meinen Soldaten habe ich mich heimiſch gefühlt. Mein un—
eingeſchränktes Vertrauen gehörte ihnen. Die ſchmerzlichen Er—
fahrungen des Herbſtes 1918 haben dieſes Vertrauen nicht geſchmälert.
Ich vergeſſe nicht, daß ein Teil des deutſchen Volkes nach den
4 Jahren unerhörter Leiſtungen und Entbehrungen zu krank ge—
worden war, um den Verführungen der äußeren und inneren Feinde
widerſtehen zu können. Die Beſten deckte zudem der grüne Raſen.
Der Reſt war durch die unerhörten, nie für möglich gehaltenen Vor—
gänge der Revolution fo konſterniert, daß er ſich zur Tat nicht auf-
raffen konnte.
Die allgemeine Wehrpflicht war die beſte Schule für die körper—
liche und ſittliche Ertüchtigung unſeres Volkes. Sie ſchuf uns freie,
ihres Wertes bewußte Männer. Aus dieſen Männern ergänzte ſich
ein vortreffliches Unteroffizierkorps, und dieſes wieder lieferte uns
eine Beamtenſchaft, wie ſie in ihrer Tüchtigkeit, Unbeſtechlichkeit und
Pflichttreue kein anderes Volk der Erde aufzuweiſen hatte. Auch
gerade aus dieſen Kreiſen bekomme ich jetzt Zeichen der Treue, die
mir immer wieder wohltun. Meine alte 2. Kompagnie des Erſten
Garderegiments zu Fuß hat in guten und böſen Tagen an dem Er—
gehen ihres alten Hauptmanns teilgenommen. Zuletzt ſah ich ſie
190
geſchloſſen — noch 125 Mann — unter dem braven Feldwebel Hart-
mann bei meinem 25jährigen Regierungsjubiläum 1913.
Das Offizierkorps nahm, entſprechend feiner hohen Aufgabe als
Erzieher und Führer des Volkes in Waffen, eine beſondere Stellung
im Staate ein. Die Selbſtergänzung, die mit der Einrichtung der
Offizierswahl in die Hände der einzelnen Offizierkorps gelegt war,
verbürgte die notwendige Homogenität. Schädliche Auswüchſe von
Kaſtengeiſt waren vereinzelt. Wo ſie ſich fühlbar machten, wurden
fie ſogleich abgeſtellt. Ich habe viel und gern in den Offizierkorps verkehrt
und mich in ihnen als Kamerad gefühlt. — Gewiß war der materia-
liſtiſche Zug unſerer Zeit auch am Offizierkorps nicht ſpurlos vor-
übergegangen. Aber im ganzen muß man ſagen, daß in keinem
anderen Stande Selbſtzucht, Pflichttreue und Einfachheit ſo gepflegt
wurden wie in den Offizierkorps.
Eine Prüfung, wie ſie in keinem anderen Beruf erfolgt, ließ
nur die Tüchtigſten und Beſten in maßgebende Stellungen gelangen.
Die kommandierenden Generale waren Männer von hohem Wiſſen
und Können und — was mehr ſagen will — Charaktere. Es iſt
ſchwer, aus ihrer Zahl einzelne herauszugreifen.
Hat meinem Herzen der Frontſoldat auch immer beſonders nahe
geſtanden, ſo muß ich doch die Schule hervorheben, die der General—
ſtab für das Offizierkorps bedeutete. Ich erwähnte bereits, daß der
Generalfeldmarſchall Graf Moltke es verftanden hatte, ſich durch forg-
fältige Schulung Männer heranzubilden, die nicht nur techniſch auf
der Höhe fanden, ſondern auch zu verantwortungsfreudiger, ſelb—
ſtändiger, weitblickender Tätigkeit befähigt waren. „Mehr fein als
ſcheinen!“ ſteht im Vorwort des „Taſchenbuches für den General—
ſtabsoffizier“. Zu dieſer Ausbildung hat der Feldmarſchall Graf Moltke
den Grund gelegt. Seine Nachfolger, Graf Walderſee, der geniale
große Graf Schlieffen und der General v. Moltke haben auf dieſer
Grundlage weiter gebaut. Das Ergebnis war der Generalſtab, der
191
im Kriege unerreichte Leiſtungen vollbracht hat, auf die die Welt
mit Bewunderung blickt.
Früh erkannte ich, daß die denkbar größte Ausgeſtaltung unſerer
hochentwickelten Technik ein unentbehrliches Hilfsmittel war und
koſtbares Blut ſparen würde. Wo immer ich konnte, habe ich an
der Vervollkommnung unſerer Bewaffnung gearbeitet und die Maſchine
in den Dienſt der Truppe geſtellt.
Von Neuſchöpfungen ſteht in vorderſter Linie die ſchwere Artillerie
des Feldheeres, bei deren Schaffung ich ſeinerzeit große Wider—
ſtände — und merkwürdigerweiſe beſonders in den Reihen der Ar—
tillerie — zu überwinden hatte. Es iſt mir eine große Genugtuung,
ſie durchgeſetzt zu haben. Sie hat für die Führung der Operationen
im großen Stil die Grundlage geſchaffen. Es währte lange, bis
unſere Gegner den Vorſprung, den wir auf dieſem Gebiet hatten,
einholen konnten.
Zu nennen iſt weiter das Maſchinengewehr, das ſich aus be—
ſcheidenen Anfängen zum Rückgrat der infanteriſtiſchen Kampfkraft
entwickelt hat. Der Erſatz des Einzelgewehrs durch die Maſchine
vervielfachte die Feuerkraft unter gleichzeitiger Verminderung der
Verluſte.
Nicht unerwähnt laſſen will ich auch die Einführung der fahr—
baren Feldküche, die ich zuerſt gelegentlich eines Manövers in der
ruſſiſchen Armee geſehen hatte. Sie war für die Erhaltung der
Schlagfähigkeit des Heeres von größter Bedeutung, da die Mög—
lichkeit ausreichender Ernährung unſere Mannſchaft friſch und ge—
ſund erhielt.
Alles Menſchenwerk bleibt Stückwerk. Aber man kann ohne
Übertreibung ſagen, daß die deutſche Armee, die 1914 ins Feld
zog, ein Inſtrument darſtellte, das ſeinesgleichen nicht gehabt hat.
Fand ich bei meinem Regierungsantritt die Armee in einer Ver—
faſſung, bei der auf der vorhandenen Grundlage nur weitergebaut
192
zu werden brauchte, ſo war damals noch die Marine in der erſten
Entwicklung begriffen.
Nachdem alle erdenklichen Verſuche des Staatsſekretärs Admiral
Hollmann, den widerſpenſtigen Reichstag zu einer langſam ſich ent—
wickelnden, ſyſtematiſchen Verſtärkung der deutſchen Seemacht zu be—
wegen, geſcheitert waren, vornehmlich an den billigen Schlagworten
des Abgeordneten Richter und an der Verſtändnisloſigkeit der durch
fie betörten Linksliberalen, bat er mich um feine Entlaſſung. Ich
gewährte ſie ihm mit Bewegung, da mir der ſchlichte, treue Mann,
der Sohn einer echten, guten Berliner Bürgerfamilie, mit ſeinem
aufrichtigen Charakter, ſeinem Pflichtbewußtſein und ſeiner Anhäng—
lichkeit wert geworden war. Mein auf dieſer Wertſchätzung beruhen—
des Verhältnis zu ihm hat bis zu des Admirals plötzlichem Tode
noch viele Jahre hindurch weiter beſtanden und mich oft veranlaßt,
den treuen Mann mit dem prächtigen Berliner Witz ſowohl in ſeinem
Hauſe aufzuſuchen und dort mit den Herren des Vorſtands der Deut—
ſchen Orient-Geſellſchaft zu verkehren, wie auch ihn im kleinen Kreife
bei mir zu ſehen oder als geſchätzten Reiſebegleiter mitzunehmen. Er
iſt einer der treueſten meiner Getreuen geweſen, ſich ſtets gleichbleibend
in ſeiner Selbſtloſigkeit, niemals etwas für ſich verlangend. Glücklich
die Stadt, die ſolche Bürger hervorbringen kann! Ich bewahre die—
ſem bewährten Vertrauten ein dankbares Andenken.
Admiral Tirpitz wurde Hollmanns Nachfolger. Er war bei
ſeinen erſten Vorträgen, die den Grund zum erſten Flottengeſetz
legten, mit mir vollkommen darüber im reinen, daß der Flotten—
bau auf die bisherige Art und Weiſe im Reichstage nicht zur An—
nahme zu bringen ſei. Wie ſchon hervorgehoben, war die Oppoſition
unüberzeugbar. Der Ton, in dem die von Richter geführten Debatten
ſich abſpielten, war des Ernſtes des Gegenſtandes unwürdig. Es
ſei daran erinnert, daß die durch die Polen unter Herrn v. Koſcielski
durchgebrachte Korvette im Haufe ſpottweiſe „Koscielska“ getauft
13 Kaiſer Wilhelm II. 193
wurde. Man entblödete ſich nicht, mit Spott zu operieren, während
es ſich um die Zukunft des Vaterlandes handelte. Das mußte
anders werden. Der Vertreter der Marine mußte ſowohl am Re⸗
gierungstiſch wie im Haufe eine geſchloſſene Phalanx hinter ſich
haben, die ſich aus Überzeugung energiſch für ihn und die Sache
einſetzte. Deshalb war es nötig, daß die in rebus navalibus noch
ziemlich unkundigen Reichsboten erſt einmal mit den Einzelheiten
der großen Aufgabe vertraut gemacht wurden. Ferner galt es, eine
allgemeine Bewegung im Volke auszulöſen, das noch gleichgültige
„große Publikum“ für die Marine zu intereſſieren und zu erwärmen,
damit aus dem Volke ſelbſt heraus ein Druck auf die Abgeordneten
erfolgte. Dazu war eine energiſche Propaganda durch eine gut or⸗
ganifierte und geleitete Preſſe ſowie durch bedeutende Männer der
Wiſſenſchaft von den Univerſitäten und Techniſchen Hochſchulen
erforderlich.
Die ganze Behandlung der Materie im Reichstage mußte von
Grund aus geändert werden. Die Zänkereien über einzelne Schiffe
und Docks mußten wegfallen. Beim Militäretat wurde ja auch
nicht über den Beſtand der Armee verhandelt, wenn nicht Neufor-
mationen in Frage ſtanden. Daher mußte auch der Beſtand der
Flotte, wie der der Armee, ein für allemal geſetzlich fixiert und da⸗
durch ihre Daſeinsberechtigung anerkannt und geſchützt werden, ihre
Einheiten mußten ein für allemal der Debatte entzogen ſein. Ferner
mußten ſowohl das Offizier- wie das Unteroffizierkorps verſtärkt
und ausgebildet werden, um für den Dienſt auf den neuen Schiffen
bereit zu fein. Im Anfang meiner Regierung traten jährlich höch⸗
ſtens 60 - 80 Kadetten ein, in den letzten Jahren vor dem Kriege
meldeten ſich mehrere Hundert zum Eintritt. Zwölf koſtbare Jahre
waren durch das Verſagen des Reichstags verloren. Sie waren nicht
wieder einzubringen, da eine Flotte noch viel weniger als eine Armee
im Handumdrehen geſchaffen werden kann.
194
Das Ziel, deſſen Erreichung erftrebt werden follte, war in dem
Paſſus des Geſetzes enthalten, der den „Riſikogedanken“ zum Aus druck
brachte. Auch die ſtärkſte gegneriſche Flotte ſollte es ſich ernſtlich
überlegen, ehe ſie ſich mit der deutſchen einließ, aus Rückſicht auf die
durch den Kampf zu befürchtenden ſchweren Verluſte, die den Gegner
in die Gefahr brachten, für andere Aufgaben zu ſchwach zu werden.
Beim Skagerrak hat der „Riſikogedanke“ ſich glänzend bewährt.
Der Feind hat trotz ſeiner ungeheuren Überlegenheit keine zweite
Schlacht mehr gewagt. Trafalgar war ſchon verblaßt, ſeine Lor⸗
beeren durften nicht ganz zerzauſt werden.
Als Grundlage für das Flottengeſetz wurde die Zahl der vor=
handenen Einheiten (Schiffe) — es handelte ſich vornehmlich um
Linienſchiffe — genommen, obwohl dieſe mit Ausnahme der vier
Schiffe der Brandenburg⸗Klaſſe nicht viel mehr als altes Eiſen wert
waren.
Das Flottengeſetz iſt von vielen Laien als eine Flottenvermeh⸗
rung — den Zahlen nach — angeſehen worden. In Wirklichkeit war
das ein Trugſchluß. Denn die ſogenannte beſtehende Flotte war
überhaupt gar keine Flotte mehr, ſie ſtarb — wie Hollmann bei
ſeinem Abgange ſagte — langſam an Altersſchwäche dahin, ſie wies
faft die älteſten Schiffe auf, die ſich in ganz Europa noch im aktiven
Dienſte befanden.
Als nun das Flottengeſetz allmählich wirkſam wurde, eine rege
Bautätigkeit einſetzte und Stapelläufe regiſtriert wurden, da freuten
ſich die Leute, die von der „rage du nombre“ beherrſcht waren,
über die wachſende Zahl der Schiffe. Als ihnen aber dann klar
gemacht werden mußte, daß, wenn die neuen Schiffe erſt fertig ſeien,
die alten ſofort ausfallen müßten, ſo daß de facto die Zahl der
Schiffe mit Kampfwert ſich zunächſt nicht vermehrte, waren ſie ent⸗
täuſcht. Wären in den verlorenen 12 Jahren rechtzeitig die not⸗
wendigen Schiffbauten ausgeführt worden, ſo hätte das Flotten⸗
13% 195
gefeg eine ganz andere, brauchbare Baſis vorgefunden. Wie die
Dinge ſetzt lagen, handelte es ſich tatſächlich um einen völligen Neu—
bau der ganzen deutſchen Flotte überhaupt, die hohe Zahl der Schiffe,
bei der die notwendig auszurangierenden mitgezählt wurden, war
bloß Schein. Darum errechneten ſich die Engländer, die nur zählten
— weil das für die Propaganda gegen Deutſchland paßte —, nicht
aber Alter oder Typ der Schiffe berückſichtigten, eine viel zu hohe
Schiffszahl und nährten durch ſolche irreführende Angaben künſtlich
die ſogenannte Sorge vor dem Wachſen der deutſchen Flotte.
Admiral Tirpitz ging nun nach dem von mir genehmigten Pro—
gramm ans Werk. Mit eiſerner Energie und rückſichtsloſem Einſatz
ſeiner Kräfte und Geſundheit wußte er bald Fluß und Schwung in
die Flottenfrage zu bringen. Auf meinen Befehl begab er ſich auch
mit dem Entwurf zum Flottengeſetz nach Friedrichsruh zum Fürſten
Bismarck, um dieſen von der Notwendigkeit einer deutſchen Seemacht
zu überzeugen.
Die Preſſe wirkte zur Vorbereitung der Einbringung des Flotten—
geſetzes eifrig mit, und Nationalökonomen, Handelspolitiker uſw.
ſtellten ihre Federn in den Dienſt der großen vaterländiſchen Sache,
deren Notwendigkeit nun doch allmählich in weiten Kreiſen erkannt
wurde.
Inzwiſchen halfen auch die Engländer — wenn auch gänzlich un—
beabſichtigt — mit, die Chancen für die Annahme des Flottengeſetzes
zu vergrößern. Der Burenkrieg war ausgebrochen und hatte im
deutſchen Volke große Sympathien für den kleinen Staat und Ent—
rüſtung über ſeine Vergewaltigung ausgelöſt. Da kam die Nach—
richt von der gänzlich unberechtigten Aufbringung zweier deutſcher
Dampfer an der oſtafrikaniſchen Küſte durch engliſche Kriegsſchiffe.
Die Empörung war allgemein. Die Nachricht vom Aufbringen des
zweiten Dampfers erhielt der Staatsſekretär Graf Bülow gerade
als Tirpitz und ich zufällig bei ihm waren. Sobald Bülow die
196
Depeſche vorgeleſen hatte, zitierte ich das alte engliſche Sprichwort:
It's an ill wind that blows nobody good«*), und Tirpitz rief aus:
„Jetzt haben wir den Wind, den wir brauchen, um unſer Schiff
in den Hafen zu bringen, das Flottengeſetz geht durch. Euere
Maſeſtät müßten dem engliſchen Kommandanten noch einen Orden
verleihen, zum Dank für die Durchbringung des Flottengeſetzes.“
Der Reichskanzler beſtellte Sekt, und ſo tranken wir drei mit Dank
an die engliſche Marine, die ſich ſo hilfreich erwieſen, in hellem Ver—
gnügen auf das Geſetz, ſeine Annahme und die zukünftige deutſche
Flotte.
Viele Jahre ſpäter ſpeiſte ich auf der Rückreiſe von Lowther
Caſtle, wo ich beim Lord Lonsdale zur Jagd geweſen war, auf Ein—
ladung von Lord Roſebery — dem großen liberalen Politiker und
früheren auswärtigen Miniſter, auch bekannten Napoleonforſcher —,
in deſſen ſchönem, nicht weit von der gewaltigen Forthbrücke am Meer
gelegenen Landhaus Dalmeny Caſtle. Unter den Gäſten befand ſich
u. a. der aus dem Burenkrieg bekannte General Sir Jan Hamilton
(ein Schotte), den ich im Kaifermanöver als Gaſt kennen gelernt
hatte, der Lord Provoſt (Bürgermeiſter) von Edinburg und ein
Kapitän der engliſchen Flotte, der Kommandant der dortigen Naval
Station war.
Letzterer ſaß neben Admiral Freiherrn v. Senden mir ſchräg
gegenüber und fiel mir durch ſein merkwürdig verlegenes Weſen auf,
das er während feiner halblaut mit dem Admiral geführten Kon—
verſation an den Tag legte. Nach Tiſch ſtellte Freiherr v. Senden
mir den Kapitän vor, wobei dieſer vor Verlegenheit ſich noch lin—
kiſcher benahm und durch den unruhigen Ausdruck ſeiner Augen in
ſeinem blaſſen Geſicht meine Aufmerkſamkeit erweckte. Nachdem die
Unterhaltung über verſchiedene maritime Dinge beendet war, fragte
*) „Kein Wind iſt fo ſchlecht, daß er nicht irgend jemand etwas Gutes brächte.“
197
ich den Freiherrn v. Senden, was eigentlich mit dem Manne los
ſei. Der Admiral lachte und ſagte, er habe bei Tiſch aus ſeinem
Nachbarn herausgebracht, daß er der Kommandant geweſen ſei, der
die beiden deutſchen Dampfer im Burenkrieg gekapert habe, nun
habe er Angſt, daß ich das erfahren könne. Senden habe ihm aber
geſagt: da irre er ſich total, wenn Seine Majeftät erfahren würde,
wer er fei, dann könne er ſicher darauf rechnen, daß er ſehr gut be=
handelt und noch Dank ernten werde. „Dank? Wofür?“ lautete des
Briten Frage. „Dafür, daß Sie dem Kaiſer das Zuſtandekommen
des Flottengeſetzes ſo ſehr erleichtert haben!“ —
Eine Hauptſache für die Durchführung des Flottengeſetzes — wie
auch bei allen ſpäteren Novellen und für die ganze Bauentwicklung
überhaupt — war die Frage, ob die deutſche Schiffbauinduſtrie in
der Lage ſein werde, mit dem Programm Schritt zu halten und es
überhaupt durchzuführen. Auch hier ſetzte Admiral v. Tirpitz mit
raſtloſer Energie ein. Die deutſchen Werften gingen, von ihm er-
muntert und angefeuert, mit deutſchem Wagemut getroſt an die große
Aufgabe heran. Sie haben dieſe geradezu glänzend gelöſt und dabei
ihre ausländiſchen Konkurrenten weit überholt. Das vorzügliche
techniſche Können der deutſchen Ingenieure ſowie die beſſere Bil—
dung des deutſchen Arbeiterſtandes kamen hierbei zur vollen Gel—
tung.
Beratungen, Konferenzen, Vorträge bei mir, Dienſtreiſen nach
allen Werften waren für Tirpitz, den unermüdlichen, das tägliche
Brot. Aber die gewaltige Mühe und Arbeit wurde reich belohnt.
Das Volk wachte auf, fing an, über den Wert der Kolonien (eigene
Rohſtoffverſorgung ohne Vermittlung des Auslandes!) und Handels⸗
beziehungen nachzudenken und ſich für Handel, Schiffahrt und
Reederei uſw. zu erwärmen. Die ſpottlüſterne Oppoſition unterließ
ſchließlich ihre Witze. Tirpitz führte ſchlagfertig eine ſcharfe Klinge
im Gefechte, ſpaßte nicht und ließ nicht mit ſich ſpaßen, ſo daß den
198
Gegnern das Lachen verging. Beſonders dem Abgeordneten Richter
erging es übel, als Tirpitz ihn mit einem patriotiſchen Wort aus
den 40er Jahren vom alten Harkort — deſſen Wahlkreis Richter ver⸗
trat — über die Notwendigkeit einer deutſchen Flotte glänzend abführte
und auf den Sand ſetzte. Da lachte die andere Seite des Hauſes.
So kam der große Tag. Das Geſetz ward nach Kampf und
Reden mit großer Maforität angenommen. Der Beſtand der deut⸗
ſchen Flotte war geſichert, der Flottenbau war unter Dach.
Durch Bau und erhöhte Indienſthaltung kam nun bald ein Ge⸗
ſchwader zuſtande. Um dasſelbe zu manövrieren, zu führen und aus⸗
zubilden bedurfte es eines neuen Reglements und Signalbuches,
bei meinem Regierungsantritt war es nur für eine Diviſion — vier
Schiffe — ausgearbeitet, weil damals mehr Einheiten in der deut⸗
ſchen Flotte nicht zuſammenfuhren, d. h. in Dienſt gehalten wurden.
Und ſelbſt dieſe ſtellten im Herbſt außer Dienſt, ſo daß die deutſche
Flotte im Winter (abgeſehen von den Auslandskreuzern) eigentlich
überhaupt nicht exiſtierte. Alle Mühe, die im Sommerhalbjahr
auf die Ausbildung der Mannſchaften, Offiziere, Unteroffiziere, des
Maſchinen⸗ und Heizerperſonals wie auf Takelage und Haltung der
Schiffe verwendet wurde, ging mit der Außerdienſtſtellung im Herbſt
wieder verloren. Im Frühjahr bei der Indienſtſtellung mußte wieder
ganz von vorn angefangen werden. Die Folge davon war, daß
eine Kontinuität in der Ausbildung, ein engerer Zuſammenhang der
Beſatzung untereinander ſowie zum Schiff — mit einem Wort der
„Schiffsgeiſt“ — überhaupt nicht aufrecht zu erhalten war. Nur
bei den Auslandskreuzern, die auf Station waren, war das der
Fall. So befahl ich nach Einbau der nötigen Heizungen u. dgl.
die Indienſthaltung auch für den Winter, was eine wahre Wohltat
für die Entwicklung der Flotte war.
Um die nötige Zahl an Einheiten zuſammen zu bekommen, die für
die Neubearbeitung des Reglements nötig waren, hatte Admiral
199
Tirpitz ſchon früher alle vorhandenen Schifftypen — inkluſive Ka—
nonenboote und Aviſos — in Ermangelung von Linienſchiffen zu
„markierten“ Diviſionen zuſammenziehen und mit ihnen evolutio—
nieren laſſen, ſo daß, als der Nachſchub von Linienſchiffen in Er—
ſcheinung trat, der Grund zum Reglement bereits gelegt war. Dieſes
wurde nun mit größtem Eifer durch Mitwirkung aller beteiligten
Inſtanzen ſtändig weiter ausgebaut und hielt mit dem Wachstum
der Flotte Schritt.
An der Ausgeſtaltung der wichtigen Torpedowaffe wurde mit
Eifer gearbeitet. Es erfüllte uns ſeinerzeit mit freudigem Stolz, daß
eine deutſche Torpedoboots-Diviſion der erſte geſchloſſene Torpedo—
boots⸗Verband war, der die Nordſee durchquerte: Sie fuhr unter
dem Kommando meines Bruders, des Prinzen Heinrich, zu den
Feſtlichkeiten anläßlich des 50 jährigen Regierungsjubiläums der
Königin Victoria (1887).
Auch der Ausbau Helgolands und ſeiner Befeſtigungen zu einem
Stützpunkt für kleine Kreuzer und Torpedoboote, ſowie ſpäter für
U-Boote, wurde in die Hand genommen, nachdem die nötigen
Schutzbauten zur Erhaltung der Inſel von Staatswegen geleiſtet
worden waren, wobei das Reich und Preußen ſich gründlich zankten.
Durch das Wachstum der Flotte wurde die Verbreiterung des
Kaiſer Wilhelm-Kanals erforderlich. Nach energiſchen Kämpfen
ſetzten wir für die neuen Schleuſen die größtmöglichen Abmeſſungen
durch, die der Entwicklung des „Dreadnoughts“ auf lange Zeit Rech—
nung trugen. Hierbei hat die weiſe Vorausſicht des Admirals ſich
glänzend bewährt. Das fand eine unerwartete Beſtätigung durch
einen Fremden. Der Oberſt Goethals, Erbauer des Panamakanals,
erbat durch die amerikaniſche Regierung die Erlaubnis, den Kaiſer
Wilhelm-Kanal und ſeine neuen Schleuſen beſichtigen zu dürfen.
Sie wurde ihm bereitwilligſt erteilt. Nach einem Eſſen bei mir mit
Admiral v. Tirpitz fragte der Admiral den von unſeren Bauten
200
fehr begeiſterten amerikaniſchen Ingenieur nach den Abmeſſungen der
Panamaſchleuſen. Es ergab ſich, daß die Schleuſen des Panama—
kanals bedeutend geringere Abmeſſungen hatten als die des Kaiſer
Wilhelm-Kanals. Auf meine erſtaunte Frage, wie das möglich ſei,
erwiderte Goethals, das Naval-Department habe auf feine Anfrage
die Maße für die Linienſchiffe ſo angegeben. Admiral v. Tirpitz
bemerkte darauf, daß dieſe Maße für die Zukunft bei weitem nicht
ausreichend ſeien und die neueren „Dreadnoughts“ und „Super—
dreadnoughts“ die Schleuſen nicht würden paſſieren können, mithin
werde der Kanal bald für amerikaniſche und andere Großkampf—
ſchiffe unbenützbar ſein. Der Oberſt gab zu, daß dieſer Fall bei
den neueſten auf Stapel geſetzten Typen bereits eingetreten ſei und
gratulierte Seiner Exzellenz, daß er den Mut gehabt hatte, die
großen Schleuſen beim Kaiſer Wilhelm-Kanal anzufordern und durch—
zuſetzen, die er mit Bewunderung und Neid geſehen habe.
Ebenſo wurden die ſehr zurückgebliebenen und veralteten Kaiſer—
lichen Werften (die alten „Klempnerwerkſtätten“, wie Tirpitz ſie
nannte) zu modernen Muſterbetrieben um- und ausgebaut und
auch ihre ſozialen Einrichtungen für das Wohl der Arbeiter muſter—
gültig entwickelt. Nur wer, wie ich, die Entſtehung und Entwicklung
aller dieſer Faktoren, die zum Aufbau — eigentlich Neuſchöpfung
— der Flotte notwendig waren, von den erſten Anfängen an verfolgt
und miterlebt hat, kann ſich ein einigermaßen zutreffendes Bild von
der enormen Arbeitsleiſtung des Admirals v. Tirpitz wie ſeiner ge—
ſamten Behörde machen.
Auch die Behörde Reichsmarineamt war eine Neuſchöpfung.
Seit der Aufhebung des alten „Oberkommandos“ ftanden die beiden
Hauptzweige der Marineleitung: Admiralſtab und Reichsmarineamt,
ſelbſtändig nebeneinander und (wie bei der Armee) unmittelbar unter
dem Oberſten Kriegsherrn, ſodaß ſich keine Zwiſcheninſtanz mehr zwi—
ſchen dem Kaiſer und ſeiner Marine befand.
201
Als Admiral Fiſher für die englifhe Flotte, überfallartig die
Welt überraſchend, mit der „Dreadnought“ einen völlig neuen Typ
erdacht hatte und damit für England endgültig eine unerreichbare
Übermacht geſchaffen zu haben glaubte, der die übrigen Wächte
ähnliches entgegen zu ſetzen nie imſtande ſein würden, waren natur⸗
gemäß alle Marinegemüter in großer Bewegung. Allerdings war
der Gedanke nicht von Fiſher ausgeheckt, ſondern ſtammte — mehr
in Form einer Anregung an die Konſtrukteure der Welt — von
dem berühmten ſtalieniſchen Ingenieur Cuniberti, der eine Entwurfs⸗
ſkizze im Illuſtrierten Flottenatlas von Fred Jane veröffentlicht
hatte. Ich war bei der erſten Beſprechung über die Einführung des
„Dreadnought'“-Typs (Großkampfſchiff) ſeitens Englands fofort mit
Admiral v. Tirpitz darin einig, daß durch ihn ſämtliche „Prä⸗
Dreadnoughts“ entwertet und außer Kurs geſetzt wären, insbeſon⸗
dere die deutſchen Schiffe, die der Abmeſſungen unſerer alten
Schleuſen halber ſtets weſentlich kleiner hatten gehalten werden
müſſen, als die der anderen Flotten, beſonders der engliſchen.
Admiral v. Tirpitz machte darauf aufmerkſam, daß jener Geſichts⸗
punkt natürlich auch für die engliſche Flotte ſelbſt gelte, ſobald die
anderen Staaten Fiſher's Beiſpiel folgen würden. Damit habe
England ſelbſt das ungeheure Prä-Dreadnought-Matertal, auf dem
feine gewaltige Überlegenheit beruhte, entwertet und müſſe nun von
vorn anfangen, eine ganze neue Flotte von Großkampfſchiffen zu
bauen, im Konkurrenzkampf gegen die ganze Welt, die dasſelbe tun
werde. Das werde enorm teuer werden. Und in Großkampfſchiffen
den berüchtigten „Zwei Mächte-Standard“ aufrecht zu erhalten,
werde England ſolche Ausgaben verurſachen, daß es noch mehr wie
bisher neidiſch auf die Neubauten anderer, denen es mißgünſtig ge⸗
ſinnt ſei, ſehen und ſich agitatoriſch gegen ſie wenden werde. Das
gelte beſonders von uns. Das helfe aber nichts. Mit den fetzigen
Typen unſerer Flotte ſeien Großkampfſchiffe nicht mehr zu be—
202
kämpfen, wir feien gezwungen, nolens volens auf dieſem Gebiete
zu folgen. Der Krieg hat Admiral v. Tirpitz durchaus Recht ge⸗
geben. Sämtliche Nichtgroßkampfſchiffe mußten außer Dienſt ges
ſtellt werden.
Als das erſte deutſche Großkampfſchiff in Dienſt geſtellt wurde,
erhob ſich großer Lärm im Britenland. Es wurde allmählich be⸗
kannt, daß Fiſher und ſeine Konſtrukteure feſt darauf gerechnet
hatten, Deutſchland könne keine Großkampfſchiffe bauen. Um ſo
größer war nun die Enttäuſchung. Jene Annahme iſt unverſtänd⸗
lich. Denn ſchon damals hatte der deutſche Schiffbau die großen
Schnelldampfer — an Tonnengehalt unſeren Linienſchiffen weit
überlegen — gebaut, die den engliſchen Linien eine ſchmerzlich fühl—
bare Konkurrenz machten. Unſere Großkampfſchiffe haben ſich beim
Skagerrak den engliſchen Gegnern nicht nur gleichwertig, ſondern
überlegen gezeigt ſowohl an Schwimmfähigkeit wie im Vertragen
von Treffern.
Der U-Bootbau konnte vor dem Kriege leider nicht fo gefördert
werden, wie es meinem Wunſche entſprochen hätte. Einerſeits ſollte
der Marineetat während der Ausführung des Flottengeſetzes nicht allzu
ſehr belaſtet, vor allem aber ſollten erſt noch mehr Erfahrungen ge—
ſammelt werden. Tirpitz war der Anſicht, daß die Typen, mit denen
andere Staaten ihre Verſuche machten, zu klein, nur zur Küftenver-
teidigung geeignet ſeien. Deutſchland müſſe „ſeegehende“, das freie Meer
halten könnende Boote bauen. Dazu ſei ein großer Typ nötig, der
müſſe aber erſt ſyſtematiſch entwickelt werden. Das nahm lange
Zeit in Anſpruch und verlangte viele eingehende Verſuche mit
Modellen. So kam es, daß 1914 zunächſt nur eine geringe Zahl
von ſeefertigen Booten vorhanden war. Immerhin hätte man auch
mit den vorhandenen Kräften noch mehr auf England drücken
können, wenn der Kanzler nicht ſo beſorgt geweſen wäre, England
dadurch zu reizen. Die Zahl und Leiſtungsfähigkeit der Boote iſt
203
dann während des Krieges raſch gewachſen. Bei der Wertung der
Zahlen muß man aber immer beachten, daß im Kriege zu rechnen
iſt: /] in Aktion, /½ auf Hin- und Rückfahrt, / in Reparatur.
Die Leiſtungen der U-Boote haben ſich die Bewunderung der ganzen
Welt und den heißen Dank des Vaterlandes erworben.
Unvergeſſen muß dem Admiral v. Tirpitz die großartig ge—
lungene Schöpfung der Handelskolonie Tſingtau bleiben. Hier be—
währte ſich fein glänzendes Talent für Adminiſtration und Organi—
ſation auf allen Gebieten. Sie haben aus dem Ort, der vorher
faſt unbekannt und ganz bedeutungslos war, einen Handelsplatz
geſchaffen, der in wenigen Jahren einen Handelsumſatz von 50 bis
60 Millionen bewältigte.
Der aus ſeiner amtlichen Stellung ſich ergebende Verkehr mit
Parlamentariern, der Preſſe und den Kreiſen der Großinduſtrie
und des Welthandels erhöhte mit der Zeit das Intereſſe des
Admirals an politiſchen Vorgängen, insbeſondere an den auswär—
tigen Fragen. Bei ſolchen mußte ſa immer mit der Verwendung
von Schiffen gerechnet werden. Der klare Weitblick des das Aus—
land von ſeinen Reiſen kennenden Seemanns befähigte Tirpitz zu
raſchen Entſchlüſſen, die ſein feuriges Temperament gern ſchnell in
die Tat umgeſetzt ſehen wollte. Der Widerſtand und das lang—
ſame Arbeiten der Beamtengeiſter vermochten ihn ſtark zu reizen.
Eine gewiſſe, durch mancherlei Erfahrungen vielleicht beſtärkte, Neigung
zum Mißtrauen verführte ihn öfters dazu, berechtigten oder unbe—
rechtigten Verdacht gegen einzelne Menſchen zu hegen. Das gab
Tirpitz etwas ſtark Zurückhaltendes in ſeinem Weſen und „hemmte
des Herzens freudige Bewegung” bei anderen. Auch konnte er,
wenn er auf Grund neuer Überlegungen oder neuer Tatſachen ſeinen
bisher vertretenen Standpunkt änderte, ſeine neue Anſicht recht ent—
ſchloſſen geltend machen. Daraus reſultierte, daß das Zuſammen—
arbeiten mit ihm ſich nicht immer ganz amön und leicht geſtaltete.
204
Die gewaltigen Erfolge feiner Leiſtungen, auf die er mit Recht ſtolz
war, verliehen ihm ein Gefühl der Macht ſeiner Perſönlichkeit, das
auch ſeine Freunde zuweilen ſpüren mußten.
Während des Krieges gewann die politiſche Ader bei Tirpitz ſo
ſehr die Oberhand, daß es ſchließlich zu Differenzen kam, die letzten
Endes zu ſeinem Ausſcheiden führten. Denn der Reichskanzler
v. Bethmann verlangte die Entlaſſung des Großadmirals mit dem
Hinweiſe, daß die Reichsſtaatsſekretäre feine Untergebenen ſeien,
und daß die Politik von ihm allein geführt werden müſſe.
Schweren Herzens ließ ich dieſen tatkräftigen, willensſtarken
Mann gehen, der meine Pläne in genialer Weiſe durchgeführt hat
und mir ein unermüdlicher Mitarbeiter geweſen iſt. Meines Kaifer-
lichen Dankes wird Tirpitz ſtets ſicher ſein. Es iſt nur zu wünſchen,
daß dieſe Kraft dem in Not und Bedrängnis befindlichen armen
deutſchen Vaterland bald wieder helfend zur Seite ſtehen möge.
Sie wird können und wagen, was viele andere nicht wagen. Jeden—
falls gilt vom Admiral v. Tirpitz das Dichterwort: Höchſtes Glück
der Erdenkinder iſt doch die Perſönlichkeit!
Die Kritik, die der Großadmiral in ſeinem leſenswerten Buche
an mir üben zu müſſen glaubt, kann mein Urteil über ihn nicht
beeinträchtigen.
205
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Kriegsausbruch
SI dem Eintreffen der Nachricht von der Ermordung meines
Freundes, des Erzherzogs Franz Ferdinand, gab ich die Kieler
Woche auf und reiſte nach Hauſe, weil ich beabſichtigte, mich zu der
Beiſetzung nach Wien zu begeben. Von dort wurde ich aber gebeten,
von dieſem Vorhaben abzuſtehen. Nachträglich hörte ich, daß hier⸗
für u. a. auch die Rückſicht auf meine perſönliche Sicherheit mitge-
ſprochen habe, die ich natürlich zurückgewieſen haben würde. In
tiefer Sorge über die Wendung, die die Dinge nehmen konnten,
beſchloß ich nun, meine geplante Nordlandreiſe aufzugeben und zu
Haus zu bleiben. Der Reichskanzler und das Auswärtige Amt
waren der entgegengeſetzten Auffaſſung und wünſchten gerade, ich
ſolle die Reiſe ausführen, weil das auf ganz Europa eine beruhigende
Wirkung ausüben werde. Ich habe mich lange dagegen geſträubt,
angeſichts der unſicheren Zukunft mein Land zu verlaſſen. Aber der
Reichskanzler v. Bethmann erklärte mir kurz und bündig, wenn
ich den nun einmal ſchon bekannten Reiſeplan fetzt noch aufgeben
würde, ſo werde das dazu führen, die Lage ernſter erſcheinen zu
laſſen, als ſie bisher ſei, und möglicherweiſe zum Ausbruch des
Krieges beitragen, für den ich dann verantwortlich gemacht werden
könne. Alle Welt warte nur auf die erlöſende Nachricht, daß ich
trotz der Lage ruhig auf Reiſen gegangen ſei. Ich konferierte mit
dem Chef des Generalſtabes darüber, als auch dieſer eine ruhige
Auffaſſung der Lage zeigte und ſelbſt um Sommerurlaub nach Karls—
bad bat, entſchloß ich mich ſchweren Herzens abzufahren.
Der vielbeſprochene ſogenannte Potsdamer Kronrat vom 5. Juli
hat in Wirklichkeit niemals ſtattgefunden. Er iſt eine Erfindung
14 Kaiſer Wilhelm II. 209
Böswilliger. Ich habe ſelbſtverſtändlich vor meiner Abreiſe, wie das
immer zu geſchehen pflegte, einzelne Miniſter empfangen, um mir
über den Stand ihrer Reſſort-Angelegenheiten Bericht erſtatten zu
laſſen. Auch ein Miniſterrat hat nicht getagt, und von Kriegsvor—
bereitungen iſt bei keiner einzigen Beſprechung die Rede geweſen.
Meine Flotte lag, wie auf der Erholungs-Sommerreiſe üblich,
in den norwegiſchen Fjorden. Ich wurde während des Aufenthaltes
in Balholm vom Auswärtigen Amt nur ſpärlich mit Nachrichten
verſehen und war hauptſächlich auf die norwegiſche Preſſe angewieſen,
aus der ich zu erkennen glaubte, daß die Lage ernſter wurde. Ich
telegraphierte wiederholt an Kanzler und Auswärtiges Amt, daß ich
es für ratſam hielte, nach Hauſe zurückzukehren, wurde aber jedes—
mal gebeten, meine Reiſe nicht abzubrechen. Als ich erfuhr, daß
die engliſche Flotte nach der Revue von Spithead nicht ausein—
andergegangen, ſondern konzentriert geblieben war, telegraphierte ich
nochmals nach Berlin, daß ich meine Rückkehr als nötig anſehe. Meine
Auffaſſung wurde dort nicht geteilt. Als mir dann aber aus der
norwegiſchen Preſſe — nicht etwa von Berlin aus — zunächſt das
öſterreichiſche Ultimatum an Serbien und gleich darauf die ſerbiſche
Note an Oſterreich bekannt wurde, trat ich ohne weiteres die Heim—
reiſe an und befahl der Flotte, nach Wilhelmshaven zu gehen. Bei
der Abfahrt erfuhr ich aus norwegiſcher Quelle, daß ein Teil der
engliſchen Flotte heimlich nach Norwegen ausgelaufen ſein ſollte, um
mich (noch im Frieden!) abzufangen.
Es iſt bezeichnend, daß dem engliſchen Botſchafter Sir Edward
Goſchen am 26. Juli im Auswärtigen Amt erklärt wurde, die von
mir aus eigenem Antriebe angetretene Rückreiſe ſei bedauerlich, da
dadurch aufregende Gerüchte entſtehen könnten.
In Potsdam eingetroffen, fand ich den Kanzler und das Aus—
wärtige Amt im Konflikt mit dem Chef des Generalſtabes, weil
General v. Moltke die Anſicht vertrat, der Krieg werde unbedingt
210
ausbrechen, während die beiden erfteren feſt auf ihrer Auffaſſung
beſtanden, es werde nicht dazu kommen, der Krieg würde ſich ver—
meiden laſſen, wenn ich nur nicht mobil machen ließe. Dieſer Streit
dauerte die ganze Zeit über an. Erſt als General v. Moltke mel-
dete, daß die Ruſſen bereits ihre Grenz-Kordon-Häuſer angeſteckt,
die Grenzbahngeleiſe aufgeriſſen und rote Mobilmachungszettel an—
geſchlagen hätten, ging auch den Diplomaten in der Wilhelmſtraße
ein Licht auf. Ihre Widerſtandskraft und ſie ſelbſt brachen zuſammen.
Sie hatten an den Krieg nicht glauben wollen.
Hieraus geht deutlich hervor, wie wenig wir im Juli 1914 auf
den Krieg gefaßt waren, geſchweige denn, daß wir ihn vorbereitet
hätten. Als im Frühjahr 1914 Zar Nikolaus II. von ſeinem Hof—
marſchall über fein Frühjahrs- und Sommer-Programm befragt wurde,
antwortete er: „Je resterai chez moi cette anne, parce que
nous aurons la guerre.”*) (Dieſe Tatſache ſoll dem Reichskanzler
v. Bethmann gemeldet worden ſein, ich habe damals nichts davon
gehört und ſie erſt im November 1918 erfahren.) Das iſt derſelbe
Zar, der mir zu zwei verſchiedenen Malen, in Björkö und in Bal—
tiſch⸗Port, ganz unaufgefordert und für mich überraſchend fein feier—
liches Ehrenwort (word of honour of a sovereign), durch Handſchlag
und Umarmung bekräftigt, gegeben hat: er werde aus Dankbarkeit
für die treue und freundnachbarliche Haltung des Deutſchen Kaiſers
im ruſſiſch⸗japaniſchen Kriege, den England allein Rußland einge—
brockt habe, niemals gegen ihn das Schwert ziehen, wenn etwa
ein Krieg in Europa ausbrechen ſollte, am allerwenigſten als
Bundesgenoſſe von England. Dieſes Land haſſe er, denn es habe
ihm und Rußland zu ſchweres Unrecht angetan, indem es ihm Japan
auf den Hals gehetzt habe.
Zu derſelben Zeit, als der Zar fein Sommerkriegsprogramm aug-
ſprach, beſchäftigte ich mich in Korfu mit Ausgrabungen von Alter-
*) „Ich werde in dieſem Jahre zu Haus bleiben, weil wir Krieg bekommen.“
14: 211
tümern, dann reifte ich nach Wiesbaden und ſchließlich nach Nor—
wegen. Ein Herrſcher, der Krieg will und ihn vorbereitet, um ſeine
Nachbarn zu überfallen, wozu es langer heimlicher Mobilmachungs⸗
vorbereitungen und Konzentrationen bedarf, der befindet ſich nicht
monatelang außer Landes und läßt nicht ſeinen Generalſtabschef auf
Sommerurlaub nach Karlsbad gehen. Die Feinde haben unterdeſſen
planmäßig Vorbereitungen zum Überfall getroffen.
Die ganze diplomatiſche Maſchine bei uns hat verſagt. Man ſah
den heraufziehenden Krieg nicht, weil das Auswärtige Amt mit ſeinem
Standpunkt des „surtout pas d'histoires!“ von dem Gedanken des
Friedens à tout prix dergeſtalt hypnotiſiert war, daß es den Krieg als
mögliches Mittel der Entente-Staatskunſt aus feinen Berechnungen
gänzlich ausgeſchaltet hatte und deshalb die Kriegsanzeichen in ihrer
Bedeutung nicht richtig einſchätzte. Auch hierin liegt übrigens ein
Beweis für die Friedfertigkeit Deutſchlands. Jener Standpunkt des
Auswärtigen Amtes brachte es in einen gewiſſen Gegenſatz zum
Generalſtab und Admiralſtab, die pflichtmäßig warnten und zur Ab—
wehr vorbereiten wollten. Dieſer Gegenſatz hat noch lange nachgewirkt.
Die Armee konnte dem Auswärtigen Amt nicht vergeſſen, daß ſie
durch ſeine Schuld überraſcht worden war. Und die Diplomaten
waren pikiert, daß es trotz ihrer Kunſt zum Kriege gekommen war.
Unzählig ſind die Zeugniſſe dafür, daß ſchon im Frühjahr und
Sommer 1914, als bei uns noch niemand an den Angriff der
Entente dachte, der Krieg in Rußland, Frankreich, Belgien und
England vorbereitet worden iſt. Die weſentlichſten der mir bekannt ge—
wordenen Beweiſe hierfür habe ich in die von mir zufammengeftell-
ten „Vergleichenden Geſchichtstabellen“ aufgenommen. Aus ihrer
großen Zahl möchte ich hier nur einige anführen. Wenn ich dabei
nicht alle Namen nenne, ſo geſchieht das aus begreiflichen Gründen.
Dieſes ganze Material iſt mir natürlich erſt nachträglich, z. T. wäh-
rend des Krieges, größtenteils erſt nach dem Kriege, bekannt geworden.
212
1. Schon im April 1914 begann die Anſammlung von Golo-
reſerven in den engliſchen Banken. Deutſchland dagegen führt noch
im Juli Gold und Getreide aus, auch nach den Entente-Ländern.
2. Im April 1914 berichtet der deutſche Marineattaché in Tokio
Korvettenkapitän v. Knorr: „Er ſei geradezu betroffen über die Ge—
wißheit, mit der dort alles den Krieg der Tripelallianz gegen Deutſch⸗
land in naher Zeit für ſicher halte ... Es liege etwas in der Luft
wie eine Art Beileid über ein noch nicht ausgeſprochenes Todes⸗
urteil.“ |
3. Ende März 1914 hält der General Schtſcherbatſchew, Di-
rektor der Kriegsakademie in Petersburg, an feine Offiziere eine An⸗
ſprache, in der es u. a. hieß: „Der Krieg mit den Dreibundmächten
ſei infolge der gegen Rußlands Intereſſen gerichteten öſterreichiſchen
Balkanpolitik unvermeidlich geworden . .. Höchſtwahrſcheinlich werde
er noch in dieſem Sommer zum Ausbruch kommen. Rußland ſei
die Ehre geworden, ſofort die Offenſive zu ergreifen.“
4. Im Bericht des belgiſchen Geſandten in Berlin über eine aus
Petersburg eingetroffene japanifche Militärmiſſion — April 1914 —
heißt es u. a.: „In den Regimentsmeſſen hatten die japaniſchen Offt⸗
ziere ganz offen von einem nahe bevorſtehenden Kriege gegen Oſter—
reich⸗Ungarn und Deutſchland reden hören. Man ſagte dabei, daß
die Armee bereit ſei, ins Feld zu rücken, und der Augenblick ſei eben⸗
ſo günſtig für die Ruſſen, wie für ihre Verbündeten, die Franzoſen.“
5. Nach den in der Revue des Deux Mondes 1921 veröffent⸗
lichten Denkwürdigkeiten des damaligen franzöſiſchen Botſchafters in
St. Petersburg, Herrn Paléologue, haben am 22. Juli 1914 in
Tſarskoje Selo die Großfürſtinnen Anaſtaſia und Militza zu ihm
geäußert: „Ihr Vater, der König von Montenegro, hätte ihnen in
einem Chiffretelegramm mitgeteilt, »daß wir vor Monatsende (ruſſi⸗
ſchen Stils, alſo vor dem 13. Auguſt neuen Stils) Krieg haben
werden ... Von Oſterreich wird nichts übrig bleiben ... Ihr wer⸗
213
det Elfaß-Lothringen wiedernehmen . .. Unſere Heere werden ſich
in Berlin treffen . .. Deutſchland wird vernichtet werdens.“
6. Der frühere ſerbiſche Geſchäftsträger in Berlin Boghitſche—
witſch berichtet in ſeinem 1919 erſchienenen Buche „Kriegsurſachen“
eine Außerung, die der damalige franzöſiſche Botſchafter in Berlin
Cambon am 26. oder 27. Juli 1914 zu ihm getan habe: „Wenn
Deutſchland es auf einen Krieg ankommen laſſen will, ſo wird es
auch England gegen ſich haben. Die engliſche Flotte wird Ham—
burg forcieren. Wir werden die Deutſchen glatt ſchlagen.“ Boghi—
tſchewitſch ſagt, er habe von dieſer Unterredung die „Gewißheit“ mit—
genommen, daß der Krieg, falls nicht ſchon früher, ſo doch gewiß
bei der Begegnung Poincaré's mit dem ruſſiſchen Kaiſer in Peters—
burg beſchloſſen worden war.
7. Ein hochgeſtellter Ruſſe, Mitglied der Duma und guter
Bekannter von Saſonow, erzählte mir ſpäter von dem geheimen
Kronrat unter Vorſitz des Zaren im Februar 1914, was mir
auch durch andere ruſſiſche, in meinen „Geſchichtstabellen“ auf—
geführte Quellen beſtätigt worden iſt: In dieſem Kronrat hielt
Saſonow einen Vortrag, in welchem er dem Zaren vorſchlug,
Konſtantinopel zu nehmen. Da der Dreibund das nicht zugeben
würde, werde daraus ein Krieg gegen Deutſchland und Oſterreich
folgen. Italien werde von dieſen abfallen, auf Frankreich könne
man unbedingt rechnen, auf England wahrſcheinlich. Der Zar habe
zugeſtimmt und den Befehl gegeben, die nötigen Vorarbeiten zu be—
ginnen. Der ruſſiſche Finanzminiſter Graf Kokowzow hat dagegen eine
Denkſchrift an den Zaren gerichtet — dieſe iſt mir nach dem Breſter
Frieden durch Graf Mirbach mitgeteilt worden —, in der er dem
Zaren ein feſtes Zuſammengehen mit Deutſchland empfahl und vor
dem Kriege warnte, der unglücklich verlaufen und zur Revolution
und zum Sturze der Dynaſtie führen werde. Der Zar iſt dieſem
Rate nicht gefolgt, hat vielmehr den Krieg betrieben.
214
8. Derfelde Herr erzählte mir folgendes: Zwei Tage nach
Kriegsausbruch ſei er zu Saſonow zum Frühſtück geladen geweſen.
Dieſer ſei ihm freudeſtrahlend entgegengekommen und habe ihn, ſich
die Hände reibend, gefragt: „Nun, lieber Baron, ſie müſſen doch
zugeben, daß ich mir den Moment des Krieges vortrefflich gewählt
habe?“ Als der Baron ihn etwas beſorgt fragte, wie denn England
ſich dazu ftellen werde, ſchlug der Minifter lachend auf feine Taſche
und flüſterte dem Baron mit liſtigem Augenzwinkern zu: „Ich habe
etwas in meiner Taſche, was in den nächſten Tagen ganz Rußland
erfreuen und die Welt in Erſtaunen ſetzen wird: ich habe die eng—
liſche Zuſage erhalten, daß England mit Rußland gegen Deutſch—
land gehen wird!“
9. Ruſſiſche Gefangene der ſibiriſchen Korps, die in Oft
preußen gefangen genommen wurden, ſagten aus: Sie ſeien im
Sommer 1913 mit der Bahn in die Umgegend von Moskau trans-
portiert worden, weil dort ein Manöver vor dem Zaren ſtattfinden
ſolle. Das Manöver fand nicht ſtatt. Die Truppen wurden aber
nicht zurückbefördert, ſondern für den Winter in der Umgegend von
Moskau disloziert. Im Sommer 1914 wurden ſie in die Gegend
von Wilna vorgefahren, weil dort ein großes Manöver vor dem
Zaren ſtattfinden ſolle. In und bei Wilna ſeien ſie aufmarſchiert
und dann ſeien plötzlich die ſcharfen Patronen (Kriegsmunition)
ausgegeben und ihnen mitgeteilt worden, nun ſei Krieg gegen
Deutſchland. Warum und weshalb, das wußten ſie nicht zu ſagen.
10. In einem im Winter 1914/15 in der Preſſe veröffentlichten
Bericht eines Amerikaners über feine Reife im Kaukaſus im Früh⸗
jahr 1914 wird erzählt: Als er zu Anfang Mai 1914 im Kaukaſus
eingetroffen fei, ſeien ihm auf feiner Fahrt nach Tiflis lange Ko-
lonnen von Truppen aller Waffengattungen in Kriegsausrüſtung
begegnet. Er habe befürchtet, es ſei im Kaukaſus ein Aufſtand aus—
gebrochen. Als er bei der Paßreviſion in Tiflis ſich bei den Behörden
215
danach erkundigte, erhielt er den beruhigenden Beſcheid, der Kaukaſus
ſei ganz ruhig, er könne reiſen, wohin er wolle, es handle ſich nur um
Übungsmärſche und Manöver. Nach Abſchluß feiner Reife Ende Mat
1914 habe er ſich in einem kaukaſiſchen Hafen einſchiffen wollen, aber
alle Schiffe ſeien derart mit Truppen beſetzt geweſen, daß er nur mit
Mühe noch eine Kafüte für ſich und feine Frau erhalten konnte. Die
ruſſiſchen Offiziere erzählten ihm, ſie würden in Odeſſa landen und
von da in die Ukraine marſchieren zu einem großen Manöver.
11. Der Fürſt Tundutow, Ataman der Kalmückenkoſaken, zwi⸗
ſchen Zaryzin und Aſtrachan reſidierend, vor und während des Krieges
perſönlicher Adjutant des Großfürſten Nikolai Nikolajewitſch, kam
im Sommer 1918 in das Hauptquartier in Bosmont, um Verbin⸗
dung mit Deutſchland zu ſuchen, da die Koſaken keine Slawen und
durchaus Feinde der Bolſchewiken ſeien. Er erzählte, er ſei von
Nikolai Nikolajewitſch vor Kriegsausbruch zum Generalſtab entfandt
geweſen, um den Großfürſten über die dortigen Vorgänge auf dem
laufenden zu halten. Auf dieſe Weiſe ſei er Zeuge des berüchtigten
Telephongeſpräches zwiſchen dem Zaren und dem Chef des General—
ſtabes General Januſchkewitſch geweſen. Der Zar habe unter dem
tiefen Eindruck des ernſten Telegrammes des Deutſchen Kaiſers be—
ſchloſſen, die Mobilmachung zu inhibieren. Er habe Januſchkewitſch
telephoniſch befohlen, die Mobilmachung nicht auszuführen bzw. rück⸗
gängig zu machen. Dieſer habe dieſen klaren Befehl nicht aus⸗
geführt, fondern bei dem Minifter des Auswärtigen Amtes Saſonow,
mit dem er ſeit Wochen in Verbindung geſtanden, intrigiert und
zum Kriege gehetzt habe, telephonifh angefragt, was er nun tun
ſolle. Saſonow habe darauf geantwortet: Der Befehl des Zaren
ſei Unſinn, der General ſolle die Mobilmachung nur ausführen, er
(Safonow) werde den Zaren morgen ſchon wieder herumkriegen
und ihm das dumme Telegramm des Deutſchen Kaiſers ausreden.
Daraufhin meldete Januſchkewitſch dem Zaren, die Mobilmachung
216
fet ſchon im Gange und nicht mehr rückgängig zu machen. Nun
fügte Fürſt Tundutow hinzu: Das war eine Lüge, denn ich habe
ſelbſt neben Januſchkewitſch den Mobilmachungsbefehl auf ſeinem
Schreibtiſch liegen ſehen, er war alſo noch gar nicht abgeſandt.
Bei dieſem Vorgange iſt pſychologiſch intereſſant, daß Zar Niko⸗
laus, der den Weltkrieg vorbereiten half und die Mobilmachung
ſchon befohlen hatte, im letzten Moment noch umſchwenken wollte.
Es ſcheint, daß mein ernſtes warnendes Telegramm ihn zum erſten
Male die ungeheure Verantwortung deutlich erkennen ließ, die er
mit ſeinen kriegeriſchen Maßnahmen auf ſich lud. Deshalb wollte
er die völkermordende Kriegsmaſchine, die er ſoeben in Bewegung
geſetzt hatte, ſtoppen. Das wäre noch möglich, der Friede noch zu
retten geweſen, wenn nicht Saſonow die Ausführung vereitelt hätte.
Auf meine Frage, ob der Großfürſt, der als Deutſchenhaſſer
bekannt war, ſehr zum Kriege gehetzt habe, erwiderte der Fürſt: Der
Großfürſt habe allerdings eifrig für den Krieg gewirkt, aber ein
Hetzen ſei überhaupt überflüſſig geweſen, weil ſowieſo eine ſtarke
Kriegsſtimmung gegen Deutſchland im ganzen ruſſiſchen Offizierkorps
geherrſcht habe. Dieſer Geiſt ſei hauptſächlich aus der franzöſiſchen
Armee auf die ruſſiſchen Offiziere übertragen worden. Man habe
den Krieg eigentlich ſchon im Jahr 1908/09 (Bosniſche Frage)
machen wollen, aber Frankreich ſei damals noch nicht fertig geweſen.
Auch 1914 ſei Rußland eigentlich noch nicht ganz fertig geweſen,
Januſchkewitſch und Suchomlinow hätten den Krieg erſt für 1917
geplant. Aber Saſonow und Iſwolſki ſowie die Franzoſen waren
nicht mehr zu halten. Jene fürchteten die Revolution in Rußland und
den Einfluß des Deutſchen Kaiſers auf den Zaren, durch den der Zar
vielleicht vom Kriegsgedanken abgebracht werden könnte. Die Frans
zoſen aber, die für den Augenblick der engliſchen Hilfe ſicher waren,
befürchteten, England könnte ſich ſpäter auf ihre Koſten mit Deutſch—
land verſtändigen. Auf meine Frage, ob denn der Zar die Kriegs-
217
ſtimmung gekannt und geduldet habe, antwortete der Fürſt: Es fei be=
zeichnend, daß der Zar aus Gründen der Vorſicht ein für allemal ver—
boten habe, deutſche Diplomaten oder Militärattacheg zum Wittag- oder
Abendeſſen im Offizierkorps einzuladen, an denen er perſönlich teilnahm.
12. Beim Vormarſch im Jahre 1914 fanden unſere Truppen in
Nordfrankreich und an der belgiſchen Grenze große Depots (stores)
von engliſchen Soldatenmänteln vor. Nach Ausſage der Einwohner
ſind dieſe Mäntel ſchon in den letzten Jahren im Frieden an Ort
und Stelle niedergelegt worden. Die engliſchen Infanteriſten, die im
Sommer 1914 von uns zu Gefangenen gemacht wurden, hatten meiſt
keine Mäntel und gaben auf die Frage: warum? ganz naiv an: „We
ate to find our great coats in the stores at Maubeuge, Le Quesnoy
etc, in the north of France and in Belgium.“ ) Ebenſo ſtand es mit
den Karten. Es wurden in Maubeuge von unſeren Leuten große Mengen
engliſcher Militärkarten von Nordfrankreich und Belgien gefunden,
Exemplare find mir vorgelegt worden. Die Ortsnamen waren auf
franzöſiſch und engliſch gedruckt und am Rande alle Bezeichnungen
für den Gebrauch der Soldaten überſetzt, z. B. moulin = mill, pont
— bridge, maison — house, ville = town, bois = wood ufw.
Diefe Karten ſtammten aus dem Jahre 1911 und waren in South—
ampton geſtochen. Die Depots waren ſeitens Englands mit der Er—
laubnis der franzöſiſchen und belgiſchen Regierungen ſchon vor dem
Kriege mitten im Frieden angelegt worden. Was wäre wohl in
Belgien, dem „neutralen Lande“, für ein Sturm der Entrüſtung los—
gebrochen, und welchen Lärm hätten England und Frankreich darüber
geſchlagen, wenn wir in Spa, Lüttich, Namur im Frieden Depots
von deutſchen Soldatenmänteln und Karten hätten anlegen wollen! —
Unter den Staatsmännern, die neben Poincaré beſonders zur
Entfeſſelung des Weltkrieges beigetragen haben, dürfte die Gruppe
*) „Wir ſollten unſere Mäntel in den Depots zu Maubeuge, Le Quesnop uſw.
in Nordfrankreich und Belgien vorfinden.”
218
Safonow — Iſwolſki an erfter Stelle ſtehen. Iſwolſki hat, wie man
ſagt, in Paris ſtolz an ſeine Bruſt pochend erklärt: Den Krieg habe
ich gemacht, „Je suis le père de cette guerre.“ “) Delcaſſé hat großen
Anteil an der Schuld für den Weltkrieg, noch größeren Grey als der
geiſtige Leiter der „Einkreiſung“, die er als „Vermächtnis“ ſeines
verſtorbenen Königs getreulich fort- und durchführte. —
Es iſt mir mitgeteilt worden, daß eine weſentliche Rolle bei der
Vorbereitung des gegen die monarchiſchen Mittelmächte gerichteten
Weltkrieges die langjährige, zielbewußte Politik der internationalen
„Großorientloge“ geſpielt hätte. Die deutſchen Großlogen aber
hätten mit zwei Ausnahmen, in denen die nichtdeutſche Finanz herrſcht
und die im geheimen mit dem „Großorient“ in Paris in Verbindung
ſtehen, mit dem „Großorient' keinen Zuſammenhang. Sie ſeien, wie
mir der angeſehene deutſche Freimaurer, der mir dieſen ganzen, mir
bis dahin unbekannten Zuſammenhang meldete, verſichert hat, durch—
aus loyal und treu geweſen. Im Laufe des Jahres 1917 habe in
Paris eine internationale Tagung der Logen des „Großorient“ ftatt-
gefunden, der ſpäter noch eine Beſprechung in der Schweiz gefolgt
ſei. Auf dieſer Tagung ſei nachſtehendes Programm feſtgeſetzt wor—
den: Zerſtückelung von Oſterreich-Ungarn, Demokratiſierung Deutſch—
lands, Beſeitigung des Hauſes Habsburg, Abdankung des Deutſchen
Kaiſers, Rückgabe Elſaß- Lothringens an Frankreich, Vereinigung
Galiziens mit Polen, Beſeitigung des Papſtes und der katholiſchen
Kirche wie überhaupt ſeder Staatskirche in Europa.
Ich bin von hier aus nicht in der Lage, die ſehr gravierenden
Mitteilungen über die Organiſation und das Wirken der Großorient—
logen, die mir nach beſtem Wiſſen und Gewiſſen gemacht wurden,
nachzuprüfen. Geheime und öffentliche politiſche Organiſationen
haben im Leben der Völker und der Staaten wichtige Rollen ge—
ſpielt, ſolange es Geſchichte gibt. Manche haben ſegensreich gewirkt,
*) „Ich bin der Vater dieſes Krieges.“
219
*
die meiſten deſtruktiv, wenn ſie geheime Parolen führen müſſen, die
das Tageslicht zu fürchten haben. Die gefährlichſten derartiger
Bünde umgeben ſich mit dem Vorwande irgendwelcher idealen Be—
ſtrebungen, wie der Pflege der werktätigen Nächſtenliebe, Hilfsbereit⸗
ſchaft für die Schwachen und Armen u. a. m., um unter ſolchem
Deckmantel ihren eigentlichen verborgenen Zielen zuzuſtreben. Es
{ft jedenfalls erforderlich, dem Wirken der Großorientlogen nachzu—
gehen, denn man kann zu dieſer Weltorganiſation endgültig erſt
Stellung nehmen, wenn ſie gründlich erforſcht iſt. —
Auf die kriegeriſchen Operationen will ich in dieſer Schrift nicht
eingehen. Dieſe Arbeit will ich um ſo mehr meinen Offizieren und
den Hiſtorikern überlaſſen, als ich, da ich ohne ſede Akten ſchreibe,
die Darlegung hier nur in ganz großen Umriſſen ausführen könnte.
Wenn ich an die ſchweren vier Kriegsjahre zurückdenke, mit ihrem
Hoffen und Zagen, mit ihren glänzenden Siegen und ihren Ver—
luſten an koſtbarem Blute, ſo ſteht bei mir im Vordergrunde das
Gefühl heißen Dankes und unvergänglicher Bewunderung für die
unvergleichlichen Leiſtungen des deutſchen Volkes in Waffen. Dieſer
Dank gilt in erſter Linie den genialen Führern in dem furchtbaren
Ringen, vor allem dem Generalfeldmarſchall v. Hindenburg, dem
getreuen Eckart des deutſchen Volkes, und ſeinem von ihm unzer—
trennlichen ſtarken Berater, dem General Ludendorff. Mein Dank
für jeden einzelnen meiner wackeren Soldaten iſt aber nicht minder
warm. Beſonders gebührt er denen, die ihre Treue für Kaiſer und
Reich mit ihrem Blute beſiegelt haben.
Wie der Heimat kein Opfer des Ausharrens und der Entbehrung
zu groß war, fo hat das Heer in Abwehr des uns freventlich auf-
gezwungenen Krieges nicht nur die erdrückende Ubermacht von 28
Feindſtaaten abgewehrt. Es hat zu Lande, zu Waſſer und in der
Luft Siege errungen, deren Glanz im Nebel der heutigen Zeit viel⸗
leicht etwas verblaßt erſcheint, im Lichte der Geſchichte aber dereinſt
220
um fo heller ſtrahlen wird. Und damit nicht genug. Wo immer
bei unſeren Bundesgenoſſen Not eintrat — deutſches Eingreifen, oft
mit ſchwachen Truppen, ſtellte ſtets die Lage wieder her und brachte
oft namhafte Erfolge. Deutſche fochten auf allen Kampfplätzen des
ausgedehnten Weltkrieges.
Fürwahr, die heldenmütige Tapferkeit des deutſchen Volkes hätte
ein beſſeres Los verdient, als daß ſie dem tückiſchen Dolchſtoße von
hinten zum Opfer fiel. Es ſcheint deutſches Schickſal zu ſein, daß
Deutſche immer durch Deutſche beſiegt werden. Jüngſt las ich das
leider nicht unberechtigte Wort: In Deutſchland hat jeder Siegfried
ſeinen Hödur hinter ſich. —
Schließlich noch ein Wort über die deutſchen „Kriegsgreuel“
und zwei Beiſpiele dazu!
Nach dem Einrücken in Nordfrankreich habe ich ſofort den Schutz
der Kunſtdenkmäler befohlen. Jeder Armee wurden Kunſthiſto—
riker und Profeſſoren zugeteilt, die umherreiſten und die Kirchen,
Schlöſſer, Burgen uſw. beſichtigten, aufnahmen und beſchrieben.
Unter anderen hat ſich beſonders der Konſervator der Rheinprovinz,
Profeſſor Clemen hervorgetan, der mir im Felde Vortrag über den
Schutz der Kunſtdenkmäler zu halten hatte. Alle Sammlungen in
Städten, Muſeen und Schlöſſern wurden katalogiſtert und numeriert.
Wo ſie durch den Kampf bedroht ſchienen, wurden ſie abtransportiert
und in Valenciennes und Maubeuge in zwei prachtvollen großen
Muſeen zuſammengeſtellt und ſorgſam behütet, bei jedem Stück war
der Name des Beſitzers vermerkt. Die alten Fenſter der Kathedrale
von St. Quentin wurden von deutſchen Soldaten mit Lebens—
gefahr unter engliſchem Granatfeuer herausgeholt. Die Geſchichte
der Zerſtörung der Kirche durch die Engländer iſt durch einen
deutſchen katholiſchen Prieſter beſchrieben, mit Photographien verſehen
veröffentlicht und auf meinen Befehl an den Papſt gefandt worden.
In dem Schloſſe von Pinon, das der Prinzeſſin de Poix ge⸗
221
hört, die bei der Kaiferin und mir in Berlin zu Gaſt gewefen
war, lag das Generalkommando III. Armeekorps. Ich beſuchte das
Schloß und wohnte dort. Vorher waren Engländer einquartiert ge—
weſen. Sie hatten greulich gehauſt. Der kommandierende General
v. Lochow mit feinem Stabe hatte große Mühe, das Schloß nach der
engliſchen Verwüſtung einigermaßen wieder in Ordnung zu bringen.
Ich beſuchte mit dem General die Privatgemächer der Prinzeſſin,
die bis dahin von unſeren Soldaten nicht betreten werden durften.
Ich fand die ganze Garderobe der Prinzeſſin von den engliſchen
Soldaten aus den Schränken geriſſen und ſamt den Hüten auf dem
Boden verſtreut. Ich ließ alle Garderobeſtücke ſorgſam ſäubern, in
die Schränke hängen und verſchließen. Ebenſo war der Schreibtiſch
erbrochen und die Privatkorreſpondenz der Prinzeſſin lag umher.
Auf meinen Befehl wurden alle Briefe geſammelt, eingepackt, ver—
fiegelt in den Schreibtiſch gelegt und eingeſchloſſen. Späterhin fand
man das ganze Tafelſilber im Park vergraben. Wie die Dorf—
bewohner geſtanden, war das ſchon Anfang Juli angeordnet worden.
Alſo hatte die Prinzeſſin ſchon lange vor dem Kriege Kenntnis von
deſſen bevorſtehendem Ausbruch! Ich befahl ſofort die Katalogiſierung
des Silbers und deſſen Aufbewahrung auf der Aachener Bank und
Zurückgabe an die Prinzeſſin nach dem Kriege. Durch den Ober—
hofmarſchall Freiherrn v. Reiſchach ließ ich der Prinzeſſin über die
Schweiz Nachricht über Pinon, ihr Silber und meine Fürſorge für
ihr Eigentum zukommen. Antwort iſt nicht erfolgt. Dagegen hat die
Prinzeſſin in der franzöſiſchen Preſſe einen Brief veröffentlicht des In—
halts: Der General v. Kluck habe all ihr Silberzeug geſtohlen.
Durch meine Fürſorge und die aufopfernde Arbeit der deutſchen
Kunſtgelehrten und Soldaten — teilweiſe unter Gefahr für ihr Leben
— ſind den franzöſiſchen Beſitzern und den franzöſiſchen Städten
Kunſtſchätze im Werte von Williarden erhalten worden. Das taten
die Hunnen, die Boches!
222
—
Der Bapft
und der Frieden
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a Sommer 1917 empfing ich in Kreuznach den Beſuch des
päpſtlichen Nuntius Pacelli, der von einem Kaplan begleitet
war. Pacelli iſt eine vornehme, ſympathiſche Erſcheinung, von
hoher Intelligenz und vollendeten Umgangsformen, das Bild eines
katholiſchen Kirchenfürſten. Er verſteht ſo weit deutſch, daß er
deutſcher Konverſation gut folgen kann, beherrſcht die Sprache aber
nicht fo, daß er fie geläufig ſpricht. Die Konverfatfon war fran⸗
zöſiſch, doch bediente der Nuntius ſich zuweilen einzelner deutſcher
Ausdrücke. Der Kaplan ſprach fließend deutſch und beteiligte ſich —
auch unaufgefordert — an dem Geſpräch, ſobald er befürchtete, daß
der Nuntius zu ſehr von meinen Ausführungen beeinflußt werde.
Sehr bald drehte ſich das Geſpräch um die Frage der Friedens⸗
vermittlung und ⸗herbeiführung, wobei allerhand Projekte und Mög⸗
lichkeiten geſtreift, erörtert und fallen gelaſſen wurden. Schließlich
ſchlug ich vor, der Papſt möge doch ſeinerſeits einen Verſuch machen,
nachdem mein Friedensangebot vom 12. Dezember 1916 in ſo un⸗
erhörter Weiſe zurückgewieſen worden ſei. Der Nuntius meinte,
das werde ſeine großen Schwierigkeiten haben, der Papſt habe ſich
ja bereits bei einigen Anregungen einen Refus geholt. Anderer⸗
ſeits ſei der Papſt ganz verzweifelt über die Schlächterei und denke
unabläſſig darüber nach, wie er dazu helfen könne, die europäifche
Kulturwelt von der Geißel des Krieges zu befreien. Jede Anregung
in dieſer Hinſicht würde dem Vatikan von hohem Wert ſein.
15 Kaiſer Wilhelm II. 225
Ich führte aus, daß der Papſt als oberſter Prieſter aller römiſch—
katholiſchen Chriſten und Kirchen zunächſt verſuchen ſollte, feine
Prieſter in allen Ländern dazu anzuhalten, erſt einmal den Haß
aus den Gemütern zu bannen, der das größte Hindernis für die
Anbahnung des Friedens ſei. Leider gehöre gerade die Geiſtlichkeit
auf ſeiten der Entente in ganz erſchreckender Weiſe zu den Trägern
und Schürern des Haſſes und Kampfes. Ich führte die vielen
Meldungen der Truppen aus dem Anfang des Krieges an, wo
Abbés und Eures mit der Waffe in der Hand gefangen wurden.
Ich wies hin auf die Machinationen des Kardinals Mercier und des
belgiſchen Klerus, deſſen Mitglieder häufig die Spionage leiteten, auf
die Predigt des proteſtantiſchen Biſchofs von London, der von der
Kanzel herab die Baralong-Mörder verherrlichte, u. dgl. Es fei
daher ein großes Werk, wenn es dem Papſt gelänge, in allen am
Kriege beteiligten Ländern die römiſche Geiſtlichkeit einheitlich zur
Verurteilung des Haſſes und zur Empfehlung des Friedens — ſei
es von der Kanzel, ſei es durch Hirtenbriefe — zu veranlaſſen, wie
das ſeitens des deutſchen Klerus bereits geſchehe. Pacelli fand dieſen
Gedanken durchaus glücklich und beachtenswert, nur meinte er, es
werde ſchwer ſein, die verſchiedenen Epiſkopate dazu zu bekommen.
Ich erwiderte, ich könne mir bei der ſtrammen Diſziplin der
Hierarchie der römiſchen Kirche nicht vorſtellen, daß, wenn der
Papſt die Kirchenfürſten feierlich öffentlich auffordern würde, Ver—
ſöhnlichkeit und Achtung des Gegners zu verkünden, der Epiſkopat
irgendeines Landes das verweigern würde. Der Epiſkopat ſei doch
durch ſeine Stellung über den Parteien und weil Verſöhnlichkeit
und Nächſtenliebe Grundvorſchriften der chriſtlichen Religion ſeien,
geradezu verpflichtet, auf deren Befolgung einzuwirken.
Pacelli gab dies zu und verſprach, den Gedanken in ernſtliche
Erwägung zu ziehen und an den Vatikan zu berichten. Im weiteren
Verlauf des Geſpräches kam der Nuntius auf die Frage, wie man
226
——
fih nun, außer dem von mir angeregten rein kirchlichen Schritt, die
Einwirkung des Papſtes auf die Herbeiführung von Friedensmöglich—
keiten denken könnte. Ich wies darauf hin, daß Italien und Oſter—
reich zwei römiſch-katholiſche Staaten ſeien, auf die der Papſt leicht
und nachdrücklich einwirken könne. Der eine Staat ſei ſein Vater—
land und Wohnort, wo er vom Volk verehrt werde und direkten
Einfluß auf die eigenen Landsleute habe. Oſterreich werde von einem
Herrſcher regiert, der ſogar den Titel „apoſtoliſch“ führe, der ſelbſt
wie ſein ganzes Haus unmittelbare Verbindungen mit dem Vatikan
habe und zu den treueſten Söhnen der römiſchen Kirche gehöre.
So meine ich, es müſſe dem Papſt nicht ſchwer fallen können,
wenigſtens zu verſuchen, bei dieſen beiden Ländern den Anfang
zu machen, ſie zum Friedensgeſpräch zu bringen. Das diplomatiſche
Geſchick und der weite Blick des Vatikans ſeien ja weltbekannt.
Sei auf dieſe Weiſe erſt einmal der Anfang gemacht, der doch gute
Chancen böte, ſo würden die anderen Mächte ſich der Einladung
des Vatikans zu zunächſt unverbindlichem Meinungsaustauſch wohl
kaum entziehen können. Der Nuntius meinte, es werde für den
Vatikan ſchwer halten, die ſtalieniſche Regierung dazu zu be—
kommen, da er ja keine direkte Beziehung zu ihr und keine Ein-
wirkung auf ihre Mitglieder beſäße. Vollends eine Einladung zu
Beſprechungen werde die italieniſche Regierung ſich nie gefallen laſſen.
Hier miſchte ſich der Kaplan in das Geſpräch und erklärte einen
ſolchen Schritt des Papſtes für völlig ausgeſchloſſen, da daraus
Folgen entſtehen würden, die für den Vatikan geradezu gefährlich
werden könnten. Die Regierung würde ſofort die „Piazza“ ) gegen
den Vatikan mobil machen, dem dürfe der Vatikan ſich nicht aus—
ſetzen. Als ich dieſem Einwurf keinen Glauben ſchenken wollte, er—
eiferte der Kaplan ſich immer mehr. Ich kennte, meinte er, die
Römer nicht, die ſeien, wenn ſie aufgehetzt wären, ganz ſchrecklich,
*) d. h. „die Straße“ (eigentlich „den Platz“).
15* 227
ſowie die „Piazza in Bewegung käme, werde die Lage unangenehm.
Dann könne man ſich fogar auf einen Sturm auf den Vatikan ge:
faßt machen, durch den der Papſt ſelbſt in Lebensgefahr kommen
könnte. Ich erwiderte, ich kenne den Vatikan doch auch genau, den
könnte keine Volksmenge oder „Piazza“ ſtürmen, außerdem habe der
Papſt eine ſtarke Partei in Geſellſchaft und Volk, die ſofort zu ſeiner
Verteidigung bereit ſtehen werde. Dem ſtimmte der Nuntius zu.
Der Kaplan fuhr ſedoch unbeirrt fort, die Schrecken der „Piazza“
auszumalen und die Gefahren für den Papſt auf das ſchwärzeſte zu
ſchildern. Darauf ſagte ich: Wenn jemand den Vatikan einnehmen
wolle, dann müſſe er ſich erſt eine Batterie ſchwerer Mörſer und
Haubitzen, ſowie Pioniere und Sturmtruppen zu regelrechter Be⸗
lagerung kommen laſſen, alles dies habe aber die „Piazza“ nicht
zur Verfügung. Daher ſei es höchſt unwahrſcheinlich, daß fie etwas
unternehmen werde. Außerdem erwähnte ich, daß ich gehört hätte,
im Vatikan ſei für ſolche Fälle bereits Vorſorge getroffen. Darauf
ſchwieg der Prieſter.
Der Nuntius wendete hier ein, daß es für den Papſt ſchwer ſei,
etwas greifbar Praktiſches für den Frieden zu tun, ohne im welt⸗
lichen Italien Anſtoß zu erregen und Widerſtand zu finden, der ihn
gefährde. Er ſei eben leider nicht frei. Wenn der Papſt eigenes
Land oder wenigſtens einen eigenen Bezirk beſitzen würde, wo er
autonom regieren und frei ſchalten und walten könnte, dann läge
die Situation ganz anders, ſo aber ſei er zu ſehr vom weltlichen
Rom abhängig und könne nicht ſo, wie er wolle. Ich bemerkte:
Das Ziel, der Welt den Frieden zu bringen, ſei ſo heilig und groß,
daß der Papſt unmöglich aus rein weltlichen Gründen ſich davon
abſchrecken laſſen dürfe, dieſe für ihn wie geſchaffene Aufgabe zu
löſen. Gelänge ſie ihm, ſo werde die dankbare Welt gewiß nach
dem Frieden feine Wünſche nach Unabhängigkeit bei der ftalienifchen
Regierung gern unterſtützen. Das machte Eindruck auf den Nuntius,
228
und er meinte, ich hätte doch recht, der Papſt müſſe in der Frage
etwas tun.
Ich machte hierauf den Nuntius auf folgenden Punkt aufmerk⸗
ſam: Der Nuntius werde beobachtet haben, wie die Sozialiſten aller
Länder ſich mit Eifer auf alle mögliche Weiſe bemühten, die
Friedensbeſtrebungen zu fördern. Wir hätten den deutſchen Sozia⸗
liſten ſtets die Erlaubnis gewährt, ins neutrale Ausland zu reiſen,
um auf Kongreſſen die Friedensfrage zu erörtern, da ich der Meinung
ſei, daß ſie die Wünſche und Anſichten kennten, die in den unteren
Volksſchichten verbreitet ſeien. Keinem, der ehrlich und ohne Hinter⸗
gedanken den Frieden zu fördern beabſichtige, werde bei uns ein
Hindernis in den Weg gelegt. Die gleichen Friedenswünſche ſeien auch
bei den Völkern der Entente und unter ihren Sozialiſten verbreitet.
Letztere würden jedoch durch Paßverweigerung daran gehindert, zu den
Kongreſſen im neutralen Ausland zu gehen. Der Wunſch nach
Frieden nehme in der Welt zu. Die Völker würden immer mehr von
ihm durchdrungen, und wenn niemand unter den Regierenden ſich
fände, feine Hand dazu zu bieten — mein Verſuch fei ja leider
geſcheitert —, dann würden die Völker ſchließlich die Sache feibft
in die Hand nehmen. Das werde, wie die Geſchichte beweiſe, nicht
ohne bedenkliche Erſchütterungen und Umwälzungen vor ſich gehen,
von denen die römiſche Kirche und der Papſt nicht unberührt bleiben
würden. Was ſolle ein katholiſcher Soldat ſich denken, wenn er
immer nur von den Bemühungen ſozialiſtiſcher Männer um den
Frieden höre, nie aber von einem Verſuch des Papſtes, ihn aus
der Kriegsnot zu befreien? Tue der Papſt nichts, dann beſtehe die
Gefahr, daß der Friede durch die Sozialiſten erzwungen werde, und
dann ſei es mit der Machtſtellung des Papſtes und der römiſchen
Kirche auch bei den Katholiken vorbei!
Dieſes Argument ſchlug beim Nuntius durch. Er erklärte, daß
er dieſe Auffaſſung ſofort an den Vatikan berichten und ſich dafür
229
einfegen werde, daß der Papſt handeln müſſe. Höchſt beforgt fuhr
der Kaplan wieder dazwiſchen: Der Papſt bringe ſich dadurch in Ge—
fahr, „la Piazza“ werde ihm zu Leibe gehen! Ich erwiderte darauf:
Ich ſei ein Proteſtant, daher in des Kaplans Augen ein Ketzer,
trotzdem müſſe ſch hier folgendes konſtatieren: Der Papſt werde von
der katholiſchen Kirche und Welt als „Statthalter Chriſti auf Erden“
bezeichnet. Ich hätte bei meinem Studium der Heiligen Schrift
mich ernſt und eingehend mit der Perſon des Heilandes befaßt und
mich in fie zu vertiefen geſucht. Nun, der Herr habe jedenfalls
niemals Angſt vor der „Piazza“ gehabt, obgleich ihm kein feſtungs—
artiger Bau mit Garden und Waffen zu Gebote geſtanden habe,
der Herr ſei immer mitten in die „Piazza“ hineingegangen und habe
zu ihr geſprochen und ſchließlich ſei er für dieſe feindliche „Piazza“
in den Kreuzestod gegangen. Und nun ſolle ich glauben, daß ſein
„Statthalter auf Erden“ Angſt haben ſollte, eventuell ein Märtyrer
nach ſeines Herrn Vorbild zu werden, um der blutenden Welt den
Frieden zu bringen, nur wegen der lumpigen römiſchen „Piazza“?
Dazu dächte ich, der Proteſtant, viel zu hoch von einem römiſchen
Prieſter, zumal vom Papſt. Es könne für ihn nichts Herrlicheres
geben, als mit ſeiner ganzen Perſon ſich für die große Sache des
Friedens rückſichtslos einzuſetzen, ſelbſt auf die in weiter Ferne
ſtehende Gefahr hin, dafür ein Märtyrer zu werden!
Mit leuchtenden Augen ergriff der Nuntius meine Hand und
ſagte tiefbewegt: „Vous avez parfaitement raison! C'est le devoir
du Pape, il faut qu'il agisse, c'est par lui que le monde doit £tre
regagne à la paix. Je transmetterai vos paroles a Sa Sainteté.“
Der Kaplan wandte ſich kopfſchüttelnd ab und murmelte vor ſich
hin; „Ah, la Piazza, la Pia
*) „Sie haben durchaus recht. Das tft die Pflicht des Papſtes, er muß handeln,
durch ihn muß die Welt den Frieden wieder erhalten. Ich werde Ihre Anregung
Seiner Heiligkeit wörtlich übermitteln.“
230
Kriegsende
und Abdankung
Nr Tage nad) dem 8. Auguſt 1918 berief ich einen Kron⸗
rat, um Klarheit über die Lage zu gewinnen und die daraus
u ziehenden Schlüſſe für die vom Grafen Hertling zu befolgende
Politik ziehen zu können. Die Oberſte Heeresleitung billigte den
Gedanken, daß der Reichskanzler die Möglichkeit einer Annäherungs⸗
aktion an den Feind ins Auge faſſen ſolle, betonte aber die Not⸗
wendigkeit, zuvor die Siegfriedſtellung zu beziehen und den Feind
dort gründlich abzuſchlagen, dann erſt könne man mit dem Ver⸗
handeln beginnen. Daraufhin wurde von mir befohlen, daß der
Kanzler ſich mit einer neutralen Macht — den Niederlanden — in
Verbindung ſetzen ſolle, um zu erkunden, ob ſie bereit ſei, einen
ſolchen Vermittlungsſchritt zu tun.
Sehr erſchwerend für den über Holland beabſichtigten Schritt
war es, daß Oſterreich zu keinem klaren Einverſtändnis zu bringen
war, ſondern ſeine erbetene Erklärung endlos hinſchleppte. Sogar
eine mündliche Verabredung des Kaiſers Karl mit mir wurde bald
nachher unter Burkans Einfluß von ihm wieder umgeſtoßen. Die
niederländiſche Regierung war von mir ſchon benachrichtigt und hatte
ihre Bereitſchaft erklärt. Inzwiſchen hatte Oſterreich ohne unſer
Wiſſen das erſte Sonderfriedensangebot gemacht und brachte dadurch
den Stein ins Rollen. Kaiſer Karl war wohl unter der Hand
ſchon von ſich aus mit der Entente in Fühlung getreten und längſt
233
entſchloſſen, uns allein zu laſſen. Er handelte nach dem von ihm
zu ſeiner Umgebung geäußerten Plan: „Wenn ich zu den Deutſchen
gehe, dann ſtimme ich ihnen in allem zu, und wenn ich nach Hauſe
komme, dann tue ich, was ich will.“ So kam es, daß meine
Regierung und ich von Wien aus fortgeſetzt getäuſcht wurden,
ohne daß wir etwas dagegen tun konnten, da man von dort immer
durchfühlen ließ: Macht ihr Schwierigkeiten, dann laſſen wir euch
im Stich, d. h. unſer Heer ficht nicht mehr an eurer Seite. Das
aber mußte in der Lage, in der wir uns befanden, aus mili⸗
täriſchen wie politiſchen Gründen wenn irgend möglich vermieden
werden. i
Der Abfall Ungarns und Oſterreichs hat die Kriſis für uns ge—
bracht. Hätte Kaiſer Karl nur drei Wochen länger die Nerven
behalten, dann wäre vieles anders gekommen. Andraſſy hatte aber
— nach ſeinem eigenen Eingeſtändnis — ſchon längſt hinter unſerem
Rücken in der Schweiz mit der Entente verhandelt. Somit glaubte
ſich Kaiſer Karl guter Behandlung ſeitens der Entente ſicher.
Nach unſerem Mißerfolge am 8. Auguſt hatte General Luden—
dorff erklärt, daß er einen militäriſchen Sieg nicht mehr verbürgen
könne. Die Anbahnung von Friedensverhandlungen fei daher not—
wendig. Da es der Diplomatie nicht gelungen war, ausſichtsreiche
Verhandlungen anzuknüpfen, die militäriſche Lage dagegen ſich in—
folge der revolutionären Wühlarbeit noch verſchlechtert hatte, forderte
Ludendorff nunmehr am 29. September an Stelle der Friedens-
verhandlungen die Anbahnung eines Waffenſtillſtandes.
In dieſer kritiſchen Zeit ſetzte in der Heimat eine ſtarke Bewegung
dafür ein, für den nunmehr notwendigen Abſchluß des Krieges eine
neue Regierung zu bilden. Ich konnte mich dieſer Bewegung des—
halb nicht verſchließen, weil es der alten Regierung in den 7 Wochen
vom 8. Auguſt bis Ende September nicht gelungen war, Friedens-
verhandlungen mit Ausſicht auf Erfolg anzubahnen.
234
Inzwifhen waren die von der Front befohlenen Generale
v. Gallwitz und v. Mudra bei mir erſchienen. Sie entwarfen ein
Bild der inneren Lage des Heeres, wobei auch die große Zahl der
Drückeberger hinter der Front, die Fälle von Inſubordination, das
Erſcheinen der roten Flagge in den Urlauberzügen, die aus der
Heimat kamen, u. dgl. erwähnt wurden. Die Generale erblickten
die Haupturſache der vorhandenen Übelftände in der ungünſtigen
Wirkung der in der Heimat herrſchenden Stimmung auf die Truppen.
Der allgemeine Wunſch nach Beendigung des Kampfes und nach
Frieden habe von der Heimat auf die Etappe übergegriffen und
mache ſich auch bereits bei einzelnen Fronttruppenteilen bemerkbar.
Die Generale vertraten die Anſicht, daß die Armee deshalb ſofort
hinter die Antwerpen-Maas-Linie zurückgenommen werden müßte.
Noch am ſelben Tage ſandte ich telephoniſch an den Feldmarſchall
v. Hindenburg den Befehl, ſobald als möglich den Rückzug in die
Antwerpen⸗Maas⸗Linie zu bewirken. Das Zurückgehen des ermüdeten,
aber an keiner Stelle entſcheidend geſchlagenen Heeres in dieſe Stel—
lung bedeutete nur die Einnahme einer weſentlich kürzeren und vom
Gelände vielfach begünſtigten Stellung, die freilich nicht ausgebaut
war. Aber auch an der Somme hatten wir uns in Trichterſtellungen
geſchlagen. Das Ziel mußte fein, die Operationsfreiheit wieder zu
gewinnen, was meines Erachtens keineswegs ausſichtslos war. Hat—
ten wir doch im Laufe des Krieges mehrfach Rückzüge ausgeführt,
um uns in militäriſch günſtigere Lagen zu verſetzen.
Gewiß war das Heer nicht mehr das alte. Namentlich der Er—
ſatz des Jahres 1918 war vielfach von revolutionärer Propaganda
verſeucht und benutzte oft das Dunkel der Nacht, um ſich dem Feuer
zu entziehen und in der Etappe zu verſchwinden. Aber die Mehr—
zahl meiner Diviſionen hat ſich bis zuletzt tadellos geſchlagen, Diſzi—
plin und militäriſchen Geiſt bewahrt. Sie waren dem Feinde an
innerem Gehalt noch immer gewachſen. Denn trotz feiner Ubermacht
235
an Zahl, Geſchützen, Munition, Tanks und Flugzeugen blieben die
feindlichen Truppen ſofort liegen, wenn ſie auf ernſthaften Wider—
ſtand ſtießen. So ſind die Verbände unſerer alten Frontſoldaten
im Recht, wenn fie ſtolz das Motto „Im Felde und zur See un-
beſiegt!“ auf ihr Panier geſchrieben haben.
Was der deutſche Frontkämpfer und damit das deutſche Volk
in Waffen in 4 Kriegsjahren geleiſtet hat, iſt über alles Lob er-
haben. Man weiß nicht, was man mehr bewundern ſoll, die Be—
geiſterung, mit der die herrliche Jugend von 1914, ohne die Wir⸗
kung unſeres Artilleriefeuers abzuwarten, freudig auf den Feind
ſtürmte, oder die entſagungsvolle Pflichttreue und Beharrlichkeit, mit
der unſere Feldgrauen, knapp ernährt und ſelten abgelöſt, Jahr aus,
Jahr ein, in der Nacht ſchippend, am Tage in Unterſtänden, Erd-
höhlen hauſend oder im Granattrichter liegend, dem Stahlgewitter
der feindlichen Artillerie, Flieger und Tanks getrotzt haben. Und
dieſes Heer, das man für abgekämpft hätte halten ſollen, war nach
faſt 4 Kriegsjahren noch zu Angriffserfolgen fähig geweſen, deren
unſere Feinde trotz ihrer Rieſenübermacht ſich nirgends rühmen
konnten. Trotzdem durfte man ihm nicht Übermenſchliches zumuten.
Wir mußten zurückgehen, um Atem ſchöpfen zu können.
Der Feldmarſchall ſträubte ſich gegen den Rückzugsbefehl: aus
politiſchen Gründen (Friedensverhandlungen uſw.) ſolle man noch
ſtehen bleiben, der Rücktransport von Material ufw. müſſe erſt be⸗
werkſtelligt werden uſw. — a
Ich entſchloß mich nunmehr, dem mir ausgeſprochenen Wunſche
des Heeres entſprechend, mich an die Front zu begeben, um mit
meinen im ſchweren Kampfe ſtehenden Truppen zuſammen ſein
und mich perſönlich von ihrem Geiſt und Zuſtand überzeugen zu
können.
Ich konnte dieſen Entſchluß um fo eher ausführen, als ich, feit-
dem die neue Regierung eingeſetzt war, von dieſer wie vom Reichs—
236
kanzler in keiner Weiſe mehr in Anſpruch genommen wurde, mein
Aufenthalt zu Hauſe alſo zwecklos erſchien. Die Noten an Wilſon
wurden von Solf, dem Kriegskabinett und Reichstag in ftunden-
langen Sitzungen beraten und abgefaßt, ohne daß ich darüber orien-
tiert worden wäre, ſo daß ich ſchließlich bei der letzten Note an
Wilſon Solf durch meinen Kabinettschef in ſehr deutlicher Weiſe zu
verſtehen gab, daß ich verlange, von der Note vor ihrem Abgange
Kenntnis zu erhalten. Solf erſchien und trug ſie vor, ſtolz auf ſeine
Antitheſe zwiſchen Waffenſtreckung, die Wilſon's Verlangen war,
und Waffenſtillſtand, der beantragt wurde. Als ich dann auf die
Abdankungsgerüchte aufmerkſam machte und verlangte, das Aus⸗
wärtige Amt müſſe in der Preſſe gegen das Unwürdige der Zeitungs⸗
polemik Stellung nehmen, erwiderte Solf: Davon ſprächen ja doch
ſchon alle Leute an allen Straßenecken, auch in den beſten Kreiſen
erörtere man dieſe Frage ganz ungeniert. Als ich meiner Empörung
darüber Ausdruck verlieh, bemerkte Solf zu meinem Troſt: Wenn
Seine Mafeftät ginge, ginge er auch, er könne unter ſolchen Verhält⸗
niſſen nicht weiterdienen. Ich ging oder vielmehr ich wurde von
meiner eigenen Regierung geſtürzt, und — Herr Solf blieb.
Als der Reichskanzler Prinz Max von meinem Entſchluß zur Ab⸗
reiſe nach der Front erfuhr, verſuchte er, ſie auf alle Weiſe zu ver⸗
hindern. Er fragte, warum ich reiſen wollte, und erhielt zur Ant⸗
wort, daß ich die Rückkehr ins Feld für meine Pflicht als Oberſter
Kriegsherr hielte, nachdem ich faſt einen Monat von der ſchwer⸗
ringenden Armee getrennt geweſen ſei. Auf den Einwurf des Kanz⸗
lers, ich ſei zu Hauſe unentbehrlich, entgegnete ich, wir befänden
uns im Kriege, und der Kaiſer gehöre zu feinen Soldaten. Schließ—
lich erklärte ich endgültig, ich würde reifen. Wenn die Waffenſtill⸗
ſtandsnote Wilſon's eintreffe, dann müſſe fie ja doch im Haupt:
quartier bei der Armee beſprochen werden und der Kanzler zu den
Beratungen nach Spa kommen.
Ich begab mich zu der Armee in Flandern, nachdem ich in Spa
dem Generalſtab nochmals den beſtimmten Befehl gegeben hatte,
ſchleunigſt in die Antwerpen-Maas-Stellung zurückzugehen, damit
die Truppen endlich aus dem Kampfe heraus zur Ruhe kämen.
Trotz der Einwendungen, das brauche Zeit, die Stellung ſei noch
nicht fertig, das Material müſſe erſt zurück uſw., erhielt ich den
Befehl aufrecht. Der Rückzug wurde eingeleitet.
In Flandern ſah ich Abordnungen der verſchiedenen Divifionen,
ſprach mit den Leuten, verteilte Dekorationen und wurde überall
von Offizieren wie Mannſchaften freudig begrüßt. Beſonders be—
geiftert waren die Soldaten eines Kgl. Sächſiſchen Rekrutendepots,
die mir auf dem Bahnhofe, auf dem ich meinen Zug wieder beſtieg,
ſtürmiſche Huldigungen darbrachten. Während ich an Angehörige
der Garde-Erſatz-Diviſion Dekorationen austeilte, flog, von Abwehr—
geſchützen und Maſchinengewehren heftig beſchoſſen, ein feindliches
Bombengeſchwader direkt über uns weg und warf in der Nähe des
Sonderzuges Bomben ab. Die höheren Führer meldeten überein—
ſtimmend: Der Geiſt der Truppe vorn ſei gut und zuverläſſig, weiter
rückwärts bei den Kolonnen ſei das nicht in gleichem Maße der Fall.
Das Schlimmſte ſeien die Urlauber, die zu Hauſe offenbar bearbeitet
und verſeucht worden ſeien und von dort einen ſchlechten Geiſt mit—
brächten. Die jungen Rekruten in den Depots ſeien gut.
In Spa, wohin ich mich nun begab, trafen andauernd Nach—
richten aus der Heimat von der immer heftiger werdenden Agitation
und Stimmung gegen den Kaiſer ein und von der zunehmenden
Schlaffheit und Hilfloſigkeit der Regierung, die ohne Initiative und
Kraft ſich nur noch willenlos treiben ließ. In der Preſſe wurde ſie
fpottend „Debattierklub“ genannt, in führenden Blättern bezeichnete
man den Prinzen Max als „Revolutionskanzler“. Er lag, wie ich
ſpäter erfuhr, über zehn Tage an Grippe zu Bett, unfähig, die
Geſchäfte wirklich zu führen. Exzellenz v. Payer und Solf re—
238
gierten mit dem andauernd tagenden ſogenannten Kriegskabinett das
Deutſche Reich. In ſolch kritiſchen Zeiten durfte meines Erachtens
das gefährdete Staatsſchiff nicht von Vertretern des Reichskanzlers
geſteuert werden. Vertreter können eben nicht die Autorität haben, wie
der verantwortliche Regierungschef. Autorität aber war gerade damals
vonnöten. Es waren, ſoweit es mir bekannt iſt, nicht einmal ſtarke
Vollmachten an den Vizekanzler gegeben worden. Die richtige, d. h.
die pflichtmäßige Löſung wäre die wirkliche Erſetzung des Prinzen
Max als Reichskanzler und die Berufung einer ſtarken Perſönlich—
keit an ſeine Stelle geweſen. Da wir das parlamentariſche Re—
gierungsſyſtem hatten, mußten die Parteien den Wechſel im Kanzler—
amte veranlaſſen und mir einen Nachfolger des Prinzen Max präſen—
tieren. Das iſt nicht geſchehen.
Nun ſetzten Verſuche der Regierung und des Reichskanzlers ein,
um mich zur Abdankung zu bewegen. Der Nlinifter des Innern,
Drews, erſchien im Auftrage des Kanzlers, um mich über die
Stimmung zu orientieren. Er ſchilderte die bekannten Vorgänge
in Preſſe, Hochfinanz und Publikum, und betonte, daß der Reichs—
kanzler zur Abdankungsfrage ſelbſt keine Stellung genommen, ihn
jedoch zu mir geſandt habe. Er ſollte mir alſo quaſi ſuggerieren, ſelbſt
zu dem Schluſſe zu kommen, daß ich abdanken müſſe, damit es nicht ſo
ausſehe, als ob die Regierung einen Druck auf mich ausgeübt hätte. Ich
legte dem Miniſter die verhängnisvollen Folgen der Abdankung dar und
fragte ihn, wie er als preußiſcher Beamter eine ſolche Zumutung mit
ſeinem Beamteneid ſeinem Könige gegenüber glaube vereinigen zu kön—
nen. Drews wurde verlegen und entſchuldigte ſich mit dem Befehl des
Reichskanzlers, der keinen anderen Mann habe finden können. Später
teilte man mir mit, daß Drews einer der erſten Beamten geweſen
iſt, der von der Abdankung feines Herrn und Königs geſprochen hat.
Ich lehnte es ab abzudanken und erklärte, ich werde Truppen
ſammeln und mit ihnen zurückkehren, um der Regierung zu helfen,
239
die Ordnung im Lande aufrecht zu erhalten. Danach wurde Drews
in meiner Gegenwart vom Feldmarſchall v. Hindenburg und General
Gröner empfangen, trug ihnen ſeinen Auftrag vom Reichskanzler
vor und wurde von beiden Herren im Namen der Armee ſehr ſcharf
abgewieſen. Zumal Gröners Kennzeichnung des Prinzen Max war
von einer ſolchen Deutlichkeit, daß ich Drews noch beſchwichtigen
und tröſten mußte. Der Feldmarſchall machte den Miniſter noch
darauf aufmerkſam, daß die Armee im Falle meiner Abdankung nicht
mehr weiterkämpfen, ſondern ſich auflöſen würde, zumal die Mehr⸗
zahl der Offiziere vorausſichtlich den Abſchied nehmen und das Heer
dann ohne Führer ſein würde.
Bald darauf erfuhr ich durch einen meiner Söhne, daß der
Reichskanzler ihn zu bereden verſucht habe, den Auftrag, den dann
Drews übernahm, ſeinerſeits auszuführen. Mein Sohn hat es mit
Entrüſtung abgelehnt, ſeinem Vater die Abdankung vorzuſchlagen
Inzwiſchen hatte ich den Zivilkabinettschef v. Delbrück nach
Berlin geſandt, um dem Kanzler eine allgemeine, auch zur Ver—
öffentlichung beſtimmte Ordre vorzulegen, die meine vom Kanzler
nicht publizierte Anſprache an das Miniſterium erſetzen, breiter be—
handeln und meine Stellung zur Regierung und zur Neuorientierung
vor der Offentlichkeit klarlegen ſollte. Der Kanzler unterließ zunächſt
auch die Veröffentlichung dieſer Ordre. Erſt mehrere Tage ſpäter
hat er ſich veranlaßt geſehen, ſie zuzulaſſen, infolge eines Briefes,
den, wie ich nachher erfuhr, die Kaiſerin ihm geſchrieben hatte. Herr
v. Delbrück meldete mir dann, daß die Ordre in Berlin und in der
Preſſe einen guten Eindruck gemacht, die Lage entſpannt und Be—
ruhigung gebracht habe, ſo daß die Abdankungsidee zu ſchwinden
beginne und ſogar die Rechtsſozialiſten die Verhandlung darüber zu
vertagen beſchloſſen hätten.
In den folgenden Tagen mehrten ſich die Nachrichten, daß in
Berlin von den Sozialiſten Unruhen geplant ſeien, der Kanzler
240
werde immer nervöfer. Der Bericht, den Drews der Regierung
nach feiner Rückkehr von Spa erftattet hat, war nicht ohne Ein⸗
druck geblieben. Die Herren wollten mich wohl los werden, aber
vor den Folgen ſchreckten ſie zunächſt zurück. Ihr Standpunkt war
ebenſo unklar wie ihr Verhalten. Sie taten ſo, als ob ſie keine
Republik wollten, merkten aber gar nicht, daß ihr Handeln gerade—
wegs zur Republik führen mußte. Ihr Verhalten iſt auch vielfach
dahin ausgelegt worden, daß ſie dieſes Ziel direkt im Auge gehabt
hätten. Es gibt viele, die aus dem rätſelhaften Benehmen des
Kanzlers mir gegenüber ſchloſſen, daß er auf meine Beſeitigung
hinarbeite, um ſelbſt Präſident der Deutſchen Republik zu werden,
mit dem Zwiſchenſtadium eines Reichsverweſers. Mit dieſer Unter⸗
ſtellung tut man dem Prinzen Max zweifellos Unrecht. Derartige
Gedankengänge ſind bei einem Angehörigen eines alten deutſchen
Fürſtengeſchlechts ausgeſchloſſen.
General Gröner, der zur Orientierung nach Berlin gefahren
war, meldete nach ſeiner Rückkehr, daß er von der Regierung und
von der Stimmung im Lande recht üble Eindrücke erhalten habe.
Es gehe der Revolution entgegen, die Regierung reiße bloß ein,
ſchaffe nichts Poſitives, das Volk wolle unter allen Umſtänden
endlich Frieden, ganz gleich, wie er ausſähe, die Autorität der
Regierung ſei gleich Null, die Hetze gegen den Kaiſer ſei im vollen
Gange, die Abdankung ſei kaum mehr zu vermeiden. Die Truppen
zu Hauſe ſeien unzuverläſſig, bei Aufſtänden könne man unliebſame
Überraſchungen erleben. Durch die von der Kriminalpolizei be—
ſchlagnahmten Kurierkiſten des ruſſiſchen Bolſchewiki-Botſchafters ſei
ſehr belaſtendes Material darüber zutage gefördert, daß von der
ruſſiſchen Botſchaft aus im Verein mit der Spartakusgruppe ſchon
ſeit langem die Bolſchewiki-Revolution nach ruſſiſchem Muſter in
aller Ruhe gründlich organifiert worden ſei. (Das geſchah mit Wiſſen
des ſtändig gewarnten Auswärtigen Amtes, das aber alle War-
16 gaiſer Wilhelm II. 241
nungen verlachte oder mit dem Bemerken: man dürfe die Bolſche—
wiki nicht reizen, abwies, ſowie unter den Augen der Polizei, der
das Auswärtige Amt andauernd in den Arm fiel.) Durch die ver⸗
ſeuchten Urlauber ſei das Gift bereits in die Armee getragen. Sie
ſei teilweiſe angefreſſen und werde ſich, ſobald ſie durch Waffenruhe
frei geworden ſei, bei Rückkehr in die Heimat weigern, gegen die
Aufſtändiſchen zu kämpfen. Daher müſſe jeder Waffenſtillſtand, ſo
ſchwer ſeine Bedingungen auch ſein möchten, unbedingt und ſofort
angenommen werden, das Heer ſei nicht mehr zuverläſſig und die
Heimat ſtehe vor der Revolution.
Am Morgen des 9. November“) ließ mir der Reichskanzler
Prinz Max von Baden nochmals, wie ſchon am 7., mitteilen, die
Sozialdemokraten, auch die ſozialdemokratiſchen Staatsſekretäre, ver—
langten meine Abdankung. Derſelben Anſicht ſeien nun auch die
übrigen Mitglieder der Regierung geworden, die bisher noch dagegen
geweſen ſeien. Ebenſo ſtehe es bei den Mehrheitsparteien im Reichs-
tage. Er bitte mich daher, ſofort abzudanken, da ſonſt in Berlin
umfangreiche Straßenkämpfe mit Blutvergießen zu erwarten ſeien,
im kleinen hätten ſolche ſchon begonnen.
Ich berief ſofort den Feldmarſchall v. Hindenburg und den
Generalquartiermeiſter General Gröner. Dieſer meldete wiederum,
die Armee könne nicht mehr kämpfen und wolle vor allem Ruhe,
daher müſſe unbedingt ſeder Waffenſtillſtand angenommen werden.
Dieſer müſſe ſobald als möglich abgeſchloſſen werden, da die Armee
nur noch für 6-8 Tage Verpflegung habe und durch die Auf—
rührer, die alle Verpflegungsmagazine und Rheinbrücken beſetzt
hätten, von ſedem Nachſchub abgeſchnitten ſei. Unbegreiflicherweiſe
») Über die Zuſpitzung der Ereigniſſe bis zu dem verhängnisvollen 9. No⸗
vember und über dieſen Tag ſelbſt finden ſich authentifhe Angaben eines Augen-
zeugen in dem leſenswerten Buche des von der Oberſten Heeres leitung zu mir
kommandterten Majors Niemann „Kaiſer und Revolution“ (Berlin 1922).
242
habe die aus Berlin nach Frankreich entſandte Waffenſtillſtands⸗
kommiſſion — Erzberger, Geſandter Graf Oberndorff, General
v. Winterfeldt —, die vorgeſtern abend die franzöſiſchen Linien
paſſierte, bisher keine Mitteilung über den Inhalt der Bedingungen
in das Hauptquartier gelangen laſſen.
Auch der Kronprinz mit ſeinem Chef Graf Schulenburg traf ein
und nahm an der Beratung teil. Während unſerer Beſprechungen
kamen mehrere telephoniſche Anfragen des Reichskanzlers, die ſtark
drängten unter der Mitteilung, daß die Sozialdemokraten aus der
Regierung ausgeſchieden wären und daß Gefahr im Verzuge ſei.
Der Kriegsminiſter meldete: Unſicherheit bei Teilen der Truppen in
Berlin, die 4. Jäger, 2. Kompagnie des Alexanderregiments, 2. Bats
terie Jüterbog ſeien zu den Aufſtändiſchen übergegangen, kein
Straßenkampf.
Den Bürgerkrieg wollte ich meinem Volke erſparen. Falls meine
Abdankung tatſächlich das einzige Mittel war, um Blutvergießen
zu verhindern, ſo wollte ich der Kaiſerwürde entſagen, nicht
aber als König von Preußen abdanken, ſondern als ſolcher bei
meinen Truppen bleiben. Denn die militäriſchen Führer hatten erklärt,
die Offiziere würden im Falle meiner völligen Abdankung in Maſſen
abgehen und das Heer werde dann führerlos auf das Vaterland
zurückſtrömen und es ſchädigen und gefährden.
Dem Reichskanzler war erwidert worden, mein Entſchluß müſſe
erſt reiflich erwogen und formuliert werden. Alsdann werde er
dem Kanzler übermittelt werden. Als einige Zeit ſpäter dieſe Über-
mittelung ſtattgefunden hatte, kam die überraſchende Antwort: ...
mein Entſchluß komme zu ſpät! Der Reichskanzler hatte von ſich
aus meine — noch gar nicht erfolgte — Abdankung ſowie den
Thronverzicht des überhaupt nicht befragten Kronprinzen kurzweg
verkündet. Er hatte die Regierung an die Sozialdemokraten abge—
geben und Herrn Ebert als Reichskanzler berufen. — Das alles
16* 243
war gleichzeitig auch durch Funkſpruch verbreitet worden. Die ganze
Armee las es mit. So wurde mir die Entſcheidung über mein
Bleiben oder Gehen, über das Niederlegen der Kaiſerwürde und
die Beibehaltung der preußiſchen Königskrone kurzweg aus der Hand
genommen. Die Armee wurde durch den fälſchlichen Glauben, daß
ihr König ſie im kritiſchen Zeitpunkte verlaſſen hätte, aufs ſchwerſte
erſchüttert.
Betrachtet man das Verhalten des Reichskanzlers Prinz Max
von Baden im ganzen, ſo ſieht man: Erſt feierliche Erklärung,
ſich mit der neuen Regierung zum Schutze vor den Kaiſerthron zu
ſtellen, dann Unterdrückung der Anſprache, die in der Offentlich—
keit günſtig hätte wirken können, Ausſchaltung des Kaiſers von jeder
Mitarbeit, Preisgabe der Perſon des Kaiſers durch Aufhebung der
Zenſur, kein Eintreten für die Monarchie in der Abdankungsfrage,
dann Verſuche, den Kaiſer zur freiwilligen Abdankung zu bewegen,
und ſchließlich Verkündigung der Abdankung durch Funkſpruch über
meinen Kopf hinweg. Dieſe ganze Entwicklung zeigt das ſtaats—
gefährliche Spiel, das Scheidemann, der den Kanzler ganz in
der Hand hatte, getrieben hat. Er hat feine Miniſterkollegen über
ſeine wahren Abſichten im unklaren gelaſſen, den Prinzen von einer
Stufe zur andern getrieben unter ſchließlicher Berufung darauf,
daß die Führer die Maſſen nicht mehr in der Hand hätten. So hat
er den Prinzen dazu gebracht, den Kaiſer, die Fürſten und das Reich
preiszugeben, und ihn dadurch zum Zerſtörer des Reiches gemacht.
Dann ſtürzte Scheidemann den ſchwachen prinzlichen „Staatsmann“.
Die Lage nach Eintreffen des Funkſpruches war ſchwer. Zwar
waren Truppen im Antransport nach Spa begriffen, um die un—
geſtörte Weiterführung der Arbeit im Großen Hauptquartier zu ge—
währleiſten. Aber die Oberſte Heeresleitung war nunmehr der Auf—
faſſung, daß man nicht mehr unbedingt auf ihre Zuverläſſigkeit rechnen
könne, falls von Aachen und Cöln her aufrühreriſche Soldaten heran—
244
2 A —ůÄC—ꝰ ů ů
——5—— — —¾ . 1k.
rlicken ſollten und unſere Leute dadurch vor die Frage geftellt wür—
den, gegen eigene Kameraden kämpfen zu müſſen. Daher empfahlen
mir meine ſämtlichen Berater, das Heer zu verlaſſen und einen
neutralen Staat aufzuſuchen, um einen ſolchen „Bürgerkrieg“ zu
vermeiden.
Ich habe einen furchtbaren inneren Kampf durchgekämpft. Auf
der einen Seite bäumte ſich in mir als Soldaten alles dagegen auf,
meine treugebliebenen tapferen Truppen zu verlaſſen. Auf der an=
deren Sette ſtand ſowohl die Erklärung der Feinde, mit mir keinen
für Deutſchland erträglichen Frieden ſchließen zu wollen, wie die
Behauptung meiner eigenen Regierung, daß nur durch mein Fort—
gehen ins Ausland der Bürgerkrieg zu vermeiden ſei.
In dieſem Kampfe ſtellte ich alles Perſönliche zurück. Ich brachte
bewußt meine Perſon und meinen Thron zum Opfer in der Meinung,
dadurch den Intereſſen meines geliebten Vaterlandes am beſten zu
dienen. Das Opfer iſt umſonſt geweſen. Mein Fortgehen hat uns
weder günſtigere Waffenſtillſtands- und Friedensbedingungen gebracht,
noch den Bürgerkrieg abzuwenden vermocht, dagegen die Zerſetzung
in Heer und Heimat in verderblichſter Weiſe beſchleunigt und vertieft.
Dreißig Jahre iſt die Armee mein Stolz geweſen. Ich habe für
ſie gelebt und an ihr gearbeitet. Und nun nach über vier glänzenden
Kriegsjahren mit unerhörten Siegen mußte ſie unter dem von hinten
gegen ſie geführten Dolchſtoß der Revolutionäre zuſammenbrechen,
gerade in dem Augenblick, als der Friede in Greifnähe ſtand! Und
daß in meiner ſtolzen Flotte, meiner Schöpfung, die Empörung zuerſt
offen zutage getreten iſt, hat mich am tiefſten ins Herz getroffen.
Es iſt viel darüber geredet worden, daß ich die Armee verlaſſen
habe und in das neutrale Ausland gegangen bin.
Die Einen ſagen: Der Kaiſer hätte ſich zu einem Truppenteil der
Kampffront begeben, mit ihm auf den Feind ſtürzen und in einem
letzten Angriff den Tod ſuchen ſollen. — Dadurch wäre aber nicht
245
nur der vom Volke heiß erſehnte Waffenſtillſtand, über den bereits
die von Berlin zum General Foch entſandte Kommiſſion verhandelte,
unmöglich gemacht, ſondern auch das Leben vieler, und gerade der
beſten und treueſten Soldaten, nutzlos geopfert worden.
Andere meinen: Der Kaiſer hätte an der Spitze des Heeres in
die Heimat zurückkehren follen. — Eine friedliche Rückkehr war aber
nicht mehr möglich, die Aufſtändiſchen hatten ſich der Rheinbrücken
und anderer wichtiger Anlagen im Rücken des Heeres bereits be⸗
mächtigt. Ich hätte zwar an der Spitze treuer, aus der Kampf⸗
front gezogener Truppen die Rückkehr erzwingen können. Aber damit
wäre der Zuſammenbruch Deutſchlands beſiegelt geweſen. Denn zum
Kampfe mit dem zweifellos nachdrängenden Feinde wäre noch der
Bürgerkrieg getreten.
Wieder Andere meinen: Der Kaiſer hätte ſich ſelbſt den Tod geben
ſollen. — Das war ſchon durch meinen feſten chriſtlichen Standpunkt
ausgeſchloſſen. Und würde man dann nicht geſagt haben: Wie feige!
Jetzt entzieht er fich aller Verantwortung durch den Selbſtmord. Diefer
Weg ſchied auch deshalb aus, weil ich darauf bedacht ſein mußte, in
der vorauszuſehenden ſchweren Zeit meinem Volke und Lande zu helfen
und zu nützen. Gerade in der Aufhellung der Schuldfrage, die ſich
mehr und mehr als der Kernpunkt unſeres künftigen Geſchicks ent⸗
hüllte, wußte ich mich beſonders berufen, die Sache meines Volkes
zu vertreten. Denn mehr wie feder andere kann ich Zeugnis ablegen
von Deutſchlands Friedenswillen und von unſerem reinen Gewiſſen.
Nach unendlich ſchweren Seelenkämpfen habe ich auf dringendſtes
Anraten meiner zurzeit anweſenden höchſten verantwortlichen Rat
geber den Entſchluß gefaßt, außer Landes zu gehen, weil ich auf Grund
der mir gemachten Meldungen glauben mußte, dadurch Deutſchland
am treueſten zu dienen, ihm günſtigere Waffenſtillſtands- und Friedens⸗
bedingungen zu ermöglichen und ihm weitere Menſchenverluſte, den
Bürgerkrieg, Not und Elend zu erſparen.
246
Der feindliche
id der eu tea be
Gerichtshof
ar"
ei: die Forderung der Entente, daß ich und die deutſchen Heer—
führer ihr zur Aburteilung vor ihren Gerichten ausgeliefert
würden, bekannt geworden war, habe ich ſofort erwogen, ob ich, ehe
das deutſche Volk und die deutſche Regierung ſich zu dieſem Anſinnen
geäußert hätten, durch eine Selbſtſtellung meinem Vaterlande nutzen
könnte. Es war mir klar, daß nach der Abſicht der Entente die
Auslieferung das ſtaatliche und völkiſche Anſehen Deutſchlands für
alle Zeiten ſo ſchwer erſchüttern ſollte, daß wir niemals wieder gleich—
berechtigt, gleich würdig, gleich bündnisfähig in die uns gebührende
erſte Reihe der Völker einrücken könnten. Ich kannte meine Pflicht,
die Ehre und Würde Deutſchlands nicht preiszugeben. Es kam
darauf an, zu entſcheiden, ob es möglich war, Vorausſetzungen für
eine Selbſtſtellung zu ſchaffen, die einen Nutzen für das deutſche
Volk brachten und jene Nachteile ausſchalteten. In dieſem Falle
wäre ich ohne Zaudern bereit geweſen, den ſchon gebrachten Opfern
ein weiteres hinzuzufügen.
Der Vorſchlag der Selbſtſtellung iſt, wie ich weiß, auch in
wohlmeinenden deutſchen Kreiſen ernſthaft erwogen worden. Wo es
fih dabei um Auswirkungen pſychologiſcher Depreſſion oder um die
Verkennung des Eindrucks handelte, den Selbſtkaſteiung, Selbſt—
erniedrigung, unfruchtbares Martyrium der Entente gegenüber hervor—
rufen mußten, brauchte man nur den oben kurz geſtreiften real—
249
politiſchen Urſprung der Ententeforderung heranzuziehen, um zu klarer
Entſcheidung, nämlich zu ſtrikter Ablehnung zu gelangen.
Anders lag es bei den Erwägungen, die von der Annahme aus⸗
gingen, ich könne, indem ich die Verantwortung für alle großen
Entſcheidungen und Handlungen meiner Regierung, die im Zuſammen⸗
hange mit dem Kriege ſtehen, vor aller Welt übernahm, das Schickſal
des deutſchen Volkes erleichtern helfen. Nicht an einen Akt un⸗
politiſcher Sentimentalität war gedacht, ſondern im Gegenteil an
eine Tat, die für mich viel Beſtechendes hatte. Die formale Rück⸗
ſicht, daß nach der damaligen Reichsverfaſſung nicht ich, ſondern be⸗
kanntlich allein der Reichskanzler die Verantwortung trug, hätte
mich dabei nicht geſtört.
Wenn auch nur die geringſte Ausſicht beſtanden hätte, durch
einen ſolchen Schritt eine Verbeſſerung der Lage Deutſchlands her-
beizuführen, ſo wäre für mich perſönlich ein Zweifel über mein
Handeln nicht möglich geweſen. Meine perſönliche Opferfähigkeit
hatte ich ſa ſchon bewieſen, indem ich außer Landes ging und meinem
und meiner Väter Thron entſagte, weil mir irrtümlich und täuſchend
verſichert worden war, daß ich dadurch meinem Volke beſſere Friedens
bedingungen ermöglichen und den Bürgerkrieg erſparen würde. Ich
hätte dieſen neuen Verſuch, meinem Volke zu helfen, auf mich ge—
nommen, obwohl ſich inzwiſchen die eine der mir gegenüber geltend
gemachten Erwartungen, nämlich die Vermeidung des Bürgerkrieges,
bereits als falſch herausgeſtellt hatte.
Die Möglichkeit, dem deutſchen Volke durch eine ſolche Tat zu
helfen, beſtand aber nicht. Die Selbſtſtellung hätte kein anderes
Ergebnis gehabt wie die Erfüllung der Auslieferungsforderung des
Feindes. Denn kein Gerichtshof der Welt kann zu einem gerechten
Urteil gelangen, bevor nicht die Staatsarchive aller am Kriege be—
teiligt geweſenen Staaten geöffnet werden, wie das von deutſcher
Seite ſchon geſchehen iſt und noch weiter geſchieht. Wer aber konnte
250
nach dem unerhörten Diktat von Derfailles noch den Optimismus
aufbringen, daran zu glauben, daß die Ententeſtaaten für jenen Ge—
richtshof ihre Geheimakten zur Verfügung geſtellt hätten!
Deshalb kamen bei mir nach ſorgſamer Prüfung die ſchon er-
wähnten gewichtigen Gründe der perſönlichen und der nationalen
Würde und Ehre zu der ihnen gebührenden ausſchlaggebenden Be—
deutung. Ich mußte das Anſinnen der Selbſtſtellung ablehnen. Ich
durfte nicht die Rolle des Vercingetorix ſpielen, der bekanntlich im
Vertrauen auf die Großmut feiner Feinde dieſen feine Perſon aus—
lieferte, um dadurch für ſein Volk ein beſſeres Los zu erlangen.
Nach dem Verhalten unſerer Feinde während des Krieges und der
Friedensverhandlungen war nicht anzunehmen, daß die Entente ſich
etwa großmütiger zeigen würde, als Caeſar, der den edlen Gallier
in Ketten legen und ſpäter hinrichten ließ und deſſen Volk doch
nicht mit der Knechtſchaft verſchonte.
Im allgemeinen möchte ich bemerken, daß es ſich immer als
falſch erwieſen hat, wenn man Ratſchläge des Feindes befolgt oder
ſich ſolchen Ratſchlägen nähert. Auch die wohlgemeinten Vorſchläge
der Selbſtſtellung aus deutſchen Kreiſen ſind immerhin, wenn auch
vielleicht teilweiſe unbewußt, auf dem Boden der feindlichen Forde—
rungen gewachſen. Deshalb ſchon waren fie abzulehnen. So bleibt
der einzige Weg eine iniernationale unpartetifche Inſtanz, die nicht
einzelne Perſönlichkeiten aburteilt, ſondern alle Vorgänge, die zum
Weltkriege führten, bei allen am Kriege beteiligten Staaten nach
Offnung nicht nur der deutſchen, ſondern aller Staatsarchive prüft
und auf Grund des Ergebniſſes das Urteil fällt. Deutſchland kann
mit dieſem Verfahren nur einverſtanden ſein. Wer ſich dagegen
ſträubt, ſpricht ſich ſelbſt das Urteil.
Meine Auffaſſung über das hier erörterte Thema geht aus dem
nachſtehend abgedruckten Briefe hervor, den ich unter dem 5. April
1921 an den Feldmarſchall v. Hindenburg gerichtet habe und den
251
dieſer inzwiſchen der Offentlichkeit übergeben hat. Zum beſſeren Ver—
ſtändnis iſt auch der vorangegangene Brief des Feldmarſchalls
wiedergegeben.“)
*
Hannover, den 30. März 1921.
Euerer Kaiſerlichen und Königlichen Majeftät
bitte ich für das gnädige Intereſſe an der Krankheit meiner
Frau ehrfurchtsvollſten Dank unterbreiten zu dürfen. Die Sorge
ift noch nicht behoben.
Aus der Heimat habe ich wenig Erfreuliches zu berichten. Die
Unruhen in Mitteldeutſchland ſind ernſter, als ſie von der preußiſchen
Regierung hingeſtellt werden. Hoffentlich gelingt es, ihrer bald Herr
zu werden.
Immer drückender laſten auf dem deutſchen Volke die Auswir—
kungen des Verſailler Friedensdiktates, deſſen Ziel, die Vernichtungs—
politik unſerer Feinde, von Tag zu Tag unverhüllter hervortritt. Zur
Begründung dieſer Zwangspolitik muß das Märchen von der deut—
ſchen Schuld am Kriege herhalten.
Den Wortführer des Feindbundes, Herrn Lloyd George, ſtört
es wenig, daß er am 20. Dezember v. J. erklärt hat, kein Staats—
mann habe im Sommer 1914 den Krieg gewollt. Alle Völker feien
in ihn hineingeglitten oder hineingeſtolpert. In ſeiner Rede auf der
Londoner Konferenz am 3. März ſagt er ruhig: Die deutſche Ver—
antwortlichkeit für den Krieg ſei grundlegend. Sie ſei die Baſis,
auf der das Gebäude des Vertrages von Verſailles errichtet worden
wäre. Wenn dieſe Anerkenntnis verweigert oder aufgegeben werde,
ſei der Vertrag hinfällig.
*) Die für das in Frage ſtehende Thema wichtigſten Stellen find im Druck
hervorgehoben.
252
Die Schuldfrage bildet nach wie vor den Angelpunkt für die
Zukunft des deutſchen Volkes. Furchtbar rächt ſich das in Verſailles
den deutſchen Vertretern wider ihre Überzeugung abgepreßte Zuge—
ſtändnis unſerer angeblichen „Schuld“ am Kriege. Nicht minder
rächt ſich das unwahre Zugeſtändnis von Deutſchlands „Wit—
ſchuld“, das der Miniſter Simons auf der Londoner Konferenz ab—
gegeben hat.
Ich fühle in tiefſter Seele mit Euerer Majeſtät. In meiner
langen militäriſchen Dienſtzeit habe ich das Glück und die Ehre ge—
habt, zu Euerer Majeſtät in nahe perſönliche Beziehungen zu treten.
Ich weiß, daß Euerer Majeſtät Arbeit während Ihrer ganzen Re—
gierungszeit der Erhaltung des Friedens gegolten hat. Ich kann
ermeſſen, wie maßlos ſchwer es für Euere Majeſtät iſt, von poſitiver
Mitarbeit für das Vaterland ausgeſchaltet zu ſein.
Die „Vergleichenden Geſchichtstabellen“, die Euere Majeftät
aufgeſtellt haben, und von denen Euere Mafeſtät auch mir feinerzeit
einen Abdruck zuſtellen ließen, ſind ein guter Beitrag zur Entſtehungs—
geſchichte des Krieges und geeignet, manche unrichtige Vorſtellung
zu beſeitigen. Ich habe es bedauert, daß Euere Majeftät die Ta—
bellen nicht der Offentlichkeit übergeben, ſondern ſie auf einen engen
Kreis beſchränkt haben. Nachdem die Tabellen jegt durch Indis—
kretionen und zum Teil in unvollſtändigen Auszügen in der Aus—
landspreſſe veröffentlicht ſind, ſcheint mir nunmehr ihre vollſtändige
Veröffentlichung in der deutſchen Preſſe empfehlenswert.
Zu meiner großen Freude höre ich, daß in dem Befinden Ihrer
Majeftät in der letzten Zeit eine Beſſerung eingetreten iſt. Gott
helfe weiter!
In tiefſter Ehrfurcht, in unbegrenzter Treue und Dankbarkeit
Euerer Kaiſerlichen und Königlichen Majeftät alleruntertänigſter
gez. v. Hindenburg, Generalfeldmarſchall.
253
Haus Doorn, den 5. April 1921.
Mein lieber Feldmarſchall!
Haben Sie warmen Dank für Ihren Brief vom 30. v. M. —
Sie haben recht. Das tft das Schwerſte für mich: im Auslande
leben müſſen, mit glühender Seele die furchtbaren Geſchicke unſeres
teuren Vaterlandes, dem meine ganze Lebensarbeit gegolten hat, ver—
folgen und von der Mitarbeit ausgeſchloſſen ſein.
Sie haben während der dunklen, unſeligen Novembertage 1918
mir zur Seite geſtanden. Wie Sie wiſſen, habe ich mich zu dem
ſchweren, furchtbaren Entſchluß, außer Landes zu gehen, nur auf
Ihre und meiner übrigen berufenen Ratgeber dringende Vorſtellung
durchgerungen, daß es nur allein auf dieſem Wege möglich ſei, un⸗
ſerem Volke günſtigere Waffenſtillſtandsbedingungen zu verſchaffen
und ihm einen blutigen Bürgerkrieg zu erſparen. Das Opfer iſt
umſonſt geweſen. Nach wie vor wollen die Feinde für die angeb—
liche Schuld des „Kaiſerlichen Deutſchlands“ das deutſche Volk
büßen laſſen.
In dem Beſtreben, alle perſönlichen Rückſichten dem Wohle
Deutſchlands unterzuordnen, halte ich mich völlig zurück. Ich ſchweige
zu allen Lügen und Verleumdungen, die über mich verbreitet werden.
Ich halte es für unter meiner Würde, mich gegen Angriffe und
Schmähungen zu verteidigen.
Dieſer Zurückhaltung entſprechend habe ich auch die von Ihnen
eewähnten „Geſchichtstabellen“ ſtreng objektiv gehalten und nur einem
engen Kreiſe von Bekannten zugänglich gemacht, auf welche Weiſe
ſie jetzt durch irgendeine Indiskretion (oder Diebſtahl?) in die
Offentlichkeit gekommen find, iſt mir völlig unverſtändlich. Die Ab—
ſicht, die mich bei Abfaſſung der hiſtoriſchen Tabellen leitete, war
die: durch eine ſyſtematiſche Aufzählung nüchterner Tatſachen ſtreng
geſchichtliches Material zuſammen zu tragen, das den Leſer in die Mög—
lichkeit verſetzen ſollte, über die Vorgeſchichte des Krieges ſich ſelbſt
254
. uU ⁵ ! — . ⁰˙ 22 2 2 nenne ee TEE un nn A
ein Urteil zu bilden. Meine beſten, überzeugendſten Quellen habe
ich — nebenbei bemerkt — in der nach dem Kriege entſtandenen Lite⸗
ratur gerade von Angehörigen der feindlichen Staaten gefunden.
Darum freue ich mich, daß Sie meinen beſcheidenen Beitrag zur
Geſchichte nützlich finden. Für Ihre Anregung, der deutſchen Preſſe
die inzwiſchen vervollſtändigten Tabellen zugänglich zu machen, danke
ich Ihnen, ich werde ihr entſprechen.“)
Die Wahrheit wird ſich Bahn brechen, machtvoll, unaufhaltſam,
wie eine Lawine. Wer ſich ihr nicht wider beſſeres Wiſſen ver-
ſchließen will, muß erkennen, daß während meiner 26 jährigen Re—
gierungszeit vor dem Kriege die deutſche Außenpolitik lediglich auf
die Erhaltung des Friedens gerichtet war. Sie erſtrebte einzig und
allein den Schutz des von Weſt und Oſt bedrohten heiligen Heimat-
bodens ſowie die friedliche Entwicklung unſeres Handels und unſerer
Volkswirtſchaft. Hätten wir je kriegeriſche Abſichten gehabt, ſo hätten
wir 1900 losgeſchlagen, als England durch den Burenkrieg, oder
1905, als Rußland durch den Japaniſchen Krieg gebunden war, und
uns ein nahezu ſicherer Sieg gewinkt hätte. Aber ſicherlich hätten
wir uns nicht gerade das Jahr 1914 ausgeſucht, wo uns eine er-
drückende Übermacht geſchloſſen gegenüberſtand. Auch muß ſich jeder
Unbefangene ſagen, daß Deutſchland von dem Kriege gar nichts zu
erwarten hatte, während unſere Feinde davon alles für ihre ſeit
langem zu unſerer Vernichtung feſtgeſetzten Ziele erhofften.
Daß mein und meiner Regierung heißes Bemühen in den kriti—
ſchen Juli- und Auguſttagen 1914 ausſchließlich der Erhaltung des
Weltfriedens gegolten hat, wird durch die neueſten literariſchen und
aktenmäßigen Veröffentlichungen von deutſcher und beſonders von
feindlicher Seite mehr und mehr erhärtet. Den durchſchlagendſten
*) Das iſt inzwiſchen erfolgt. Die „Vergleichenden Geſchichtstabellen von
1878 bis zum Kriegsausbruch 1914“ ſind im Dezember 1921 im Verlage von
K. F. Koehler in Leipzig erſchtenen.
250
Beweis dafür bringt das Wort Saſonows: „Die Friedensliebe des
Deutſchen Kaiſers bürgt uns dafür, daß wir den Zeitpunkt für den
Krieg ſelbſt beſtimmen können.“ Was bedarf es da noch weiteren
Zeugniſſes für unſere Unſchuld? Das bedeutet: Die Abſicht, einen
Überfall auf einen Ahnungsloſen zu machen. Gott iſt mein Zeuge,
daß ich, um dem Kriege vorzubeugen, bis an die äußerſte Grenze
deſſen gegangen bin, was ich mit Rückſicht auf die Sicherheit und
Unverſehrtheit meines teuren Vaterlandes verantworten konnte.
Von einer Schuld Deutſchlands am Kriege kann nicht die Rede
ſein. Es beſteht heute kein Zweifel mehr, daß nicht Deutſchland,
ſondern der Feindbund den Krieg planmäßig vorbereitet und ab—
ſichtlich herbeigeführt hat.
Zur Verdunkelung dieſes Vorgehens hat der Feindbund in dem
ſchmachvollen Friedensvertrag das unwahre „Schuldbekenntnis“
Deutſchlands erzwungen und meine Geſtellung vor einen feind—
lichen Gerichtshof verlangt. Sie, mein lieber Feldmarſchall,
kennen mich zu gut, um nicht zu wiſſen, daß mir für mein geliebtes
Vaterland kein Opfer zu groß iſt. Doch ein Gerichtshof, in
dem der Feindbund gleichzeitig Ankläger und Richter wäre,
würde nicht ein Organ des Rechtes, ſondern ein Inſtru—
ment politiſcher Willkür ſein und nur dazu dienen, durch
meine ſelbſtverſtändliche Verurteilung die uns auferlegten
unerhörten Friedensbedingungen nachträglich zu rechtfer—
tigen. Natürlich war daher das feindliche Anſinnen meinerſeits
zurückzuweiſen. Aber auch meine Geſtellung vor ein wie immer
zuſammengeſetztes neutrales Gericht kann für mich nicht in Frage
kommen. Ich erkenne wegen der Anordnungen, die ich als
Kaiſer und König, alſo als verfaſſungsmäßig unverant—
wortlicher Repräſentant der deutſchen Nation, nach beſtem
Wiſſen und Gewiſſen getroffen habe, das ſtrafrechtliche
Urteil irgendeines irdiſchen Richters, wie hoch er auch
256
— ee
1
immer geſtellt ſein mag, nicht an, da ich dadurch die Ehre
und Würde des von mir vertretenen deutſchen Volkes
preisgeben würde.
Ein Schuld- und Strafverfahren, das ſich ausſchließlich
gegen das Oberhaupt eines der am Kriege beteiligten Staaten
richtet, entkleidet dieſen Staat jeder Gleichberechtigung mit
den anderen Staaten und damit feines Anſehens in der Gemein—
ſchaft der Völker. Außerdem würde es von vornherein den von
den Feinden beabſichtigten Eindruck erwecken, als ob es ſich
bei der ganzen „Schuldfrage“ nur um dieſes eine Staats—
oberhaupt und die eine von ihm vertretene Nation handelte.
Dazu kommt noch, daß eine unparteiiſche Beurteilung der
„Schuldfrage“ ausgeſchloſſen iſt, wenn das Verfahren nicht
auch auf die Staatsoberhäupter und leitenden Staats—
männer der feindlichen Mächte erſtreckt und deren Verhalten
der gleichen Kritik unterſtellt wird. Denn das Verhalten des ein—
zelnen Staates bei Ausbruch des Krieges kann ſelbſtverſtändlich nur
unter Berückſichtigung des Vorgehens ſeiner Gegner richtig bewertet
werden.
Eine wirkliche Aufklärung der „Schuldfrage“, woran
Deutſchland ſicher kein geringeres Intereſſe hätte als ſeine Feinde,
könnte nur in der Weiſe erfolgen, daß durch eine internationale,
unparteiiſche Inſtanz nicht einzelne Perſönlichkeiten ſtraf—
rechtlich abgeurteilt, ſondern alle Vorgänge, die zum Welt—
kriege geführt haben, ebenſo wie alle ſonſtigen Völkerrechts—
verletzungen feſtgeſtellt würden, um danach das Verſchulden der
beteiligten Perſönlichkeiten auf ſeiten aller kriegführenden Mächte
richtig zu bemeſſen.
Ein ſolcher loyaler Vorſchlag iſt von deutſcher Seite nach Be—
endigung des Krieges in amtlicher Form gemacht, aber, ſoweit mir
bekannt, von den Feinden teils ablehnend beantwortet, teils überhaupt
17 Kaiſer Wilhelm II. 237
feiner Antwort gewürdigt worden. Deutſchland hat überdies feine
Archive gleich nach dem Kriege ohne jede Einſchränkung geöffnet, während
der Feindbund ſich bisher wohl gehütet hat, ſolchem Beiſpiel zu
folgen. Die in Amerika jetzt in Veröffentlichung befindlichen Ge—
heimdokumente aus den ruſſiſchen Archiven ſind erſt der An—
fang dazu.
Schon dieſes Verhalten des Feindbundes neben überwältigendem
einlaufenden Belaſtungsmaterial gibt den Fingerzeig dafür, wo die
„Schuld am Kriege“ in Wirklichkeit zu ſuchen iſt! Für Deutſchland
aber erweiſt es ſich um ſo mehr als gebieteriſche Pflicht, mit allen
Mitteln alles irgendwie für die „Schuldfrage“ in Betracht kom—
mende Material zu ſammeln, zu ſichten und zu veröffentlichen, um
dadurch die wirklichen Urſachen des Krieges zu entlarven.
Im Befinden J. M. iſt leider eine Verſchlechterung eingetreten.
Mein Herz krampft ſich in ſchmerzvollſter Sorge zuſammen.
Gott mit uns!
Ihr dankbarer
gez. Wilhelm.
Die Schuldfrage
=): Geſchichte kennt kein Beiſpiel, das man mit dem Weltkriege
1914/18 vergleichen könnte. Sie kennt aber auch kein Bei—
ſpiel für die Verwirrung, die über die Urſachen entſtanden iſt, die
zum Weltkriege führten. Das iſt um fo erftaunlicher, weil der große
Krieg eine hochkultivierte, aufgeklärte, politiſch geſchulte Menſchheit
vorfand, und weil die Urſachen zum Weltkriege klar und offen liegen.
Auch die ſcheinbare Kompliziertheit in der Julikriſe 1914 kann darüber
nicht hinwegtäuſchen. Der damalige Telegrammwechſel zwiſchen den
Kabinetten der Großmächte und den Herrſchern, die Tätigkeit der
Staatsmänner und hervorragender Privatmänner bei mündlichen Ver—
handlungen mit wichtigen Perſönlichkeiten der Entente waren gewiß
von größter Wichtigkeit durch die entſcheidende Bedeutung, die nahezu
ſedem Worte zukam, das aus verantwortlichem Munde geſprochen,
und jeder Zeile, die geſchrieben oder gedrahtet wurde. Aber die
große Linie der Kriegsurſachen wird dadurch nicht geändert, ſie liegt
feſt und man darf ſich nicht ſcheuen, ſie immer wieder mit Ruhe und
Sachlichkeit von dem verwirrenden Beiwerk der Vorgänge, die den
Kriegsausbruch begleiteten, freizulegen.
Die allgemeine Lage des Deutſchen Reiches hatte ſich in der
Vorkriegszeit immer glänzender und infolgedeſſen außenpolitiſch immer
ſchwieriger geſtaltet. Ein niemals dageweſener Aufſchwung in In—
duſtrie, Handel und Weltverkehr hatte Deutſchland wohlhabend ge—
macht. Die Kurve unſerer Entwicklung blieb nach oben gerichtet.
Die damit verbundene friedliche Eroberung eines namhaften Teiles
des Weltmarktes, auf den deutſcher Fleiß und unſere Leiſtungen ge—
261
rechten Anſpruch hatten, konnte älteren Weltvölfern, vor allem Eng⸗
land, nicht angenehm ſein. Das iſt ein ganz natürlicher Vorgang,
dem nichts Verwunderliches anhaftet. Es macht niemandem Freude,
wenn ſich plötzlich ein Konkurrent etabliert und man zuſehen muß,
wie die alte Kundſchaft zu ihm abwandert. Ich kann alſo aus der
Verſtimmung Englands über Deutſchlands Fortſchritte auf dem
Weltmarkte keinen Vorwurf gegen das Britenreich konſtruieren.
Wenn es England verſtanden hätte, unter Anwendung beſſerer
Handelsmethoden die deutſche Konkurrenz abzuſchlagen oder nieder—
zuhalten, fo wäre das fein gutes Recht geweſen, gegen das Ein-
wendungen nicht hätten erhoben werden können. Der ZTüchtigere
gewann eben das Spiel. Es kann im Leben der Völker nicht
als verwerflich gelten, wenn im friedlichen Wettbewerb von beiden
Seiten mit gleichartigen, alſo friedlichen Mitteln, aber mit aller
Energie, mit Kühnheit und Organiſationskunſt zum Beſten des eigenen
Volkes gearbeitet wird. Etwas ganz anderes iſt es dagegen, wenn
der eine Teil durch den Fleiß und die Leiſtung, wie durch über⸗
legene Geſchäftsmethoden des anderen feinen Aftivpoften in der
Weltbilanz bedroht ſieht und nun, weil er nicht die Tüchtigkeit des
jungen Konkurrenten zu entfalten vermag, mit Gewalt, alſo nicht
mit friedlichen, ſondern mit kriegeriſchen Mitteln gegen den fried⸗
lichen Wettbewerb vorgeht, um ihn aufzuhalten oder zu vernichten.
Unſere Lage wurde ſchwieriger, weil wir genötigt waren, zum
Schutze unſeres Wohlftandeg, der nicht zuletzt auf den 19 Milliarden
jährlicher deutſcher Ausfuhr und Einfuhr baſierte, eine Flotte zu
bauen. Die Unterſtellung, wir hätten die Flotte gebaut, um die
weit überlegene engliſche anzugreifen und zu vernichten, iſt abſurd,
denn wir hätten bei dem tatſächlichen Kräfteverhältnis zur See nicht
ſiegen können. Wir kamen ja auf dem Weltmarkte wunſchgemäß
vorwärts, wir hatten über nichts zu klagen. Weshalb hätten wir
alſo den Erfolg unſerer friedlichen Arbeit aufs Spiel ſetzen ſollen?
262
In Frankreich war feit 1870/71 der Revanchegedanke ſorgſam
genährt worden. In der belletriſtiſchen wie in der politiſchen und
militäriſchen Literatur, im Offizierkorps, in den Schulen, in Ver—
einigungen, in den politiſchen Kreiſen wurde er in allen möglichen
Variationen gepflegt. Ich kann dieſe Stimmung verſtehen. Vom
geſunden nationalen Standpunkt aus geſehen iſt es ſchließlich ehren—
voller, wenn ein Volk eine erlittene Schlappe wieder gut machen
will, als wenn es dieſe einſteckt. Elſaß⸗Lothringen aber iſt feit vielen
Jahrhunderten deutſches Land. Von Frankreich war es geraubt,
wir hatten es 1871 als uns gehörig zurückgenommen. Deshalb war
ein Revanchekrieg, der die Eroberung urdeutſchen Gebiets zum Ziele
hatte, unrechtmäßig und unmoraliſch. Ein Nachgeben unſererſeits
in dieſem Punkte hätte unſerem nationalen und rechtlichen Em—
pfinden ins Geſicht geſchlagen. Da Deutſchland Elſaß-Lothringen
niemals freiwillig an Frankreich zurückgeben konnte, war alſo der
franzöſiſche Revanchetraum nur durch einen ſiegreichen Krieg zu ver—
wirklichen, der die franzöſiſchen Grenzpfähle bis an das linke Rhein⸗
ufer vorſchieben ſollte. Deutſchland hingegen hatte keinen Anlaß,
die Errungenſchaften von 1870/71 aufs Spiel zu ſetzen, es mußte
alſo darauf hinwirken, den Frieden mit Frankreich zu erhalten, um
fo mehr als die Konſtellation der Mächte gegen den deutſch-öſter⸗
reichiſchen Zweibund immer deutlicher hervortrat.
In Rußland lagen die Dinge fo, daß das gewaltige Zaren-
reich nach einem Zugang zum ſüdlichen Meer drängte. Dieſes Streben
iſt natürlich und nicht zu verurteilen. Ferner beſtand der ruſſiſch—
öſterreichiſche Gegenſatz, hauptſächlich um Serbien, der inſofern
Deutſchland mitbetraf, als Deutſchland und Oſterreich-Ungarn im
Bunde waren. Außerdem befand ſich das zariſche Rußland in einer
andauernden inneren Gärung, und jede zariſche Regierung fand es
nützlich, eine Möglichkeit für äußere Konflikte bereit zu halten, um
durch äußere Schwierigkeiten jederzeit von den inneren ablenken zu
263
können, ein Ventil für den inneren Konfliftsftoff zu befigen. Es
kam hinzu, daß der enorme Anleihenbedarf Rußlands faſt aus—
ſchließlich in Frankreich gedeckt wurde. Uber 20 Milliarden fran-
zöſiſcher Goldfranken, über deren Verwendung Frankreich teilweiſe
verfügte, wanderten nach Rußland. Es handelte ſich dabei ausnahms—
los um ſtrategiſche und kriegvorbereitende Maßnahmen. An der
goldenen Kette der franzöſiſchen Milliarden wurde das Zarenreich
nicht nur finanziell an Frankreich gekettet, es wurde dem franzöſi—
ſchen Revanchegedanken dienſtbar.
So ergab es ſich, daß England, Frankreich und Rußland, aller-
dings aus verſchiedenen Gründen, ein gemeinſames Ziel hatten,
nämlich: Deutſchland niederzuzwingen. England aus handelspoliti—
ſchen, Frankreich aus revanchepolitiſchen, Rußland als Trabant Frank-
reichs ſowie aus innerpolitiſchen Gründen und um an das ſüdliche
Meer zu gelangen. So mußten ſich dieſe drei Großſtaaten finden.
Den Zuſammenſchluß dieſer Beſtrebungen zu gemeinſamem plan—
mäßigen Handeln nennen wir die Einkreiſungspolitik.
Hierzu kommt noch das erſt kürzlich bekannt gewordene, bereits
im Kapitel „Hohenlohe“ ausführlich erörterte Gentleman's agreement,
von dem ich während meiner Regierungszeit überhaupt keine Kennt⸗
nis gehabt habe. Als ich von ihm erfuhr, habe ich mich ſofort bei
Herrn v. Bethmann danach erkundigt. Er ſchrieb mir einen etwas
gewundenen Brief: Irgend etwas ſei wohl in den Akten des Aus—
wärtigen Amtes darüber vorhanden, der damalige deutſche Bot—
ſchafter in Waſhington, v. Holleben, hätte darüber vertraulich wohl
etwas berichtet, aber er hätte die Quelle nicht angegeben, deshalb
wäre vom Auswärtigen Amte der Sache keine Bedeutung beigemeſſen
und ſie nicht an mich weitergegeben worden. Jenes Agrement hat
alſo tatſächlich auf die Politik Deutſchlands keinen Einfluß gehabt.
Aber es beweiſt nachträglich, daß die angelſächſiſche Welt ſich ſchon
im Jahre 1897 gegen uns zuſammengeſchloſſen hat, und deckt dadurch
264
manche Schwierigkeiten der deutſchen Politik auf. Es erklärt auch
die Haltung Amerikas während des Krieges.
Die Entente cordiale hingegen war uns mit allen ihren Grün⸗
den und Zielen bekannt und hat den Kurs unſerer Politik be—
ſtimmend beeinflußt.
Es ergab ſich für Deutſchland aus der Gruppierung England,
Frankreich und Rußland, alſo dreier ſehr ſtarker Mächte, nur eine
politiſche Konſequenz: Die von außen drohende Entſcheidung über
die Zukunft Deutſchlands mit Waffengewalt mußte vermieden werden,
bis wir wirtſchaftlich, militäriſch, zur See und nationalpolitiſch uns
eine derartige reale Weltſtellung erworben hatten, daß es unſeren
Gegnern ratſam erſcheinen mußte, von dem Riſiko machtmäßiger Ent⸗
ſcheidung abzuſehen und uns an der reſtlichen Aufteilung und der
Bewirtſchaftung der Welt den unſerem Können entfprechenden An—
teil zu laſſen. Wir wollten und durften unſeren mühſam erarbeiteten
Wohlſtand nicht aufs Spiel ſetzen. So entſtand der Gegenſatz:
Die Ziele der Entente konnten nur durch einen Krieg, die
Ziele Deutſchlands nur ohne Krieg erreicht werden. An
dieſem Grundgedanken muß feſtgehalten werden, er iſt entſcheidender
als alles Beiwerk. Deshalb gehe ich hier nicht auf Einzelheiten
ein, nicht auf belgiſche oder andere Berichte, nicht auf die Telegramme
kurz vor Kriegsausbruch. Die gründliche Bearbeitung dieſer Einzel—
heiten iſt Sache der Forſchung.
Unſere Lage iſt von uns richtig erkannt worden. Wir haben
entſprechend gehandelt.
Wir haben uns, um wieder mit England zu beginnen, jede
Mühe einer Annäherung gegeben, wir ſind auf die Forderung der
Flottenbaueinſchränkung eingegangen, wie ich das bei dem Bericht
über Haldane's Beſuch in Berlin ſchon ausgeführt habe. Ich habe
meine verwandtſchaftlichen Beziehungen zu verwerten verſucht. Es
war vergeblich. Die Betätigung König Eduards VII. findet eine
265
einfache Erklärung darin, daß er eben Engländer war und die von
ſeiner Regierung ausgegebenen Pläne zu verwirklichen trachtete. Der
politiſche Ehrgeiz des erſt in vorgerücktem Alter zur Regierung ge—
langten Königs mag hinzugekommen ſein. Wir haben fedenfalls
alles nur Mögliche getan, um England entgegenzukommen. Es war
vergebens, denn die deutſchen Ausfuhrziffern wuchſen. Wir konnten
natürlich nicht unſeren Welthandel einſchränken, um England zufrieden-
zuſtellen. Das wäre denn doch zuviel verlangt geweſen.
Es wird bei Betrachtung unſerer Politik England gegenüber viel—
fach getadelt, daß wir feiner Zeit das Bündnisangebot, das der eng-
liſche Kolonialminiſter Chamberlain uns brachte, abgelehnt hätten.
Dieſe Angelegenheit lag indeſſen bei näherem Zuſehen ganz anders,
als ſie zunächſt friſiert wurde. Erſtens brachte Chamberlain einen
Brief des engliſchen Premiers Lord Salisbury an Bülow mit,
in dem der Premierminiſter erklärte, Chamberlain handele nur für
ſich, das engliſche Kabinett ſtehe nicht hinter ihm. Nun könnte man
darin eine diplomatiſch zuläſſige Form ſehen, die dem engliſchen
Kabinett, das ja vom engliſchen Parlament abhing, freie Hand ließ.
Es hat ſich aber ſpäter herausgeſtellt, das ſei vorweg bemerkt, daß
die liberale Gruppe in England damals einem deutſch-engliſchen
Bündniſſe ablehnend gegenüberſtand. Weil es ſich aber um eine
diplomatiſche Form handeln konnte, nämlich, daß man Chamberlain
vorſchickte und dem engliſchen Kabinett, wie es in London ſo gern
gemacht wird, vollkommene Freiheit des Handelns vorbehalten wollte,
hat Bülow mit meinem Einverſtändnis doch ausführlich mit Cham—
berlain verhandelt. Dabei ſtellte ſich einwandfrei heraus, daß die
engliſch-deutſche Vereinigung gegen Rußland gedacht war. Es wurde
von Chamberlain direkt von einem dann zu führenden Kriege Eng-
lands und Deutſchlands gegen Rußland geſprochen. Graf Bülow
wies in vollem Einvernehmen mit mir die Störung des europäiſchen
Friedens höflich, aber beſtimmt zurück. Damit handelte er auch im
266
Sinne des großen Kanzlers. Denn Fürſt Bismarck hat das Wort
geprägt — ich habe es ſelbſt im Bismarckſchen Familienkreiſe wieder⸗
holt gehört: Deutſchland dürfe niemals der Feſtlanddegen Englands
werden. Wir haben alſo damals weiter nichts getan, als in kon⸗
ſequenter Linie unſere Politik durchgeführt, d. h. jedes Engagement
abgelehnt, das zu einem Kriege führen konnte, der nicht unmittelbar
der Verteidigung des Heimatbodens diente. Die Ablehnung des
Chamberlainſchen Angebots iſt ein Beweis der deutſchen Friedensliebe.
Frankreich gegenüber haben wir verſucht, in ein leidliches Ver⸗
hältnis zu gelangen. Das war ſchwer, denn wir galten ihm als der
Erbfeind und die Forderungen der Revancheidee konnten von uns nicht
erfüllt werden. Wir haben die Marokkodifferenz friedlich liquidiert, an
Krieg um Marokko dachte kein maßgebender Mann in Deutſchland.
Wir haben es damals des lieben Friedens wegen hingenommen, daß
Frankreich, geſtärkt durch den mit England geſchloſſenen geheimen Aus⸗
tauſchvertrag Agypten⸗Marokko, über die ſehr weſentlichen legitimen
Intereſſen Deutſchlands in Marokko hinwegging. Die Konferenz von
Algeciras zeigte ſchon die Konturen des großen Krieges. Es iſt gewiß
nicht angenehm, politiſche Rückzüge, wie den in der Marokkoangelegen—
heit, antreten zu müſſen, aber die deutſche Politik hat alles dem großen
Geſichtspunkte untergeordnet, den Weltfrieden zu erhalten.
Wir haben es mit Höflichkeiten verſucht, die uns zum Teil ſogar
übel genommen wurden. Ich erinnere nur an die Reiſe meiner Mutter,
der Kaiſerin Friedrich, nach Paris. Wir hatten eine leidliche Auf⸗
nahme erwartet, weil ſie engliſche Prinzeſſin war und als Künſtlerin
zur franzöſiſchen Kunſt kam. Ich habe die Kaiſerin Eugenie zweimal
beſucht, einmal von Alderfhot aus in ihrem Schloſſe Farnborough,
das andere Mal auf ihrer Baht in den norwegiſchen Gewäſſern bei
Bergen. Dieſe Courtoiſie erſchien mir ſelbſtverſtändlich, weil ich
mich in ihrer Nähe befand. Als der franzöſiſche General Bonnal
mit einigen Offizieren in Berlin war, ſpeiſten die Herren beim
267
2. Garde-Regiment z. F. Ich nahm teil und brachte einen Trink—
ſpruch auf die franzöſiſche Armee aus. Das mag ungewöhnlich
geweſen ſein, aber es war von den beſten Abſichten getragen. Ich
habe franzöſiſche Künſtlerinnen und Künſtler herangezogen. Gewiß,
das alles waren in der großen Politik nur kleine Hilfen, aber ſie
beweiſen doch unſeren guten Willen.
Mit Rußland habe ich mir die außerordentlichſte Mühe gegeben.
Meine inzwiſchen veröffentlichten Briefe ſind natürlich nie ohne Wiſſen,
ſondern immer im Einvernehmen mit den Reichskanzlern abgegangen,
vielfach auf deren Wunſch. Unter Alexander III. wäre Rußland wohl
nie in einen Krieg gegen Deutſchland eingetreten, denn er war zu—
verläſſig. Kaiſer Nikolaus war ſchwach und ſchwankend. Der Letzte,
der bei ihm war, hatte recht, und der konnte ich natürlich nicht immer
ſein. Ich habe auch dieſem Zaren gegenüber alles verſucht, um die
traditionelle Freundſchaft zwiſchen Deutſchland und Rußland wieder
herzuſtellen. Dazu bewog mich außer der politiſchen Einſicht das
Verſprechen, das ich meinem Großvater auf dem Totenbette gegeben
hatte. Ich habe dem Zaren Nikolaus wiederholt eindringlichſt zu
liberalen Reformen im Innern, zur Einberufung der ſogenannten
großen Duma geraten, die ſchon unter Iwan dem Schrecklichen exiſtiert
und funktioniert hat. Ich hatte damit nicht die Abſicht, mich in innere
ruſſiſche Angelegenheiten zu miſchen, ſondern ich wollte im Intereſſe
Deutſchlands die Gefahren der inneren Gärung beſeitigen, die oft
ſchon aus den erwähnten Gründen der Ablenkung zu äußeren Konflikten
geführt hatten. Wenigſtens dieſe eine kriegsgefährliche innere ruſſiſche
Situation wollte ich beſeitigen helfen. Ich konnte das um ſo eher ver—
ſuchen, als dem Zaren und Rußland ſelbſt damit ebenfalls gedient ge—
weſen wäre. Der Zar hat nicht gehört, ſondern er hat eine neue Duma
geſchaffen, die den Zweck gar nicht erfüllen konnte. Bei der alten Duma
hätte er perſönlich mit allen Vertretern ſeines weiten Reiches verhan—
deln und ſprechen, ein Vertrauensverhältnis herſtellen können.
268
Ich habe, als der Zar fih zum Kriege gegen Japan entſchloß,
ihm geſagt, daß ich ihm den Rücken freihalten und keinerlei Un⸗
bequemlichkeiten bereiten würde. Das hat Deutſchland gehalten.
Als der Verlauf des Krieges nicht den Erwartungen des Zaren
entſprach, die ruſſiſchen und japaniſchen Heere ſich ſchließlich ohne große
Kampfhandlungen wochenlang gegenüber lagen, traf der jugendliche
Bruder des Zaren, Großfürſt Michael, zum Beſuch in Berlin ein.
Wir wurden nicht recht daraus klug, was er eigentlich wollte. Fürſt
Bülow, der damals Kanzler war, bat mich, den Großfürſten einmal
zu fragen, wie es eigentlich mit Rußland ſtände, er, der Fürſt, hätte
ſchlechte Nachrichten, er glaube, es ſei für Rußland höchſte Zeit, Schluß
zu machen. Ich übernahm den Auftrag. Der Großfürſt war ſichtlich
erleichtert, als ich freimütig mit ihm ſprach, er beſtätigte, daß es für
Rußland übel ausſähe. Ich ſagte ihm, mir ſchiene es, als ob der
Zar bald Frieden ſchließen ſollte, denn die mir vom Großfürſten ge—
ſchilderte Unzuverläſſigkeit der Truppen und des Offizierkorps ſchienen
mir ebenſo bedenklich wie die erneute Gärung im Innern. Großfürſt
Michael war dankbar dafür, daß ich ihm Gelegenheit gab, ſich zu
äußern. Er ſagte, der Zar ſei ſchwankend, wie immer, aber er müßte
Frieden ſchließen und würde es auch tun, wenn ich dazu riete. Er
bat mich, ihm in dieſem Sinne einige Zeilen an den Zaren mitzugeben.
Ich entwarf einen engliſchen Brief an Zar Nikolaus, ging zu Bülow,
referierte über die Mitteilungen des Großfürſten und zeigte meinen
Briefentwurf. Der Fürſt bedankte ſich und fand den Brief zweck—
mäßig. Der Großfürſt unterrichtete den ruſſiſchen Botſchafter in
Berlin, Grafen Oſten-Sacken, und reiſte, nachdem er ſich wiederholt
bedankt hatte, direkt zum Zaren, der dann die Friedensverhandlungen
einleiten ließ. Graf Oſten-Sacken ſagte mir bei der nächſten Be—
gegnung, daß ich dem Zaren und Rußland einen großen Dienſt er—
wieſen hätte. Ich freute mich, daß dies anerkannt wurde, und durfte
alſo hoffen, daß mein Verhalten zur Herſtellung eines guten Ver—
269
hältniſſes zu Rußland beitragen werde. Gleichzeitig beugte ich aber
damit auch der Gefahr eines Übergreifens einer möglichen ruſſiſchen
Revolution während des ruſſiſch-japaniſchen Kriegszuſtandes über die
deutſchen Grenzen vor. Dank hat Deutſchland dafür nicht geerntet,
aber ein Beweis unſerer Friedensliebe bleibt auch unſer Verhalten
während des ruſſiſch-japaniſchen Krieges.
In derſelben Richtung bewegte ſich mein Vorſchlag, der zum
Björkö-Abkommen führte (Juli 1905). Er ſah ein Bündnis zwiſchen
Deutſchland und Rußland vor, zu dem den beiderſeitigen Verbündeten
ſowie andern Staaten der Anſchluß freiſtehen ſollte. Die Ratifizierung
ſcheiterte am Widerſpruch der ruſſiſchen Regierung (Iſwolſki-Gruppe).
Es bleibt noch übrig, über Amerika einige Worte zu ſagen. Von
dem ſchon erwähnten Gentleman's agreement abgeſehen, das die prin⸗
zipielle Haltung Amerikas in einem Weltkriege auf Seiten Englands
und Frankreichs feſtlegte, gehörte Amerika nicht zu der von König
Eduard VII. auf Anordnung ſeiner Regierung geſchaffenen Entente
cordiale. Vor allem hat Amerika, ſoweit die Vorgänge ſich bisher
überſehen laſſen, nicht bei der Herbeiführung des Weltkrieges mit⸗
gewirkt. Die unfreundliche Antwort, die Präſident Wilſon der deutſchen
Regierung am Anfang des Krieges gab, mag mit dem Gentleman's
agreement zuſammengehangen haben. Es beſteht aber kein Zweifel
darüber, daß Amerikas Eintritt in den Krieg und vorher die gewaltigen
Munitions- und überhaupt Kriegsbedarfslieferungen Amerikas an die
Entente die Chancen der Zentralmächte, den Krieg durch die Waffen
erfolgreich zu beenden, weſentlich beeinträchtigt haben.
Es iſt aber geboten, auch Amerika gegenüber ſede gefühlsmäßige
Kritik zu vermeiden; man kann in der großen Politik nur mit
realen Faktoren rechnen. Es ſtand Amerika (trotz dem Gentleman's
agreement) frei, neutral zu bleiben oder auf unſerer oder auf der
andern Seite in den Krieg einzutreten. Man kann einem Staat
nicht einen Vorwurf aus ſeiner ſouveränen Entſchließung über Krieg
270
und Frieden machen, fofern nicht feine Entſcheidung mit feſten Ver⸗
trägen in Widerſpruch ſteht. Das iſt hier nicht der Fall. Es muß
aber doch erwähnt werden, daß John Kenneth Turner in ſeinem
bereits erwähnten Buche »Shall it be again?« an der Hand umfang⸗
reichen Materials nachweiſt, daß alle Gründe Wilſon's für Amerikas
Eintritt in den Krieg Scheingründe waren, daß er vielmehr lediglich
im Intereſſe der mächtigen Hochfinanz der Wallſtreet handelte.
Der große Gewinn, den Amerika aus dem Weltkriege gezogen
hat, liegt darin, daß die Vereinigten Staaten nahezu 50% des Goldes
der ganzen Welt an ſich ziehen konnten, ſo daß jetzt der Dollar an
Stelle des engliſchen Pfund den Wechſelkurs in der Welt beſtimmt.
Aber auch daraus iſt keinerlei Vorwurf herzuleiten, denn auch jeder
andere Staat, der dazu in der Lage geweſen wäre, hätte dieſen Zu-
wachs an Gold und Preſtige auf dem Weltgeldmarkte mit Freuden
ſich zugeführt. Für uns iſt es gewiß bedauerlich, daß Amerika das
Geſchäft nicht auf Seiten der Zentralmächte machte.
Aber ebenſo wie Deutſchland mit vollem Rechte ſich dagegen auf—
lehnt, daß ſeine friedliche Arbeit von der Entente nicht mit friedlichen,
ſondern mit kriegeriſchen Mitteln bekämpft wurde, ſo kann und muß
Deutſchland auch (wie es in Publikationen ſchon verſucht wird) gegen
den amerikaniſchen Rechtsbruch bei dem Abſchluß des Weltkrieges immer
wieder proteſtieren. Ich perſönlich bin nicht der Auffaſſung, daß das
amerikaniſche Volk ſich dazu hergegeben hätte, beſonders die amerika⸗
niſche Frauenwelt hätte das Verleugnen der 14 Punkte des Präſiden⸗
ten Wilſon nicht mitgemacht, wenn ſie damals hätte aufgeklärt werden
können. Amerika ſtand mehr als andere Länder unter dem falſchen Ein—
druck der engliſchen Propaganda und hat deshalb den mit unerhörten
Vollmachten ausgeſtatteten Präſidenten Wilſon in Paris ſelbſtherrlich
handeln, d. h. ſeine 14 Punkte ſich abhandeln laſſen. Ebenſo wie Herr
Wilſon die engliſche Blockade, gegen die er vorher proteſtiert hatte, nach⸗
her nicht mehr erwähnte, hat er es auch mit ſeinen 14 Punkten getan.
271
Die deutſche Regierung hatte die 14 Punkte Wilſons akzeptiert,
obwohl fie ſchwer genug waren. Die Alliierten hatten die 14 Punkte
ebenfalls angenommen, mit Ausnahme der Freiheit der Meere.
Wilſon hatte die 14 Punkte garantiert. Ich finde die wichtigſten von
ihnen nicht im Verſailler Inſtrument, ſondern nur diejenigen, die dem
Machtwillen der Entente entſprachen, und auch dieſe zum Teil noch
ſtark verfälſcht. Auf die Garantie Wilſons hin hat Deutſchland die
von ihm beſetzten feindlichen Gebiete geräumt und feine Waffen ab-
gegeben, ſich alſo wehrlos gemacht. In dieſer Vertrauensſeligkeit und
dem Fallenlaſſen der 14 Punkte durch Wilſon auf der einen Seite
und in dem Ausbruch der deutſchen Revolution auf der andern liegt
der Schlüſſel zu unſerer jetzigen Lage. Nach Turner ſind die 14 Punkte
ſchon bei Aufſtellung der Waffenſtillſtandsbedingungen für Wilſon nur
noch ein Wittel geweſen, um Deutſchland zur Waffenſtreckung zu
bringen. Sobald dieſes Ziel erreicht war, habe er ſie fallen laſſen.
Ein ſehr großer Teil des amerikaniſchen Volkes hat ſich bereits
gegen Herrn Wilſon geſtellt und wünſcht nicht gleichzeitig mit ihm dis—
kreditiert zu ſein. Ich träume nicht etwa von einer ſpontanen Hilfe
Amerikas für Deutfchland, ich rechne nur mit der nüchternen Erkennt—
nis des amerikaniſchen Volkes, daß es die Rieſenſchuld ſeines damaligen
Präſidenten an Deutſchland wieder gutzumachen hat. Denn die Atmo-
ſphäre eines Sieges währt nicht ewig, und ſpäter wird man ſich nicht
nur in Deutſchland, ſondern auch anderswo in großen politiſchen Fragen
an die Unzuverläſſigkeit des amerikaniſchen Präſidenten erinnern und
ſie als amerikaniſche Unzuverläſſigkeit in Rechnung ſtellen. Das liegt
aber nicht im Intereſſe des amerikaniſchen Volkes. Die Belaſtung einer
Staatspolitik mit dem Makel der Unzuverläſſigkeit iſt nicht vorteilhaft.
Bei der ſpäteren Beurteilung der amerikaniſchen Politik wird vergeſſen
werden, daß der weltfremde Herr Wilſon von Lloyd George und
Clemenceau eingefangen worden iſt. Ich habe, beſonders bei den Kieler
Wochen, viele Amerikaner und Amerikanerinnen kennen gelernt, deren
272
politiſche Einſicht und Weitſicht eine derartig flagrante Vertrauens⸗
verletzung, wie ſie Herr Wilſon beging, in Rückſicht auf das politiſche
Anſehen Amerikas unmöglich billigen kann. Von dieſen ſtaatsegoiſti⸗
ſchen, nicht von irgendwie ſentimentalen Rückſichten aus erhoffe ich von
jenſeits des Ozeans Erleichterung für unſer Vaterland.
Zu dieſem Unrecht der fallengelaſſenen 14 Punkte kommt hinzu,
daß Herr Wilſon als erſter die Forderung des Rücktritts an das
deutſche Herrſcherhaus ſtellte, indem er durchblicken ließ, dem deutſchen
Volke werde dann ein beſſerer Friede gewährt werden. Bevor die
Regierung des Prinzen Max ſich die Forderung meiner Thronentſagung
zu eigen machte mit der nämlichen Begründung wie Herr Wilſon,
daß Deutſchland in dieſem Falle beſſere Bedingungen erhalten
würde — die Vermeidung des Bürgerkrieges kam erſt als zweites
Druckmittel —, wäre es ihre Pflicht geweſen, ſich irgendwie reale
Garantien von ſeiten des Herrn Wilſon zu verſchaffen. Jedenfalls
haben die Behauptungen, die immer dringender und drängender
wurden, meinen Entſchluß, außer Landes zu gehen, mit zur Reife
gebracht, weil ich glauben mußte, meinem Vaterlande damit einen
großen Dienſt zu erweiſen. Ich ſtellte meine und meines Hauſes
wahrlich nicht geringen Intereſſen zurück und überwand mich, aller⸗
dings unter den ſchwerſten inneren Kämpfen, dazu, dem Wunſche
der maßgebenden deutſchen Stellen zu entſprechen. Es hat ſich her—
ausgeſtellt, daß die deutſche Regierung keinerlei reale Garantien
beſaß. Für mich mußte bei den damals ſich überſtürzenden Ereig⸗
niſſen die eindeutige und beſtimmte Meldung des Reichskanzlers
maßgebend ſein. Deshalb habe ich auf eine Nachprüfung verzichtet.
Jetzt iſt es klar, weshalb die Entente durch Herrn Wilſon meinen
Rücktritt forderte. Sie war ſich vollkommen klar darüber, daß mit
meiner Depoſſedierung militäriſche und politiſche Haltloſigkeit in
Deutſchland eintreten mußte, die es ermöglichte, nicht beſſere, ſondern
härtere Bedingungen bei Deutſchland durchzudrücken. Die Revolu⸗
18 Kaiſer Wlihelm II. 273
tion war damals noch nicht als Helferin der Entente aufgetreten.
Mein Verbleiben auf dem Throne würde alſo ſchon nach Anſicht
der Entente für Deutſchland vorteilhafter geweſen ſein, als meine
Thronentſagung. Ich ſelbſt ſtimme dieſer Auffaſſung der Entente
zu, nachdem ſich herausgeſtellt hat, daß die Regierung Max von
Baden keinerlei ſubſtanziierte Unterlagen für ihre Behauptung
hatte, meine Abdankung würde meinem Vaterlande vorteilhaftere
Bedingungen bringen. Ich gehe noch weiter und ſage, daß die
Entente es überhaupt nicht gewagt hätte, einem intakten Deutſchen
Kaiſerreiche derartige Bedingungen anzubieten. Einem Kaiferreiche
gegenüber, dem nicht gerade im Endkampf um ſeine Exiſtenz mit
Hilfe deutſcher Utopiſten das parlamentariſche Syſtem aufgezwungen
geweſen wäre, deſſen Monarchie nicht die Kommandogewalt über
Heer und Flotte entwunden geweſen wäre, hätte man das nicht
gewagt. Alſo auch in der Forderung meiner Abdankung ſeitens
des Herrn Wilſon unter Vorſpiegelung beſſerer Bedingungen für
Deutſchland liegt eine ſchwere Schuld des amerikaniſchen Ex—
präſidenten. Jedenfalls bietet ſich auch hierin ein Anſatzpunkt für
den gewaltigen Hebel, der den Vertrag von Verſailles aus ſeinen
Siegeln und Verſchlüſſen herausheben muß. In Deutſchland ſollte
man aber niemals Herrn Wilſon mit dem amerikaniſchen Volke
verwechſeln. —
Wenn ich im folgenden meine politiſchen Grundſätze darlege, ſo
geſchieht das ausſchließlich, um die Beweisführung der deutſchen
Nichtſchuld am Weltkriege ſtützen zu helfen.
Von meinem Regierungsantritt an iſt die Grundlage der deutſchen
Politik auf den Ausgleich der vorgefundenen Gegenſätze eingeſtellt
worden. Die Geſamtanlage meiner Politik war alſo eminent fried—
lich. In der inneren Politik zeigte die von mir angeſtrebte Arbeiter—
ſchutz-Geſetzgebung dieſe friedliche ausgleichende Linie gleich zu Beginn
meiner Regierung. Auf dem gleichen Grundſatz baſierte der Aus—
274
bau der fozialen Geſetzgebung, die Deutſchland in der ſtaatlichen
Fürſorge an die Spitze der zivilifierten Völker führte.
Der grundlegende Gedanke ausgleichender Politik führte im Innern
ſo weit, daß bei der Armeeſtärke weit hinter der Möglichkeit zurück—
geblieben wurde, die die allgemeine Wehrpflicht und die Bevölkerungs—
zahl dem Deutſchen Reiche boten. Hier, wie beim Flottenbau, wurden
die Abſtriche des Reichstages von der Krone und den Regierungen hin—
genommen. Damals ſchon blieb die Wehrhaftigkeit Deutſchlands der
Entſcheidung der Volksvertretung überlaſſen. Ein Staat, der den Krieg
wollte und vorbereitete, hätte eine ganz andere Taktik eingeſchlagen.
Je deutlicher die Einkreiſungs- und Angriffspolitik der Entente
wurde, um ſo mehr hätte aus Gründen der Abwehr der Schutz
unſeres Wohlſtandes geſtärkt werden müſſen. Dieſer natürliche und
pflichtmäßige Gedanke des Selbſtſchutzes im Sinne der Verteidigung
für den Fall eines feindlichen Angriffs iſt nur in kümmerlichem
Maße zur Auswirkung gekommen.
Deutſchlands Friedfertigkeit hat es in der Tat nicht zuwege
gebracht, dieſen Schutz zu Lande und zu Waſſer ſeinem finanziellen
und völkiſchen Können und dem Riſiko entſprechend auszubauen,
das ein Krieg für unſeren Wohlſtand mit ſich bringen mußte. Wir
leiden alſo jetzt nicht unter den Folgen einer uns angedichteten An—
griffstendenz, ſondern gerade unter den Folgen einer kaum glaub—
lichen Friedensliebe und Vertrauensſeligkeit.
Die ganz anders gearteten politiſchen Grundſätze der Entente
habe ich ſchon ausgeführt, ebenſo unſere unausgeſetzten Anſtrengungen,
mit den einzelnen Ententeländern in gute Beziehungen zu kommen.
Ich möchte aber auch die Kleinarbeit nicht ganz unter den Tiſch
fallen laſſen, die von Deutſchland im Rahmen der großen Politik,
immer mit dem gleichen Ziel des Ausgleichs beſtehender Gegenſätze,
geleiſtet worden iſt. Die Kieler Woche hat Gäſte aus aller Herren
Länder zu uns geführt. Auf dem neutralen Gebiete des Sports
18* 275
wurde der Ausgleich ebenſo von uns gefucht, wie auf dem Gebiete
der Wiſſenſchaft durch den Profeſſorenaustauſch. Ausländiſchen
Offizieren wurde bereitwilligſt Einblick in unſere Heereseinrichtungen
gewährt. Man mag das letztere rückblickend als Fehler bezeichnen,
aber dies alles ſind doch untrügliche Beweiſe unſeres ehrlichen
Willens, mit Allen in Frieden zu leben.
Deutſchland hat außerdem keine einzige der Gelegenheiten
benutzt, die ſich ihm boten, um mit ſicherer Ausſicht auf Er—
folg Krieg zu führen.
Ich habe ſchon beim ruſſiſch-japaniſchen Kriege die wohlwollende
Neutralität Deutſchlands Rußland gegenüber hervorgehoben.
Wir hätten, als England im Burenkrieg ſtark engagiert war,
gegen England oder aber gegen Frankreich fechten können, das da⸗
mals auf die engliſche Hilfe hätte verzichten müſſen. Wir haben es
nicht getan. Ebenſo hätten wir während des ruſſiſch-japaniſchen
Krieges nicht nur gegen Rußland, ſondern auch gegen Frankreich
kämpfen können. Wir haben es nicht getan.
Neben der ſchon erwähnten Marokkokriſis, bei der wir Kriegs⸗
gedanken ablehnten, haben wir in der diplomatiſchen Überwindung
der bosniſchen Kriſe unſeren Friedenswillen kundgetan.
Wenn man zuſammenfaſſend dieſe ganz klaren politiſchen Vor-
gänge überblickt und die Außerungen von Entente-Staatsmännern,
wie Poincaré, Clemenceau, Iſwolſki, Tardieu und anderen heran—
zieht, ſo fragt man ſich erſchüttert, wie ein Friedensvertrag auf der
Schuld Deutſchlands am Weltkriege aufgebaut und durchgeführt
werden kann. Dieſer Fehlſpruch wird vor dem Richterſtuhl der
Weltgeſchichte nicht ſtandhalten. —
Ein Franzoſe, Louis Guetant, Lyoner Delegierter des Verbandes
für die Menſchenrechte, hat kürzlich folgendes ausgeſprochen:
„Betrachten wir einmal die Dinge ohne Vorurteil, in voller
Unabhängigkeit und Offenheit, ohne uns darum zu kümmern, in
276
welches Lager der Zufall unferer Geburt uns verſchlagen hat. Da
drängt ſich uns zuerſt folgende Erwägung auf: Der Krieg von 1914
iſt eine Folge des Krieges von 1870. Denn ſeit jenem Zeitpunkte
hat uns, mehr oder weniger verhüllt, der Gedanke an die Revanche
nicht mehr verlaſſen.
Den Krieg von 1870 aber hat die franzöſiſche Regierung an—
geſtrebt und erklärt. Das franzöſiſche Kaiſertum hatte ihn ja ſo
nötig, um gegen die inneren Schwierigkeiten und ſeine immer zu—
nehmende Unbeliebtheit in der Offentlichkeit anzukämpfen. Gambetta
ſelbſt, der wilde Tribun der Oppoſition, ruft aus: »Wenn das
Kaiſertum uns das linke Rheinufer verſchafft, ſöhne ich mich mit
ihm aus!« Es handelt ſich alſo um einen Eroberungskrieg. Was
die eroberten Völkerſchaften dazu ſagen werden, davon iſt nicht die
Rede. »Wir werden ihren Willen unter den unſeren beugen«, ſo
will es das Recht des Siegers!
Und nun ſollte plötzlich die Gelegenheit hierzu Frankreich ent—
ſchlüpfen. Angeſichts der durch feine Kandidatur hervorgerufenen poli-
tiſchen Schwierigkeiten und Kriegsgefahren erklärt Prinz Leopold ſich
bereit, zurückzutreten. Das iſt ſchlimm! Ohne Vorwand kein Krieg!
Es erging Frankreich, wie dem Milchmädchen in der Fabel mit
dem zerbrochenen Topf, nur daß es ſtatt: »Fahr wohl, Kalb, Kuh,
Schwein, Hühnervolk« nun hieß: »Fahr wohl, blutiger Gewinn,
Ruhm, Sieg, linkes Rheinufer, ja ſogar Belgiens, denn dieſes lag
ja auch am linken Rheinufer, nach dem Frankreich trachtete. Nein,
das wäre zu hart, die Enttäuſchung wäre zu groß geweſen, die Ge—
legenheit mußte wieder herbeigeführt werden. Die ganze chauviniſtiſche
Preſſe, die ganze großſprecheriſche Sippe bemühte ſich darum, und
bald war ein Ausweg gefunden. Gramont, der Winiſter des Außern,
beauftragte den Botſchafter Benedetti, König Wilhelm in Ems, wo
dieſer zur Kur weilte, aufzuſuchen und von ihm ein ſchriftliches Ver—
ſprechen zu fordern, daß für den Fall, daß Prinz Leopold über ſeinen
277
Verzicht anderen Sinnes werden follte, er, Wilhelm, als Familien-
oberhaupt dagegen Stellung nehmen werde.
Der Verzicht des Prinzen Leopold wurde Frankreich in untadel—
haft rechtskräftiger Form angezeigt und von der ſpaniſchen Regierung
offiziell angenommen. Ein Zweifel über ſeine Echtheit konnte nicht
beſtehen. Trotzdem hetzten die Pariſer Zeitungen faſt ausnahmslos
zum Kriege. Wer, wie Robert Mitchell im »Konftitutionell«, feiner
Freude über die Friedensausſichten Ausdruck verlieh und ſich für
befriedigt erklärte, wurde auf der Gaſſe beſchimpft. Gambetta rief
ihm zu: „Sie find befriedigt?! Welch niederträchtiger Ausdruckle
Man raubte die Nummern ſeiner Zeitung aus den Kiosken, man
tauchte ſie in den Fluß und warf ſie ihm ins Geſicht! Emile de Girar—
din ſchrieb ihm: »Die Gelegenheit iſt einzig, unverhofft, wenn das
Reich fie verſäumt, iſt es verloren!« Damals begann die Dor-
bereitung zum Kriege von 1914!“
Auch ſolche Stimmen, die weder in Frankreich noch in England
vereinzelt ſind, müſſen immer wieder als Belege dafür herangezogen
werden, daß wir nicht die Schuld tragen. —
Gewiß ſind unſere politiſchen und diplomatiſchen Operationen
im Laufe der Jahrzehnte nicht fehlerlos angelegt und durchgeführt
worden. Aber wo Fehler von uns gemacht wurden, gingen ſie doch
ſtets aus der übergroßen Sorge um die Erhaltung des Weltfriedens
hervor. Solche Fehler ſind keine Schuld.
Ich betrachte z. B., wie ich bereits ausführte, ſchon den Berliner
Kongreß als einen Fehler, denn er verſchlechterte unſer Verhältnis zu
Rußland. Der Kongreß war ein Sieg Diſraeli's, ein anglosöfter-
reichiſcher Sieg über Rußland, der die ruſſiſche Wut gegen Deutſchland
lenkte. Aber was iſt nachdem nicht alles geſchehen, um Rußland aus-
zuſöhnen! Ich habe es teilweiſe aufgezählt. Und die Abſicht, die Fürſt
Bismarck mit dem Berliner Kongreß verfolgte, war, wie ich nachgewieſen
habe, lediglich die Verhinderung eines allgemeinen großen Krieges.
278
Auch der Kanzler v. Bethmann Hollweg, der von mir die
ſtrikte Ordre hatte, den Frieden, wenn irgend möglich, zu erhalten,
hat 1914 Fehler gemacht, er war ſtaatsmänniſch der Weltkriſe in
keiner Weiſe gewachſen. Man kann aber nicht, weil die Gegner
unſere Fehler ausnutzten, uns die Schuld am Kriege zuſchieben.
Den Krieg wollte Bethmann verhindern, wie wir alle. Das geht
ſchon daraus hervor, daß er in feinem politiſchen Beharrungsver—
mögen bis zum 4. Auguſt mit England in dem Irrglauben weiter
verhandelte, er könne England aus der Entente heraushalten.
Ich erinnere bei dieſer Gelegenheit auch an den Irrtum, in dem
ſich der deutſche Botſchafter in London Fürſt Lichnowsky befand.
Bald nachdem er Botſchafter geworden war, ſagte ſich König Georg
zum Eſſen in der deutſchen Botſchaft an. Dem Beiſpiel des Königs
folgte automatiſch die erſte Geſellſchaft Londons. Der Fürſt und
die Fürſtin wurden ſehr ausgezeichnet und geſellſchaftlich glänzend
behandelt. Daraus ſchloß der deutſche Botſchafter, daß unſer Ver—
hältnis zu England ſich gebeſſert hätte, bis Sir Edward Grey ihm
kurz vor dem Kriege kühl erklärte, der Fürſt dürfe aus geſellſchaft—
licher Bevorzugung und perſönlich guter Behandlung keine politiſchen
Schlüſſe ziehen. In dieſer Außerung offenbart ſich der Unterſchied
zwiſchen dem engliſchen und dem deutſchen Empfinden. Der Deutſche
nahm geſellſchaftliches Entgegenkommen als den Ausdruck politiſchen
Entgegenkommens, weil der Deutſche gewohnt iſt, Abneigung und Zu⸗
neigung auch in den äußeren Umgangsformen zum Ausdruck zu bringen.
Er macht aus ſeinem Herzen keine Mördergrube. Der Engländer trennt
dieſe Dinge, er hat eher ein Vergnügen daran, wenn der andere Form
und Inhalt verwechſelt, bzw. die Form als den Ausdruck der Geſinnung
und politiſcher Anſichten anſieht. Vom engliſchen Standpunkte aus
war die erwähnte Außerung Sir Edward Grey's eine große Offenheit.
Die viel erörterte, von mir ſchon geſtreifte Nichterneuerung des
Rückverſicherungsvertrages mit Rußland iſt nicht als ſo einſchneidend
279
anzuſehen, daß fie Krieg oder Frieden beeinflußt hätte. Der Rück—
verſicherungsvertrag hätte meines Erachtens das Rußland Nikolaus II.
nicht abgehalten, den Weg zur Entente zu gehen, unter Alexander III.
war er überflüſſig. Die Anſicht des Fürſten Bismarck, der ruſſiſche
Botſchafter, Graf Schuwaloff, hätte wohl mit ihm, nicht aber mit
ſeinem Nachfolger den Rückverſicherungsvertrag erneuert, iſt natürlich
die ehrliche, ſubjektive Auffaſſung des Fürſten. Sachlich hält fie den
damaligen beiderſeitigen Erwägungen nicht ſtand. Der Unterſtaats⸗
ſekretär des Fürſten, Graf Berchem, z. B. hat ſich in einem Bericht
an den Fürſten amtlich geäußert, daß der Vertrag nicht erneuert
werden könnte, alfo auch nicht durch Schuwaloff. Ich war der An-
ſicht, daß nicht der alte, ſondern nur ein neuer, anders gearteter Ver⸗
trag möglich war, zu deſſen Abfaſſung nämlich Oſterreich hinzugezogen
werden mußte, ähnlich dem alten Drei-Kaiſer⸗Verhältnis. Aber, wie
geſagt, Verträge mit Nikolaus II. wären mir nicht unbedingt haltbar
erſchienen, zumal nachdem ſich auch die Stimmung in der ſehr einfluß⸗
reichen ruſſiſchen Generalität gegen Deutſchland gewendet hatte.
Von der klaren Erkenntnis, daß Deutſchland ausſchließlich durch
die Erhaltung des Weltfriedens zu der notwendigen realen Welt⸗
ſtellung und Weltgeltung gelangen konnte, war unſer Handeln be—
ſtimmt worden, Dies wurde noch durch perſönliche Momente unter-
ſtützt. Ich habe nie kriegeriſchen Ehrgeiz beſeſſen. Mein Vater hatte
mir in meiner Jugend furchtbare Schilderungen der Schlachtfelder von
1870 und 71 gegeben, ich ſpürte keine Neigung, ſolches Elend in riefen-
haft vergrößertem Maßſtabe über das deutſche Volk und über die
ganze ziviliſterte Menſchheit zu bringen. Der greiſe Feldmarſchall
Graf Moltke, den ich hoch verehrte, hatte die prophetiſche Warnung
hinterlaſſen: Wehe dem, der die Brandfackel des Krieges in Europa
wirft! Und ein politiſches Vermächtnis des großen Kanzlers war
es für mich, daß Fürſt Bismarck geſagt hat, Deutſchland dürfe nie⸗
mals einen Präventivkrieg führen, Deutſchland ſei ſaturiert.
280
So ergaben politiſche Einſicht, perſönliche Anlage, die Vermächt—
niſſe der beiden großen Männer Bismarck und Moltke und der
Wille des deutſchen Volkes, friedlicher Arbeit nachzugehen und ſich
nicht in Abenteuer zu ſtürzen, den Kurs der deutſchen Politik
auf die Erhaltung des Weltfriedens. Das, was in übel-
wollenden Kreiſen über das Beſtehen einer deutſchen Kriegspartei
geſagt worden iſt, iſt eine bewußte oder unbewußte Unwahrheit. Es
gibt in jedem Lande Elemente, die in ſchweren Lagen aus ehrlicher
Überzeugung oder aus weniger hohen Motiven den Appell an das
Schwert befürworten, aber niemals haben ſolche Kreiſe Einfluß auf
den Gang der deutſchen Politik gehabt. Die Anſchuldigungen be=
ſonders, die gegen den Generalſtab erhoben worden ſind, als habe
er zum Kriege getrieben, ſind gänzlich haltlos. Der preußiſche
Generalſtab hat in harter, treuer Arbeit ſeinem Könige und dem
Vaterlande gedient und Deutſchlands Wehr in langer Friedensarbeit
ſtark erhalten, wie es ſeine Pflicht war, aber der politiſche Einfluß,
den er ausübte, war gleich Null. Das Intereſſe an der Politik war
bekanntlich in der preußiſch-deutſchen Armee nie beſonders groß.
Zurückblickend könnte man ſogar fagen, daß es beſſer für uns ge—
weſen wäre, wenn man ſich in den leitenden militäriſchen Kreiſen
etwas mehr mit der auswärtigen Politik beſchäftigt hätte.
Wie nun bei dieſer ganz klaren Lage der Frieden von Verſailles
auf der Schuld Deutſchlands am Weltkriege aufgebaut werden konnte,
müßte als ein unlösbares Rätſel erſcheinen, wenn man nicht in⸗
zwiſchen die ungeheuerliche Wirkung eines neuartigen Kriegsmittels
hätte erkennen können, nämlich der großangelegten, mit Kühnheit und
Skrupelloſigkeit durchgeführten politiſchen Propaganda Eng—
lands gegen Deutſchland. Ich kann mich nicht dazu verſtehen, dieſe
Propaganda mit Schlagworten, wie „Gemeinheit“ uſw. abzutun,
denn fie iſt eine Leiſtung, die man trotz ihrer widerlichen Art nicht
unbeachtet laſſen darf und die uns mehr Schaden getan hat, als
281
die Waffe des Gegners. Uns Deutſchen ift ein ſolches Inſtrument
der Unaufrichtigkeit, der Verdrehung und Heuchelei nicht ſympathiſch,
es liegt dem deutſchen Volkscharakter nicht. Wir beſtreben uns, auch
unſere Gegner mit der Waffe der Wahrheit zu überzeugen. Aber
der Krieg iſt eine harte Kunſt, es kommt darauf an, zu ſiegen. Es
iſt ja auch nicht ſympathiſch, mit ſchweren Geſchützen auf zivilifierte
Menſchen, auf ſchöne, alte Städte zu ſchießen, und dennoch mußte
es von beiden Seiten geſchehen. Wir hätten übrigens während des
Krieges eine Propaganda ſo großen Stils wie unſere Gegner ſchon
deshalb nicht entfalten können, weil dieſe den Rücken frei hatten,
während wir umlagert waren. Die meiſten Deutſchen haben auch
nicht die Gabe, eine Propaganda auf die verſchiedene Mentalität der
verſchiedenen Nationen, auf die ſie wirken ſoll, zuzuſchneiden. Aber
wie die Engländer uns mit ihrer furchtbaren Waffe der Tanks über—
legen waren, der wir gleichartiges nicht entgegen zu ſtellen hatten, ſo
waren ſie es auch mit der ſehr wirkſamen Propagandawaffe. Dieſe
Waffe wirkt auch jetzt noch fort, und gegen ſie müſſen wir uns noch
immer und immer wieder verteidigen. Denn es kann kein Zweifel
darüber beſtehen, daß der Fehlſpruch von Verſailles nicht mit der
Schuld Deutſchlands am Weltkriege hätte begründet werden können,
wenn nicht die Propaganda vorher ihre Schuldigkeit getan und —
z. T. mit Unterſtützung der deutſchen Pazifiſten — die Hirne von über
100 Millionen Menſchen fo auf die Schuld Deutſchlands eingeſtellt
hätte, daß der Fehlſpruch von Verſailles vielen begründet erſchien.
Inzwiſchen iſt es anders geworden. Die Schranken zwiſchen den
Völkern ſind gefallen, und allmählich erwacht unter dieſen die Er—
kenntnis, wie ihre Gutgläubigkeit irre geleitet worden iſt. Die Reak—
tion wird vernichtend für die Urheber des Verſailler Friedens ſein,
aber ſie wird Deutſchland helfen. Es iſt wohl ſelbſtverſtändlich, daß
von den eingeweihten Staatsmännern, Politikern, Publiziſten der
Entente nicht ein einziger von der Schuld Deutſchlands am Welt—
282
4 5
T nn
kriege wirklich überzeugt iſt. Sie alle kennen die wirklichen Zufammen=-
hänge. Und es haben ſich gewiß noch niemals um ein einziges gemein—
ſames Geheimnis ſo viele Auguren angelächelt wie bei der Schuld—
frage am Weltkriege. Man kann geradezu von einem Chor der Auguren
ſprechen. Das liegt mit daran, daß 28 Staaten gegen Deutſchland im
Kriege ſtanden. Aber auch mit dem ſchlaueſten Augurenlächeln wird
am Ende nicht Weltgeſchichte gemacht. Die Wahrheit wird ihre Bahn
ziehen und damit wird Deutſchland zu ſeinem Rechte kommen.
Die einzelnen Beſtimmungen des Verſailler Vertrages ſind in
ſich gegenſtandslos, weil ſie weder von der Entente noch von Deutſch—
land innegehalten werden können. Man kann ja ſchon ſeit Monaten
beobachten, welche Schwierigkeiten nicht nur Deutſchland, ſondern
auch den Siegern aus einem ſo überſpannten Inſtrument erwachſen.
In vielem iſt der Vertrag ſchon durch die Entente ſelbſt durchlöchert.
Das hat einen ſehr einfachen Grund. Es iſt bei dem heutigen
hochentwickelten Zuſtand der Welt, der auf einem freien, nur durch
die Produktion ſelbſt geregelten planmäßigen Austauſch der mate—
riellen und der geiſtigen Güter beruht, ganz unmöglich, daß ſich
irgendwo drei Männer hinſetzen — und mögen ſie noch ſo hervor—
ragend ſein — und nun einer Welt paragraphierte Geſetze vor—
ſchreiben. Das aber beſorgt der Verſailler Vertrag nicht nur für
Deutſchland, ſondern indirekt auch für die Entente und für Amerika,
denn alle wirtſchaftlichen Fragen ſind nur beiderſeitig, nicht einſeitig
zu löſen. Das Leben der Völker regelt ſich ſtets und ganz beſon—
ders in unſerem Zeitalter nicht nach Paragraphen, ſondern einzig
und allein nach den Bedürfniſſen der Völker. Es kann durch UÜber-
ſpannung machtmäßiger Entſcheidungen wohl vorübergehend den
Völkerbedürfniſſen Gewalt angetan werden, dann leiden aber beide
Teile darunter. In dieſem Stadium befindet ſich die Welt augen—
blicklich. Solche Zuſtände können nicht von Dauer ſein. Weder
Geſchütze, noch Tanks, noch Flugzeuggeſchwader können fie verewigen.
283
Der Abbau ift deshalb im Beginnen, denn wenn der Friede von
Verſailles ein ſo einſichtiges, weltbeglückendes, tadelloſes Inſtrument
wäre, dann brauchte man ſich nicht fortwährend zu neuen Konfe—
renzen, Ausſprachen, Zuſammenkünften über dieſes „wunderbare“
Inſtrument zuſammenzufinden. Die Notwendigkeit immer neuer
Interpretationen liegt eben darin, daß die Bedürfniſſe des Lebens
hochkultivierter und ziviliſierter Nationen bei der Redaktion des
Friedens außer Acht gelaſſen wurden.
Man ſoll indeſſen nicht phariſäiſch ſein: bis zu einem gewiſſen
Grade iſt nach einem Weltringen um Leben und Tod die Über—
fpannung der Bedingungen durch den obſiegenden Teil eine natür—
liche Folge des befreienden Gefühls, der Todesgefahr entronnen zu
ſein. Ich weiß trotzdem, daß Deutſchland im Falle eines für uns
glücklichen Kriegsausganges ganz andere, d. h. billige und erträgliche
Bedingungen geſtellt hätte. Die Friedensſchlüſſe von Breſt und
Bukareſt — übrigens gar nicht mit dem von Verſailles vergleich—
bar — können nicht gegen uns herangezogen werden. Sie wurden
mitten im Kriege abgeſchloſſen und mußten uns Bedingungen ein—
räumen, die uns bis zum Schluſſe des Krieges ſicherten. In einem
allgemeinen Frieden hätte der Oſtfriede ganz anders ausgeſehen.
Er wäre bei einem für uns glücklich beendeten Kriege von uns ſelbſt
revidiert worden. Damals, als er geſchloſſen wurde, war es not—
wendig, die militäriſchen Erforderniſſe voranzuſtellen.
Aber die Aufklärung über den Fehlſpruch von Verſailles iſt auf
dem Marſche, und die Bedürfniſſe des heutigen Völkerlebens werden
für die Sieger und für die Unterlegenen ihre gebieteriſche Sprache
ſprechen.
Den Jahren ſchwerſter Prüfung wird die Befreiung von einem
Joch folgen, das einem großen, ſtarken, ehrlichen Volke zu Unrecht
aufgezwungen worden iſt. Dann wird wieder jeder froh und ſtolz
ſein, daß er ein Deutſcher iſt.
284
Der limiftun;
und Deutſchlands
Zukunft
2855 unſere Feinde über mich ſagen, iſt mir gleichgültig. Ich
erkenne ſie als Richter über mich nicht an. Wenn ich ſehe,
wie dieſelben Leute, die mir früher in übertriebenem Maße Weih—
rauch geſtreut haben, mich heute mit Schmutz bewerfen, ſo kann ich
höchſtens ein Gefühl des MWitleids empfinden. Was ich aus der
Heimat Bitteres über mich höre, enttäuſcht mich. Gott iſt mein
Zeuge, daß ich immer das Beſte für mein Land und mein Volk
gewollt habe, und ich glaubte, daß jeder Deutſche das erkannt und
gewürdigt hätte. Ich habe mich ſtets beſtrebt, mein politiſches Handeln,
alles, was ich als Herrſcher und als Menſch tat, in Übereinftimmung
mit den Geboten Gottes zu halten. Manches iſt anders gekommen,
als ich wollte — mein Gewiſſen iſt rein. Das Wohl meines
Volkes und meines Reiches war das Ziel meines Handelns.
Mein perſönliches Schickſal trage ich mit Ergebenheit, denn der
Herr weiß, was Er tut und was Er will. Er weiß, weshalb Er
mich dieſe Prüfung durchmachen läßt. Ich werde alles geduldig tragen
und abwarten, was Gott weiter mit mir vorhat. Wich ſchmerzt nur
das Schickſal meines Landes und meines Volkes. Wich ſchmerzt die
harte Leidenszeit meiner deutſchen Landeskinder, die ich — gezwungen,
im Auslande zu leben — nicht mit ihnen tragen kann. Das iſt der
Schwertſtreich durch meine Seele, das iſt bitter für mich. Auch
hier in der Einſamkeit fühle und denke ich nur für das deutſche Volk,
wie ich durch Aufklärung und Rat beſſern und helfen könnte. Auch
herbe Kritik vermag niemals meine Liebe zu Land und Volk zu bes
287
einträchtigen. Ich bleibe den Deutſchen treu, ganz gleichgültig, wie
ſich der Einzelne jetzt zu mir ſtellt. Denen, die im Unglück zu mir
ſtehen, wie einſt im Glück, bin ich dankbar. Sie helfen mich aufrichten,
ſie lindern das an mir zehrende Heimweh nach meiner geliebten deut—
ſchen Heimat. Die, die ſich aus ehrlicher Überzeugung gegen mich
ſtellen, kann ich achten. Die andern mögen ſehen, wie ſie vor Gott,
ihrem Gewiſſen und der Geſchichte beſtehen. Ihnen wird es nicht
gelingen, mich von den Deutſchen zu ſcheiden. Ich kann Land und
Volk immer nur als Ganzes ſehen. Wie ich am 4. Auguſt 1914 bei
der Reichstagseröffnung im Kaiſerſchloß zu Berlin ſagte: „Ich kenne
keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutſche“, ſo iſt es geblieben.
Der Kaiſerin hat der Umſturz das Herz gebrochen. Sie alterte vom
November 1918 an zuſehends und konnte den körperlichen Leiden nicht
mehr die frühere Widerſtandskraft entgegenſtellen. So begann bald ihr
Siechtum. Am ſchwerſten trug ſie das Heimweh nach der deutſchen Erde,
nach dem deutſchen Volke. Trotzdem ſuchte ſie noch mich zu tröſten. —
Der Umſturz hat ungeheure Werte vernichtet. Er wurde in dem
Augenblick durchgeführt, als der Daſeinskampf des deutſchen Volkes
abgeſchloſſen werden ſollte und alle Kräfte ſich zum Wiederaufbau
zuſammenſchließen mußten. Er war ein Verbrechen am Volke. Ich
weiß ſehr wohl, daß viele, die zur ſozialdemokratiſchen Fahne ſtanden,
die Revolution nicht wollten. Auch einzelne ſozialdemokratiſche Führer
wollten ſie zu dieſem Zeitpunkte nicht, mancher von ihnen war bereit,
mit mir zu arbeiten. Aber dieſe Sozialdemokraten haben es nicht
verſtanden, die Revolution zu verhindern, darin liegt ihre Mitſchuld
an den heutigen Verhältniſſen. Dies um fo mehr, als die Sozialiſten⸗
führer den revolutionären Maſſen näher ſtanden als die Vertreter
des monarchiſchen Staates, alſo mehr Einfluß ausüben konnten. Aber
die Führer hatten ſchon in der Vorkriegszeit den revolutionären Ge⸗
danken in die Maſſen getragen und gepflegt, und die Sozialdemokratie
war ſeit jeher ein offener Feind der früheren, der monarchiſchen Staats-
288
form und ftrebte programmäßig nach deren Beſeitigung. Sie hat Wind
geſät und Sturm geerntet. Zeitpunkt und Art des Umſturzes iſt
auch manchen Führern nicht recht geweſen. Aber gerade ſie haben
in der entſcheidenden Stunde die Führung den zügelloſeſten Elementen
überlaſſen und haben ihren Einfluß zur Erhaltung des Staates nicht
aufgeboten. Die Regierung des Prinzen Max mußte die alte Staats⸗
form ſchützen. Sie hat ihre heilige Pflicht nicht erfüllt, weil ſie ſich
in Abhängigkeit von den ſozialiſtiſchen Führern begeben hatte, die
bereits ihren Einfluß auf die Maſſen an die radikalen Elemente
verloren hatten. Die Hauptſchuld fällt alſo auf die Führung. Des—
halb wird die Geſchichte nicht die deutſche Arbeiterſchaft mit dem
Fluch des Umſturzes belaſten, ſondern deren Führer, ſoweit ſie die
Revolution gemacht oder nicht verhindert haben, und die Regierung
des Prinzen Max von Baden. Die deutſche Arbeiterſchaft hat ſich
unter mir im Felde glänzend geſchlagen und auch zu Hauſe jahrelang
für Munition und Kriegsgerät geſorgt. Das darf nicht vergeſſen
werden. Später erſt bröckelten Teile von ihr ab. Das war aber
Schuld der Agitatoren und Umſtürzler, nicht des anſtändigen, patrio⸗
tiſchen Teiles der Arbeiterſchaft. Die gewiſſenloſen Hetzer ſind die
wahrhaft Schuldigen an dem völligen Zuſammenbruche Deutſchlands.
Das wird eines Tages auch von der Arbeiterſchaft erkannt werden.
Die Gegenwart Deutſchlands iſt ſchwer. An der Zukunft des
geſunden, ſtarken Volkes zweifle ich nicht. Ein Volk, das einen ſo
unerhörten Aufſtieg genommen hat, wie das deutſche von 1871 bis
1914, eine Nation, die ſich gegen 28 Staaten im Verteidigungs-
kriege über vier Jahre erfolgreich behauptet hat, iſt nicht vom Globus
zu ſtreichen. Die Weltwirtſchaft kann uns nicht entbehren.
Um aber die Stellung in der Welt wieder zu erlangen, die
Deutſchland zukommt, darf man nicht auf Hilfe von außen warten
oder rechnen. Sie kommt doch nicht. Höchſtens wäre ein Helotentum
erreichbar. Auch die Hilfe, die die deutſche Sozialdemokratie von
19 gaiſer Wilhelm 1. 289
der internationalen erhoffte, iſt ausgeblieben. Der internationale Pro⸗
grammteil der ſozialiſtiſchen Lehre hat ſich als ein furchtbarer Irrtum
herausgeſtellt. Die Arbeiter der Entente ſind gegen das deutſche Volk
ins Feld gezogen, um es zu vernichten. Von internationaler Solidarität
der Maſſen war nirgends eine Spur. Dieſer Irrtum iſt auch einer
der Gründe des für Deutſchland ſchlechten Kriegsausganges. Die
engliſche und franzöſiſche Arbeiterſchaft war von ihren Führern richtig,
d. h. national orientiert, die deutſche falſch, nämlich international.
Das deutſche Volk darf ſich auf keinen anderen, ſondern nur
auf ſich ſelbſt verlaſſen. Wenn ſelbſtbewußtes nationales Empfinden
in alle Schichten unſeres Volkes wiederkehrt, dann wird der Auf—
ſtieg beginnen. Alle Klaſſen der Bevölkerung müſſen im nationalen
Empfinden einig ſein, wenn ihre Wege ſich auch auf anderen Ge—
bieten des ſtaatlichen Lebens trennen mögen. Das iſt die Stärke
Englands, Frankreichs, ja der Polen. Dann wird auch das Gefühl
der Zuſammengehörigkeit aller Volksgenoſſen, das Bewußtſein der
Würde unſerer edlen Nation, der Stolz, ein Deutſcher zu ſein, und
jene echt deutſche Ethik wiederkehren, die eine der geheimen Kräfte
war, die Deutſchland ſo groß gemacht haben. Deutſchland wird
wieder wie vor dem Kriege in der Geſellſchaft der Kulturvölker die
Rolle des Staates der größten Arbeitsleiſtung ſpielen. Es wird
wieder in friedlichem Wettbewerb auf den Gebieten der Technik, der
Wiſſenſchaft und der Kunſt ſiegreich vorangehen und nicht nur ſich ſelbſt,
ſondern allen Nationen der Erde das Beſte bieten. Ich glaube an die
Beſeitigung des Fehlſpruchs von Verſailles durch die Einſicht der ver—
nünftigen Elemente des Auslandes und durch Deutſchland ſelbſt. Ich
glaube an das deutſche Volk und an die Fortſetzung ſeiner friedlichen
Miffion auf der Welt, die durch einen furchtbaren Krieg unterbrochen
wurde, den Deutſchland nicht gewollt, alſo auch nicht verſchuldet hat.
Ende.
Anmerkungen und Regiſter
Bei den Seitenangaben hebt ein Sternchen (*) die wichtigen Stellen hervor
Abdankung: 237, 239/42, *243/5.
— ihre Gründe: 244/6, 250, 254.
— u. Wilſon: 273/4.
Abdul Hamid II., 1876-1909 türk.
Sultan ( 1918): 119, 136, 181.
Achenbach, Heinr. v. (1829-99), 1879
Oberpräſident, führte 1882 Prinz Wilhelm
in die Verwaltung ein: 27.
Admiralſtab (f. Reichsmarineamt): 201.
Agadir ſ. unter Marokko.
Agrarier: 26, 45.
Agyptiſche Frage: die Stellung Eng—
lands in dem 1882 beſetzten A.: 121, 267.
Ahlbeck (Oſtſeebad), Kinderheim: 37.
Albanien, ſeit 1913 auf Beſchluß der
Großmächte ſelbſtändiges Fürſtentum (vgl.
unter Wied u. Eſſad Paſcha): 118/9,134/9.
Albedyll, Emil v. (1824-97), 1871/88
Chef des Wilitärkabinetts: 8.
Alexander II., 1855/81 Zar: 14.
Alexander III. (geb. 18450, 1881/94 ruſſ.
Zar: 11/3,15 e ee 268,280.
Alexandra (geb. 1844), Königin v. Engl.,
1863 vermählt m. Eduard VII.: 107, 110.
Algeciras ſ. unter Marokko.
Althoff, Friedr. (1839-1908), 1882
Vortrag. Rat, 1897 Miniſterialdirektor im
preuß. Rultusminifterium: 90, 152, 164.
Amerika ſ. Vereinigte Staaten.
Andraſſy, Graf Julius, 1867/79 öfterr.=
ungar. Miniſterpräſident: 6.
Andraſſy, Graf Julius (geb. 1860),
Sohn des vorigen, 24. X./2. XI. 1918
Miniſter des Außern: 234.
Antwerpen-Maas-Linie, am 4. XI.
885 bezogene RNückzugsſtellung: 235/65,
238.
Anzer, Joh. Baptiſt v. (1851-1903),
kath. Miſſionsbiſchof u. apoſtol. Vikar in
Süd⸗Shantung: 57.
Arbeiterfhaft u. der Kaſſer: 30/4, 37/9.
— u. die Revolution: 289.
Arbefterſchutz-Konferenz, internatio—
nale in Berlin 15./29. III. 1890: 31, 35.
Arbeiterſchutz- und Sozial-Geſetz—
gebung: Ihr Programm verkündete die
Botſchaft Kaiſer Wilhelms J. vom 17. XI.
1881. Grundlegende Geſetze: Kranken-
verſicherung (1883), Unfallverſicherung
292
(1884), Invaliden- u. Alters verſicherung
(1889), durch Novellen ſtändig erweitert
u. verbeſſert. Die Reichs verſicherungsord—
nung v. 19. VII. 1911 faßte die bisherigen
Sozialverſicherungsgeſetze unter weſent—
licher Ergänzung zufammen. Dem Ar-
beiterfhut (Erlaß des Kaiſers vom 4.11.
1890) im engeren Sinne galten die No=
velle zur Gewerbeordnung von 1891 u.
andere Geſetze, die vor allem Beſchränkung
der Sonntags- u. Nachtarbeit, der Arbeits-
zeit u. der Beſchäftigung von Frauen, Ju⸗
gendlichen u. Kindern anordneten u. für
die Beaufſichtigung durch Gewerbeauf—
ſichtsbeamte u. Fabrikinſpektoren ſorgten:
4, *31/5, 274½.
Archäologie: 168/71.
Armee, Dienſt des Kaiſers: 17, 190.
— Entwicklung: *189/92, 275.
— 8 im Kriege: 114,154, *220/1,
236.
— zu Kriegsende: 190, 235, 238, 241/5.
Artillerie, ſchwere: 192.
Asquith, Herbert Henry (geb. 1852),
1908/16 engl. Premierminiſter: 127.
Affvriologie: 168/9.
Ausgrabungstätigkeit: 168/71.
Auslieferungsforderung: 249/50.
Auswärtiges Amt, unter Bismarck: 6/7,
9, 63. — u. Flottennovelle (1912): 129.
— u. d. Krieg: 209/12. — u. d. Bolſche⸗
wiki: 242. — feinellnzulänglichfeit: 63/5.
Automobil-Klub, Kaif., feit 1905: 36.
Babel und Bibel ſ. unter Delitzſch.
Bagdadbahn: 73, 74.
Ballin, Albert (1857 1918), ſeit 1900
Generaldirektor der Hamburg- Amerika
Linie: 5, 90, 122/8, 131.
Baltiſch-Port (Eſtland), 4/5. VII. 1912
Begegnung des Kaiſers mit dem Zaren im
Beiſein ihrer Minifter: *139/40, 211.
Baralong, engl. Hilfskreuzer, verſenkte am
19. VIII. 1915 das deutſche ll-Boot 27, die
11 Uberlebenden wurden, im Waſſer ſchwim⸗
mend, auf 1 des Baralongkomman⸗
danten durch Gewehrfeuer ermordet: 226.
Barrere, Camille (geb. 1851), feit 1898
franzöſ. Botſchafter in Rom: 106.
Bauweſen, Akademie des: 143/4.
Bauten: 144, 167/8.
Bayenturm, alter Turm in Cöln: 150.
Bebel, Aug. (1840-1913), 1869 Mit⸗
begründer, ſpäter Führer der ſozialdem.
Partei: 35.
Begbie, Harold (geb. 1871); fein Buch
„Dindication” erſchien 1916: 133/4.
Belgien, Induſtrie u. Arbeiter: 33/4.
— engl. Kriegsvorberettungen in B.: 218.
„Belgiſche Aktenſtücke 1905 - 14“ iſt
der Titel, unter dem das Auswärt. Amt
die während der Beſetzung Brüſſels zufällig
aufgefundenen Berichte der belg. Vertreter
in Berlin, London u. Paris an den Mini-
ſter des Außeren veröffentlicht hat (Berlin
1915). Da ihr Inhalt von unparteiifchem
Standpunkte beobachtet u. berichtet iſt,
nichtete u. Armenien an Rußland brachte,
erhoben England u. Oſterreich Einſpruch.
Um einen europätſchen Krieg zu verhindern,
ſuchte Bismarck zu vermitteln. Dies ge=
lang ihm auf dem (von ihm einberufenen)
Berliner Kongreß (13. VI./13. VII.
1878), der zwar die Befrefung der Bal—
kanſtaaten beſtehen ließ, der Türkei aber
einen Teil ihrer europäiſchen Beſitzungen
ſowie den größeren Teil Armentens rettete,
Oſterreich erhielt die Okkupation Bosniens
u. der Herzegowina. Rußland war verbit—
tert u. warf Bismarck vor, er habe es um
die Früchte ſeines ſchwer erkämpften Sieges
gebracht: 4,*9/10, 12/5, 278.
Bertram, Adolf (geb. 1859), 1906 Bi-
ſchof von Hildesheim, 1919 Fürſtbiſchof
von Breslau u. Kardinal: 175.
bilden fie ein unantaftbares Zeugnis für Beſeler, Max v. (1841-1921), 1905/17
die Einkreiſungspolitik der Entente u. für
Deutſchlands Friedenswillen: 108, 213.
Benda, Rob. v. (1816-99), Mitbegrün⸗
der d. nat.⸗lib. Partei, ſeit 1858 im preuß.
Landtag, 1871/98 im Reichstag: 24, 25.
Benedetti, Vinc. (1817-1900), 1864 /
71 franzöſ. Botſchafter in Berlin: 277.
Benedikt XV. (Giacomo della Chieſa,
1854 - 1919), ſeit 3. IX. 1914 Papſt, ver⸗
dient um die Beſſerung des Loſes der Kriegs⸗
gefangenen u. um den Austauſch militär—
untauglicher Gefangener, feine Friedens-
aufrufe von 1915 u. vom 1. VIII. 1917
blieben ohne Erfolg: 221, 225/30.
Benediktiner ſ. unter Beuron, Monte
Caſſino u. Maria Laach.
Benediktinerinnen ſ. Hildegardig.
Bennigſen, Rud. v. (1824 - 1902), Füh—
rer der Nationalliberalen im Reichstag
(1871/98) u. preuß. Landtag, 1888/97
Oberpräſident von Hannover: 24, 25/6.
Berchem, Graf Maximilian (1841/1910),
Unterſtaatsſekretär: 45, 280.
Bergarbeiterſtreik (1889): 29.
Berlin, neuer Dom (1894/1903 erbaut):
94, 179. — als Daterftadt Hollmanns:
193. — Beſuch Eduards VII.: 107. —
Schloß (ſ. a. Bildergalerie, Weißer Saal):
96 Huldigung 1907), 144, 16/8, 190.
— Schloßkapelle: 182.
Berliner Kongreß. Gegen den den ruff.=
preuß. Juſtizmintſter: 155.
Bethmann Hollweg, Felix v. (1824 —
1900), Vater des Kanzlers, Gutsherr zu
Hohenfinow bei Eberswalde, vermählt mit
Iſabella v. Rougemont (1833/1908) aus
Schloß Schadau am Thuner See: 105.
Bethmann Hollweg, Theobald v. (1856
— 1921), vermählt mit Martha v. Pfuel
(1865 - 1914), 1886 Landrat, 1899 Ober⸗
präſident von Brandenburg, 1905 preuß.
Miniſter des Inneren, 1907 Staatsſekr. im
Reichsamt des Inneren u. Vizepräſident
des preuß. Staatsminkſteriums, 1909 —
14. VII. 1917 Reichskanzler.
B. u. d. Kalſer: 105/66. — Charakteriſtik B. s:
111/2, 116. — B. Entlaſſung: 112/3.
— u. d. aus wärt. Politik: 106/88. — u. d.
Gentleman's agreement: 264. — u. d.
Marokkofrage: 121. — u. d. Haldane-Miſ⸗
fion: 123/6, 132. — u. d. Flottennovelle
(1912): 129, 131, 132. u. d. U⸗Boot⸗
bau: 203. — u. d. Kriegsausbruch: 112/3,
209/10, 279. — u. d. Wahlrechtsreform:
113/6. — u. Tirpitz: 205.
Beuron, altes Kloſter im oberen Donau-
tal, ſeit 1863 Benediktinerniederlaſſung u.
Sit des Erzabts der B.er Kongregation, zu
der 9 Abteien, das Priorat in Jeruſalem
u. 3 Srauenabteten gehören. Die B.er Erz—
abtei pflegt beſonders die kirchl. Kunſt( „Bier
Schule“) u. den Kirchengeſang: 181.
türk. Krieg (1877/8) abſchließenden Frle— | Bildergalerie, im Berliner Schloß,
den von San Stefano (3. III. 1878),
der die Balkanvölker von der türk. Herr-
|
}
60 m langer Feſtſaal: 100, 168.
Björk (ruſſ. Infel in den finn. Schären).
ſchaft befreite, die europ. Türke faſt ver- , 24. VII. 1905 Begegnung des Katſers u.
293
des Zaren, bei der dieſe zur Sicherung gegen
die engl. Bedrohungen den Entwurf eines
Schutz⸗ u. Trutzbündniſſes aufſetzten, zu
dem der Zar auch Frankreich zuziehen ſollte:
166, 211, 270.
Bismarck, Graf Herbert v. (1849/1904),
1886/90 Staatsſekretär des Auswärt.
Amts: 4, 6, 11, 22/3, 63.
Bismarck, Fürſt Otto, * 1815, F 30. VII.
1898 in Friedrichsruh, Reichskanzler u.
(ſeit 1862) preuß. Minſſterpräſident bis
20. III. 1890.
— u. d. Katſer: 3/5, 10/1, 21, 28/9. —
Grund d. Trennung: 32. — Aus ſöhnung
u. Tod: 76/7.
— d. III. Bd. der „Erinnerungen“: 5.
— die Fronde u. der „mißverſtandene B.“
(Titel eines 1921 erſchienenen Buches des
Miniſterialdtrekt. im Aus wärt. Amt Otto
Hammann): 44/6, 47, 51, 76, 84.
— u. Raiferin Friedrich: 10/1, 156. — u.
Zar Alexander III.: 15/6.
— u. das Auswärt. Amt: 6/7, 53/4. — u.
ſeine Miniſter: 28/9.
— u. d. Arbeiterſchaft: 30, 32/3, 37/8.
— u. d. Sozialdemokratie: 4, 28/9, 32.
— u. d. Kolonien: 7/8, 47. — u. d. Flotte:
5, 7, 196. — als ſtaatsmänn., Jongleur“:
8. — u. d. Berliner Kongreß: 9/10. —
B. 's Friedenswille: 17, 281.
— u. England: 8/0, Deutſchland als Feſt⸗
landsdegen“: 267, gegen engl. „Drein⸗
reden“: 21/2. — u. Rußland: 9/10, 12/4,
17, 279/80. — u. Türkei: 12/4, 23.
Bismarck, Graf Wilhelm (Bill) v. (1852
— 1901), preuß. Verwaltungsbeamter, ſeit
1895 Oberpräſident von Oſtpreußen: 4.
Biffing, Morktz Ferd. Frh. v. (1844 —
1917), ſeit Nov. 1914 Generalgouverneur
von Belgien, 1915 Generaloberſt: 34.
Block hieß das enge Bündnis der Konſer⸗
vativen u. ſämtl. liberaler Parteien (ohne
u. gegen das Zentrum), das feit den Reichs⸗
tags wahlen 1907 bis 1909 beftand: 93,
95, 102, vgl. 26.
Voghitſchewitſch (fein Buch erſchien
1922 in Zürich): 214.
Bolſchewiſtiſcher Einfluß: 241/2.
Bonnal, Gutllaume (geb. 1841), franz.
General, 1901 Direktor der Ecole supẽ-
rieure de guerre: 267.
Bosniſche Kriſe (Okt. 1908- März
1909), infolge Oſterreichs Annexion der
294
ſeit 1878 beſetzten u. verwalteten Länder
Bosnien u. Herzegowina: 217, 76.
Bötticher, Karl Heinr. v. (1833-1907),
1880/7 Staatsſekretär des Reichsamts
des Inneren, ſeit 1888 auch Vizepräfident
des preuß. Miniſteriums, 1898/1906
Oberpräſident der Prov. Sachſen: 30.
Boxer: chineſ. Geheimbund zur Vertrei⸗
bung der Fremden. Ihr von der chineſ. Re⸗
gierung begünſtigter Aufſtand (1000) ver⸗
anlaßte das Einſchreiten der Mächte, bei
dem Graf Walderſee (ſ. d.) den Oberbefehl
über die vereinigten europ., amerik. u. ſa⸗
pan. Truppen erhielt: 77.
Boyd Carpenter, William (1841
- 1916), 1884/1911 anglikan. Biſchof
von Ripon, 1879/83 Hofkaplan der Kö⸗
nigin Victoria, zuletzt Canon von Weſt⸗
minſter. Von ſ. Schriften ſind überſetzt:
„Der Menſchenſohn unter den Söhnen der
Menfchen” (1903) u., Er lebt! Cheiſti Be⸗
deutung für die Gegenwart“ (1912): 179.
Breitenbach, Paul v. (geb. 1850), 1906/
17 preuß. Eiſenbahn-⸗Miniſter: 149/51.
Breſter Frieden zwiſchen Rußland u. d.
Mittelmächten (3. III. 1918): 214, 284.
Budde, Herm. (1851-1906), General,
1895/1900 Chef der Eiſenbahnabt. des
8 ‚1902/6 Eiſenbahn⸗Miniſter
148/9.
Bukareſter Friede zwiſchen Rumänſen u.
den Mittelmächten (7. V. 1918): 284.
Bulgarien, Zar Ferdinand J. (geb. 1861
als Prinz v. Coburg), ſeit 1896 Fürſt,
1908/18 König v. B.: 115.
Bülow, Bernhard v., 1899 Graf, 1905
Fürſt (geb. 1840), 1886 vermählt mii Prin⸗
zipeſſa Maria di Camporeale (geb. 1848 in
Neapel), ſeit 1874 im Auswärt. Amt, 1893
Botſchafter in Rom, 1897 Staatsſekretär
des Auswärt., 1900 — 14. VII. 1909
Reichskanzler u. preuß. Miniſterpräſident.
— u. der Kaiſer 81/2, 97, 99/101.
— als Staatsſekretär 58, 81.
— u. d. Flottengeſetz 196 — u. d. Tanger⸗
fahrt 90/91 — u. d. „Block“ 93, 95,
102 — u. d. Interview 99 — u. v. Hol⸗
ſtein 83, 85, 86 — u. Möller 160.
— u. England 86,88, 98, 206/7 „ u. König
Eduard in Kiel 96.
— u. Nußland 269, ruſſiſche Anekdote
159.
Bülow, Bernhard Ernſt v. (1815-79),
Vater des vorigen, ſeit 1862 mecklenburg.
Miniſter u. Geſandter in Berlin, 1873/9
Staatsſekretär des Auswärt. Amts: 82.
Burchard, Joh. Heinr. (1852-1912),
juriſt. Senator u. J mal regierender Bür⸗
germeifter von Hamburg, ſeit 1887 Bevoll⸗
mächtigter zum Bundesrat: 130 /.
Buren (niederländ. Boers), die Bevölke⸗
rung Südafrikas niederländ. Abkunft, ein⸗
gewandert feit 1652, als die Holländiſch—
Oſtindiſche Kompanie an der Tafelbai eine
Niederlaſſung begründete. Nach deren Ab-
tretung an England (1815) begannen 1834
die Züge (Trecks) der Buren nach dem Nor⸗
den, wo ſie den Oranſefreiſtaatu. (in Trans⸗
vaal) die Südafrik. Republik begründeten
u. ihre Selbſtändigkeit behaupteten, bis
fie durch den Burenkrieg (1899/1902)
nn wurden: 69, 71, 75, 196,
276.
Bürgerl. Geſetzbuch (Nommiſſionsbera⸗
tung 1890/5, als Geſetz publiziert 1896,
in Kraft getreten 1. J. 1900): 155.
Burian, Graf Stefan (geb. 1851), April —
Okt. 1918 öſterr. Miniſter d. Ausw.: 233.
Cambon, Jules (geb. 1845), 1906/14
franzöſ. Botſchafter in Berlin: 214.
Cambridge, Herzog Georg von (1819
- 1904), Enkel König Georgs III, engl.
Feldmarſchall, 1856/95 Oberbefehlshaber
des Heeres: 75.
Cape to-Cairo-Bahn: 72/4.
Caprivi, Leo (ſeit 1891 Graf) v. (1831
1899), 1883/8 Chef der Admiralität,
dann Kommand. General des X. Armee—
korps, 1890 Reichskanzler u. preuß. Mi⸗
niſterpräſident, trat als letzterer 1892, als
Reichskanzler am 26. X. 1894 zurück: 43/8.
Carpenter ſ. Boyd Carpenter.
Carmen Sylva, Dichtername der Kö—
nigin Eliſabeth von Rumänien (1843
- 1916), geb. Prinzeſſin Wied, Vaters⸗
ſchweſter des Prinzen: 137.
Caro, Prof. in Athen: 170.
Caſſel, Sir Erneſt(geb. 1852 als Deutſcher
in Köln), engl. Bankier: 122/6, 132.
Chamberlain, Houſton Stewart (geb.
1855 zu Portsmouth, Sohn eines engl. Ad⸗
mirals), deutſcher Schriftſteller, Schwie-
gerſohn Richard Wagners: 154.
Chamberlain, Joſeph (1836-1914),
1895/1903 Staats ſekretär der Kolonien:
58, 75, 88/91, *266/7.
Themie, Förderung der: 164.
Chirol, Sir Valentine (geb. 1862), 1899
71912 Leit. d. Foreign Depart. d. Times: 71.
China u. Tſingtau 54/5, 57/8, 65, 66.
Churchill, Winſton (geb. 1874), 1911
Erſter Lord der Admiralität, organiſierte
den engl. Admiralſtab, leitete im Kriege
die Verhinderung der Lebensmittelzufuhr
n. Deutſchland, 1918 Munitionsminifter,
1919 Kriegsminiſter: 125, 127.
Clemen, Paul (geb. 1866), Prof. der
Kunſtgeſchichte in Bonn, ſeit 1893 Provin⸗
zialfonfervator der Rheinprovinz: 221.
Clemenceau, Georges (geb. 1841), Nov.
1917 franzöſ. Miniſterpräſident, ſetzte bet
den Friedensverhandlungen die Knech—
tung Deutſchlands durch: 272, 276.
Cöln, neue Rheinbrücken: 150.
Connaught, Herzog Arthur von (geb.
1850), Bruder Königs Eduard VII., ver⸗
mählt 1879 mit Louiſe Margarete Prin⸗
zeſſin von Preußen: 86, 120.
Conrad, Paul (geb. 1865), Geh. Ober-
konſiſtorialrat und Erſter Pfarrer an der
Kaiſer⸗Wilhelm- Gedächtniskirche in Ber⸗
lin, das Andachtsbuch „Der alte Gott lebt
noch“ erſchien 1919, „Aus tiefer Not“
1922: 180.
Cuniberti, Vittorio, ital. Ingenieur, Chef⸗
konſtrukteur der Marine: 202.
Daily Telegraph ſ. Interview.
Dares-Salam: 46.
Delbrück, Klemens v. (geb. 1856), 1909
„16 Staatsſekretär des Reſchsamts des
Inneren, Okt. / Nov. 1918 Chef des Zi⸗
vilkabinetts: 240.
Delcaſſé, Theophile (geb. 1852), 1893
/1905 franzöf. Minifter des Auswärtigen,
1911 Marineminiſter, 1913 Botſchafter in
Petersburg, 1914/15 Miniſter des Aus⸗
wärtigen: 90/2, 219.
Delitzſch, Friedr. (geb. 1850), Aſſyriolog,
ſeit 1899 Prof. in Berlin. In 3 Vor⸗
trägen 1902/4 (die beiden erſten in der
Drientgefellichaft l. Gegenwart d. Kaiſers)
erörterte D. die Beziehungen des babylo⸗
niſchen u. iſraelit. Schrifttums, betonte die
teilweiſe Überlegenheit der babylon. Reli⸗
gion über die altteſtamentl. u. d. Abhängig⸗
keit mancher religiöfen Vorſtellungen u.
Sitten (z. B. Weltſchöpfung, Sündenfall,
Sintflut, Moſaiſches Geſetz, Sabbatein—
richtung, Recht, Moral) von den babyloni⸗
ſchen. Gegen dieſe Hypotheſe der Abhän—
295
gigkelt der Bibel von Babel erhob ſich ſo- Drews, Wilh. (geb. 1870), 1914 Unter⸗
wohl aus kirchlichen Krelſen, die darin einen ſtaatsſekretär, Aug. 191 Nov. 1918
Angriff gegen die geoffenbarte Religton preuß. Miniſter des Innern: 239/41.
ſahen, wie von wiſſenſchaftlicher Seite leb= Davandes, Ernſt v. (1843 — —1922),1874
hafter Widerſpruch (der ſogen. Babel u. Pfarrer in Bonn, 1882 in Berlin (Dreifal=
Bibel-Streit): 168, 183/6. | tigkeitskirche), 1898 Oberhofprediger, 1903
Deutſchlands Aufſchwung: 261/2. Mitgl. des Herrenhauſes, 1907 Bizepräſt⸗
— Friedenswille: 17,68, 2556, "265/70, dent des Oberkirchenrats: 179/80.
2750, 281. Duhn, Friedr. Karl v. (geb. 1851),1880
— Zukunft: 284, 289/90. Prof. d. klaſſ. Archäol. in Heidelberg: 171.
Deutſchtum, Erziehung zum: 152/5. N fett 1905 die aus Wahlen hervor⸗
Dhaw, arabifches Küſtenfahrzeug: 46. | gehende ruſſ. Volksvertretung mit legisla=
Dietze, Adolf v. (1825 - 1910), Herr auf tiver Gewalt (Zweite Kammer). Zur Zeit
Barby, Mitglied des Staatsrats: 24. IJwans IV. (ſ. d.) wurde neben dem engeren
Dirſchau, neue (1888/90) Weichfel- | Rat (Duma) der Bojaren bei befonders
brücke: 147. wichtigen Angelegenheiten als beratende
Disraelt, Benjamin, feit 1876 Earl of Inſtanz auch eine Art Nationalverſamm⸗
Beaconsfield (1804-81), engl. Staats- lung, die ſich aus Abgeordneten aller
mann u. Schriftfteller, jüdiſcher Abftam- | Stände zuſammenſetzte (die große Duma
mung, 1874/80 Premierminiſter: 10,278. | oder Sobor), zuſammenberufen: 268.
Dom bau ſ. unter Berlin. E
Dormition (de la sainte Vierge) heißt das Ebert, Friedr. (geb. 1871), ſeit 1905 im
Grundſtück in Jeruſalem (auf dem angeb— Vorſtand der ſoztaldem. Partei, 9. XI. 1918
lichen Sion), das der Kaiſer 1898 dem 177 0 ‚12.11.1919 provſſor. Reichs⸗
„Deutſchen Verein vom heil. Lande“ zur | Präſiden
freien Nutznleßung im Intereſſe der deut- | Eduard VII. (geb. 1841, T 6. V. 1910),
ſchen Katholiken überwies: 181. ſeit 1901 König von England: 72, 123,
CTT
Do = /
%% ( 97; in Kiel 96, in Berlin 107. g
Letter d. Ausgrabungen in Olympla, 1886
Sekretär, dann Direktor des Deutſchen „ Eintretfungspolti 62, 96/7, 106, 134,
Archäolog. Inſtituts in Athen: 169/71.
Downlugſtreet, Straße in London, in
der ſich das Auswärt. Amt befindet: 59.
Dreadnought, Name des erſten (1906)
engl. Großkampfſchiffs, der auf die ganze
Schiffsklaſſe überging: 200/1, *202/3.
Drelbund. 7. X. 1879 Bündnis (Zwei⸗
bund) zwiſchen Deutſchland u. Oſterreich—
Ungarn, 20. V. 1882 Dreibund zwiſchen
Deutſchland, Oſterreich u. Italien: 6, 8.
Dretl-Kalſer- Verhältnis, 1881 als
geheimer Vertrag zwiſchen den 3 Kaiſern
Deutſchlands, Rußlands u. Oſterreichs auf
3 Jahre geſchloſſen und 1884 auf weitere
3 Jahre erneuert: Zuſicherung wohlwollen—
der Neutralität bei einem Kriege, in den
eine der J Mächte verwickelt würde. Das
„Dr.⸗K.⸗ Verhältnis“ war eine be=-
cchränkte Erneuerung des „Dreffaifer-
bündniſſes“ von 1872, das ſeit dem
1 Kongreß (ſ. d.) erſchüttert war:
280.
Eifel-Bahnen 150.
Einem, genannt v. Rothmaler, Karl v.
(geb. 1853), 1903/ Kriegsminiſter, 1909
Kommand. General, 1914 Oberbefehls—
haber der 3. Armee: 126, 133.
Einkreiſungs politik (. a. Eduard VII.
u. Entente) 264.
Eiſenacher Konferenz, ſeit 1852 in
jedem zweiten Jahre tagende Konferenz
von Vertretern der evang. Landeskirchen
zwecks einheitlicher Ordnung der gemein—
ſamen Angelegenheiten, beſchloß 1903 den
engeren Zuſammenſchluß der evang. Lan—
deskirchen Deutſchlands, der 1922 durch
die Gründung des „Deutſchen Evang.
Kirchenbundes“ verwirklicht wurde: 179.
Eiſenbahnen, ihr Ausbau: 146/51.
Elb-Trave-Kanal, Großſchiffahrtsweg
zwiſchen Elbe (bei Lauenburg) u. Trave
(bei Lübeck), 1896/1900 gebaut: 148.
Elſaß-Lothringen gehörte feit der Tei⸗
lung des Karolingerreichs (870) 800 Jahre
„— — — — — — — — ——ͤ—é—''
296
zum deutſchen Reich. Durch den Weſtfäl. Evangel. Kirche u. der Kaffer 179/81 —
Frieden (1648) fette ſich Frankreich in den
Beſitz von Oberelſaß u. erweiterte, die Ohn⸗
macht des durch den 30 fährigen Krieg ge—
ſchwächten deutſchen Reichs benutzend, ſeine
Herrſchaft (1681 Raub von Straßburg),
bis 1766 auch Lothringen franzöſ. Provinz
wurde. Im Frankfurter Frieden (1871)
nahm Deutſchland Teile des ihm entriſſe⸗
nen Landes zurück, die ihm durch den Frie-
den von Verſallles wieder genommen wur⸗
den: 51, 74, 263.
Emden: die Schleuſenanlagen verbinden
den E. er Binnenhafen m. dem Dollart: 151.
England, Beſuche des Katſers in: 74/5,
86/8, 97/8, 108/10, 119/20, 197.
— u. d. Arbeiterfhug: 34/6.
— u. Deutſchland: 58/063, 71,*88/9,*91/2,
*96/7, 106/7, 122 ff., 196/8, *262,
”265/7.
— polit. Propaganda: 271, *281/2.
— Kriegs vorbereitungen: 218.
— u. Frankreich: 60/3, 91/2.
— u. Rußland: 9/10, 58, 88/9, 256,7.
— 11. Japan 58,89 — u. Ver. Staaten 60/2.
— engl. Art: 83, 283/4; 153 (Erziehung),
155/6 (Redtfprehung).
Entente, Entftehung u. Wefen: 15, 61/2,
106, *261/5. — Kriegsvorbereitungen:
212/8.
Erzberger, Matthias (1875 - 1921),
Lehrer, Redakteur, feit 1903 Mitgl. des
Reichstags (Zentr.), Urheber der Friedens-
reſolution vom 19. VII. 1917, am J. X. 1918
Staatsſekretär, dann Reichsminiſter ohne
Portefeuille, Führer der deutſchen Waffen-
tillſtandskommiſſion, Juni 1919 März
1920 Reichsfinanzminiſter: 243.
Erztehung, deutſche u. engl.: 152/5.
Eſſad Paſcha, alban. Heerführer (geb.
1863, ermordet 1920), bot im Febr. 1914
dem Prinzen Wied (f. d.) die Krone an,
war unter ihm Miniſter des Inneren u. des
Krieges, Mal1914wegen hochverräteriſcher
Umtriebe außer Landes gebracht, nach der
Abreiſe des Fürſten Präſident der alban.
Regierung: 137, 139.
Eugenie, Kaiſerin von Frankreich (1826
— 1920), 1853 mit Napoleon III. ver⸗
mählt, lebte ſeit 1870 in England: 267.
Eulenburg, Aug. Grafzu (1838 - 1921),
1890 Ober-Hofmarſchall, 1907/21 Mi⸗
niſter des Königl. Hauſes: 20, 98.
— — — .—œÜ—— — -¼—. — — — :e— —
Deutſcher Evangel. Kirchenbund (ſ. Eiſe⸗
nacher Konferenz): 179.
Faulhaber, Michael (geb. 1869), 1910
Biſchof von Speyer, 1917 Erzbiſchof von
München u. (feit 1921) Kardinal: 175.
Zeldküche, fahrbare: 192.
Finanzreform, preuß. (Einkommen—
ſteuergeſetz vom 21. VI. 1891, Gewerbe—
ſteuergeſetz vom 24. VI. 1891, Kommunal-
abgabengeſetz): 145, 156.
Fiſcher, Antonius Hubert (1840 - 1912),
ſeit 1889 Weihbiſchof, 1903 Erzbiſchof von
Köln u. Kardinal: 177.
Fiſher, Sir John, ſeit 1909 Lord (1841
— 1920), DOrganifator der engl. Marine,
1892/7 Admiralitätslord, 1904/10 und
1914/9 Erſter Seelord: 128, 202/3.
Flotte, Ausbau der: Als der Kaiſer 1888
die Regierung übernahm, entſprach der
Schiffsbeſtand zahlenmäßig noch immer
dem von 1873, von den 7 Banzerfregatten
waren jedoch eigentlich nur 4 leidlich kriegs⸗
brauchbar. Die Forderung von 4 Linien-
ſchiffen im Etat von 1889 war der erſte
Schritt. Der eigentliche Ausbau begann
aber erſt mit Tirpitz“ Berufung (1897)
zum Staatsſekr. des Reichsmarineamts:
Flottengeſetz vom 28. III. 1898: ver=
wendungsbereiter Beſtand von 17 Schlacht
ſchiffen, 8 Küſtenpanzerſchiffen, 9 großen
u. 26 kleinen Kreuzern. — Die Novelle
1900 brachte etwa eine Verdoppelung:
2 Flottenflaggſchiffe, 4 Geſchwaͤder zu je
8 Linienſchiffen, 8 große und 24 kleine
Kreuzer, für den Auslandsdtenſt 3 große
u. 10 kleine Kreuzer, als Materkalreſerve
4 Lintenfhiffe, 3 große, 4 kleine Kreuzer.
In der Denkſchrift zur Novelle zum erften=
mal der fortan der deutſchen Flottenpolitik
zugrunde gelegte „Riſikogedanke“.
— Novelle 1906 (infolge des engliſchen
Dreadnoughtbaues): Vergrößerung der
Schiffstypen, Vermehrung der Ausland⸗
ſchiffe um 6 Panzerkreuzer ſowie Erhöhung
des Sollbeſtandes der Torpedoboote von
96 auf 144. — Novelle 1908: Herab⸗
ſetzung des Lebensalters der Lintenſchiffe
von 25 auf 20 Jahre, dadurch Erhöhung der
Zahl der Neubauten. — Novelle 1912:
nicht eigentl. Vermehrung, ſondern Stei—
gerung der Krlegsbereitſchaft durch Auf—
geben der Materfalreferve u. dauernde Be-
297
2
reitfchaft eines größeren Teils (Z von den 5) Gentleman’s agreement:
der Linſenſchiffsverbände gleichzeitig wur-
de die Zahl der U-Boote geſetzlich auf 72
feſtgelegt.
— der Ausbau: 7, 43/4, 262. — Flotten⸗
geſetz u. I. Novelle (1900): 61, 5193/9.
— Vovelle 1912: 123, 128/34, 265.
Forſtwirtſchaft 157.
Frankreich, Revanchewille: 263, 276/8.
— un Entgegenkommen 68,
92/3, 267/8.
— u. Rußland 14/5, 52/4, 264. — u. Eng⸗
land 72,91/2.— u. d. Entente 5 264/5.
— Kriegsvorbereltungen 149, 218
—, deutſcher Schutz der Kunſtſchätze: 221.
Franz Ferdinand, Erzherzog (geb.
1863), öſterr. Thronfolger, am 28. VI.
1914 in Serajewo ermordet: 99, 209.
Franz Joſeph (1830-1916), feit 1848
Kaiſer: 12, 99.
Sreifinnige Partei 25, 193.
Friedberg, Heinr. v. (1813-95), 1879/
„89 Juſtizminiſter: 155.
Friedens-Wille des Kaiſers 69,72,88/9,
92/3, 211/2, 253, *267/70, *275/6, 280
AU a. unter Deutſchland).
Friedjung, Heinr. (1851 - 1921), öſterr.
Hiſtoriker u. Politiker, Prof. in Wien, ver⸗
öffentlichte: „Das Zeitalter des Imperka⸗
lismus 1884/1914” (Berlin 1919): 108.
Friedrich d. Große 23, 30, 64, 182.
Irkedyſch III. (als Kronprinz: riedrich
Wilhelm), geb. 1831, 9. III. 1888 Kaiſer,
15. VI. nach einer Regierung v. 99 Tagen:
10/1, *17/9, 23/4, 280.
Friedrich WilhelmIll. v. Preußen: ed.
Srondeder Bismarcklaner 44/7,51, 76,93.
Fürſtenberg, Maximilian Egon Fürſt zu
al 1863), preuß. Oberſtmarſchall, ver⸗
mählt mit Irma geb. Gräfin v. Schön⸗
born⸗Buchheim: 98, 99, 100.
Galiztſch— .
(1. V. — 22. VI. 1915): 114/5.
Gallwi „Max v. (geb. 1852), General,
1918 O erbefehlshaber der Heeresgruppe
vor Verdun: 235.
Gambetta, Leon (1838-82), radikaler
u. chauviniſtiſcher franzöſ. Politiker: 27/8.
G ne er Zuſammenkunft am 8./9. VIII.
Gelbe Gefahr 6 6/8.
Generalſtab: 6/7, 14/8, *191/2, 209,
210/1, 281.
298
*60/3, 264,5,
270.
Georg V. (geb. 1865), ſeit 1910 König
v. England: 108/10, 119/21, 279.
Girardin, Emile de (1806 — 81), franzöſ.
Journalist, durch die 1836 von ihm gegrün⸗
dete Presse eine politiſche 3 (ſeit 1867
Hetze gegen Preußen): 278.
Goethals, amerik. Oberſt: 200/1.
Gorgo (nach Homer ein weibl. 5
⸗Relief, Fund auf Korfu: 169/70
Gorlice-⸗ „Tarnow, Durchbruchsſchlacht
(1/8. V. 1915): 115.
Goſchen, Sir William Edw. (geb. 1847),
„1908/14 Botſchafter in Berlin: 210.
Goßler, Guſt. v. (1838 - 190, 1881/91
preuß. Kultusminiſter: 15%
Gramont, Herzog Agenor (1819-80),
trieb als franzöſ. Botſchafter in Wien (ſeit
1861) wie als Miniſter des Auswärt. (ſeit
15. V. 1870) ſcharfe antipreuß. Politik: 277.
Grey, Sir, ſpäter Lord Edward(geb. 1862),
1905/16 Minifter des Auswärt. (Einkrei⸗
ſungs politik), 1919 Botſchafter in Wa⸗
ſhington: 122, 126/7, 219, 279.
Griechenland, En (1889): 23.
Groener, Wilh. (geb. 1867), württemberg.
General, bei der Mobilmachung Chef des
Feldeiſenbahnweſens, Nov. 1918 / Sept.
1919 Generalquartiermeiſter, jetzt Eiſen⸗
bahnminiſter: 240/2.
Großorientloge, Internationale: 219/20.
Guetant, Louis: 276/8.
Gymnaſium: 152ff.
Hahnke, Wilh. v. (1833 - 1912), 1881/5
Kommandeur der 1. Garde-Inf.⸗Brigade,
1888/1901 Chef des Mllitärkabinetts,
1901 Gouverneur von Berlin, 1905
Generalfeldmarſchall: 20.
Haldane, Richard Burdon, Viscount (geb.
1856), Rechtsanwalt, feit 1885 im Unter⸗
haus (liberal), 1905/12 Kriegsminiſter,
reorganifierte 1906 das engl. Heerweſen u.
ſeinen Generalſtab nach deutſchem Muſter,
führte am 9./11. II. 1912 die Neutralitäts⸗
verhandlungen in Berlin, 1912/5 Lordgroß⸗
kanzler, intereſſiert für die deutſche Litera⸗
tur u. Philoſophie (überſetzte Schopen⸗
hauers „Welt als Wille u. Vorſtellung“,
1886): 122, 126/34, 155.
Hamilton, Sir Jan (geb. 1853): 197.
Hammurabi, König von Babplonien,
Zeitgenoſſe Abrahams. Sein 1901 bei
Suſa auf einem Dioritblod entdecktes
Geſetzbuch iſt die älteſte (7 Jahrhunderte
älter als die moſaiſche) geſchriebene Ge⸗
ſetzſammlung (ſ. unter Delitzſch): 184/5.
Harden e 18600, ſett 1892
Herausgeber der „Zukunft“: 86.
Hardinge „Str Charles(geb. 1858/1905 /
10 und wieder 1916 Unterſtaatsſekret.
im Aus wärt. Amt, Berater Eduards VII.
u. fein Begleiter auf den politiſchen Reifen,
1910/6 Vizekönig v. Indien, 1920 Bot⸗
ſchafter in Paris: 123.
Harkort, Friedr. (1793 - 1880), Bahn⸗
brecher der weſtfäliſch. Induſtrie, Förderer
des Eiſenbahnweſens u. der Flußſchiffahrt,
Parlamentarier ſeit 1848: 199.
Harnack, Adolf v. (geb. 1851), 1888 als
Prof. der Kirchengeſch. aus Marburg nach
Berlin berufen, 1905 zugleich General-
direktor der Kgl. Bibliothek in Berlin: 165.
Hartmann, Felix v. (1851-1919), 1912
Erzbiſchof von Cöln, 1914 Kardinal: 175.
Hartmann, Feldwebel: 191.
Hayafbi, Graf Tadaſu (1850 - 1913),
1900 % japan. Geſandter in England,
1906/8 Minifter des Auswärtigen: 89.
Heer, ſ. Armee.
H eeringen, Joſias v. (geb. 1850), 1909/
13 Kriegsminiſt., 1914 Generaloberſt, ſetzt
Vorſitzender des Kyffhäuſerbundes deut⸗
ſcher Kriegervereine: 126.
Heinrich, Prinz von Preußen (geb. 1862),
Bruder d. Kaiſers, ſeit 1909 Großadmiral,
1897 Chef des 2., 1899 des ganzen oft=
aſiatiſchen Geſchwaders, 1906 Ehef der
Hochſeeflotte, 1914/8 Oberbefehlsh aber d.
Streitkräfte in der Oſtſee: 57/8, 200.
Helfferich, Karl (geb. 1872), 1901 Prof.
der Staatswiſſenſchaft in Berlin, 1908
Direktor der Deutſch. Bank, 1915 Reichs⸗
ſchatzſekretär, 1916 Staats ſekretär des
Reichsamts des Inneren u. Stellvertreter
des Reichskanzlers, veröffentlichte: „Der
Weltkrieg“ (3 Bde. 1919, Bd. 1: „Die
Vorgeſch. des Weltkrieges“): 108.
Helgoland, in engl. Beſitz (ſeit 1807): 8,
10. — Erwerbung (1. VII. 1890): 46/8.
— Befeſtigungen: 200.
Hertling, Graf Georg v. (1843 - 1919),
früher Prof. der Philoſophie in München,
1909 Vorſitzender d. Zentrumspartei, 1912
bayr. Miniſterpräſident, 1. XI. 1917 —
30. IX. 1918 Reichskanzler: 74, 102,233.
Hildegardis, St., altes Benediktine⸗
rinnenkloſter in Eibingen (oberhalb Rüdes⸗
heim), 1803 ſäkulariſiert, 1904 von d. Beu⸗
roner Kongregation wiederhergeſtellt: 183.
l ne Paul v. (geb. 1847), bis
1911 Kommand. General des IV. Armee⸗
korps, ſeit 15. VIII. 1914 Oberbefehlshaber
der 8. Armee (Oſtpreußen), im Nov. 1914
Generalfeldmarſchall u. Oberbefehlshaber
der deutſch. Armeen im Oſten, Aug. 1916
Chef des Generalſtabs (Oberſte Heered=
leitung): 150, 220, 235, 240, 242. —
Briefwechſel mit dem Kaiſer: 25/8.
Hinzpeter, Georg Ernſt (1827 - 1907),
1866/77 Erzieher d. Raifers, 1904 Witgl.
des Herrenhauſes: 30, 160, 165, *180/1.
Hohenlohe-Schillingsfürſt, Prinz
Alex. (geb. 1862), 1898 Bezirkspräſ. im
Elſaß, 1893/1903 Mitgl. d. Reichstags: 77.
Hohenlohe-Schillings fürſt, Fürſt
Chlodwig (1819 1901), 1866 bis März
1870 bayr. Winiſterpräſident, trat 1870
im bayr. Reichsrat für die Teilnahme am
Krieg u. den Anſchluß an das Deutſche
Reich ein, 1874/85 Botſchaͤfter in Paris,
1885/94 Statthalter von Elſaß-Lothr.,
1894/17. X. 1900 Reichskanzler u. preuß.
Miniſterpräſident: 51/2, 76/7.
— innere Polikik: 74. — u. Tſingtau: 54/5,
57/8, 68. — u. die Krügerdepeſche: 68/71.
Holleben, Theod. v. (1838 — „ 97
1903 Botſchafter bei d. V. St.: 264.
Hollmann, Friedr. v. (1842 — =),
Admiral, 1890/7 Staatsſekr. des Reichs⸗
marineamts: 56, 69/71, 77, 90, *193.
— Brief an H.: 181, 183/6.
Holftein, Fritz v. 1837— 1909), 1876/
1906 a Rat im Auswärt. Amt:
6, 51, 69, *83/6.
Hövel, Fh. Balduin (1848 - 1900): 157.
Hubertusftod, 5 9 Jagdſchloß in der
Schorfheide (f. d.): 5
Hülſen⸗ Haeſeler, Graf Oletrich v. (geb.
188 . 1908), 1899 General,
1901 Chef des Militärkabinetts: 99.
Hülſen-Haeſeler, Graf Georg v. (1858
— 1922), Bruder des vorigen, 1903 Gene⸗
ralintendant der Königl. Schauſpiele: 169.
Jagow, Gottlieb v. (geb. 1863), 1913/5
Staatsfekretär des Aus wärt. Amtes, ver⸗
öffentlichte „Urſachen u. Ausbruch d. Welt⸗
krieges“ (1919): 108.
Jameſon, Sir Leander (1853 — 271917),
1888 Beamter d Britiſch⸗Südafrikan. Ge⸗
299
ſellſchaft, unternahm am 30.X11.1895 den
Einfall in die Südafrik. Republik, mußte
aber vor den Buren kapitulieren, wurde an
England ausgeliefert, zu Gefängnis verur-
teilt, aber bald begnadigt, 1904/8 Mi⸗
nifterpräfident d. Kapkolonie: 69, 73.
Jane, Fred T. feit 1897 Herausgeber des
engl. Marine-Jahrbuchs Fighting Ships, |:
d. Aufſatz von Cuniberti ſteht im Jahr-
gang 1903: 202.
Januſchkewitſch, Nikola, ruſſ. General,
bei Kriegsausbruch Chef des Großen GGene—
ralſtabes: 216/7.
Japan u. Tſingtau: 65/6. — u. England:
58, 89. — u. Rußland (Krieg 1904/5):
66/7, 89, 269. — u. Shimonofeft: 68.
— „gelbe Gefahr”: 66/7.
— u. der Weltkrieg: 67/68, 213.
— »The Problem of Japan«: 60/1.
Jaurès, Jean (geb. 1859), franzöſ. So-
ztaliſt, Profeſſor, ſeit 1885 Deputierter,
Gegner des Chauvinismus, 31. VII. 1914
ermordet, fein Mörder 1919 freigeſprochen:
92.
Jeniſch, Sch. Martin v. Rücker-Jeniſch
(geb. 1861), 1902 Wirkl. Legatſonsrat,
1906 Geſandter in Darmftadt, auf Reifen
des Kaiſers oft als Vertreter des Auswärt.
Amts in ſeinem Gefolge: 98.
Jeruſalem, Reife (1898): 74. — Ein
weihung der evang. Erlöſerkirche: 179. —
Dormition (ſ. d.): 181.
Ih ne, Ernſt v. (1848 — 1 Dber-
Hof⸗ Baurat: 36, 144, 1
Interview. Am 28. x es: veröffent⸗
lichte der Londoner „Daily Telegraph“ ein
Intervlew, in dem der Kaiſer einem ihm
befreundeten Engländer gegenüber ſeine
freundſchaftliche Geſinnung für England
betont u. Belege dafür aufführt: 98/101.
Inte, Otto (1843-1904), feit 1870 Prof.
für Waſſerbau in Aachen, bekannt durch
ſeine Talſperren-Pläne: 164.
Iſwolskt, Alex. (1856-1919), 1906
Winiſter des Auswärt., 1910/7 rufj. Bot⸗
ſchafter in Paris, vermittelte die ruſſ. An—
leihen in Frankreich u. ſchürte den Kriegs—
gedanken: 217, 219, 270, 276.
Italſen u. der Dreibund: 106. — Kriegs⸗
erklärung an Oſterreich (23. V. 1915): 115.
— u. der Bapft: 227ff.
Jurisprudenz u. d. Raffer: 27, 156.
Iwan IV., der Schreckliche (1530 84),
ruſſ. Zar: 268.
300
Kalſerin Auguſte Viktoria, geb. 1858,
älteſte Tochter d. Herzogs Friedr. v. Schles⸗
wig⸗-Holſtein-Sonderburg-Auguſtenburg
u. der Prinzeſſin Adelheid von Hohenlohe—
Langenburg, vermählt am 27. II. 1881,
f 11. IV. 1921 in Haus Doorn: 119, 170,
er 253, 258, 288.
Kafſerin Friedrich ſ. Victoria.
Kalſer Wilhelm-Geſellſchaft zur För—
derung der Wiſſenſchaften, auf Anregung
des Kaiſers am 11. J. 1911 gegr.: 164/5.
Kaifer Wilhelm-Kanal (nach Kaiſer
Wilhelm J. benannt), 1886/95 erbaut, Um-
bau 1914 vollendet: 54, 151, 200/1.
Kanalbauten:: 1455, f. a. Ratfer Wil⸗
helm-Kanal u. Mittellandkanal.
Karl, 1916/8 Kaiſer v. Oſterr. u. apofto=
liſcher König v. Ungarn (1887-1922):
227, *233/4.
Kathol. Kirche u. d. Kaifer: 175/8, 181/3.
Kato, Baron Takaaki (geb. 1860), 1894/9
u. 1908 japan. Geſandter bzw. Botſchafter
in London, 1900/1, 1906/ u. 1914/5
Mintfter des Außern: 58
Klautſchou f. Tſingtau.
Kiderlen-Wächter, Alfr. v. (1852/1912),
ſeit 1879 im Ausw. Amt u. Geſandter,
1185 Staatsſekret. des Auswärt.: 111,
11
Kieler Woche, alljährliche (im Junf)
ſportlich-geſellſchaftl. Beranftaltung (Se—
gel- u. Ruderregatten) internat. Charak⸗
ters, unter regelmäßiger Teilnahme des
Kaiſers: 97, 272, 275.
Kirſchner, Frl., Oberin in Ahlbeck: 37.
Kluck, Alexander v. (geb. 1846), General-
oberft, 1914/6 Oberbefehlshaber der 1.
Armee im Welten: 222.
Knorr, v., 1913 e 213.
Kohlenftationen: 54, 58/9, 6
Kokowzow, Graf Wladimir v. u 1853),
1904/5 u. wieder 1906 ruſſ. Finanz⸗
miniſter, 1911 Präſident des Minifter-
rats: 214.
Kolonien, deutſche in Afrika (ſeit 1884):
7, 46/7, 72; f. a. Tſingtau.
Konfliktszeit, in Preußen 1862/6, ent⸗
ſtand, als der Landtag die Mittel zur
neuen Heeresorgantiſation verweigerte, u.
Bismarck als neuer Minifterpräfident
budgetlos weiter regierte, beigelegt nach
dem ſiegreichen Kriege 1866, indem der
Landtag Indemnität für die budgetloſe
Verwaltung erteilte: 26.
— me ggg Terme gegen ese ner Io j ——— ————————— — — — ———
TEE
Konſervative Partei: 25, 26, 93/5, 99,
01
101.
Konſtantin, Kronprinz, 1913 König v.
Griechenland (geb. 1868) 1889 vermählt
mit Prinzeſſin Sophie von Preußen: 23.
Kopp, Georg v. (1837 - 1912), 1881 Bi⸗
ſchof von Fulda, 1887 Fürſtbiſchof von
1 1893 Kardinal: *175/6, 177,
17
Korfu, grliechiſche Inſel, der albaniſchen
Küſte gegenüber, 1907 erwarb der Kaiſer
das 1890/1 von d. Kaiſerin Eliſabeth von
Oſterr. (f 1898) erbaute Schloß Achil⸗
leion: 118, *169/71, 211.
Koscielski, Joſeph v. (1845 - 1911),
Mitgl. des Herrenhauſes u. 1884/94 des
Reichstages: 193.
Kronprinz Wilhelm (geb. 1882): 113,
150, 243.
Kronrat, Potsdamer, angeblicher: 209.
Krönungstag: 200 jähriger, zur Feier
des 18. I, 1701 (Krönung d. Kurfürſten
Friedrich III. zum König v. Preußen): 86.
Krug, Bonifaz Maria (geb. 1838 zu Hün⸗
feld in Heſſen, 1900), ſeit 1897 Erzabt
von Monte Caſſino (f. d.): 182.
Krüger, Paulus (1825 — 1 1883
Präſident der Südafrik. Republik: 70,73.
— ⸗Depeſche (3.1. 1896) beglückwünſcht
Präſident Kr., daß es den Buren gelungen
fei, „in eigener Tatkraft“ und „ohne an die
Hilfe befreundeter Mächte zu appellieren“,
die „Unabhängigkeit des Landes gegen An-
griffe von außen“ zu wahren: 68/71,
73, 74, 75.
Kulturkampf, entſtand ſeit 1871 dadurch,
daß Bismarck den ultramontanen Ten—
denzen gegenüber die Staatsgewalt auch
über die kath. Kirche geltend machte, ver—
ſchärfte ſich (Ausweiſung der Jeſuiten u.
verwandter Orden, Verhaftung u. Ver—
urteilung von Biſchöfen, Sperrung des
Gehalts der Geiſtlichen, u. andere Kampf—
geſetze) bis 1876, beigelegt ſeit 1880
durch den allmählichen Abbau der Kampf—
geſetze. Beſtehen blieben die bürgerliche
Eheſchließung u. die Standesamtsregiſter,
er die ſtaatliche Schulaufſicht: 4, 175,
1
Kultusminiſterium: 151, 163.
Labarum, das Heeresfeldzeichen Kon-
ſtantins d. Gr. feit 312, ein vergoldetes
Kreuz, an der Spitze das Monogramm
Chriſti in einem Kranz von Gold u. Edel-
ſtein, am Querarm ein Schleiertuch mit d.
7 5 Konſtantins u. feiner Söhne:
182
Leo XIII. (Gioachino Pecci, 1810 - 1903),
feit 1878 Papſt: 176/8.
Leopold, Erbprinz (ſpät. Fürſt) von Hohen—
zollern (1835 — 1905), Generaloberſt (feit
1901), lehnte 12. VII. 1870 die ſpaniſche
Krone ab: 277/8.
Leopold ll. (1835 — 1909),feit 1865 König
von Belgien, Gründer des Kolonialreichs
in Zentralafrika (jetzt Belgiſch-Kongo): 72.
Lerchenfeld, Graf Hugo (geb. 1843), ſeit
1880 bayr. Geſandter in Berlin, Oheim
des jetzigen bayr. Miniſterpräſidenten: 81.
Letzlinger Heide in d. Altmark: 57.
Leukas, ſoniſche Inſel (nach Dörpfeld das
homeriſche Ithaka): 170.
Lichnowsky, Fürſt Karl Marx (geb. 1860),
1912/4 Botſchafter in London: 279.
Likin chineſ. Binnenzoll: 55.
Liſſabon, Beſuch in (1905): 90.
Lloyd, Norddeutſcher, in Bremen: 38.
Lloyd George, David (geb. 1863),
Rechtsanwalt, ſeit 1890 im Unterhaus
(radikal liberal), 1908 Schatzkanzler,
Dez. 1916 Miniſterpräſident mit dem
Grundſatz der Niederboxung Deutſch—
lands im Kriege: 252, 272.
Loba now, Fürſt Alexei Boriſſowitſch (1825
— 1896), 1882 ruſſ. Botſchafter in Wien,
1895 Miniſter des Auswärtigen: 53.
Loci sacri = Die heil. Stätten, insbeſ.
der Schauplatz der Paſſion u. Auferſtehung
Chriſti, um ihren Beſitz beſteht ſeit langem
ein eiferſüchtiger Streit zwiſchen den vielen
oriental. Kirchengemeinſchaften u. auch den
abendländ. Mönchsorden: 181.
Loebell, Friedr. Wilh. v. (geb. 1855),
1904 Chef der Reichskanzlei, 1909 Ober-
präſident von Brandenburg: 114, 116.
Loch ow, Ewald v. (geb. 1865), Kommand.
General des III. Armeekorps, 1916 Führer
der Armeeabteilung rechts der Maas: 222.
Loé, Frh. Walter v. (1828 - 1908),
Generalfeldmarſchall, ſeit 1880 General:
adjutant der 3 Kaiſer: 177.
Londoner Konferenz des oberſten Rates
der Alliierten (21. 11./7. III. 1921): 252/3.
Lons dale, Earl Hugh Cecil Lowther (geb.
1857): 197.
Lucanus, Herm. v. (1831-1908), 1871
Vortrag. Rat u. 1881 Unterſtaatsſekretär
301
im Kultusminiſterium, 1. VII. 1888 Chef
des Zivilkabinetts: 20/1, 29.
Lucas, Bernard, engl. Prediger, früh. Miſ—
fionar,; „Geſpräche Chriſti“, mit Vorwort
v. Dryander (1910): 180.
Ludendorff, Erich (geb. 1865), bis 1913
Chef der Mobilmachungs- u. Aufmarſch⸗
Abteil. im Gr. Generalſtabe, Aug. 1914
Generalſtabschef u. Mitarbeiter Hinden—
burgs, 1916 Erſter Generalquarttermeiſter,
26. X 1913 durch die neue Regierung zum
Rücktritt gezwungen: 150, 220, 234.
Luſitania-Fall (7. V. 1915): 63, 115.
Mackenzie, Sir Morell (1838-92),
engl. Laryngolog, verdient um d. Einfüh-
rung d. Kehlkopfſpiegels in England: 17.
Madrider Konferenz (ſ. Marokko): 93.
Maliſſoren, alban. Stamm: 118.
Malteſerorden, kath. Ritterorden, ſeit
11. Jahrh. in Paläſtina wirkend, in Deutſch—
land 1863 erneuert, beſ. für Krankenpflege
im Frieden wie im Kriege: 181.
Maravedi, ſpan. Kupfermünze (bis 1848).
Maria-Laach, 1093gegründete Benedik—
tinerabtei in der Eifel, 1863/73 Studien⸗
haus der Jefuiten, 1892 wieder den Bene=
diktinern (Beuron) überwieſen, 1897,
1899, 1901 vom Kaiſer beſucht: 182.
Marienburg a. d. Nogat (Weſtpr.): 147.
Marine, Entwicklung der: 193/205 (ſ. a.
Flottenbau u. Reichs-Marineamt).
Marokko: Gegenüber Englands Abſichten
auf ein Protektorat in M. erkennt die In=
ternationale Marokko- Konferenz der
europ. Mächte zu Madrid 1880 auf Be⸗
treiben Deutſchlands und Frankreichs die
Souveränität u. Integrität M.s an. —
1890 Handelsvertrag zwiſchen Deutſch—
land u. M. — 1900 franzöſ.- ital. Ab⸗
kommen: Ital. erhält freie Hand in Tripo—
lis u. erkennt dafür Frankreichs Anſprüche
auf M. an. — 1901: die engl. Aufforde=
rung, gemeinſam gegen ein franzöſ. Pro⸗
teftorat in M. vorzugehen, von Deutſch—
land abgelehnt. — April 1904 franzöf.
engl. Abkommen: gegen Zugeſtändniſſe
in der ägypt. Frage räumt England Frank-
reich eine Art von Protektorat über M. ein.
— Okt. 1904 franzöſ.-ſpan. Geheim-
vertrag: Spanten nimmt an der Aufteilung
Mis teil. — 31. III. 1905 Landung des
Kaiſers in Tanger: der Kaiſer tritt für
die Unabhängigkeit M.s ein. — 12. IV.
302
1905 Deutſchland ſchlägt die Einberufung
einer internationalen M.-Konferenz vor.
— 16. I./7. IV. 1906 Algeciras-Kon⸗
ferenz unter Teilnahme von 12 Mächten,
ihre Einberufung eine Demütigung Frank-
reichs, ihr Verlauf ein Mißerfolg des tfo=
lierten (nur von Oſterreich unterſtützten)
Deutſchland. Ergebnis: Grundſätzliche
Anerkennung der Unabhängigkeit Mis u.
des Prinzips der offenen Tür, faktiſch aber
kaum ein verſchleiertes Protektorat Frank⸗
reichs über M. Seitdem „penetration paci=
fique” (friedl. Durchdringung) Mis durch
Frankreich. — 9. III. 1909 deutſch-fran⸗
zöſ. Abkommen: Wirtſchaftliche Gleich—
ſtellung Deutſchlands, aber Anerkennung
der „beſonderen polit. Intereſſen Frank-
reichs“ in M. — 1. VI. 1911 Entſendung
d. Kanonenboots „Panther“ nach Agadir,
um angeſichts d. franzöſ. Eroberung von
Fez d. deutſchen Intereſſen zu wahren.
Große Aufregung in Paris, Rückendeckung
Frankreichs durch England, ſchwere Kriegs—
gefahr. — 30. III. 1912 Vertrag Frank⸗
reichs mit dem Sultan von M.: Protek⸗
tor at nach d. Muſter von Tunis.
— die Tangerfahrt u. ihre Folgen: 90/2.
— Algeciras: 93, 96, 107, 121, 267.
— Abkommen von 1909: 106/7. — Die
M.=Srage 1911: 121. — Agadir: 121/2.
— Deutſchlands Friedenswille: 267,276.
Marſchall v. Bieberſtein, Srh. Adolf v.
(geb. 1842), 1882 Erſter Staats anwalt
in Mannheim, 1883 bad. Geſandter in
Berlin, 1890 Staats ſekretär des Auswärt.
Amts, 1897 Botſchafter in Konſtantinopel,
Mai 1912 in London ( 24. IX. 1912):
69/71, 81.
Martin, Sir Theodore (geb. 1816), ſchrieb
im Auftrage d. Königin das Leben d.
Prinzgemahls (5 Bde. 1876, deutſch
1876/81): 75.
Maſchinengewehr 192.
Max, Prinz von Baden (geb. 1867), Gene⸗
ral, hielt als Präſident der bad. Erſten
Kammer (1907/18) mehrere programs
matiſche Reden über die Friedens frage,
3. X. 1918 Reichskanzler: 234, 237ff.,
5242/4, 273/4, 289.
Maybach, Alb. v. (1822 1904),1874/77
Präſident d. Reichseſſenbahnamts, 1879/1
Eiſenbahnminiſter (Derftaatlihung vieler
Eiſenbahnen): 14/8.
Meinecke, Unterſtaatsſekretär: 156.
n eee
Menſing, Franz, (1843-1911), Vize⸗
admiral: 90.
Mercier, Defire (geb. 1851), 1906 Erz⸗
biſchof von Mecheln u. Primas von Bel⸗
gien, 1907 Kardinal, kath. (neutho⸗
miſtiſcher) Philoſoph, 1882/1906 Prof. an
der Univ. Löwen: 226.
Metternich, Graf Paul v. Wolff-Metter⸗
nich (geb. 1853), 1901/12 Botſchafter in
London, 1915 in Konſtantinopel: 88.
Metz, Kathedrale, 1903 Einweihung des
vom Kaiſer geftifteten Chriſtusportals: 177.
Michael Alexandrowitſch (geb. 1878), ein⸗
ziger Bruder des Zaren Nikolaus II.: 269.
Michaelis, v., 1885/89 Kommandeur des
11. Huſaren⸗Regts. in Düſſeldorf: 29/30.
Mtilitärſtrafgerichts-Ordnung, vom
1. XII. 1898, Reichsgeſetz zur einheitl. Re⸗
gelung des Militärgerichtsverfahrens: 77.
Militza, Großfürſtin ſ. Montenegro.
Miquel, Johannes v. (1828 - 1901),
1880/90 Oberbürgermeiſter von Frank-
furt a. M., 1890/1901 preuß. Finanz⸗
minifter, 1897 Vizepräſident des Staats⸗
miniftertums: 24, *145/6, 148, 156.
Mirbach, Wilh. Graf v. (1871-1918),
ſeit 1899 im auswärt. Dienſt, 1917 Leiter
d. Miſſion in Petersburg, April 1918 Ge⸗
ſandter in Moskau, 4. VII. ermordet: 214.
Miſchehen, d. h. zwiſchen Proteſtanten u.
Katholiken, kath. Forderung, daß ſämt⸗
liche Kinder kath. erzogen werden: 178.
Mitchell, Robert (geb. 1839), ſeit 1860
einflußreicher franzöſ. Journaliſt: 278.
Mittellandkanal zur Verbindung von
Rhein, Weſer u. Elbe (b. Magdeburg). Die
Geſetzvorlage 1903 von den preuß. Konz
fervativen abgelehnt, der Rhein-Weſer⸗
Hannover-Kanal, 1905 vom preuß. Land⸗
tag genehmigt, war bei Kriegsausbruch bis
Hannover fertig: 94, 145/65, 148, 150.
Möller, Theodor v. (geb. 1840), weſtfäl.
Induſtrieller, ſeit 1890 bzw. 1893 Mitgl.
d. Reichstags u. Landtags, 1901/05 preuß.
Handelsminiſter, 1908 Mitgl. d. Herren⸗
hauſes: 24, 160.
Moltke, Graf Helmut v. (1800 - 1891),
Generalfeldmarſchall, 1858/88 Chef des
5 der Armee: 6, 146, 191,
280.
Moltke, Helmut v., Neffe des vor. (1848
— 1916), Generaloberſt, 1906 bis Okt. 14
Chef d. Generalſtabes d. Armee, 1915 Chef
d. Stellv. Generalſtabes: 191,209, 210/11.
Monaco, Fürſt Albert v. (1848 - 1922),
ozeanographiſcher Forſcher: 92/3, 97.
Monte Cafſſino, zwiſchen Rom u. Neapel,
Mutterkloſter des Benediktinerordens, 529
gegründet: 182.
Montenegro, König Nikola (1841 —
1921); feine Töchter Militza u. Anaſtaſia
find ſeit 1889 bzw. 1907 mit den ruſſ.
Großfürſten Peter Nikolajewitſch bzw. Ni⸗
kolai Nikolajewitſch vermählt: 213.
Monts de Mazin, Graf Alex. (1832 - 89),
Admiral, 1888/9 Chef d. Admiralttät: 44.
Moore, John Baſſet (geb. 1860): 60.
Mudra, Bruno v. (geb. 1851), General,
führte ſeit Juni 1918 die 1. u. ſeit 12. X.
1918 die 17. Armee: 235.
Murawiew, Graf Wich. (1845 - 1900),
en ruſſ. Miniſt. d. Auswärt.:
50/7.
Nationalliberale Partei: 24/6.
Niederlande, Friedensvermittlung: 233.
Niemann, Major: 242 Anm.
Nikolaus I. (1796 - 1855), 1821/55 ruff.
Zar, 1817 vermählt mit Charlotte, Tochter
Friedr. Welh.s III. v. Preußen: 144,
159.
Nikolaus II., Urenkel des vorigen (1868
21918), 1894/1917 ruſſ. Zar: 16, 53,
268, 269/70, 280.
— Begegnungen des Kaiſers mit: 11, 15,
57, 66/7, 118, 139/40, 270.
— u. England 211/2 — u. Japan 66/7.
— Kriegsvorbereitungen 171, 211, 214.
— Kaiſertelegr. u. Mobilmachung: 216/7.
Nikolaus Nikolajewitſch (geb. 1856),
ruſſ. Großfürſt, 1895 Generalinſpekteur der
Kavall., 3. VIII. 1914 Sept. 1915 Ober⸗
befehlshaber aller ruſſ. Streitkräfte: 216/.
Nogatbrücke bei Marienburg: 147.
Oberndorff, Graf Alfr. v. (geb. 1870),
1912 Geſandter in Chriſtiania: 243.
Offizierkorps 190 /1.
Offizierswahl. Jede Beförderung zum
Leutnant war davon abhängig, daß das
Dffizierforpg des Truppenteils, dem der
Betr. angehörte, ihn durch Abſtimmung für
zum Offizier geeignet erklärte: 191.
Opernhaus, Berliner: 94.
Orient-Geſellſchaft, Deutſche, zur
Förderung d. Erforſchung d. Kulturſtätten
d. ortental. Altertums, gegr. 1898, (1901
Protektorat d. Kaiſers): 1638/9, 183, 193.
303
Dften- Saden, Nikolaf Dimitrijewitſch,
Graf v. d. (1831 — 1912), 1895/1912 ruſſ.
Botſchafter in Berlin: 269.
Dftererlaß, vom 7. IV. 1917 betr. die
preuß. Wahlrechtsreform: 115.
Oſterreich-Ungarn: Zwei- bzw. Drei⸗
bund: 6,8 — u. Rußland: 45,263 — Ulti=
matum an Serbien (23. VII. 1914): 210
—, der Bapft u. der Friede: 227 — Son—
derfriedensangebot u. Abfall: 233/4.
Pacellt, Mfgre. Eugento (geb. 1876 in
Rom), Titularerzbiſchof von Sardes, ſeit
23. IV. 1917 apoſtol. Nuntius in München,
1920 Nuntius für Deutſchland in Berlin,
verſuchte nach d. Friedensaufruf d. Papſtes
vom 1. VIII. 1917 eine deutſch-engl. Füh⸗
lungnahme anzubahnen: 225/30.
Baleologue, Maurice (geb. 1859) fran—
zöſ. Diplomat u. Schriftſteller, perſönlicher
Freund Poincarés, Nov. 1913 Botſchafter
in Petersburg: 213.
Panamakanal (1906/13 gebaut): 151,
200/1.
Papſt (S. 227.) ſ. Benedikt XV.
Parteien, Stellung des Kaffers zu den:
17, 24/7 (ſ. a. unter Konſervative).
Payer, Friedr. v. (geb. 1847), Rechts-
anwalt in Stuttgart, 1876/1917 Mitgl.
des Reichstags (Fortſchrittl. Volkspartei),
Nov. 1917/9. IX. 1918 Vizekanzler des
Reichs: 238.
Perels, Ferd. (1836 - 1904), Seerechts⸗
lehrer, 1874 Dozent an d. Marine-Akad.,
1892 D rektor im Reichsmarineamt, 1900
zugleich Prof. an der Univ. Berlin: 56/57.
Pfeil, Richard Graf v. (1846-1912),
preuß. Generalmajor u. ruſſ. Oberſt z. D.,
1877/90 in ruſſ. Dienſten, machte im Preo⸗
braſhenſki-Leibregiment den ruſſ.-türk.
Krieg mit: 9.
Pichon, Stephen (geb. 1857), 1906/11 u.
1917 franzöf. Miniſter des Aus wärt.:
110
Podbielfti, Victor v. (1844 - 1916),
1885 Kommand. der Zietenhuſaren, 1891
als General z. D. geſtellt, 1893/97 Mitgl.
d. Reichstags (konſ.), 1897/1901 Staats⸗
ſekretär d. Reichspoſtamts, 1901/6 preuß.
Landwirtſchaftsminiſter: 157, 159.
Poincaré, Raymond (geb. 1860, Loth—
ringer), Advokat, 1912 franzöſ. Minifter-
präſident, 1913/20 Präſident der Republik,
20.22. VII. 1914 zu offiziellem Staats-
304
beſuch in Rußland, 1922 wieder Miniſter⸗
präſident: 214, 218, 276.
Botr, Princeſſe de: 221/2.
Poſtweſen 143/44.
Portsmouth ci New Hampfhire, Ameri-
ka), Friedensſchluß zwiſchen Rußland u.
Japan am 5. IX 1905: 166.
Potsdamer Kronrat, angebl.: 209/10,
Praſchma, Graf Friedr. (1833 — 1909),
Parlamentarker (Zentr.): 181.
Profeſſoren-Aus tauſch e den
amerik. (Harvard- u. Columbia-Univ.) u.
deutſchen Hochſchulen zum Zwecke der Ans
näherung der beiden Nationen, 1905 vom
Kaiſer angeregt: 276.
Propaganda, engliſche: 271, *281/2.
Protaſſow, Graf, ruſſ. Oberſt u. Ober-
prokurator des heil. Synods ( d.): 159.
Proteſtantiſche Kirche: 179/81.
Pückler, Graf Maximilian (geb. 1851),
preuß. Hofmarſchaͤll: 90.
Puttkamer, Rob. Victor v. (1828 —
1900), 1879 preuß. Kultus miniſter, 1881
88 Minifter des Inneren u. Vizepräſi⸗
dent des Staatsminiſteriums, 1891/99
Oberpräſident von Pommern: 156.
RNadolin, Fürſt Hugo (1841-1917),
1884/8 Oberhofmarſchall des Kronprin—
zen u. Kaiſers Friedrich, 1892 Botſchafter
in Konſtantinopel, 1895 in Petersburg,
1901/10 in Paris: 92/3, 107.
Raſchdau (geb. 1849), Geſandter a. D.,
1885/94 Vortr. Rat im Ausw. Amt: 10.
Ratibor, Victor Herzog v. (geb. 1847),
Präſident des Kaiſ. Automobil-Clubs: 30.
Reichskanzler u. Kaiſer, ihr verfaſſungs⸗
mäßiges Verhältnis: 116/8.
Reichsmarineamt. Als 1889 die „Ad—
miralität“ als bisherige Spitze für die ge—
ſamte Marine durch das, Oberkommando“
erſetzt wurde, wurde von dieſem als beſon⸗
dere oberſte Verwaltungs- u. techniſche
Behörde das Reichsmarineamtabgezweigt.
Als dann 18099 das „Oberkommando“ als
Behörde aufhörte u. der Kaiſer den Ober—
befehl ſelbſt übernahm, wurde die bisherige
Admiralſtabs-Abteilung d. Oberkomman⸗
dos als „Admiralſtab der Marine“ felb-
ſtändig. Seitdem ſtanden Admiralſtab u.
Reichsmarineamt als gleichgeordnete Be=
hörden nebeneinander, der Chef des Ad-
miralſtabes wie der Staats ſekretär des
Reichsmarineamts waren beide unmittel⸗
*
bar dem Kaiſer unterftellt. Seine hohe
Bedeutung hat das Reichsmarineamt
namentlich durch Tirpitz erlangt (Vor⸗
bereitung u. Durchführung der Flotten-
geſetze, Kriegsſchiffbau, Eintreten für die
deutſchen Seeintereſſen überhaupt u. die
Bedürfniſſe der Handelsmarine, Heraus-
gabe des deutſchen Seekartenwerks, groß⸗
zügige Vermeſſungsarbeiten): 201.
Reiſchach, Hugo Frh. v. (geb. 18540, 1888 /
91 Hofmatſchall d. Kaiſerin Friedrich, 1905
Oberſtallmeiſter des Kaiſers, 1913 Ober⸗
hof⸗ u. Hausmarſchall: 222.
Renvers, Rudolf v. (1854 - 1906), Geh.
Medizinalrat u. Generalarzt: 97.
Reval: 9./10. VI. 1908 Begegnung
Eduards VII. mit Nikolaus II.: ſeitdem
engl.⸗ruſſ. Entente neben der franzöſ.-ruſſ.
Allianz u. der engl.=franzöf. Entente: 106.
Revolution, die: 238 ff.
Rheinbrüden, neue: 150.
Rhodes, Cecil (1853 - 1902), Minen⸗
ſpekulant u. Gründer der De Beers-Kom⸗
pagnie, 1884 Finanz- u. 1890 Premier⸗
miniſter d. Kap⸗Kolonie, ſuchte einen engl.⸗
ſüdafrik. Bundesſtaat zu gründen u. durch
die Cape⸗to⸗ Cairo Bahn mit Agypten zu
verbinden: 72/4.
Richter, Eugen (1838 1906), linkslibe⸗
raler Politiker, ſeit 1869 im preuß. Land⸗
tage, feit 1871 im Reichstage: 25,193,199.
Richthofen, Ferd. Frh. v. (1833/1905),
Prof. der Geographie, ſeit 1886 in Berlin,
veröffentlichte „China“ (3 Bde. 1877/83),
„Schantung u. Kiautſchou“ 578 33:
Richthofen, Osw. Frh. v. (1847 - 1906),
1900/6 Staatsſekr. d. Auswärt. Amts: 85.
Riſikogedanke (f. unter Flotte): 195.
Roche, Jules (geb. 1841), franzöſ. Politiker
= Journaliſt, 1890/92 Handelsminiſter:
Rominten er Heide, Hirſchjagdrevier des
Kaiſers, feit 1890, in Oſtpreußen: 157.
Roofevelt, Theod. le 1919), 1901
375 Präſident der V. St.: 166.
Roſebery, Lord (geb. 1847), 1886 u.
1892/4 Minifter des Auswärt., 1894/5
Premierminiſter u. Erfter Schatzlord, zog
fi 1896 aus dem polit. Leben zurüd:
Koi, Arnold (1836-1904), 1871/7
Ständerat u. I. Statthalter des Kantons
Appenzell, 1877/1904 ſchweiz. Geſaͤndter
in Berlin: 31.
20 Aaiſer Wilhelm II.
Rouvier, Maurice (1842-1911), 24. J.
1905 FS Winiſterpräſident, nach Del⸗
caffes Sturz 6. VI. 1905/ März 1906
Minifter des Auswärt.: 92/3.
Rückverſicherungsvertrag. Nachdem
das „Drei⸗Kaiſer⸗ Verhältnis“ (ſ. d.) durch
den Gegenſatz zwiſchen Rußland u. Oſter⸗
reich unhaltbar geworden war, ſchloſſen
Bismarck u. Schuwaloff 18. VI. 1887 einen
Geheimvertrag zwiſchen Deutſchland u.
Rußland (auf 3 Jahre), in dem ſich dieſe
wohlwollende Neutralität im Falle eines
Krieges zuſicherten: 23, 45, 279/80.
Rußland, Beſuche d. Kaiſers in: 5, 11/4,
15, 21, 57, 139/40.
— innere Gärung: 54, 263, 268/9.
— u. Deutſchland: 9/10, *12/7, 23, 45,
53/4, 68, 88/9, 118, 146, 149, 166/7,
*268/70, 278/80. — u. Kiaut Be 55/7.
— u. Frankreich: 10, 15/6, 52/4, 264.
Zar England: 9, 68, 77/8, 88/9, 211/3,
2
— u. Oſterreich: 263. — u. Türkei: 9,
12/3. — u. Japan: 66/7, 89/90, 166/7,
269/70.
— Kriegsvorbereitungen: 213/8.
— Anekdoten aus R.: 157/9.
Salisbury, Marquis v. (1830 - 1903),
1885/6, 1886/92, Pa engl. Pre⸗
miermirifter: 8, 46,
Samoa: durch d. en DELLA.
bzw. 2. XII. 1899 mit England u. Ame⸗
rika fielen d. Inſeln Upolu u. Sawai an
Deutſchland: 74.
San Stefano (am Marmarameer) Frie⸗
den von (ſ. Berliner Kongreß): 9, 12/3.
Saſonow, Serjei (geb. 1860), 1910/5
ruf. 105 175 d. Äußeren: 118, 214/5,
217, 219, 256.
Scheidemann, Philipp(geb. 1865), 1916
Vorſttzender d. ſozialdem. Partei, 3. 1913
Staatsſekr., 9. XI. Volksbeauftragter, pro⸗
klamierte die Republik, 6. II./ 20. VII.
1919 Reichsminiſterpräſident, 1920 Ober⸗
bürgermeiſter von Caſſel: 244.
Schiemann, Theod. (1847 1921),1892
Prof. für oſteurop. Geſch. an d. Univ. Berlin,
1918 Kurator der Univ. Dorpat: 90,
*165/7.
Sdiffbauinduftrie: 37/8, 198, 203.
Schlieffen, Alfred Graf v. (1833 1913),
Generalfeldmarſchall, 1891/1906 Chef
305
des Generalſtabes der Armee, feit 1892
Generaladjutant des Kaffers: 191.
Schlutow, Alb. (geb. 1838), Großindu—
ſtrieller in Stettin, Bankier, 1878/84
Mitgl. des Reichstags (nat.⸗lib.), Präſid.
des Aufſichtsrates des „Vulkan“ (f. d.),
1897 Mitgl. des Herrenhauſes: 38/9.
Schmidt, Erich (1853 - 1913), Literars
hiſtortker, 1887 Prof. an der Univ. Berlin:
6
165.
Schmidt, Wilh. (1833 - 1907), Pater des
Lazartſtenordens, 1890 Direktor des kath.
Deutſchen Hoſpizes in Jeruſalem: 181.
Schneller, Ludw. (geb. 1858), Paſtor, lebt
in Cöln als Vorſtand des von ſeinem Vater
gegr. u. von ſeinem Bruder Theodor ge—
leiteten „Syriſchen Waiſenhauſes“ in
Jeruſalem, wo er 1898 das Kaiferpaar
führte, feine urſpr. als Manuffript gedrud=
ten ‚„Jeſuspredigten“ wurden 1922 ver-
öffentlicht: 180.
Scholz, Adolf v. (geb. 1833), 1880
Staats ſekretär des Reichs ſchatzamts, 1882
„90 preuß. Finanzminiſter: 156.
Schoen, Wilh. Frh. v. (geb. 1851), 1905
Botſchafter in Betersbg., 1907/10 Staats-
fer. des Auswärt. Amtes, 1910/4 Bot⸗
ſchafter in Paris: 90, 107.
Schorfheide, königl. Jagdrevier bei Jo—
achimstal, nahe Eberswalde: 157.
Schorlemer(-Alſt), Burghard Frh. v.
(1825 95), Parlamentarier (Zentr.),
1884 Mitgl. des Staatsrats, 1891 des
Herrenhauſes: 27.
Schorlemer(=Liefer), Klemens Frh. v.
(1856 - 1922), Sohn des vorigen, 1910/7
preuß. Landwirtſchaftsminiſter: 27, 157.
Schtſcherbatſchew: 213.
Schuldfrage: Standpunkt der Entente:
252/3, 25/7, 281.
— Keine Schuld Deutſchlands: 256, 265,
274/5 (ſ. a. Deutſchland, Friedens wille).
— der Weg zur Prüfung: 250, 256/8.
Schulenburg, Graf Frledr. v. der (geb.
1865), 1913 Kommandeur des Reg. der
Gardes du Corps, im Kriege Chef des
Generalſtabes des Gardekorps, ſeit 1917
der Heeresgruppe Deutſcher Kronprinz:
243.
Schulgeſetz-Vorlage ſ. unter Zedlitz.
Schulreform: 152/4.
Bruder ron Peter Sch., der Rußland auf
dem Berliner Kongreß vertrat), 1885/94
ruſſ. Botſchafter in Berlin: 280.
Seckendorff, Graf Götz( 1842/1910) :96.
Seekadetten: 44, 194.
Selbftftellungd.Kaifers?249/51,256/7.
Senden und Bibran, Frh. Guſtav v.
(1847 — ee 1906 Chef
des Marinekabinetts: 197/8.
Serbien: als Zankapfel: 263. — öſterr.
Ultimatum: 210. — d. Kaiſer in Niſch: 115.
Seydel, Rittergutsbeſ. in Chelchen (Oſt⸗
preuß.), Mitgl. d. Landes-Eiſenbahnrats
u. d. Landes - Dfonomie= Kollegiums: 25.
Shimonoſeki: Gegen den (den dinef.-
japan. Krieg um Korea 1894/5 abſchließen⸗
den) Frieden von S. (am 17. IV. 1895),
nach dem China Korea ausliefern u. For—
moſa u. die Halbinſel Liautung mit dem
Kriegshafen Port Arthur abtreten ſollte,
erhoben Rußland, Frankreich u. Deutſch⸗
land Einſpruch. Infolgedeſſen mußte Japan
Liautung herausgeben: 68, 89.
Stegfriedftellung („Hindenburglinie“)
von Arras über St. Quentin nach Soiſſons
verlaufend: 233.
Simar, Hubert (1835 — 1902), 1864/91
Prof. in Bonn, 1891 Biſchof von Pader⸗
born, 1899 Erzbiſchof von Köln: 175.
Simons, Walther, (geb. 1861), früher
Oberlandesgerichtsrat, ſeit 1911 im Aus⸗
wärt. Amt, 1920/1 Reichs miniſter d. Aus⸗
wärt., 1922 Reichsgerichtspräſident: 253.
Skagerrak, Seeſchlacht vor dem (31. V.
1916): 48, 133, 195, 203.
Slaby, Adolf (1849 - 1913), 1887 Prof.
d. Elektrotechnik an d. Techn. Hochſchule in
Charlottenburg, 1902 an der Univ. Berlin:
163/4.
Solf, Wilh. (geb. 1862), 1911 Staats-
ſekr. O. Reichskolonialamts, 3. X./ 17. XII.
1918 Staatsſekr. d. Auswärtigen, 1920
Geſchäftsträger in Tokio: 237, 238.
Sophie, Schweſter d. Kaiſers, ſ.Konſtantin.
Sozialdemokratie u. der Kaiſer: 4,24,
32/3.
— Friedensbeſtrebungen: 229. — u. d.
internat. Solidarität: 290. — u. d. Revo⸗
lution: 36, 242/3, 289/90.
Soztal-Geſetzgebung f. Arbelterſchutz.
Soztaliſtengeſetz, Ausnahmegeſetz
Schulte, Joſeph (geb. 1871), 1909 Biſchof „gegen die gemelngefährlichen Beſtrebun—
von Paderborn, vorher Prof. daſelbſt: 175.
Schuwaloff, Graf Paul (1830 - 1908,
306
gen” d. Sozialdemokratie vom 21.X.1878
(nach dem Stimmenzuwachs bei d. Reichs⸗
***
tagswahlen 1877 u. den Attentaten auf
Katſer Wilhelm l.), es gab der Regierung
u. Polizei weitgehende Machtmittel: Auf⸗
löſung von Vereinen, Zeitungsverbot, Aus⸗
weiſung der Agitatoren, „kleiner Belage—
rungszuſtand“ über gewiſſe Bezirke, am
30. IX. 1890 aufgehoben: 28/9.
Sozialkongreßſ.Arbeiterſchutzkonferenz.
Speck zu Sternburg, Joſeph Frh. v.
(geb. 1863), Forſtmeiſter der Romintener
Heide, Bruder des 1908 f Botſchafters
in Waſhington: 15/8.
Stegemann, Herm. (geb. 1870), Redak—
teur der Berner Zeitung „Bund“, 1914/7
Kriegsberichterſtatter, veröffentlichte: „Ge—
ſchichte d. Krieges“ (Stuttg. 1917 ff.): 108.
St. Cèere, Jacques, Journaliſt: 18.
Stephan, Heinr. v. (1831-97), 1865
Vortrag. Rat im preuß. Generalpoſtamt,
Dienſt (1897 Botſchaftsattachẽ in Berlin) /
1905 Auslandsredakteur des »Tempsc,
Hrsg. d. »Revue des Deux Mondesæ u.
Prof. an d. Ecole des Sclences poli-
tiques: 276.
Techniſche Hochſchulen: 163/4.
Thiel, Andreas (1826 - 1908), 1885 Be⸗
ſchof von Ermland in Frauenburg (Dit-
preußen): 175.
Thielen, Karl v. (1832 - 1906), ſeit 1864
bei der Eiſenbahnverwaltung, 1891/1902
Miniſter der öffentlichen Arbeiten: 148.
Tirpitz, Alfred v. (geb. 184), Örofadmi=
ral, 1896 / Chef der oftafiat. Diviſion,
1897 bis März 1916 Staatsſekr. d. Reichs⸗
marineamts: 5, 193/205.
— u. d. Haldane-Miffion: 124/7, 130/1,
134.
— u. die Flottennovelle (1912): 128/34.
organifierte im Kriege 1870/1 die Feldpoſt, — u. Tſingtau: 55, 204.
1870 Generalpoſtdirektor, Schöpfer d. Togo, weſtafrik. Kolonie, ſeit 1884 unter
Weltpoſtvereins (1874), 1880 Staats⸗
ſekretär des Reichspoſtamts: 143/5.
Sternburg ſ. Speck zu Sternburg.
Stöcker, Adolf (1835 — 1909), 1874/90
Hofprediger in Berlin, Mitgl. des preuß.
Landtags u. Reichstages, nach ſeinem Aus⸗
tritt aus der konſerv. Partei (1896) Grün⸗
der u. Führer der chriſtlich-ſozialen Partet,
leitete feit 1877 d. Berl. Stadtmiſſion: 26.
Stoſch, Albrecht v. (1818-96), General,
1872/83 Chef der Admiralität: 37/8.
St. Quentin, Kathedrale, vgl. „Die Zer—
ſtörung d. Kathedrale von St. Qu. Im
amtl. Auftrage zufammengeftellt” (Berlin
1917): 221.
Stuart-Wortley, Sir Edward James
Montagu (geb. 1857), engl. General: 97/88.
Suchomlinow, Wladimir (geb. 1849),
ruſſ. General, 1908 Chef d. Generalſtabes,
1909/15 ruſſ. Kriegsminiſter: 217.
Synod, heil.: oberſte Behörde der ruſſ.
Kirche, 1720 von Peter d. Gr. im Intereſſe
des Zäſaropapismus (Kirchenhoheit des
Katſers) errichtet, an d. 8 des aus
geiſtl. u. weltl. Mitgliedern beſtehenden
Kollegiums ſteht der Oberprokurator (Pro⸗
cureur) als Vertreter der Krone: 160.
Tanga (früh. Deutſch-Oſtafetka): 46.
Tanger, Landung des Kaiſers (31. III.
1905) u. ihre Folgen: 9/2, 93.
Tardieu, Andre (geb.1876), franzöſ. polit.
Schriftſteller, 1897/1905 im Diplomat.
20*
deutſchem Protektorat: 7.
Torpedowaffe, Ausgeſtaltung: 200.
Trott zu Solz, Aug. v. (geb. 1855), 1909
/17 preuß. Kultusminiſter, vorher Ober⸗
präſident von Brandenburg: 152, 164/5.
Tſchirſchky u. Bögendorff, Heinr. v. (1858
— 1916), 1906 Staatsſekr. des Auswärt.,
1907 Botſchafter in Wien: 85/6.
Tſingtau, Hauptſtadt von Kiautfchon,
deutſche Kolonie (feit Nov. 1897), Pacht⸗
vertrag am 6. III. 1898, Ubergabe an Ja⸗
pan 7. XI. 1914, Rückgabe an China erſt
Anfang 1922: 54/60, 65/6, 204.
Tundutow, Ataman (S polniſch: Hetman,
Stammes» u. Heeresoberhaupt): 216/8.
Türkei u. der Kaiſer: 23, 74, 82, 168.
— u. Bismarck: 9, 12/4, 23.
— u. Albanien: 118/9, 1356.
Turner, John Kenneth, das zitierte Buch
erſchlen 1922 bei B. W. Huebſch in New
Vork: 63, 271/2.
U-Boote: 63, *203/4.
Ujeſt, Herzog von: 36.
Union heißt die Vereinigung der luth. u.
reform. Konfeſſionen zu einer „unterten“
evang. Kirche, in Preußen 1817 zur Feier
des Reformatlonsjubiläums vom König
eingeführt: 179.
Uſher, Roland, Prof.: 60/63.
Valentini, Rud. v. (geb. 1855), 1899
Vortrag. Rat im Zivilfabinett, 1906 Re-
307
gierungspräſident in Frankfurt / O., 1908 |
„18 Chef des Zivilkabinetts: 113,114,115.
Varnbüler, Frh. Axel v. (geb. 1851),
1894 württemb. Geſandter in Berlin: 90.
Verbalnote (S. 123): Note im diplomat.
Verkehr, die, eigentlich zum Vorleſen be—
ſtimmt, mehr den Charakter einer vertrau—
lichen Mitteilung trägt.
Vercingetorix, Häuptling der Averner,
trat 52 v. Chr. an die Spitze des galliſchen
Aufſtandes u. brachte faſt das ganze von
Cäſar unterworfene Gebiet zum Abfall.
Nach anfänglichen Erfolgen, auch gegen
Cãſar ſelbſt, blieb dieſer doch Sieger u. ſchloß
V. in Aleſia ein. V. ergab ſich, um ſein
Volk zu retten. Er wurde für den großen
Triumph 46 aufgeſpart u. dann hingerichtet.
Neuerdings vielfach als galliſch-franzöſ.
Nationalheld gefeiert: 251.
Vereinigte Staaten von Amerika u. d.
Gentleman’s Agreement: 60/62.
— u. der Weltkrieg: 63, *270/4.
„Vergleichende Geſchichtstabellen“:
212, 214, 253, *254/5.
Berfailler Frieden: 252, 274, 276.
— Fehlſpruch, u. undurchführbar: 282/3.
Verſen, Marimilian v. (183393), 1885
Kommandeur der 2. Garde-Kavall.-Bri⸗
gade, dann Öeneraladjutant des Kaiſers u.
Kommand. General des III. Armeek.: 19.
Victor Emanuel III. (geb. 1869), feit
1900 König von Italien: 182.
Victoria, Königin v. England (geb. 1819,
W >
1 4
Schlichtung der Folontalen Anſprüche.
6. Räumung des beſetzten ruſſ. Gebiets u.
Regelung aller ruſſ. Fragen. 7. Räumung
u. Wiederherſtellung Belgiens. 8. Näu⸗
mung u. Wiederherſtellung des beſetzten
franzöſ. Geblets, Rückgabe von Elſaß-Loth⸗
ringen. 9. Berichtigung der Grenzen Ita⸗
liens „nach klar erkennbaren nationalen
Linien“. 10. Autonome Entwicklung der
Völker Oſterreich-Ungarns. 11. Räumung
u. Wiederherſtellung von Rumänen, Ser⸗
bien u. Montenegro, mit einem freien Zu⸗
gang zum Meere für Serbien. 12. Auto⸗
nomie der nicht=türfifchen Völker d. Türkei,
Internationaliſierung der Dardanellen.
13. Errichtung eines unabhängigen polni=
ſchen Staates, „der die von unzweifelhaft
polniſcher Bevölkerung bewohnten Gebiete
einſchließen müßte“, mit einem Zugange
zum Meere. 14. Bildung eines Völker⸗
bundes. — Die Note Wilſons vom 5. XI.
1918 machte nur bei Punkt 2 Vorbehalte
u. betonte den Begriff d. Wiederherſtellung
als Erſatzpflicht für alle Schäden: 271/3.
Vulkan, Maſchinen- u. Schiffbau⸗Aktien⸗
geſellſchaft in Stettin: 37/9,
Waffenſtillſtand: 234, 237, 242/3.
Walderfee, Graf Alfr. v. (1832— 1904),
Generalfeldmarſchall, 1888/91 Chef des
Generalſtabs d. Armee, 1900 Oberbefehls⸗
haber der Truppen der Mächte in China
(f. Boxeraufſtand): 77, 146, 191.
22. I. 1901), regierte feit 1837: 58, 72, Wahlrecht- Reform. In Preußen waren
74/5, 200. — verlangt den erſten Kaiſer—
beſuch: 21/2. — Tod u. Beifegung: 86/7.
— Denkmalenthüllung (1911): 119/20.
Victoria, Kaiſerin (1840 - 1901), Toch—
ter der Königin von England, 1858 ver—
mählt mit dem nachmaligen Kaiſer Fried—
rich, Mutter des Kaifers: 18, 37, 267.
— Kunſtſinn: 144, 16/8. — u. Bismarck:
10/11, 156.
Dictorfa Luiſe, Tochter des Kalſers (geb.
1892), 1913 vermählt mit dem Herzog
Ernſt Auguſt von Braunſchwelg, Sohn des
Herzogs von Cumberland: 119.
Vierzehn Punkte heißen die Forderun—
gen, die Wilſon in ſeiner Botſchaft (8. J.
1918) an den amerikaniſchen Senat als
Friedensprogramm aufſtellte: 1. Abſchaf—
fung der Seheimdiplomatie. 2. Freiheit
der Meere. 3. Wirtfchaftsfreiheit. 4. Ver⸗
minderung der Rüſtungen. 5.Unpartetifche
308
die Wähler nach der Höhe ihres Steuer-
betrags in 3 Wählerklaſſen eingeteilt, von
denen jede ) der Wahlmänner, die dann
die Abgeordneten zu wählen hatten, be=
ſtimmten. Da die Wählerklaſſe mit nied-
rigem Einkommen ſehr zahlreich war, die
oberſte Wählerklaſſe hingegen vielfach nur
aus wenigen Perſonen beftand, beide Klaf-
ſen aber gleichen Einfluß auf die Wahl der
Abgeordneten hatten, wurde das Drei-
klaſſen-Wahlrecht als ungerecht emp-
funden: 113/6.
Wallace, Sir Donald Wackenzie (geb.
1841), 1884/9 Sekretär des Marquis
Dufferin als Vizekönigs von Indien, 1891 /
99 Leiter des Foreign Depart. der Times,
1909 Kammerherr des Königs Eduard VII.
u. 1910 Georgs V.: 96/7.
Wallſtreet = Neuyorker Börſe.
Wehrpflicht, allgemeine: 189/90,
Weichſelbrücke bei Dirſchau: 147.
Weißer Saal, im Berliner Schloß: in
ihm fanden die Eröffnungen des Reichs-
tages u. des Landtages ſowie die großen
Hoffeſtlichkeiten ſtatt: 144.
Werften, Kaiſerl.: 201.
Werner, Reinhold v. (1825 — 1909), Ad⸗
miral u. Marineſchriftſteller: 152.
Wied, Fürſt Friedr. (geb. 1872): 137.
Wied, Prinz Wilhelm, Bruder des vorigen
(geb. 1876), preuß. Major, nahm die ihm
am 6.11.1914 angebotene Krone Albaniens
an, beſtieg den Thron am 7. III., verließ
das Land nach Ausbruch des Weltkrieges im
Sept. unter Vorbehalt ſeiner Rechte, ver—
mählt 1906 mit Sophie Prinzeſſ. v. Schön⸗
burg⸗Waldenburg (geb. 1885): 136/9.
Wilhelm J., der Große (1797 - 1888),
ſeit 1861 König von Preußen, feit 1871
Deutſcher Kaiſer: 12, 146, 277 — u. Bis⸗
marck: 8 — Politiſches Teſtament betr.
Rußland: 15, 21, 268.
Wilhelm ſ. Kronprinz.
Wilmowski (1817-93), Chef des Zivil-
kabinetts unter Kaiſer Wilhelm J.: 21.
Wilpert, Joſeph (geb. 1857), kath. Archäo—
log, ſeit 1883 in Rom, 1903 apoſtol. Proto⸗
notar u. Leiter des Inſtituts für Altertumg=
kunde der Görres-Geſellſchaft: 182.
Wilſon, Woodrow (geb. 1856), 1890 /
1910 Prof. der Rechtswiſſenſchaft an der
Princeton-Univerſität, 1911/13 Gouver⸗
neur (Demokr.) des Staates New Jerſey,
1913/20 Präſident der V. St., Dez. 1918 /
Juni 1919 zu den Friedensverhandlungen
in Derfailles.
— Antwort auf den Proteſt (7. IX. 1914)
des Kaiſers gegen die Verwendung von
Dumdumgeſchoſſen: 270.
— Gründe für den Eintritt in den Krieg:
63,271 — Waffenſtillſtandsverhandlungen
237,272 — die 14 Punkte: 271/3 — u. der
Rücktritt des Kaiſers: 273/4.
Windthorſt, Ludwig (1812 - 91), Führer
der Zentrumspartei, vor 1866 hannover—
ſcher Miniſter: 27.
Winterfeldt, Detlof v. (geb. 1867), Ge⸗
neralmajor, früher Militärattachs in Paris,
Nov. 1918 Bevollmächtigter in der Waffen⸗
ſtillſtandsdelegation, bis Jan. 1919 Vor⸗
ſitzender der Waffenſtillſtandskommiſſion
in Spa: 243.
Wittich, Adolf v. (1836 - 1906), 1888
Generaladjutant, 1892/1904 Kommand.
General des Xl. Armeekorps, 1904 in das
preuß. Herrenhaus berufen: 20.
Witu (Oftafrita), 1885 unter deutſcher
Schutzherrſchaft, 1890 an England abge—
treten: 46.
Wolter, Plazidus (1828 - 1908), ſeit
1890 Erzabt der 1863 von ſeinem Bruder
Maurus u. ihm neugegründeten Benedikt
tinerabtet Beuron (ſ. d.): 181.
Wortley ſ. Stuart-Wortley.
Vachtklub, Katſerl. (feit 1891): 36.
Dangtfe-Abfommen, 16. X. 1900 zwi⸗
ſchen Deutſchland u. England: gemeinſame
Sicherung der Integrität Chinas, Grund-
ſatz der offenen Tür: 77.
Zanzibar, Küſteninſel vor Deutſch-Oſt⸗
afrika, Deutſchland verzichtete 1. VII. 1890
zugunſten Englands im Austauſch gegen
Helgoland auf das ihm 1885 vom Sultan
eingeräumte Protektorat über ein Teilge—
biet von Z.: 46.
Zedlitz und Trützſchler, Robert Graf v.
(1837-1914), 1891 preuß. Kultus-
miniſter, nahm 1892, als ſeine wegen ihres
ſtreng konfeſſion. Gepräges ſtark bekämpfte
Schulgeſetz-Vorlage durch Entſchluß des
Königs zurückgezogen wurde, den Abſchied,
ſpäter Oberpräfident von Schleſien: 48.
Zentrumspartei 21, 178.
Zweibund (f. Dreibund): 8, 263.
Zwei-Frontenkrieg (gegen Rußland u.
Frankreich): 68, 88, 149.
Zweimächte-Standard, der engl. An-
ſpruch, daß die engl. Kriegsflotte immer den
beidenßlotten der nächſtſtärkſten Seemächte
zuſammen überlegen ſein müſſe: 202.
Druck von Breitkopf & Härtel in Leipzig
Im Verlag von K. F. Koehler in Lei
find erſchienen:
Erinnerungswerke aus der Zeit des Weltkrieges
Großadmiral v. Tirpitz
Erinnerungen
Generalfeldmarſchall Prinz Leopold v. Bayern
Ein Lebensbild von Prof. Dr. Wolbe
Generaloberſt Frhr. v. Haufen
Erinnerungen an den Marnefeldzug 1914
General d. Artl. u. Kriegsminiſter v. Stein
Erlebniſſe und Betrachtungen aus der Zeit des Weltkrieges
General d. Inf. v. Fran ois
Gorlice 1915 Der Karpathendurchbruch und die
Befreiung Galiziens
General d. Kav. v. Hoeppner
Deutſchlands Krieg in der Luft
Admiral v. Reuter - Scapa Flow
Das Grab der deutſchen Flotte
General Graf v. d. Goltz
Meine Sendung in Finnland und im Baltikum
General Maercker
Vom Kaiſerheer zur Reichswehr
General v. Lettow- Vorbeck
Meine Erinnerungen aus Oſtafrika
General v. Lettow-Vorbeck
Hela Safari! Ein Volks- und Jugendbuch
General v. Wrisberg
Erinnerungen a. d. Kgl. Preuß. Kriegsminiſterlum 1914/1918
J. Der Weg zur Revolution. II. Heer und Heimat
III. Wehr und Waffen
Freg.⸗Kpt. Georg v. Ha ſe
Die zwei weißen Völker - Kiel und Skagerrak
Korv.⸗Kpt. Graf v. Luckner
Seeteufel Abenteuer aus meinem Leben
erlag non K. F. Koehler in Leipzig
find erſchienen:
Politiſche und militäriſche Werke
Kritik des Weltkrieges
Das Erbe Woltkes und Schlieffens im großen Kriege
Von einem Generalſtäbler
Daten des Weltkrieges
Vorgeſchichte und Verlauf bis Ende 1921
Von Dr. Kurt Jagow
Frankret ch
Der Kampf um den Rhein und die Weltherrſchaft
Von Friedrich v. Voetticher
Der Untergang der oeſt.-ung. Monarchie
Von Friedrich F. G. Kleinwaechter
Das Problem Japans
Von einem Geſandſchaftsrat im fernen Oſten
*
Erinnerungen und Briefwechſel
Bismarck als Gutsherr
Erinnerungen feines Varziner Oberförſters Ernſt Weftphal
Heinrich Ehrhardt
Hammerſchläge - 70 Jahre deutſcher Arbeiter und Erfinder
Rudolf Eucken Lebenserinnerungen
Ein Stück deutſchen Lebens
Ernſt Haeckel Geſammelte Briefe
1. Entwicklungsgeſchichte einer Jugend. 2. Italienfahrt
3. Indiſche Reiſebriefe
Karl v. Haſe Dein Alter fei wie Deine Jugend
Briefe an eine Freundin
J. A. Sauter Mein Indien
Erinnerungen aus 15 glücklichen Jahren
Hans Schadow
Mit Pinſel und Palette durch die große Welt
Kaver Scharwenka Klänge aus meinem Leben
Erinnerungen eines Muſikers
In Verlag von K. F. Koehler in 2
veröffentlichte
Kaiſer Wilhelm
Vergleichende Geſchichtstabellen
von 1878 bis zum Kriegsausbruch 1914
*
Dieſes ſtreng objektive Tabellenwerk, dem der Kaiſer
kein Wort der Erläuterung hinzuzufügen brauchte, gibt
einen erſchütternden Beweis für Deutſchlands Schuld-
loſigkeit am Ausbruch des Krieges. Unter der Wucht
der Tatſachen werden dieſe Aufzeichnungen, die der
Kaiſer zunächſt nur für ſich ſelbſt niederſchrieb, zur An—
klageſchrift gegen die wahrhaft Schuldigen, die das
deutſche Volk auf Grund der niederträchtigſten Lüge der
Weltgeſchichte in die Sklavenfeſſeln von Verſailles ge—
zwungen haben. Die Geſchichtstabellen ſind auch in einer
Volks ausgabe
erſchienen, die es allen Kreiſen des deutſchen Volkes
ermöglicht, ſich dieſe wertvolle wiſſenſchaftliche Arbeit zu
beſchaffen. Die Tabellen bilden die Grundlage der
Erinnerungen, ſie gehören in die Bücherei jedes deutſchen
Hauſes, wo ſie nicht nur als wichtiges Dokument den
kommenden Geſchlechtern überliefert, ſondern
auch als Nachſchlagewerk und zum
eigenen Studium benutzt
werden ſollen.
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